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Leben und Lernen

Nach Mobbing-Vorwürfen

ETH-Zürich will Professorin entlassen

Jahrelang soll die Professorin für Astrophysik an der ETH-Zürich Studenten gedemütigt haben. Nun zieht die Elitehochschule Konsequenzen und leitet ein Entlassungsverfahren ein.

REUTERS

ETH Zürich

Mittwoch, 31.10.2018   13:46 Uhr

Fehlender Respekt, herablassende Behandlung, übertriebene Kontrollen: Zahlreiche Studenten der Astrophysik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich hatten sich im vergangenen Jahr über eine Professorin beschwert. Die Wissenschaftlerin habe von ihren Doktoranden erwartet, ständig erreichbar zu sein, sie habe Frauen beleidigt und Meetings generell spät abends angesetzt.

Laut der "NZZ am Sonntag", die als erste über die Vorwürfe berichtete, "brachen Männer und Frauen im Büro der Professorin in Tränen aus, eine Person brauchte sogar psychologische Hilfe". Die ETH leitete daraufhin eine Administrativuntersuchung ein, mit der die Verhältnisse und Abläufe sowie das Verhalten der Professorin überprüft werden sollte. Nun ist die Untersuchung abgeschlossen und die ETH leitet ein Entlassungsverfahren gegen die Professorin ein, wie die Hochschule am Mittwoch mitteilte.

"Die von einem unabhängigen externen Experten durchgeführte Administrativuntersuchung hat schwerwiegendes pflichtwidriges Verhalten über einen längeren Zeitraum hinweg festgestellt", heißt es in der Pressemitteilung der ETH. Nun wird eine Kommission eingesetzt, die überprüfen soll, ob die Kündigung angemessen ist."

Die Kommission wird sich "voraussichtlich auf die umfassenden Dokumente und den Bericht des Untersuchungsführers stützen", teilte die ETH auf SPIEGEL-Anfrage mit. Innerhalb einiger Monate sollte die Kommission dann eine Empfehlung aussprechen.

Unverhältnismäßig hoher Leistungsdruck

Die ETH gab noch weitere Verstöße der Professorin bekannt, so soll sie unverhältnismäßig hohen Leistungsdruck ausgeübt haben, sich übermäßig mit Einzelheiten befasst haben und plötzliche Richtungswechsel angeordnet haben. "Insbesondere an weibliche Mitarbeitende habe die Professorin unangebracht hohe Anforderungen gestellt", heißt es von der ETH. Der Untersuchungsbericht belegt, dass es sich um inakzeptables Verhalten handelt, das wir nicht tolerieren", sagte ETH-Präsident Lino Guzzella.

Die Professorin hatte das Institut für Astrophysik an der ETH seit dem Jahr 2002 mit ihrem Ehemann aufgebaut. "An beiden kam niemand vorbei", hatte die "NZZ am Sonntag" damals einen Insider zitiert. Die ETH sah ein, dass "die personelle Konstellation am Institut für Astronomie" unglücklich war, "weil die Professorin und ihr Ehemann am gleichen Institut im Professorenstatus angestellt waren".

Bereits im August 2017 legte die ETH das Institut für Astronomie still und integrierte die übrigen Teile des Instituts für Astronomie ins neue Institut für Teilchen- und Astrophysik. Die Ehepartner konnten allerdings weiter als Professoren an der Hochschule tätig bleiben. Ab Oktober 2017 legten sie ein Sabbatical ein. Seit Januar 2018 ist die Professorin freigestellt. Solange das Verfahren nicht abgeschlossen ist, gilt der übliche Arbeitnehmerschutz, das heißt die Wissenschaftlerin erhält weiterhin ihren Lohn.

Weitere Mobbing-Vorwürfe

Die ETH Zürich steht wegen weiterer Mobbing-Vorwürfe in der Kritik. So soll ein Maschinenbau-Professor wegen "gravierender Mängel in Führungskompetenz" keine Doktoranden mehr betreuen, wie ein Doktorand dem "Tagesanzeiger" im Frühling berichtete. Laut der Schweizer Zeitung gebe es in zwei weiteren Fällen Administrativuntersuchungen.

Eine im April veröffentlichte Umfrage der Mittelbauvertretung AVETH bestätigte zudem, dass viele Professoren ihren Druck an die Doktoranden weitergeben: Knapp ein Viertel (24 Prozent) von ihnen hat das Gefühl, ihr Professor habe bereits einmal seine Machtposition missbraucht. Die Doktoranden klagten etwa über lange Arbeitszeiten, Wochenendarbeit, Lohn als Druckmittel und respektlosen Umgang.

Zudem wurde im September eine Disziplinaruntersuchung gegen einen Professor am Departement für Architektur eingeleitet. Dem Professor wird vorgeworfen, Frauen sexuell belästigt zu haben.

kha

insgesamt 34 Beiträge
redepest 31.10.2018
1. Ganz normal, auch bei uns.
Reden Sie mal mit deutschen Doktoranden, Sie kommen aus dem Staunen nicht mehr raus. Befristete Verträge sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Allein damit lassen sich die akademischen Kulis wunderbar drangsalieren. [...]
Reden Sie mal mit deutschen Doktoranden, Sie kommen aus dem Staunen nicht mehr raus. Befristete Verträge sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Allein damit lassen sich die akademischen Kulis wunderbar drangsalieren. Gängige Praxis ist auch zum Beispiel, Teilzeitverträge abzuschliessen. in denen (schriftlich!!!) "21/42" Stunden vereinbart wird. Heisst: 21 bezahlt, 42 gearbeitet (plus Überstunden versteht sich). Arbeitsrecht ist in den Unis nur sowas wie eine unverbindliche Empfehlung. Wer klagt da schon? Man versaut sich ja nicht sehenden Auges die Karriere. Also: alles ganz normal.
Newspeak 31.10.2018
2. ...
Die ETH inszeniert sich jetzt als Saubermann. Dabei sind es die Strukturen der Unis selbst, die solch ein Arbeitsklima schaffen. Die Unis wollen von Professoren auch nur sehen, dass diese moeglichst viel Drittmittel einwerben. [...]
Die ETH inszeniert sich jetzt als Saubermann. Dabei sind es die Strukturen der Unis selbst, die solch ein Arbeitsklima schaffen. Die Unis wollen von Professoren auch nur sehen, dass diese moeglichst viel Drittmittel einwerben. Auch ein paar wissenschaftliche Stars sind gern gesehen. Dafuer schaut man dann gerne weg. Wenn die Zustaende dann manchmal doch zu unertraeglich werden, tut man so, als sei man selbst gar nicht mit Schuld daran. Ein total verlogenes System. Normalerweise sollte die gesamte Fuehrungsetage der Uni selbst zuruecktreten oder mit angeklagt werden, denn sie hat es zugelassen oder sogar mit befoerdert. Aber es wird so getan, als seien es alles Einzelfaelle von charakterlich besonders schlechten Professoren, wo es das System selbst ist, das an den Pranger gehoert. Man inszeniert dann eine "unabhaengige" Untersuchung, weil man sich reinwaschen moechte, eine Untersuchung, die aber ganz sicher nie "nach oben" schaut, um allgemeine Missstaende aufzudecken, z.B. wie es sein kann, dass ein Ehepaar an dasselbe Institut berufen werden kann. Da findet heute naemlich sehr viel Vetternwirtschaft statt, und gerade Berufungen sind ein reines Intrigenspiel und verfilzt ohne Ende. Es ist der ganze Apparat, der auf den Pruefstand gehoert.
felix_hauck 31.10.2018
3.
"Bereits im August 2017 legte die ETH das Institut für Astronomie still integrierte die übrigen Teile des Instituts für Astronomie ins neue Institut für Teilchen- und Astrophysik." Vielleicht habe ich ja einen [...]
"Bereits im August 2017 legte die ETH das Institut für Astronomie still integrierte die übrigen Teile des Instituts für Astronomie ins neue Institut für Teilchen- und Astrophysik." Vielleicht habe ich ja einen Schlaganfall und dieser Satz ist grammatikalisch komplett korrekt, aber irgendwas stört mich daran. Einfach zu verstehen ist er zumindest nicht. Ich will jedoch nicht ausschließen, dass ich einfach zu blöd dafür bin.
sternum 31.10.2018
4.
Schön zu lesen, dass es Doktoranden gibt, die sich trauen können, sich zu beschweren. Und, dass da tatsächlich auch etwas passiert.
Schön zu lesen, dass es Doktoranden gibt, die sich trauen können, sich zu beschweren. Und, dass da tatsächlich auch etwas passiert.
peter_tpp 31.10.2018
5. Verstand hemmt Missbrauch nicht
Unkontrollierte Macht ist eben eine Droge, der die meisten nicht widerstehen können. Und das hat gar nichts mit Intellekt zu tun. Im Gegenteil - dieser hilft den Missbrauch zu verschleiern.
Unkontrollierte Macht ist eben eine Droge, der die meisten nicht widerstehen können. Und das hat gar nichts mit Intellekt zu tun. Im Gegenteil - dieser hilft den Missbrauch zu verschleiern.

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