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Leben und Lernen

CDU-Bundestagsabgeordneter

Hat Frank Steffel in seiner Dissertation abgeschrieben?

Ein Plagiatsjäger wirft dem Bundestagsabgeordneten Frank Steffel vor, in seiner Doktorarbeit in BWL plagiiert zu haben. Der CDU-Politiker und sein Erstgutachter dementieren.

DPA

Frank Steffel

Von und
Donnerstag, 31.05.2018   13:22 Uhr

Martin Heidingsfelder, Plagiatsjäger und Gründer der Internetplattform VroniPlag Wiki, ist sich sicher: Der Bundestagsabgeordnete Frank Steffel (CDU) hat in seiner Dissertation unsauber zitiert und wörtlich von anderen Autoren abgeschrieben - ohne das mit Anführungszeichen zu kennzeichnen.

Steffel sitzt seit 2009 im Bundestag. Der Berliner CDU-Politiker studierte Betriebswirtschaftslehre an der FU Berlin und wurde dort im Jahr 1999 promoviert. Seine Doktorarbeit trägt den Titel "Bedeutung und Entwicklung der Unternehmer in den neuen Bundesländern nach der Deutschen Einheit 1990". Als erstes hatte die "Berliner Zeitung" über die Vorwürfe berichtet.

"Fremde Formulierungen wörtlich abgeschrieben"

"Steffel hat ganze Passagen wörtlich von anderen Autoren übernommen, ohne das mit Anführungszeichen zu kennzeichnen", sagte Martin Heidingsfelder dem SPIEGEL. Der Gründer von VroniPlag Wiki prüft nach eigenen Angaben im Auftrag von Hochschulen oder privaten Kunden Abschlussarbeiten vor und nach der Abgabe. Vor mehr als sieben Monaten habe man ihn beauftragt, sich die Arbeit von Steffel anzusehen. Wer ihm den Auftrag gegeben hat, will er nicht sagen.

"Ich habe daraufhin die Arbeit mit einer Plagiatssoftware untersucht", sagt Heidingsfelder. Das Programm habe mehrere verdächtige Stellen identifiziert, die er selbst nochmals überprüft habe. In einer Plagiatsanzeige an die FU Berlin vom 25. November, die dem SPIEGEL vorliegt, schreibt er: Steffel habe über weite Teile fremde Formulierungen wörtlich abgeschrieben und versucht, dies zu vertuschen.

Auszüge aus der Plagiatsanzeige sehen Sie hier:

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Plagiat oder nicht? Auszüge aus der Dissertation von Frank Steffel

Die FU bestätigte dem SPIEGEL, dass die Plagiatsanzeige bereits vor Monaten eingegangen ist. Die Dissertation werde derzeit überprüft. Wann genau die Ergebnisse vorliegen, könne noch nicht abgeschätzt werden.

Heidingsfelder selbst ist bei Plagiatsexperten durchaus umstritten. Er hatte zwar die Plattform VroniPlag Wiki gegründet, auf der Aktivisten mehrere prominente Plagiatsfälle dokumentierten, etwa die Doktorarbeiten der FDP-Politiker Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis sowie von CDU-Politikerin Annette Schavan.

Fotostrecke

Strittige Promotionen: Von Guttenberg bis von der Leyen

Zwischenzeitlich hatten er und andere aus der losen Gruppe sich aber entzweit. Kritiker warfen ihm Unberechenbarkeit und dauernde Alleingänge vor. Heidingsfelder vermarktet seine Recherchedienste deshalb mittlerweile als Freiberufler.

Steffel äußert sich nur ungenau zu den Anschuldigungen

Frank Steffel äußert sich nur sehr knapp und ungenau zu den Anschuldigungen, die gegen ihn erhoben werden. Über seinen Pressesprecher Michael Thiedemann lässt er mitteilen: "Die FU Berlin hat mich darüber informiert, dass sie eine Überprüfung meiner Dissertation vornehmen wird. Ich habe volles Vertrauen in die Gremien der FU."

Der Erstgutachter der Doktorarbeit, Dietrich Winterhager, sagte dem SPIEGEL, er hätte dem Rechtsamt der Freien Universität (FU) Berlin ein schriftliches Statement dazu gegeben. Er wolle sich nicht weiter zu dem Fall äußern, weil es sich um ein laufendes Verfahren handele.

Die Prüfer

Wer prüft eine verdächtige Doktorarbeit?
Das unterscheidet sich von Hochschule zu Hochschule. Im Fall von Annette Schavan war es der Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät, bei Karl-Theodor zu Guttenberg die Prüfungskommission der Juristischen Fakultät, die damals eigens um zwei externe Experten erweitert wurde. Mit Ursula von der Leyens Doktorarbeit hat sich die Ethikkommission der Medizinischen Hochschule Hannover beschäftigt.
Welche Befugnisse hat die Kommission?
Hochschulkommissionen sind keine Gerichte, sie dürfen nicht über Betrug im strafrechtlichen Sinne urteilen, wohl aber Anzeige erstatten. Ihre Aufgabe ist vielmehr, angesichts von Fehlern und nachweislich abgeschriebenen Stellen in Doktorarbeiten eine Empfehlung darüber abzugeben, ob der Doktortitel entzogen werden sollte oder nicht.
Welche Rolle spielt VroniPlag Wiki?
VroniPlag Wiki ist eine Internetplattform, auf der sich Plagiatsjäger austauschen. Sie überprüfen Doktorarbeiten, die unter Plagiatsverdacht stehen, indem sie die Texte Seite für Seite auswerten. Alle Fundstücke werden transparent dokumentiert. Kritisiert wird das Portal, weil die Plagiatsjäger mehrheitlich anonym bleiben.

In seinem Statement, das dem SPIEGEL vorliegt, heißt es: "Die von Herrn Dr. Steffel gewählte Zitierweise entsprach den von mir als Erstgutachter gestellten Anforderungen. Sie war damals an meinem Lehrstuhl und nach meiner Kenntnis und Überzeugung auch im gesamten Fachbereich üblich."

Weiter heißt es: "Im Ergebnis kann ich feststellen, dass die Doktorarbeit den seinerzeit üblichen Zitierregeln folgt. Der Doktorand hat ersichtlich keine Täuschungsabsicht gehabt. Und ich bin auch objektiv nicht getäuscht worden, da ich die zitierten Texte kannte, die Übernahmen erkannte und die Zitierweise für ausreichend erachtete."

Plagiatsjäger Heidingsfelder hält die Stellungnahme für "einen Witz", wie er sagt. Es sei lächerlich, zu behaupten, in den Neunzigerjahren hätte es andere Zitierregeln gegeben.

insgesamt 36 Beiträge
sven2016 31.05.2018
1.
Zumindest in Naturwissenschaften haben sich die Vorschriften für die Zitierweise seit den 90ern nicht dramatisch geändert. Wenn man nur erahnen kann, dass zitiert wird, reichte das sicher nicht aus. Auch wenn Fachbereiche [...]
Zumindest in Naturwissenschaften haben sich die Vorschriften für die Zitierweise seit den 90ern nicht dramatisch geändert. Wenn man nur erahnen kann, dass zitiert wird, reichte das sicher nicht aus. Auch wenn Fachbereiche das durchschlampen ließen, war es nicht korrekt.
labellen 31.05.2018
2. Selbstverständlich galten in den
90ern dieselben Zitierungsregeln wie auch heute. Die Replik des Gutachters ist abstrus.
90ern dieselben Zitierungsregeln wie auch heute. Die Replik des Gutachters ist abstrus.
Dudenquatscher 31.05.2018
3. Promotion???
Man beachte bitte auch einmal Inhalte und Themen socher "Promotionen", insbesondere die unserer Politiker. Das reicht in den Naturwissenschaften von Neuheitswert und wissenschaftlicher Höhe nicht einmal für eine [...]
Man beachte bitte auch einmal Inhalte und Themen socher "Promotionen", insbesondere die unserer Politiker. Das reicht in den Naturwissenschaften von Neuheitswert und wissenschaftlicher Höhe nicht einmal für eine Jahresarbeit, einfach lächerlich, was da als Promotion durchgeht. Bei Ärzten ist es ja leider ähnlich. Wenn ich erlebe, wie sich Chemiker, Physiker und Mathematiker für eine Promotion krumm machen, dann kann ich über Steffel und Konsorten nur lachen. Und dann schreiben die auch noch ab?
PaulchenGB 31.05.2018
4. Hat es jemals einen Nobelpreis für eine Dissertation gegeben?
Eine Dissertation besteht zu 70% aus Ausführungen über den Forschungsstand mit Minder- und vorherrschender Meinung, die in eigenen Worten mit dem Hinweis "vgl." oder durch Zitate mit Anführungszeichen wiedergegeben, [...]
Eine Dissertation besteht zu 70% aus Ausführungen über den Forschungsstand mit Minder- und vorherrschender Meinung, die in eigenen Worten mit dem Hinweis "vgl." oder durch Zitate mit Anführungszeichen wiedergegeben, gekennzeichnet werden. Daraus wird dann ein Forschungsdefizit entwickelt mit neuen Erkenntnissen für die Wissenschaft und/oder Praxis und das ist letztlich das Wesentliche an einer Dissertation: etwas Neues zu "produzieren" und macht von der Seitenzahl in einer Dissertation nur einen geringen Teil aus. Ob es sich lohnt, eine von den jährlich veröffentlichen 25.000 Dissertationen zu lesen, sieht man an der Ergebnisliste am Schluss der Arbeit, denn dort muss etwas "Neues" stehen und dass hat Professor Winterhager festgestellt, denn eine eigene wissenschaftliche Erkenntnis kann man halt nicht zitieren, denn sie ist etwas EIGENES. Zum anderen verstauben die Dissertationen doch sowieso nur in den Regalen und daher sollte man endlich eine Verjährungfrist von 3 -5 Jahren einführen. Die Dissertation von Steffen wurde 1999 anerkannt. Und jetzt nach fast 20 Jahren wird der Dreckkübel ausgeschüttet.
Stäffelesrutscher 31.05.2018
5.
Der Erst»gutachter« urteilt natürlich dabei auch in eigener Sache. Darüber hinaus zeigt sich wieder einmal, dass BWL keine Wissenschaft ist und CSU-Größen einen Doktortitel für Texte nachgeworfen bekommen, der anderswo [...]
Der Erst»gutachter« urteilt natürlich dabei auch in eigener Sache. Darüber hinaus zeigt sich wieder einmal, dass BWL keine Wissenschaft ist und CSU-Größen einen Doktortitel für Texte nachgeworfen bekommen, der anderswo vielleicht gerade mal für ein Oberstufen-Referat reichen würde. Eine der grundlegendsten Regel wissenschaftlichen Arbeitens ist nämlich, Formulierungen wie »praktisch alle«, »unheimlich viele« und ähnlichen Schmonzes zu vermeiden.

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