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Leben und Lernen

Sexismus in Japan

Hochschule manipulierte Tests, um Frauen am Studium zu hindern

Frauen sollten draußen bleiben: Die Tokyo Medical University hat eingestanden, jahrelang die Ergebnisse von Aufnahmeprüfungen gefälscht und weibliche Bewerber benachteiligt zu haben.

Foto: AFP
Mittwoch, 08.08.2018   03:17 Uhr

Eine interne Untersuchung an der Tokyo Medical University hat bestätigt, worüber japanische Medien schon seit Tagen berichteten: An der Hochschule wurden seit Jahren Testergebnisse manipuliert, um Frauen an einem Medizinstudium zu hindern und dafür zu sorgen, dass mehr Männer den Arztberuf ergreifen. Nach Angaben eines Anwalts, der an der Untersuchung beteiligt war, habe diese Praxis seit dem Jahr 2006 stattgefunden, womöglich auch schon davor.

Die Hochschule hat sich am Dienstag entschuldigt und mitgeteilt, die Manipulationen hätten niemals stattfinden dürfen. Man werde dafür sorgen, dass sie sich in Zukunft nicht wiederholten. Zudem werde erwogen, die benachteiligten Frauen nachträglich für ein Medizinstudium zuzulassen. Einzelheiten dazu wurden allerdings nicht mitgeteilt.

Laut der Untersuchung wurden in diesem Jahr die Ergebnisse von Aufnahmeprüfungen wie folgt manipuliert: In einem ersten Schritt seien die Ergebnisse aller Bewerber um 20 Prozent herabgesetzt worden. Daraufhin hätten männliche Bewerber mindestens 20 Punkte extra bekommen - mit Ausnahme von denen, die bei dem Test bereits zuvor mindestens vier Mal durchgefallen waren. Die Hochschule habe so dafür sorgen wollen, dass weniger Frauen den Arztberuf ergreifen, da sie ihre Karrieren nach einer möglichen Schwangerschaft wohl verkürzen oder unterbrechen würden.

Bei den Manipulationen handle es sich um "schlimmsten Sexismus" heißt es laut Anwalt Kenji Nakai in dem Untersuchungsbericht. Er behandle bisher nur die jüngsten Tests, weitere Untersuchungen seien daher notwendig.

AP

Die Tokyo Medical University

Die interne Untersuchung an der Hochschule war ursprünglich wegen eines anderen Falls eingeleitet worden: Dabei ging es um einen jungen Mann, Sohn eines Mitarbeiters des Bildungsministeriums, der Berichten zufolge an der Tokyo Medical University zugelassen wurde, weil im Gegenzug Forschungsgelder an die Schule geflossen sein sollen. Dem ehemaligen Universitätsdirektor sowie dem Ministeriumsmitarbeiter werden Bestechung vorgeworfen.

Der aktuelle Direktor an der Tokyo Medical University, Tetsuo Yukioka, entschuldigte sich am Dienstag vor Medienvertretern und sagte zugleich, er selbst habe von der Manipulation der Testergebnisse nichts gewusst. Er vermute, es habe an einem Verständnis für Regeln der modernen Gesellschaft gemangelt, "wonach Frauen aufgrund ihres Geschlechts nicht anders behandelt werden sollten".

aar

insgesamt 40 Beiträge
dasfred 08.08.2018
1.
Mit solch einer Dreistigkeit die Frauen aus dem Studium zu drängen, ist mit Sicherheit auch der heimliche Traum so manchen Mannes. Fünfzig Prozent weniger Konkurrenz auf dem Weg an die Spitze. Die Begründung, Medizinerinen [...]
Mit solch einer Dreistigkeit die Frauen aus dem Studium zu drängen, ist mit Sicherheit auch der heimliche Traum so manchen Mannes. Fünfzig Prozent weniger Konkurrenz auf dem Weg an die Spitze. Die Begründung, Medizinerinen durch Schwangerschaft wieder aus dem Arbeitsmarkt zu verlieren, zeigt deutlich die Gewichtung. Nicht der Mensch ist Mittelpunkt, sondern die Effizienz des Systems. Nicht schön, soll aber vorkommen. Was Elite ist, bestimmt, wer sich zur Elite erklärt. Alles andere nennt man dann, wenn man noch höflich sein will, Minderleister. Kann man machen, muss man aber nicht, wenn man nicht auf Dauer seine eigenen Feinde stark machen will. Hierzulande geht man bedeutend subtiler vor, um zwischen oben und unten den Unterschied zu erhalten. Man tut so, als könnte jeder aufsteigen, baut aber schon in der Grundschule die ersten Hürden.
Boone 08.08.2018
2.
Unfassbar. Dies ist meiner Meinung nach, insbesondere auf Grund der Dauer dieser Praxis (seit 2006) ein schweres Verbrechen. Mit "sorry" ist es hier nicht mehr getan.
Unfassbar. Dies ist meiner Meinung nach, insbesondere auf Grund der Dauer dieser Praxis (seit 2006) ein schweres Verbrechen. Mit "sorry" ist es hier nicht mehr getan.
dbeck90 08.08.2018
3. dasfred : jeder kann aufsteigen
Und zwar im Bezug zu seiner eigenen körperlichen Leistung. Wenn jemand Arzt werden will, sollte dieser zum Beispiel intelligent genug sein. Ein Freund lernt Maschinenbau, dort werden die Prüfungen so gestaltet, dass min. 50% [...]
Und zwar im Bezug zu seiner eigenen körperlichen Leistung. Wenn jemand Arzt werden will, sollte dieser zum Beispiel intelligent genug sein. Ein Freund lernt Maschinenbau, dort werden die Prüfungen so gestaltet, dass min. 50% durchfliegen. Ich habe nicht studiert, bin nicht intelligent, aber kann hart arbeiten, teils die Nacht durch und habe mein Hobby als Beruf. Und so zähle ich mich heute zu den reicheren. Jeder kann aufsteigen, keiner wird unten gehalten. Aber kaum einer will es. Weil unten = sicher. Da hat man Familie und Freunde. Weiter oben wird es einsam und man muss selbst Verantwortung tragen. Und dass Männer sich über Frauen stellen wollen - ja, das trifft auf 10% zu. Den restlichen 90% ist es egal, wer oben ist, solange das Gehalt stimmt. Und diese Schule ist ein Ausnahmefall, weder Mann noch Frau würden so etwas gutheißen.
Kritischer Geist III 08.08.2018
4. Aber absolutes Unverstaendnis wirds nur hier geben
Frauen gehen dort eh nur Studierem um auf dem Heiratsmarkt bessere Chancen zu haben und fuer die Frauen dort, bedeutet Heiraten auch mehrheitlich "Zu Hause am Herd bleiben". Das ist da keine patriarchische Ordnung, [...]
Frauen gehen dort eh nur Studierem um auf dem Heiratsmarkt bessere Chancen zu haben und fuer die Frauen dort, bedeutet Heiraten auch mehrheitlich "Zu Hause am Herd bleiben". Das ist da keine patriarchische Ordnung, sondern deren Ziel, trotz anderer Moeglichkeiten. Wundern tut es mich deshalb eher weniger und kritisieren kann ich nur das eben deswegen auch nur bedingt.
aniani 08.08.2018
5.
Um die Glaubwürdigkeit dieser Universität zu erhalten, müsste die Direktion sofort und vielleicht am besten gegen Frauen ausgetauscht werden. Die Abschlüsse seit der Manipulation sind abzuerkennen, da die Aufnahme unter [...]
Um die Glaubwürdigkeit dieser Universität zu erhalten, müsste die Direktion sofort und vielleicht am besten gegen Frauen ausgetauscht werden. Die Abschlüsse seit der Manipulation sind abzuerkennen, da die Aufnahme unter unlauteren Methoden geschah.

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