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Leben und Lernen

Le Pens Nichte gründet Hochschule

Kaderschmiede für Patrioten

"Die Studenten kommen nicht wegen des Diploms, sondern wegen der Gesinnung." Die Nichte von Rechtspopulistin Marine Le Pen hat in Lyon eine Hochschule eröffnet, um die "Führer von morgen" auszubilden.

AP

Marion Maréchal bei der Eröffnung des ISSEP

Von , Lyon
Donnerstag, 12.07.2018   09:41 Uhr

Der Auftritt ist bescheiden, der Anspruch hoch: Ein schlichtes Ladenschild an einem unauffälligen Büroblock in Lyons hippem Viertel Confluence verweist auf das ISSEP, das "Institut des Sciences Sociales Économiques et Politiques", Frankreichs jüngste Privatfachschule - und Kaderschmiede von Frankreichs konservativen Ultras.

Hinter den Glastüren verstecken sich 400 Quadratmeter Konferenz- und Klassenräume, auf den Regalen der bislang mager gefüllten Bibliothek reihen sich Klassiker wie Tocqueville oder Montesquieu, Karl Marx und Raymon Aron, dazu Memoiren von De Gaulle und die Schriften aktueller Souveränisten.

Das Institut, das zum Herbstsemester den Unterricht aufnimmt, ist eine Kopfgeburt von Marion Maréchal, Nachwuchsstar aus dem Clan der rechtsextremen Familie Le Pen. Nach dem Willen der 29-Jährigen soll die Akademie "den Mutterboden bieten, in dem alle Strömungen der Rechten zusammenfinden und erblühen".

AFP

ISSEP-Institutsgebäude in Lyon

Für die gelernte Juristin ist der Posten als ISSEP-Direktorin ein "neues Abenteuer". Nachdem ihre Tante Marine Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen gegen Emmanuel Macron unterlag, verabschiedete sich die Nichte von ihrem Front-National-Mandat für das Departement Vaucluse - aus "privaten Gründen". Und während Parteichefin Le Pen den Front National in Rassemblement National (Nationale Sammlungsbewegung) umetikettierte, trennte sich die Nichte im Mai vom zweiten Teil ihres Nachnamens, statt Maréchal-Le Pen nur noch Maréchal.

Mit dem symbolischen Schritt ging die Promi-Frau der Rechten zwar auf Distanz zur Partei von Marine Le Pen; politisch ist sie aber weiter aktiv. So reiste Maréchal im Februar in die USA, wo sie beim jährlichen Hochamt der Conservative Political Action Conference auftrat und in ihrer Ansprache ihr Land als in seiner Identität bedroht beschrieb: Frankreich sei auf dem Weg von der "älteren Schwester der Kirche zur kleinen Nichte des Islam". Maréchals Gegenentwurf kopiert den Slogan von US-Präsident Trump: Frankreich zuerst.

AFP

2015 traten Marine Le Pen (links) und ihre Nichte Marion (rechts) noch gemeinsam auf

Die ideologischen und personellen Grundlagen für die Rückkehr zu nationaler Würde soll das neue Institut in Lyon schaffen. Das ISSEP soll eine Heimstätte für die "konservative Jugend" werden, aus der sich künftig eine wirtschaftliche und politische Elite rekrutieren soll.

Das Lehrpersonal ist mehrheitlich rechts-patriotisch verortet, vermittelt werden sollen unter anderem "Erlesenheit, Ethik, Verwurzelung und Engagement", so das Motto auf der ISSEP-Webseite.

Finanziert wird das "freie und unabhängige" Projekt - bisher gibt es insgesamt rund 220 Interessenten - durch großzügige Gönner und Studiengebühren. Die Aufnahmegebühr beläuft sich auf 5500 Euro. Vorläufig bietet die Akademie, die sich an Studenten wie Berufstätige wendet, zweijährige Kurse in Unternehmensführung, Projektmanagement und Gesellschaftswissenschaften. Staatlich anerkannt ist der Abschluss nicht. Macht nichts, so Maréchal bei der Eröffnung: "Die Studenten kommen nicht wegen des Diploms, sondern wegen der Gesinnung."

Keimzelle einer neuen Polit-Formation

"Es geht darum, die Führer von morgen zu entdecken und auszubilden", beschreibt Maréchal ihre Vision. Ausgestattet "mit intellektuellen, kulturellen, juristischen, technischen und kommunikativen Waffen", soll diese Generation, "so leistungsfähig wie möglich sein, in Unternehmen wie in der politischen Arena."

Die Forderung klingt beinahe wie ein Aufruf an künftige Parteikader. Und damit könnte das Institut - trotz aller Dementis - durchaus als Keimzelle einer neuen Polit-Formation funktionieren. Denn Maréchals radikale Ansichten unterscheiden sich deutlich vom rhetorisch weichgespülten Kurs des Rassemblement National: Identitär, also gegen Immigration, europakritisch, aber nicht für eine Abkehr von der gemeinsamen Währung. Und im Gegensatz zu Marine Le Pen vertritt Maréchal bei gesellschaftlichen Fragen wie Homo-Ehe oder Abtreibung eine knallhart ultrakonservative Linie.

Mit diesem Kurs hat sich die frisch gekürte Akademiedirektorin unter wertkonservativen Franzosen längst als glühende Patriotin profiliert und ihre Tante in den Umfragen abgehängt. Das politische Exil seiner Enkelin sei nur eine vorübergehende Episode, orakelt denn bereits Jean-Marie Le Pen. "Marion ist eine vollblütige Le Pen, eine gehärtete Siegerin", so der Großvater, der gerade im Kreis seiner Familie den 90.Geburtstag feierte: Sie hat von der Politik gekostet, also wird sie wieder zurückkommen."

insgesamt 6 Beiträge
Tr1ple 12.07.2018
1. Typisch französisch
Es wird kein Wissen vermittelt sondern Leute zusammen gebracht. Da sollte man sich nicht wundern wieso die Industrie den Bach runtergeht.
Es wird kein Wissen vermittelt sondern Leute zusammen gebracht. Da sollte man sich nicht wundern wieso die Industrie den Bach runtergeht.
soalbei 12.07.2018
2. Als wäre
es nicht auch in Deutschland so, dass fernab der politischen Gesinnung mittlerweile der "Führungsnachwuchs" eher von Privatunis kommt. Und nebenbei, auch wenn ich ein "Linker" bin, so finde ich es ehrlich [...]
es nicht auch in Deutschland so, dass fernab der politischen Gesinnung mittlerweile der "Führungsnachwuchs" eher von Privatunis kommt. Und nebenbei, auch wenn ich ein "Linker" bin, so finde ich es ehrlich gesagt ziemlich idiotisch wenn SPON bei einer Juristin irgendwie durch die Blume abfällig von "gelernter" Juristin spricht. Studierter Jurist wäre genauso idiotisch weil man kein Jurist werden kann wenn man nicht studiert hat, genausowenig wie man kein Arzt, Architekt, Apotheker, Lehrer, Physiker, Biologe, Chemiker, etc. werden kann ohne eine Uni von innen gesehen zu haben. Egal, was soll's, die Nachricht ist durch die Blume angekommen;)
sibbi78 12.07.2018
3. Wenn man bedenkt,
dass die Zielrichtung der Nationalisten in großen Teilen gegen die Verfassung demokratischer Staaten verstößt, ist es schon sehr verwunderlich, was diesen Kameraden vom Staat so alles erlaubt bzw. geduldet wird. Man könnte [...]
dass die Zielrichtung der Nationalisten in großen Teilen gegen die Verfassung demokratischer Staaten verstößt, ist es schon sehr verwunderlich, was diesen Kameraden vom Staat so alles erlaubt bzw. geduldet wird. Man könnte glatt annehmen, dass wir weltweit bereits in 4. Reichen leben - es wird allerdings noch schlimmer kommen...
burlei 12.07.2018
4. Das hatten wir doch schon mal ...
... jedenfalls hier in Deutschland. Nannte sich nur etwas schlichter - NaPoLa. Hat es was geholfen? Die Gründer dieser Lehranstalten sind mit diesen unter gegangen.
... jedenfalls hier in Deutschland. Nannte sich nur etwas schlichter - NaPoLa. Hat es was geholfen? Die Gründer dieser Lehranstalten sind mit diesen unter gegangen.
Edgard 12.07.2018
5. Die Ausrichtung auf...
... Ökonomie, gepaart mit entsprechender Ideologie ist nicht weiter bemerkenswert; sowohl Lucke als auch Meuthen und Weidel kommen ja aus diesem Sumpf. In der nationalen Ökonomie lassen sind die Strippen besser ziehen; aber [...]
... Ökonomie, gepaart mit entsprechender Ideologie ist nicht weiter bemerkenswert; sowohl Lucke als auch Meuthen und Weidel kommen ja aus diesem Sumpf. In der nationalen Ökonomie lassen sind die Strippen besser ziehen; aber ".. first!" ist dennoch nur Augenwischerei für´s Dummvolk - die Programme dieser Parteien zeigen eindeutig dieselbe Instrumentalisierung der "kleinen Leute" die man nach aussen vor "Unbill" bewahren will - aber ihnen tatsächlich den sozialen Teppich unter den Füßen wegzieht. Das "3.Reich" hat eindeutig gezeigt wohin das für den "kleinen Mann2 führt - ins Massengrab. Und für die führenden Industriedynastien hieß es - solange sie den Führenden nicht unbotmäßg wurden - "Me first!" - sie konnten sich an den Abhängigen bis hin zu Zwangsarbeitern und KZ-Sklaven hemmungslos bereichern. So sehr "das Volk" auf die Regierenden schimpfen mag (das tut es immer...) - was ihnen mit "Führern" wie Marechal oder Weidel blüht könnten sie aus der Geschichte lernen. Wenn sie denn wollten.

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