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Leben und Lernen

Studentinnen-Doppelporträt

Und wie lebst du so?

Lea und Jasmin, zwei junge Frauen, die in Hamburg Wirtschaftswissenschaften studieren. Beide haben etwa gleich viel Geld zur Verfügung - und leben doch grundverschieden: Lea dreht jeden Cent zweimal um, Jasmin arbeitet viel und gibt schnell alles wieder aus. Was macht sie so unterschiedlich?

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Von Julia Jung und
Mittwoch, 26.06.2013   17:00 Uhr

Eine Stadt, zwei junge Frauen, die Wirtschaft studieren, beide haben die besten Chancen auf ein gutes Leben. Die eine, Lea, bekommt Geld vom Staat und spart, wo sie kann. Die andere, Jasmin, lebt bei den Eltern, jobbt und liebt Luxus. Ein Tag im Leben der Studentinnen.

7.32 Uhr

Lea, 22, blonde Haare, grünes Kleid, steigt in die S-Bahn zur Uni. In der Tasche zwei Butterbrote und eine Flasche Leitungswasser. Sie wohnt in einer Sechser-WG im Studentenwohnheim Allermöhe, 15 Kilometer von Hamburgs Stadtzentrum entfernt, viele Wiesen, Seen, kaum Kneipen. Lea zahlt 233 Euro Miete für rund 13 Quadratmeter, Nebenkosten inklusive. Sie achte bei allem auf den Preis, sagt sie. "Manchmal fände ich es angenehmer, wenn das nicht so tief verankert wäre."

8.15 Uhr

Vorn im Hörsaal steht Leas BWL-Professor, auf den Plätzen ein paar Studenten. "Was machst du nach der Vorlesung?", fragt Leas Freundin. "Nicht nach Hause fahren." Sie grinsen. Shoppen?

9.36 Uhr

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Jasmin, 21, schwarze Locken, Jeans und Bluse, steigt in den Bus zur Uni. In der Hand eine Dose Red Bull. Jasmin wohnt bei ihren Eltern, in einer Altbauwohnung in Hamburgs Altstadt.

Sie studiert im ersten Semester Sozialökonomie, kellnert nebenbei, verdient so etwa 500 Euro im Monat. Das gibt sie gern aus. Für Kleidung, Kosmetik, Restaurantbesuche. "Ich spare eigentlich kaum", sagt sie, "sondern gönne mir von dem selbstverdienten Geld etwas Luxus."

9.52 Uhr

Jasmin kauft sich ein Käsebrötchen. Die Vorlesung beginnt gleich, Statistik, ihr Hassfach. Sie versucht aufzupassen, nicht unbedingt leicht bei relativen und absoluten Randhäufigkeiten.

10 Uhr

Lea und ihre Freundin suchen im H&M am Jungfernstieg eine neue Tasche für die Uni. "Ich wette, du kaufst am Ende sieben Sachen und keine Tasche", sagt ihre Freundin.

11.05 Uhr

Lea hat bei Zara gesucht, bei Görtz, Bianco, Tally Weil, Vero Moda, Deichmann, C&A. Keine Tasche gefunden, nichts anderes gekauft. Sie gebe nicht viel Geld für Kleidung aus, sagt sie. Wenn sie doch etwas sehe, dann frage sie sich: "Brauche ich das wirklich?" Danach gehe sie meist weiter.

Lea hat früh gelernt zu haushalten. Zwischenzeitlich, sagt sie, habe sie dabei verlernt, sich mal was zu gönnen. Ein Karamell-Macchiato bei Starbucks? Lieber einen Cappuccino von Aldi zu Hause trinken. Lea bekommt Bafög, seitdem sie 17 ist. Zu der Zeit hat ihre Mutter neu geheiratet, und Lea ist von Bad Essen nach Osnabrück gezogen, besuchte dort ein Wirtschaftsgymnasium. Lea hat zwei ältere Geschwister, ihre Mutter arbeitet als Kunstpädagogin, ihr Vater starb vor rund zehn Jahren an Leukämie.

Inzwischen studiert Lea im vierten Semester BWL. Sie bekommt jeden Monat 567 Euro Bafög, plus Halbwaisenrente und Kindergeld. Insgesamt 968 Euro. Das ist nicht wenig, trotzdem spart Lea im Alltag. Weil ihre Eltern es ihr so vorgelebt haben. Weil sie weiß, dass sie einen Teil des Geldes später zurückzahlen muss.

Aber wenn sie etwas wirklich will, dann kauft sie es sich. Ein MacBook beispielsweise und ein iPhone, beides gebraucht. Ein Jahr habe sie überlegt, sagt sie. "Jetzt freue ich mich jedes Mal, wenn ich damit arbeite."

11.48 Uhr

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Jasmin macht sich auf den Weg in die Mensa, 5,10 Euro gibt sie aus für Basmatireis, Milchreis, Eistee. Morgens und abends isst sie meist zu Hause.

Ein- bis zweimal die Woche arbeitet Jasmin sechs Stunden in einem Restaurant, in den Semesterferien täglich. Jetzt, in der Prüfungzeit, hat sie sich freigenommen.

Das Geld, das sie verdient, gibt sie gern aus. Am Wochenende geht sie ins Kino, in Clubs, Bars oder zum Bowling, zurück fährt sie oft mit dem Taxi, um die 50 Euro bezahlt sie an solchen Abenden. Einmal die Woche geht sie mit Freunden essen, einmal im Monat zur Kosmetikerin. Dann ist da noch das Fitnessstudio, der Friseur, und alle drei Monate geht sie für 200 Euro shoppen. Sie legt nun mal viel Wert auf ihr Äußeres; die pinkfarbenen Fingernägel passen zum Lippenstift, zum Muster ihrer Bluse, am Handgelenk eine goldene Uhr mit Strasssteinen.

"Bei dir besteht das Frühstück doch aus Austern schlürfen und Champagner trinken", frotzelt eine Freundin und lacht. Die meisten wissen nicht, dass Jasmin sich ihre Freizeit selbst finanziert, Fußball spielt und sich dabei nicht um ihre Fingernägel schert. Das störe sie nicht, sagt Jasmin. "Ich habe nicht das Bedürfnis mich zu rechtfertigen."

13.18 Uhr

Bei Penny zahlt Lea 9,66 Euro. Eigentlich, sagt sie, fände sie es nicht gut, billig einzukaufen; sie wolle nicht unterstützen, dass Landwirte so wenig verdienen. Aber: Jeden Tag zum Biomarkt?

13.40 Uhr

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Lea backt ein Brot. Das möge sie lieber als gekauftes, zudem sei es günstiger. Sie gehe kaum essen, sagt sie. Zu teuer. Gleich baut sie sich einen Burger.

Ihre Küche teilt sie sich mit Mitbewohnern, Fernseher, Sofa. Auf dem Boden liegen Zigarettenstummel, auf der Fensterbank verschrumpelte Kartoffeln. Sie hätte nichts dagegen, in eine eigene Wohnung zu ziehen, sagt Lea. Einerseits. Andererseits zahlt sie hier wenig. Außerdem gefalle ihr das Leben, die Grillpartys, die Gemeinschaft.

Ein Mitbewohner kommt in die Küche. "Willst du einen Burger?", fragt Lea. Er setzt sich zu ihr.

18.12 Uhr

Jasmins Mutter hat gekocht, Nudeln mit Hackfleischsoße stehen auf dem Tisch. "Ich bin ein Familienmensch", sagt Jasmin. Deswegen wolle sie noch nicht ausziehen, von ihren fünf älteren Geschwistern leben zwei noch zu Hause.

Ihre Eltern geben ihr Sicherheit. Sie sind beide selbständig, zur Not würden sie Kosten übernehmen. "Ich arbeite für meine Kinder", sagt ihr Vater. Prinzipiell sollen die Kinder aber auf eigenen Beinen stehen, finden Mama und Papa. Ursprünglich kommen sie aus Afghanistan, vor 21 Jahren flohen sie nach Deutschland.

Finanziell ging es der Familie nicht immer gut, als jüngstes Kind hat Jasmin das nicht miterlebt - anders als ihre Geschwister. Vielleicht unterscheiden sie sich deshalb auch: Ihre Schwester würde nie Geld für einen Kinobesuch ausgeben, sagt Jasmin.

In der Wohnung hat sie das kleinste Zimmer, darin weiße Möbel von Ikea und viele Fotos von Freunden. Zu Hause kümmere sie sich um den Haushalt, sagt Jasmin, am Wochenende putze sie schon mal fünf Stunden die Wohnung. "Ich mag es sehr ordentlich."

20.10 Uhr

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In Leas Zimmer stehen Schrank, Schuhregal, Schminkregal, ein selbstgebautes Sofa, Schreibtisch, und ein Hochbett, das hat Lea ein anderer Studenten geschenkt. Darunter, am Schreibtisch, lernt sie jetzt für die Uni. Als Schülerin hatte sie mal eine Klasse übersprungen und danach immer noch gute Noten geschrieben. Jetzt, an der Uni könnte es besser laufen. Sie lerne recht viel, sagt Lea. Und trotzdem hat sie derzeit nur einen Schnitt von 3,3.

Was nach dem Bachelor kommt? Sie hoffe, das im Laufe des Jahres herauszufinden.

22.31 Uhr

Jasmin hat das Soziologiebuch aufgeschlagen, nachts sei sie am produktivsten. Sie hasst lernen - und sie ist ehrgeizig: "Ein Schnitt von 2,0 wäre schön."

23.20 Uhr

Lea hört im Bett ein Buch. Manchmal gehe sie am Wochenende auf den Kiez, sagt sie. Wenn Frauen in einem Club bis 24 Uhr kostenlos reinkommen, dann sei sie auch vor 24 Uhr da. Maximal 15 Euro gebe sie an so einem Abend aus, Alkohol trinke sie kaum.

0.20 Uhr

Lea macht das Licht aus. Was sie im Leben erreichen möchte? Sie wolle keine 14 Stunden am Tag arbeiten, sagt sie. Sie wolle das Leben genießen.

1.31 Uhr

Jasmin liegt mit ihrem Laptop im Bett. Vor 2 Uhr schlafe sie nie, sagt sie. Später wolle sie vielleicht als Maklerin arbeiten. Oder doch ein eigenes Bistro eröffnen?

Sie will unbedingt genug verdienen. Dafür, sagt sie, würde sie auch 14 Stunden am Tag arbeiten. Sie möchte Kinder bekommen, mindestens zwei. Denen wolle sie die gleiche Sicherheit bieten, wie sie sie von ihren Eltern erfahren habe.


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