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Leben und Lernen

Kursausfall in Hamburg

Fassungslos, enttäuscht, verzweifelt

Das Semester begann, die Dozenten waren weg: Studenten der Uni Hamburg fragen sich, wie es nun weitergeht. Manche können vielleicht ihre Prüfungen nicht ablegen.

DPA

Universität Hamburg: kein Geld für Dozenten

Von Sebastian Gubernator
Freitag, 10.04.2015   11:40 Uhr

Der Seminarraum U6 ist leer. Keine Studentin, die ihren Laptop aufklappt und mit dem Sitznachbarn über die letzte Party tuschelt. Kein Dozent, der vor der Leinwand steht und durch seine Power-Point-Folien klickt. Dienstag, 12 Uhr, ein kleines Universitätsgebäude in Hamburg. Jetzt soll "Anatomie, Physiologie, Pathologie II" stattfinden, so steht es im Vorlesungsverzeichnis, doch der Kurs fällt dieses Semester aus.

Mehr als hundert junge Frauen und Männer in Hamburg fragen sich, wie es mit ihrem Studium weitergeht. Eine Woche vor Semesterbeginn hatten sie eine E-Mail von ihrer Professorin Ingrid Mühlhauser bekommen: Die Universität könne ihrer Verpflichtung, die Lehre sicherzustellen, nicht nachkommen. Konkret heißt das: Vier von 15 Kursen für die angehenden Berufsschullehrer fallen in diesem Semester aus - weil das Geld fehlt. Zwei Dozenten mussten die Uni verlassen, eine weitere ging, weil sie in ihrem Job keine Perspektiven sah.

In einem dunklen Seminarraum sitzen drei Frauen und ein Mann. Sie studieren Gesundheitswissenschaft im vierten Semester, jeder hat ein Zweitfach, Bio, Deutsch, Englisch, Sozialwissenschaften, die meisten wollen ihren Namen nicht auf SPIEGEL ONLINE lesen. Die Nachricht ihrer Professorin habe sie total überrascht, sagt eine Studentin: "Wir haben uns alle auf das Semester vorbereitet, manche vielleicht auch gefreut, und dann kam auf einmal diese E-Mail."

Studentin mit Kind: kein Unterricht am Abend

Prodekan Norbert Ritter sagt, die zuständige Fakultät suche fieberhaft nach Personal, das über einen befristeten Lehrauftrag die Verpflichtung der Universität erfüllen könnte. Seminare und Vorlesungen müssten dann mitten im Semester organisiert, der verpasste Unterricht in Blockseminaren oder den Semesterferien nachgeholt werden. Die Studenten glauben nicht, dass das funktioniert.

"Man hat uns gesagt, dass von der Universitätsklinik oder von der Fachhochschule Dozenten eingekauft werden könnten", sagt eine Studentin. "Die sind aber tagsüber dort verpflichtet, könnten uns erst in den Abendstunden unterrichten." Sie sagt, sie sei alleinerziehende Mutter eines sechsjährigen Sohnes, arbeite neben dem Studium in einer Zahnarztpraxis. "Eine Unterbringung in der Uni-Kita ist bis 16.30 Uhr möglich." Schon jetzt fänden Seminare häufig spät statt, weitere Abendtermine bekäme sie beim besten Willen nicht organisiert. "Ich bin fassungslos, enttäuscht und verzweifelt, was meine aktuelle Situation angeht."

Eine weitere Frage, die sich den Studenten stellt: Wer kümmert sich um Prüfungen und Hausarbeiten? "Das ist noch völlig offen", sagt Marie Rose. "Im zweiten Semester hatten wir eine mündliche Prüfung. Zwei, drei Kommilitonen haben die verschoben, um mehr Zeit für die Vorbereitung zu bekommen. Jetzt ist keiner mehr da, der die Prüfung abnehmen kann."

Die Viertsemester, für die zurzeit nur ein Kurs ausfällt, glauben nicht, dass das Problem bald gelöst wird: "Uns wurde gesagt, man sei auf der Suche, aber es sei nicht einfach, einen Dozenten zu finden." Zumindest heute werden sie unterrichtet: Gleich beginnt die Vorlesung "Grundlagen der Pflegewissenschaft". Gehalten von einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin.

insgesamt 19 Beiträge
dreifaltiger_specknacken 10.04.2015
1. Habe an einer bay. Uni...
ähnliches erlebt: Der Studiengang hatte von drei Lehrstühlen einen in Vertretung besetzt, die Gebäude waren verrottet, Bücher nicht vorhanden oder uralt, auch sonst keine wesentliche Infrastruktur, nichtprofessorale Dozenten [...]
ähnliches erlebt: Der Studiengang hatte von drei Lehrstühlen einen in Vertretung besetzt, die Gebäude waren verrottet, Bücher nicht vorhanden oder uralt, auch sonst keine wesentliche Infrastruktur, nichtprofessorale Dozenten waren auch nur zu einem Fünftel des eigentlichen Bedarfs da...bei einer Veranstaltung hatte so ein CSU-***, sie seien stolz auf diese Zustände. Ab*!
hjm 10.04.2015
2.
Mein Tipp an die Studenten, inspiriert durch die Klage gegen den TÜV wegen der kaputten Brustimitate: Verklagen Sie die Akkreditierungsagentur, die den Studiengang geprüft und zugelassen hat!
Mein Tipp an die Studenten, inspiriert durch die Klage gegen den TÜV wegen der kaputten Brustimitate: Verklagen Sie die Akkreditierungsagentur, die den Studiengang geprüft und zugelassen hat!
Dumme Fragen 10.04.2015
3. Ist doch nicht schlimm! Macht ihr halt Urlaub!!
Keine Ahnung, was die sich so aufregen... Zu meinen Diplomstudiumszeiten an der Uni in Hamburg war es ganz normal, dass man Kurse erst einige Semester später belegen konnte, als es die Studienordnung vorgesehen hat. Gab nie genug [...]
Keine Ahnung, was die sich so aufregen... Zu meinen Diplomstudiumszeiten an der Uni in Hamburg war es ganz normal, dass man Kurse erst einige Semester später belegen konnte, als es die Studienordnung vorgesehen hat. Gab nie genug Plätze, und da die Kurse bei der Platzvergabe immer nach Semesteranzahl vergeben wurden, musste man halt erst Althänger oder Langzeitstudent werden, um seine fehlenden Kurse belegen zu können. Da es damals bei Vorlesungen eh keine Prüfungen oder Klausuren und keine Anwesenheitspflicht gab, ging eh kaum einer hin. V.a. waren die oft auch grottenschlecht. Beispiel Experimentalphysik 1&2 für Nebenfächler (quasi alle Naturwissenschaftler): Fr. 8 Uhr, der Prof schrieb zwei Stunden lang Formeln mit unleserlicher Schrift auf eine durchgenudelte Overheadfolie... Waren am ersten Tag noch 250 Studenten da, waren es nach drei Wochen nur noch knapp 7: 4 Chemiestreber in der ersten Reihe und drei Biologen in der letzten Reihe. Erstere schrieben eifrig mit, letztere stellten auf Durchzug und lasen die c't... Und guckten ab und an interessiert nach vorne, wenn ein Experiment live gezeigt wurde. Mir ist noch gut in Erinnerung, wie die riesige schwere Kugel an einem dünnen Faden von der Decke hing, als Pendel hin- und her geschwungen ist und die Erde sich innerhalb der knapp zwei Stunden unter ihm weiter gedreht hat... Also, ihr Bologna-Nutzniesser, meckert nicht rum!
iStone 10.04.2015
4. Das ist erst der Anfang
Ich hatte ein Bewerbungsgespräch für eine Assistenzprofessorenstelle. Habe mich im Gespräch nach den genauen Kriterien der Stelle erkundet und dann noch im Gespräch eine Absage erteilt. Die Studenten erleiden nun die [...]
Ich hatte ein Bewerbungsgespräch für eine Assistenzprofessorenstelle. Habe mich im Gespräch nach den genauen Kriterien der Stelle erkundet und dann noch im Gespräch eine Absage erteilt. Die Studenten erleiden nun die Konsequenzen genau dieser Bedingungen. Es macht für Dozenten keinen Sinn, solche Lückenstellen befristet und schlecht bezahlt einzunehmen wo einem schon vorher gesagt wird, dass keine Chance auf Anstellung besteht. Dann lieber Ausland - schade und tschüss Deutschland! Deutsche Studenten sind uns auch im Ausland sehr willkommen. Wir sehen uns, bis demnächst hier.
Kaygeebee 10.04.2015
5.
Aber das Geld hat man schon mal einkassiert. Danach bekommt man von der Uni den Stinkefinger gezeigt und anschließend mauert diese, indem sie sich in Beamtendeutsch flüchtet oder das Problem vertagt. Man kommt sich an vielen [...]
Aber das Geld hat man schon mal einkassiert. Danach bekommt man von der Uni den Stinkefinger gezeigt und anschließend mauert diese, indem sie sich in Beamtendeutsch flüchtet oder das Problem vertagt. Man kommt sich an vielen Unis nicht mehr als Student vor, sondern wie eine Insolvenzmasse, welche nur noch verwaltet wird. Uns alte Lehrämtler (Staatsexamen) wirft man 2016/2017 eiskalt einfach raus. Auch wenn man nur noch eine Prüfung absolvieren muss. Warum? Weil die Uni längst auf Bachelor/Master umgestellt hat und uns nur noch loswerden will. Kurse werden kaum noch angeboten bzw. sind gar nicht auf alte Lehrämtler ausgerichtet, die Prüfer fehlen, das Prüfungsamt zeigt kaum noch Interesse, etc. Wenn eine Uni Studenten für einen Fachbereich annimmt, dann hat sie verdammt noch mal dafür zu sorgen, dass diese auch diesen Fachbereich studieren können! Das grenzt an Betrug. Wie würden Menschen wohl reagieren, wenn das bestellte Auto einfach nicht lieferbar ist und der Händler das Geld einfach trotzdem behält? Und die Uni wird vermutlich so tun, als hätten die Kurse stattgefunden. Dass viele nun ein oder zwei Semester im Verzug sind interessiert die Behörden dann nicht.

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