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02.02.2013
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InformaCam

Diese App hilft bei der Wahrheitssuche

Von Timo Brücken

Handy-Fotos und Internetvideos aus Kriegsgebieten sind bei den großen Medienhäusern sehr gefragt. Aber sind sie auch authentisch? Das ist oft schwer zu überprüfen. Eine neue App soll Abhilfe schaffen.

Mehr als hundert Leichen in weißen Laken, aufgereiht in einer Halle, ein kleiner Junge springt über sie hinweg - es war ein erschütterndes Bild, das die BBC am 27. Mai 2012 auf ihrer Website veröffentlichte. Es zeige vermutlich Kinder, Opfer des Massakers im syrischen Hula einen Tag zuvor, stand darunter. Vermutlich, denn verifizieren lasse sich das nicht. Und genau da lag das Problem: Das Bild stammte nicht aus Syrien, wie sich herausstellte. Ein italienischer Fotograf hatte es im Irak aufgenommen, im Jahr 2003. Die BBC nahm das Bild noch am selben Tag von der Seite. Sie habe es von syrischen Aktivisten bekommen.

Spätestens seit dem arabischen Frühling greifen Medien verstärkt auf Bilder und Videos aus Krisengebieten zurück, die ihnen zugespielt werden oder die sie bei YouTube finden. Kriegszustände lassen sich kaum authentischer dokumentieren. Doch woher weiß man, ob die Aufnahmen echt sind und wirklich das zeigen, was in der Beschreibung steht?

Eine neue App soll jetzt bei der Wahrheitsfindung helfen: Die US-Menschenrechtsorganisation Witness und die Programmierergruppe The Guardian Project haben zusammen InformaCam entwickelt. Das Android-Programm funktioniert vordergründig wie eine herkömmliche Kamera-App. Im Hintergrund geschieht jedoch noch wesentlich mehr: Während der Aufnahme sammelt InformaCam Metadaten, die etwas über die Umstände der Aufnahme verraten, und packt sie anschließend in die Datei.

Festgehalten werden etwa GPS-Koordinaten, Kompasspeilung, Höhe und Lichtverhältnisse zum Aufnahmezeitpunkt, aber auch Wifi-Netze und Bluetooth-Signaturen in der Umgebung sowie der Zeitstempel. Dazu aktiviert die App die entsprechenden Sensoren und Empfänger im Smartphone. Auf diese Weise entstehen Dateien, bei denen sich sehr viel leichter nachvollziehen lässt, wo und wann sie entstanden sind. Sie werden verschlüsselt an einen Empfänger geschickt, dem der Nutzer vertraut, etwa eine Redaktion oder Menschenrechtsorganisation.

Die nämlich sollen davor bewahrt werden, mit falschen Bildern vom Krieg zu berichten - was schnell passieren kann. In einem YouTube-Video zum Beispiel zeigten sich syrische Aktivisten mit Maschinenengewehren. In Wahrheit handelte es sich allerdings um Spielzeugwaffen aus Plastik, berichtete die "New York Times".

Bisher muss mit viel Aufwand geprüft werden

Um nicht auf Fälschungen hereinzufallen, arbeiten Sender wie BBC und CNN, aber auch ARD und ZDF derzeit mit Experten zusammen, die Fotos und Videos in zwei Stufen verifizieren: Zunächst versuchen sie, den Urheber zu kontaktieren und befragen ihn zu den Hintergründen der Aufnahme. Gleichzeitig wird so die Erlaubnis zur Veröffentlichung eingeholt. Oft lässt sich jedoch kein Kontakt zur Quelle herstellen, deshalb wird im zweiten Schritt das Material selbst geprüft. Ist der gezeigte Ort der angegebene? Sprechen die Menschen im Video den passenden Dialekt? Auslandskorrespondenten und lokale Experten helfen, diese Fragen zu beantworten. Außerdem suchen die Verifizierer nach Spuren von technischer Manipulation und lesen Metadaten aus, die in der Datei enthalten sind.

Der amerikanische Journalist Andy Carvin hingegen setzt auf sein Twitter-Netzwerk: "Ich habe viele Follower, die diese Detektivarbeit lieben", schreibt er im Internet-Forum Reddit. Aber egal, wie vorgegangen wird: Die Verifikation ist nie hundertprozentig, ein bisschen Unsicherheit bleibt immer. Und sie ist extrem aufwendig.

Mit der neuen App könnte der Verifizierungsprozess erheblich erleichtert werden, weil sehr viel mehr hilfreiche Metadaten mitgeliefert werden, als es bei normalen Fotos und Videos der Fall ist. Ein Wahrheitsgarant, der andere Prüfschritte überflüssig macht, soll InformaCam jedoch nicht sein. "Wir sehen unsere Aufgabe darin, mehr Daten für journalistische Verifizierungsprozesse zu liefern", sagt Nathanial Freitas, Direktor des Guardian Project: "Nicht darin, sie zu ersetzen."

Nützlich und gefährlich zugleich

InformaCam ist eine Erweiterung der App ObscuraCam. Sie wurde ebenfalls vom Guardian Project entwickelt und wirkt auf den ersten Blick wie der genaue Gegenentwurf zum neuen Programm. Mit ObscuraCam lassen sich Personen auf Bildern unkenntlich machen und sämtliche Metadaten aus der Datei beseitigen, um die Identität und im Zweifelsfall das Leben des Urhebers zu schützen. InformaCam hingegen sammelt fleißig kompromittierende Daten. Die gleichen Informationen, die bei der Verifikation nützlich sind, können Filmer oder Fotografen in Gefahr bringen.

Kein Widerspruch, sagen die Entwickler. Schließlich würden die Daten doppelt verschlüsselt, mit TOR bei der Übertragung und die Dateien selbst mit PGP. Das steht für Pretty Good Privacy, ein Verfahren, bei dem die Datei einerseits signiert und andererseits verschlüsselt wird. Die Signatur erfolgt bei InformaCam anhand des Sensorrauschens der Handy-Kamera.

ObscuraCam und InformaCam seien sich gar nicht so unähnlich, sagt Freitas, denn beide sammelten Metadaten. "Aber statt diese Daten wegzuwerfen, sorgt InformCam dafür, dass sie auf sichere Weise zu denen gelangen, die sie sehen sollen." Derzeit läuft der Alpha-Test der App (siehe Fotostrecke), eine fertige Version soll es in drei bis sechs Monaten geben. Man denke über eine Version für Apples iOS nach, so Freitas, Android sei jedoch derzeit wegen seiner Reichweite deutlich besser geeignet.

Forum

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insgesamt 14 Beiträge
1. Prinzipiell gute Idee aber ...
MrStoneStupid 02.02.2013
... es sollte mehr Konfigurationsmöglichkeiten geben (z.B. Auswahlmenü, welche Metadaten man wünscht). Bilder und Metadaten sollten auch unverschlüsselt nur mit (mehreren) Prüfsummen gespeichert werden können. Selbstverständlich [...]
... es sollte mehr Konfigurationsmöglichkeiten geben (z.B. Auswahlmenü, welche Metadaten man wünscht). Bilder und Metadaten sollten auch unverschlüsselt nur mit (mehreren) Prüfsummen gespeichert werden können. Selbstverständlich muss es auch möglich sein, nur rein passiv ermittelbare Metadaten zu verwenden. Die App sollte schlank und robust sein - die Bildbearbeitung muss in ein Extraprogramm. (imho)
2. optional
at.engel 02.02.2013
Die Apps helfen also die Authentizität von Fotos zu belegen, über deren Authenzität sowieso kaum Zweifel bestehen. Nur sind heute die ersten Zeugen meist die Betroffenen selbst, das heißt Amateure, denen solche Fragen in dem [...]
Die Apps helfen also die Authentizität von Fotos zu belegen, über deren Authenzität sowieso kaum Zweifel bestehen. Nur sind heute die ersten Zeugen meist die Betroffenen selbst, das heißt Amateure, denen solche Fragen in dem Moment wahrscheinlich herzlich egal sind. Und auf solche Bilder zu verzichten, können sich die Medien eigentlich gar nicht mehr leisten. Auch wenn die Authenzität nicht ganz klar sein sollte.
3. optional
vhn 02.02.2013
Da fragt man sich doch, ob die "Aktivisten" in den Krisengebieten alle Iphones bzw. Android-Handys haben? Und sich dann noch gezielt diese App installieren?
Da fragt man sich doch, ob die "Aktivisten" in den Krisengebieten alle Iphones bzw. Android-Handys haben? Und sich dann noch gezielt diese App installieren?
4. Vielen Dank!!!
original-native 02.02.2013
Vielen Dank für die Wahrheit! So und jetzt haben wir's, wer einmal Lügt dem glaubt man nicht mehr!!! Diese Aktivisten- in Wirklichkeit Terroristen verbreiten permanent Propagandafotos- welche zum größten Teil inszeniert sind und [...]
Vielen Dank für die Wahrheit! So und jetzt haben wir's, wer einmal Lügt dem glaubt man nicht mehr!!! Diese Aktivisten- in Wirklichkeit Terroristen verbreiten permanent Propagandafotos- welche zum größten Teil inszeniert sind und diese Terroristen werden vom Westen unterstützt? Schande über das Haupt Saudis, Quatars, der Türkei und vor allem USA und des Westens welche doch immer so friedlich sind und Demokratie wollen..
5. Übersetzungspanne
lottjonn 02.02.2013
"Noise" (engl.) ist in diesem Zusammenhang mit "Rauschen" zu übersetzen. Rauschen ist zum guten Teil ein Zufallsprozess, daher zur Verschlüsselung geeignet. Die Programmierer verwenden also Sensorrauschen, [...]
"Noise" (engl.) ist in diesem Zusammenhang mit "Rauschen" zu übersetzen. Rauschen ist zum guten Teil ein Zufallsprozess, daher zur Verschlüsselung geeignet. Die Programmierer verwenden also Sensorrauschen, nicht Sensorgeräusche.

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