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18.11.2012
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Historische Bildmontagen

Die Zukunft von gestern

Von Michael J. Hußmann
Sammlung Peter Weiss, www.postcard-museum.com

Heute ist das Morgen von gestern: Vor 100 Jahren zeigten Ansichtskarten Visionen der Zukunft - einer Zukunft, die theoretisch unsere Gegenwart wäre. Stadtplanung und Verkehr gehörten zu den populärsten Themen retrofuturistischer Bildmontagen.

Für den größeren Teil des vorigen Jahrhunderts markierte das Jahr 2000 den Kulminationspunkt aller Science-Fiction-Phantasien; die Chiffre "2000" stand symbolhaft für die Welt der Zukunft. Als es dann so weit war, fiel die Realität allerdings ein wenig anders aus als die Zukunft, die wir erwartet hatten. Weder flogen wir im Jahr 2000 mit einem Raketenrucksack, noch verbrachten wir den Urlaub auf einer Mondbasis; unsere Mahlzeiten nahmen wir nicht in Pillenform ein und vor allem führten wir kein Leben in luxuriösem Müßiggang, während Roboter den gesellschaftlichen Wohlstand mehrten.

Die Zukunftsprognosen von einst entfalten heute, da sie längst überholt sind, einen eigentümlichen Charme; als Retrofuturismus sind sie wieder stilprägend geworden. Websites wie www.retro-futurismus.de und blogs.smithsonianmag.com/paleofuture widmen sich diesem Thema, und auch die Ausstellung "Science Fiction" im Bonner Haus der Geschichte zeigt ab November Beispiele dafür. Einige davon aus der Ansichtskarten-Sammlung von Peter Weiss, auf die wir für diese Artikelserie zurückgreifen.

Ansichtskarten waren ein wichtiges Medium dieses Genres, zumal Science-Fiction-Themen eine willkommene Abwechslung zu klassischen Ortsansichten boten, wie sie Urlauber für Postkartengrüße an die Daheimgebliebenen kauften. Statt reale Sehenswürdigkeiten zu dokumentieren, nutzten Verlage die Montage, um Stadtansichten in Visionen der Zukunft zu verwandeln: "Durch Anbringen aller erdenklichen Zukunftsideen stellt die Karte ein Bild der betreffenden Stadt in der … Zukunft vor. Sehr ulkig! Ungeheurer Absatz!", warb der Verlag Lederer und Popper 1906.

In die Luft gehen

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts eroberten sich Autos und Fahrräder einen immer größeren Anteil am Straßenverkehr. Nach der Eroberung des Luftraums durch Zeppeline und Flugzeuge lag daher die Annahme nahe, dass diese Verkehrsmittel bald eine ähnliche Verbreitung erreichen würden - der Bürger der Zukunft würde seine private Flugmaschine besteigen, um auf kürzestem Wege alle innerstädtischen Ziele zu erreichen.

Auch der Bau immer höher aufragender Wolkenkratzer legte nahe, den Verkehr in Ebenen oberhalb des Straßenniveaus zu verlagern. Schon vor hundert Jahren hätte nur ein Drittel der in den Hochhäusern New Yorks beschäftigten Menschen gleichzeitig Platz auf den Straßen gefunden. Das vertikale Wachstum sprach dafür, die Stadt der Zukunft in Ebenen mit jeweils eigenen Verkehrsverbindungen zu untergliedern. Auf Straßenschluchten überspannenden Brücken konnten Hochbahnen und Schwebebahnen direkte Verbindungen zwischen den Wolkenkratzern schaffen, die sie wie eine Bergbahn durch einen Tunnel passierten. Über der Ebene des Straßenverkehrs und den noch darunter liegenden U-Bahn-Linien würden Flugzeuge den freien Luftraum darüber nutzen. Statt über den Wolken sollte der Pilot der Zukunft zwischen den Hochhausfassaden der eng bebauten Innenstädte fliegen.

Die Vorstellung von Flugmaschinen, mit denen man sich über den Autoverkehr auf verstopften Straßen hinweg in den Luftraum der Häuserschluchten erheben würde, hat den Science-Fiction-Film nachhaltig inspiriert, angefangen mit Fritz Langs "Metropolis" (1927) bis zum "Spinner" in Ridley Scotts "Blade Runner" (1982) oder Korben Dallas' Lufttaxi in "Das fünfte Element" von Luc Besson (1997). In der Realität erwies sich der Personennahverkehr im niedrigen Luftraum als wenig praktikabel, aber dem Traum davon tat das keinen Abbruch - bis heute findet man ihn in fast jeder filmischen Vision einer Stadt der Zukunft verwirklicht.

Bei aller Begeisterung für den innerstädtischen Flugverkehr gerieten auch Flüge zu weiter entfernten Zielen nicht aus dem Blickfeld. Ein 1930 entstandenes Bild (siehe Fotostrecke) zeigt eine auf das Jahr 1940 datierte Vision des Stuttgarter Hauptbahnhofs, dessen Dach als Abschussrampe für Raketenflugzeuge dienen sollte - "Oben bleiben" einmal anders. Lange vor Edmund Stoibers Transrapid-Plänen zur Flughafenanbindung sollte für kurze Wege von der Bahn zum Luftschiff gesorgt sein.

Auf dem Gebäude des 1922 errichteten Kopfbahnhofs wartete der Zeppelin nach New York auf Passagiere. Der Künstler konnte nicht ahnen, dass schon sieben Jahre später der Niedergang der Zeppeline beginnen würde, eingeleitet durch die Katastrophe des LZ 129 "Hindenburg". Mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Kriegseintritt der USA wurde dann auch die Idee einer Linienverbindung zwischen Stuttgart und New York hinfällig.

Nah am Wasser gebaut

Rätselhafter als die Visionen von Flugmaschinen in Häuserschluchten erscheint ein anderes, in verschiedenen europäischen Großstädten vertretenes Motiv: die von Wasserstraßen durchzogene Stadt. Ließ Friedrich Torberg später seine "Tante Jolesch" sagen, alle Städte seien gleich und nur Venedig "ein bissl anders", so stand hier der Wunsch Pate, alle Großstädte in ein Abbild Venedigs zu verwandeln. Ansichtskarten aus Berlin, Paris oder London zeigten die vertrauten Landmarken, statt Straßen und Plätzen aber Kanäle und Seen. Dabei war nicht an eine Flutkatastrophe durch die Hochwasser führende Spree, Seine oder Themse gedacht, sondern an eine planvolle Umgestaltung des Stadtbilds, inklusive Booten, die Autos und Fahrräder ersetzen sollten.

Diesem Motiv entsprachen keine realen Projekte. Die Stadtplanung zielte meist ganz im Gegenteil auf das Trockenlegen und Zuschütten vorhandener Wasserstraßen, um zusätzliches Bauland zu gewinnen. Nur auf dem Wege der Bildmontage näherte man sich wenigstens im kleinen Maßstab Kurt Tucholskys "Ideal" (1927) - "Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse / vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße" -, indem man den Pariser Platz überflutete und am Brandenburger Tor einen Hafen errichtete. In London stellte man sich Ähnliches für den Piccadilly Circus vor, während Pariser Ansichtskarten den Vorplatz des Palais du Trocadéro fluteten.

Versatzstücke

Die Ansichtskarten waren billig produzierte Massenware, und da sich ein erfolgreiches Motiv durch Abwandlungen in noch größerer Zahl verkaufen ließ, findet man in den Ansichtskarten die immer gleichen Versatzstücke wieder. Verlage wie Lederer & Popper arbeiteten mit Fotografen und Schreibwarengeschäften der jeweiligen Städte zusammen, von denen sie sich Stadtansichten schicken ließen. Die Originalbilder wurden um Staffagefiguren ergänzt, in der gewünschten Auflage gedruckt und zum Verkauf durch die lokalen Geschäftspartner an diese zurückgeschickt. Genau dieselben skurrilen Flugmaschinen, die sich auf der einen Karte im Luftraum über dem Hamburger Jungfernstieg tummeln, sieht man daher auf einer anderen über Goslar fliegen. Ein Fahrrad-Luftschiff, das über dem Hamburger Hafen schwebt, findet man exakt kopiert am Leipziger Himmel wieder, ebenso wie eine Schwebebahn, die auf dem Weg nach Kamerun auch die Straßen Berlins überquert und als Berlin-Marokko-Bahn den Tiergarten - angesichts des vom deutschen Kaiserreich unterstützten Projekts einer Bagdad-Bahn gar kein so unrealistisches Zukunftsszenario. Da Fotos der Wuppertaler Schwebebahn offenbar rar waren, wandelten die findigen Montagekünstler ähnliche Motive ab: So wurden die Stromabnehmer einer elektrischen Straßenbahn zur Aufhängung einer Seilbahn umgedeutet, wobei man den Schaffner trotz der nun luftigen Fahrthöhen an der offenen Tür stehen ließ.

Auch dort, wo nicht gleich ganze Elemente der Montage mehrfach verwendet wurden, kann man typische Motive identifizieren. In der Menschenmenge einer Stadt der Zukunft findet man unweigerlich einen dunkelhäutigen, elegant gekleideten Passanten, der ein kosmopolitisches Flair vermitteln sollte. So konnte man sich selbst in der Provinz, ganz unabhängig von den erwarteten technischen Innovationen, als künftige Weltstadt mit internationalem Publikum präsentieren.

Die Zukunft, die niemals war

Die Zukunftsvisionen vom Anfang des 20. Jahrhunderts zeichnet ein naiver Optimismus aus, der uns nach zwei Weltkriegen und den Erfahrungen mit der Kehrseite des technischen Fortschritts weitgehend abhanden gekommen ist. Aber eben diese Naivität macht heute den Charme der Visionen aus. Die historischen Bildmontagen illustrieren weniger technische Visionen als Wunscherfüllungsphantasien - den Traum, sich von den verstopften Straßen in die Lüfte zu erheben, in ferne Länder zu reisen oder zu Hause wenigstens die Annehmlichkeiten einer von Wasserwegen durchzogenen Stadt genießen zu können. Technische Entwicklungen wie die der Schwebebahn, des Zeppelins oder des Flugzeugs ermöglichten lediglich die Konkretisierung solcher Wunschvorstellungen. Weil diese Ansichtskarten auf allgemein menschliche Hoffnungen zielten, waren sie so erfolgreich, und aus demselben Grund faszinieren sie uns noch heute.

Aus "Docma - Magazin für Digitale Bildbearbeitung", Ausgabe 6/2012

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