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23.12.2012
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Fotografie

Wie man mit einer Fackel Lichtbilder malt

Von Cyrill Harnischmacher
Cyrill Harnischmacher

Kreise und Konturen, gemalt mit einer brennenden Fackel in eine Langzeitbelichtung: Solche Fotos sind nicht ganz einfach, aber mit Vorbereitung klappt das schon. In einem neuen Buch erklärt ein Profi, wie man solche Kunststücke fertigbringt - ein Auszug.

Zusammen mit dem Gitarristen Jan Henning realisierte ich im letzten Jahr ein spannendes Buch- und Musikprojekt, bei dem einige außergewöhnliche Gitarren seiner Sammlung porträtiert und in Szene gesetzt wurden. Einige besondere Aufnahmen hatten wir für seine Hauptgitarre, eine siebensaitige Les Paul, vorgesehen.

Das Konzept

Passend zur Farbe des in das Instrument eingearbeiteten Halbedelsteins, ein Katzenauge (daher auch der Name des Projektes "Ojo de Gato"), wollten wir das Instrument in einer Aura von Feuer abbilden. Nach einigen Überlegungen, das Ganze per Einzelaufnahmen zu bewerkstelligen und später in Photoshop zu montieren, entschieden wir uns aber recht bald dazu, die Herausforderung anzunehmen und die Aufnahme "in einem Schuss" zu realisieren. Einerseits hatten wir so die Möglichkeit, eine ganze Reihe von Aufnahmen zu machen und auch dem Zufall eine Chance zu geben, andrerseits standen wir dadurch vor dem Problem, sehr unterschiedliche Beleuchtungssituationen in einer einzigen Aufnahme unter einen Hut zu bekommen.

Geplant war erstens, die Gitarre mit der besagten Aura zu umgeben, zweitens das Instrument auch als Ganzes so zu beleuchten, dass die Form gut zur Geltung kommt. Und schließlich sollte das Katzenauge von innen in der Farbe der Flammen leuchten.

Location-Suche

Das Konzept stand, jetzt brauchten wir nur noch eine Location, an der wir unsere Vorstellung verwirklichen konnten. Voraussetzung war eine möglichst große freie Fläche mit genügend Abstand zum Hintergrund, damit eventuelles Streulicht keinen Einfluss auf Objekte in der Umgebung nehmen konnte. Auch sollte der Aufnahmeort von der Umgebung abgeschirmt sein, denn auch die Scheinwerfer vorbeifahrender Autos oder erleuchtete Fenster in der Ferne würden auf den Aufnahmen sichtbar sein. Schließlich war noch ein Untergrund wichtig, der zum Gesamtmotiv passen sollte. Fündig wurden wir bei einem befreundeten Landschaftsgärtner, dessen Lagerplatz von hohen Bäumen umrandet ist. Zu unserer großen Freude stand genau in der Mitte des Platzes auch noch ein großer Natursteintisch, auf dem wir das Instrument platzieren konnten und um den herum genügend Raum vorhanden war, um die geplante Beleuchtung zu realisieren. Glück muss man haben.

Der Aufbau

Eine Gitarre freistehend sicher aufzustellen, ohne dass sie während der Aufnahmen umkippt und womöglich beschädigt wird, ist keine leichte Aufgabe. Vor allem dann, wenn die Befestigung nicht auf dem Bild sichtbar werden darf. Der einzige Auflagepunkt ist der hintere Gurtpin mit etwa einem Quadratzentimeter Grundfläche. Nach einigen Experimenten entschieden wir uns dafür, einen Gitarrenständer so zu modifizieren, dass er komplett hinter dem Korpus der Gitarre verschwindet. Dafür mussten wir zum einen die Standbeine deutlich kürzen und zum anderen die obere Halterung, die normalerweise den Hals knapp unter der Kopfplatte hält, auf ein Minimum beschränken. Durch die gekürzten Beine verlor die Konstruktion allerdings etwas an Standfestigkeit. Um das auszugleichen, befestigten wir am unteren Ende des Ständers das Gegengewicht eines Galgenstativs. Das ca. 5 kg schwere Gewicht sorgte dafür, dass der Schwerpunkt unserer Halterung deutlich nach unten verlegt wurde und so der ganze Aufbau sicher stand. Den Hals der Gitarre sicherten wir schließlich noch mit transparenter Nylonschnur. Trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen stand während der späteren Aufnahmen immer einer von uns knapp außerhalb des Motivbereichs, um im Notfall die Gitarre auffangen zu können.

Die Beleuchtung

Jetzt mussten wir zuerst das Katzenauge präparieren. Da es an der Stelle eines ehemaligen Schalters in den Gitarrenkorpus eingebaut war, konnten wir die noch vorhandene Revisionsklappe auf der Rückseite des Korpus entfernen und einige batteriebetriebene LED-Leuchten installieren. Die dazu passende Stromversorgung ließ sich gut auf der Rückseite der Gitarre verstecken.

Als Zweites richteten wir die Grundbeleuchtung der Gitarre ein. Hierbei kam ein Systemblitzgerät als Lichtquelle zum Einsatz, an dem mittels eines flash2softbox-Adapters ein Striplight mit Wabenfilter als Lichtformer befestigt war. Dieses weiche, aber doch gerichtete Licht erlaubte es uns, die Form des Instruments deutlich hervorzuheben und schöne Lichtkanten auf Hals und Korpus der Gitarre und auf den Saiten zu erzeugen.

Das Blitzgerät wurde auf 1/1 Leistung eingestellt, über einen Funkauslöser von der Kamera aus angesteuert und bei Beginn der Langzeitaufnahme gezündet. Damit nicht zu viel Blitzlicht auf den Steintisch fiel, richteten wir das Striplight leicht nach oben.

Ein weiterer Aspekt für den teilweisen Einsatz von Blitzlicht war außerdem, dass das Licht der Fackeln wegen der anderen Lichtfarbe einen extremen Orangestich auf dem Instrument erzeugt hätte. Diesen mit einer Verstellung der Farbtemperatur an der Kamera auszugleichen, hätte auch die Farbigkeit des Feuers beeinflusst.

Nachdem wir die Gitarre sicher aufgebaut hatten, konnten wir uns um die Vorbereitung der Feuereffekte kümmern. Der Aufbau der gesamten Szenerie hatte einige Zeit in Anspruch genommen, so dass schon fast vollkommene Dunkelheit herrschte.

Als Fackeln hatten wir einige Holzlatten an der Spitze mit etwas Baumwolltuch umwickelt, das wir nun für die ersten Aufnahmen mit ein wenig Lampenpetroleum tränkten. Nach einigen Probeaufnahmen hatten wir die richtige Balance zwischen Langzeitbelichtung und Blitzlicht gefunden. Bei Blende 8 hatten wir circa 15 Sekunden Zeit, die brennende Fackel hinter der Kontur der Gitarre entlangzuführen, so dass ein Teil der Flamme immer von der Gitarre verdeckt wurde. Allerdings stellte sich heraus, dass je nach Menge des verwendeten Petroleums die Flamme mal heller, mal weniger hell brannte. Das Ergebnis waren teilweise überbelichtete Aufnahmen des Feuers. Da die Beleuchtungsdauer aber schon auf die LEDs abgestimmt war, blieb uns als einziger Ausweg, die Aufnahme nicht sofort beim Anzünden der Fackel auszulösen, wenn die Flamme zu intensiv leuchtete, sondern eine Weile zu warten.

Damit mein Sohn Jona, der für die Licht-Performance zuständig war, nicht auf den Aufnahmen zu sehen war, hatte er sich, bis auf einen kleinen Bereich um die Augen, vollkommen schwarz gekleidet. Auch die Holzlatten der Fackeln hatten wir am Tag zuvor mit mattschwarzem Lack eingefärbt.

Nachdem sich herausstellte, dass wir Belichtungszeit, Blitzlichtbeleuchtung und Lichtperformance gut im Griff hatten, konnten wir uns schließlich um die Hauptaufnahmen des gesamten Shootings kümmern. Hierbei sollte die Gitarre in einem komplett geschlossenen Feuerkreis stehen. Dafür hatten wir einige Tage vorher schon das entsprechende Werkzeug vorbereitet. Eine etwa 170 cm lange Holzstange präparierten wir genauso wie die Fackeln mit Baumwollstoff, den wir um die Enden wickelten. In der Mitte der Stange befestigten wir einen 15 cm langen Griff aus Holz, der nur mit einem Nagel mit der langen Stange verbunden war, so dass sich die Fackelstange um den Nagel als Achse drehen ließ.

Für die Aufnahme konnten wir jetzt die brennenden Fackeln um einen feststehenden Punkt drehen. Wichtig war dabei, die Aufnahme erst zu starten, wenn sich der Stab gleichmäßig drehte, und zu beenden, während er noch in Bewegung war, um An- und Absatzstellen zu vermeiden. Als krönenden Abschluss machten wir noch einige Aufnahmen, bei denen Jona während der Belichtung rückwärts lief. Das Ergebnis ist der Lichttunnel, den Sie am Anfang dieses Beitrags sehen. Dafür mussten wir die Belichtungszeit allerdings auf 25 Sekunden erhöhen, um einen möglichst langgezogenen Tunnel zu erreichen. Insgesamt machten wir etwa 30 bis 40 Aufnahmen mit unterschiedlichen Lichtspuren.

Selbstverständlich wurden alle Aufnahmen im RAW-Format erstellt, um eine optimale Bildqualität zu gewährleisten. Außer der RAW-Entwicklung war insgesamt nur wenig Bildbearbeitung notwendig, bei manchen Aufnahmen musste allerdings die Intensität des LED-Lichtes leicht nachbearbeitet werden.


Dieser Text beschreibt, wie die Fotos in dem Buch "Ojo de Gato - seen by Cyrill Harnischmacher" entstanden sind. Darin porträtiert Cyrill Harnischmacher die spektakulärsten Exemplare aus Jan Hennings Gitarrensammlung.

Forum

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insgesamt 1 Beitrag
1. Geht auch aus der Hand …
winterfeldplatz 23.12.2012
Fire Artist in San Pepelone (Pepelow) - a set on Flickr (http://www.flickr.com/photos/n_netzer/sets/72157624546049166/)
Fire Artist in San Pepelone (Pepelow) - a set on Flickr (http://www.flickr.com/photos/n_netzer/sets/72157624546049166/)

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