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21.01.2013
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3-D-Drucker

Revolution aus der Düse

Von Thomas Escher
MakerBot Industries

Ein kleiner Laden in Manhattan soll das Epizentrum der nächsten industriellen Revolution werden. Das Unternehmen MakerBot verkauft dort 3-D-Drucker, mit denen jeder Privatkunde Tassen, Lampen und alle möglichen anderen Objekte herstellen kann.

Sieben leere, schwarz lackierte Bierkisten hängen an der Wand. Die indirekte Beleuchtung lenkt die Aufmerksamkeit auf die schnaubenden, rüttelnden Kunststoffboxen. Ein ausrangierter Mikrowellen-Drehteller fährt im Inneren langsam auf und ab, während eine fingerdicke Aluminiumdüse unaufhörlich flüssigen, roten Kunststoff ausspuckt. Süßlich und warm hängt der Geruch von heißem Plastik in der etwa 60 Quadratmeter großen Galerie.

Das hier ist keine Vernissage für zeitgenössische Kunst, sondern eine Szene aus dem kürzlich eröffneten Ladengeschäft des 3-D-Drucker-Herstellers MakerBot in Downtown Manhattan. Die Bierkisten entpuppen sich bei genauerer Inspektion als Ausstellungsstücke des derzeit technisch wohl besten 3-D-Druckers für Privatanwender: Der Replicator 2 ist ein desktopfähiges Endgerät mit einem vergleichsweise niedrigen Startpreis von umgerechnet etwa 1.650 Euro, gemacht für Garagentüftler und Heimwerker. Bre Pettis, Chef von MakerBot, formuliert seine Vision ganz unbescheiden: "Unser Hauptziel ist es, die nächste industrielle Revolution vorzubereiten."

Von der Mediendemokratie zur Fertigungsdemokratie

Glaubt man Pettis, wird die bevorstehende Revolution zum Kinderspiel.

Seine Vision sieht etwa so aus: Immer günstiger werdende 3-D-Drucker bekommen einen festen Platz auf heimischen Schreibtischen. Designer und ambitionierte Hobby-Ingenieure erstellen auf der ganzen Welt computergenerierte 3-D-Modelle und teilen sie auf Internettauschbörsen wie MakerBots eigener Plattform Thingiverse mit der Welt. Kostenfreie 3-D-Software wie Googles Sketchup liefert die digitale Werkbank direkt ins Wohnzimmer. Wer also künftig nach einer neuen iPhone-Hülle Ausschau hält, der wühlt sich nicht mehr durch das Überangebot bei Amazon, sondern erstellt oder modifiziert sein favorisiertes 3-D-Modell nach eigenem Gusto. Drei Stunden später kommt es aus dem hauseigenen Drucker. Wer sich die Technik sparen möchte, findet etwa mit Shapeways Anbieter, die die Produktion des eigenen Kunstwerks übernehmen.

"Was die Erfindung des Desktop-Publishing für die Medienbranche war", glaubt Pettis, "ist die rasant fortschreitende Entwicklung des Desktop-Manufacturing für die fertigende Industrie."

3-D-Druck: Größer als die Erfindung des Internets

Mit dieser Interpretation ist er nicht allein. Digitalwahrsager wie etwa Chris Anderson springen dem New Yorker Revolutionstheoretiker bei. Der ehemalige "Wired"-Chefredakteur hat zum Jahresende 2012 sein Amt niedergelegt, um sich mit 3-D-Robotics, einer Community-Seite für selbstgebaute ferngesteuerte Flugzeuge, an der nächsten großen Umwälzung zu beteiligen. Bei seinem letzten öffentlichen Auftritt als "Wired"-Chef im November 2012 erklärte Anderson seine Beweggründe mit einer simplen These: "Die Auswirkungen der 3-D-Druck-Revolution werden größer sein, als die Erfindung des Internets."

In jedem von uns stecke ein "Maker", englisch für Tüftler, glaubt Anderson. In seinem gerade erschienenen gleichnamigen Buch findet er unzählige Beispiele, um seine These zu untermauern. Die Kurzfassung: Wir sind alle kreativ. Kochen, schreiben und Fotos machen sind schöpferische Herausforderungen, denen wir uns täglich stellen, weil sie Spaß machen. Aufgrund fehlender Werkzeuge sind diese Aufgaben bislang nicht auf komplexere Herstellungsprozesse übergegangen. Die Demokratisierung des 3-D-Drucks wird das ändern. Stimmt das?

"Wollen Sie diese Broadway Show jetzt drucken?"

Um die Antwort vorwegzunehmen: Es sieht danach aus. Und zwar nicht nur in Bereichen banaler Gebrauchsgegenstände wie der erwähnten iPhone-Schutzhülle. Die Beispiele reichen vom klassischen Prototyping in Ingenieurbüros über Kunstprojekte bis hin zu medizinischen Pionieranwendungen. "Seit der Gründung von MakerBot 2009 haben wir mehr als 15.000 Geräte verkauft", sagt Pettis. "Unsere Kunden reichen von Disney über Google, Ford und Microsoft bis hin zu kleinen Nischenanbietern wie beispielsweise Pebble", einem Hersteller digitaler Armbanduhren mit Smartphone-Anbindung.

Eric Migicovsky, Gründer und kreativer Kopf von Pebble, vertraut bei der Entwicklung seiner Prototypen ausschließlich auf den Replicator 2. Sein Hauptargument: Geschwindigkeit. Mit keiner anderen Technologie lasse sich so schnell ein testfähiger Prototyp erstellen. Im Atelier von Kacie Hultgren verhält sich das ähnlich. Die Bühnenbildnerin vertraut bei der Entwicklung und Design ihrer Broadway Shows ebenfalls auf einen 3-D-Drucker. Damit beschleunigt die Designerin nicht nur ihren eigenen Arbeitsprozess, sondern auch den befreundeter Designer. Auf Thingiverse stellt sie ihre Kreationen der Öffentlichkeit zur Verfügung - Unmut gab es erst kürzlich, als MakerBot sich entschied, Waffenteile aus dem eigenen Angebot hinauszuwerfen. 3-D-Druck wird noch für viel Ärger sorgen. Aber so ist das eben mit Revolutionen.

Medizintechnik als Treiber der Bewegung

"Mehr als 25.000 Designs stehen auf Thingiverse bereits zum Download bereit", erzählt Pettis nicht ohne Stolz. "Die eindrucksvollsten Projekte für mich sind nach wie vor die aus der Medizintechnik". Eines davon trägt den skurrilen Namen "Rest Devices", zu Deutsch "Ruhe-Apparate", und unterstützt Schlaflabore rund um die Welt bei der Diagnose von Schlafapnoe. "Die Preise unserer Apparate wären um ein Vielfaches höher, wenn wir sie im herkömmlichen Spritzgussverfahren herstellen müssten" erklärt Thomas Lipoma, MIT-Student und Mitbegründer von "Rest Devices", den Vorteil des 3-D-Drucks. Ähnlich argumentiert Seth Horowitz, Hilfswissenschaftler an der Brown University in Rhode Island. Mit einem gedruckten, anatomischen 3-D-Modell des menschlichen Innenohrs spart Horowitz seinem Campus jährlich Tausende Dollars, die in der Vergangenheit für die Beschaffung der Vorlagen ausgegeben wurden.

Neben den betriebswirtschaftlichen Vorteilen ist für Bre Pettis vor allem die persönliche Unabhängigkeit der elementare Gewinn seiner Entwicklung: "Wenn du mit der 3-D-Druckerei anfängst, verändert sie dich für immer. Wir liefern dir deine eigene kleine Fabrik direkt auf deinen Schreibtisch. Das Einzige, was du brauchst, ist eine Idee und eine Mindestbestellung von einem Stück." Viva la revolución!

Forum

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insgesamt 121 Beiträge
1.
biogeek 21.01.2013
Da werden sich die ewig gestrigen Copyright-Schreihälse aber freuen, wenn man sich demnächst seine Villeroy&Boch-Ersatzfliesen selber ausdrucken kann. Ich freu mich auch. ^^
Da werden sich die ewig gestrigen Copyright-Schreihälse aber freuen, wenn man sich demnächst seine Villeroy&Boch-Ersatzfliesen selber ausdrucken kann. Ich freu mich auch. ^^
2. Genau
der_pirat 21.01.2013
Genau so wird es kommen. Auch ich sehe in dem Bereich die Zukunft, wenn ich auch glaube, dass es noch zehn Jahre dauern wird, bis ich mir mein neues Taschenmesser drucken kann. Aber dass es so kommt, da bin ich mir sicher. [...]
Genau so wird es kommen. Auch ich sehe in dem Bereich die Zukunft, wenn ich auch glaube, dass es noch zehn Jahre dauern wird, bis ich mir mein neues Taschenmesser drucken kann. Aber dass es so kommt, da bin ich mir sicher. Also Unternehmen: Bereits heute nachdenken!
3.
Mehrleser 21.01.2013
Hurra, SPON hat eine Revolution und ihr Epizentrum entdeckt - dabei gibt es solche 3D-Drucker bereits als Selbstbauprojekte für jedermann. Und wer sich um die Technik nicht kümmern mag, dem stehen Lohndrucker zur Verfügung, die [...]
Hurra, SPON hat eine Revolution und ihr Epizentrum entdeckt - dabei gibt es solche 3D-Drucker bereits als Selbstbauprojekte für jedermann. Und wer sich um die Technik nicht kümmern mag, dem stehen Lohndrucker zur Verfügung, die auch Kleinstauflagen oder Einzelstücke nach Konstruktionsdaten fertigen. Und nicht erst seit jetzt.
4. Wäre witzig,
wohlmein 21.01.2013
wenn Sie nicht "Thomas Escher", sondern M.C. Escher heißen würden.. Die Idee des 3-D Druckens ist jetzt also beim Konsumenten angekommen. Wieviel Jahre hats gedauert? So ca. 8 bis 10. Und schon werden, [...]
Zitat von sysopEin kleiner Laden in Manhattan soll das Epizentrum der nächsten industriellen Revolution werden. Das Unternehmen MakerBot verkauft dort 3-D-Drucker, mit denen jeder Privatkunde Tassen, Lampen und alle möglichen anderen Objekte herstellen kann. Replicator 2: MakerBot eröffnet ersten Laden für 3-D-Drucker - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/replicator-2-makerbot-eroeffnet-ersten-laden-fuer-3-d-drucker-a-878116.html)
wenn Sie nicht "Thomas Escher", sondern M.C. Escher heißen würden.. Die Idee des 3-D Druckens ist jetzt also beim Konsumenten angekommen. Wieviel Jahre hats gedauert? So ca. 8 bis 10. Und schon werden, sinnloserweise, wieder einige Arbeitsplätze für weniger Qualifizierte wegfallen. In Berlin, wars, glaube ich, wo eine Dame Kleider aus Milch druckt. Kaum zu glauben, aber wahr. ist zu hoffen, die Gespinste nicht allzu lange halten, bzw. dieses Verfahren für Jeans nicht anwendbar ist. Sonst: Malta und Vietnam und Bangladesh: adieu! Und eines Tages wohnen wir in gedruckten Villen im Tessin ? Ein Bilderstürmer
5. Echte Revolution
blowup 21.01.2013
Das wird mit Sicherheit eine Revolution. Zahnersatz zum selber machen. Man sollte nur nicht seine Schlüssel irgendwo rumliegen lassen. Sonst macht einer mit der Hnady-App ne Aufnahme und druckt den nach.
Das wird mit Sicherheit eine Revolution. Zahnersatz zum selber machen. Man sollte nur nicht seine Schlüssel irgendwo rumliegen lassen. Sonst macht einer mit der Hnady-App ne Aufnahme und druckt den nach.

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