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03.02.2013
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Programmierprojekt

Codesprache Arabisch

Von Hakan Tanriverdi
Ramsey Nasser

Wie abhängig sind Programmierer von der englischen Sprache? Sehr, hat Ramsey Nasser herausgefunden. Deswegen hat er eine neue Programmiersprache geschaffen - auf Arabisch.

"Hallo Welt!" - dieser Satz steht meist am Beginn des Programmierens in einer neuen Sprache. Zwei einfache Worte, eigentlich ein guter Einstieg. Trotzdem hat Ramsey Nasser knapp sechs Monate gebraucht, bis sein Computer ihm die zwei Wörter samt Ausrufezeichen korrekt anzeigte. Nasser, der 25 Jahre alt ist und in Tennessee lebt, hat den Code komplett auf Arabisch geschrieben, in einer Programmiersprache, die er selbst entwickelt hat.

Seine Sprache nennt er Alb, übersetzt heißt das Herz. Sie ist ein Kunstprojekt, das aber voll funktionstüchtig ist. Allerdings ist sie inkompatibel zu anderen Programmiersprachen, da diese Englisch als Hauptsprache nutzen. "Für Entwickler ist die Primärsprache Englisch", sagt Nasser. Codes auf Arabisch zu schreiben, in den gängigen Programmiersprachen oder Texteditoren, sei grundsätzlich problematisch: Mal hängen sich die Programme auf, mal reagieren sie überhaupt nicht. Nasser will mit seinem Projekt zeigen, wie abhängig Programmierer vom lateinischen Alphabet sind. "Das ist weder gut noch schlecht", sagt er, "es ist einfach so."

Das Programmieren hat sechs Monate gedauert. Dann stand "Merhaba ya Aalam" auf dem Bildschirm - die Übersetzung von "Hallo Welt", natürlich in arabischen Schriftzeichen. Nasser studiert am New Yorker Technologiezentrum Eyebeam, Alb ist seine Jahresarbeit, drei Programme hat er insgesamt geschrieben.

"Der hässliche amerikanische Programmierer"

Was auf den ersten Blick wie eine Lappalie klingt, ist in Wahrheit ein größeres Problem. Chinesisch, Hebräisch, Arabisch; für Menschen in Ländern, die keine lateinischen Schriftzeichen benutzen, lesen sich Programmiersprachen bloß wie aneinander gereihte Symbolketten. "Wer lernen will, zu programmieren, für den ist es einfacher, wenn er gleich Englisch lernt", so Nasser. Auch wenn es Python und andere Programmiersprachen auf Chinesisch gibt: Anleitungen und Beispiele im Internet sind meist auf Englisch.

Die These, dass alle Englisch lernen sollen, wenn sie coden wollen, nennt Jeff Atwood "Der hässliche amerikanische Programmierer". Atwood, der selbst Programmierer ist, spielt damit auf den Roman "Der hässliche Amerikaner" an. Er spielt in den fünfziger Jahren in Südostasien, wo Amerikaner den kommunistischen Einfluss zurückdrängen wollen. Sie scheitern, weil sie sich überwiegend arrogant verhalten und gegenüber der vorherrschenden Kultur respektlos sind und deswegen von der Bevölkerung abgelehnt werden. Beim Programmieren sei das grundsätzlich ähnlich. Zu verlangen, dass alle erst Englisch lernen sollen, sei inakzeptabel. Eigentlich.

Denn es gehe auch ums große Ganze, argumentierte Atwood 2009 in seinem Blog: Programmierer seien Bürger des Internets. Menschen, die keiner Fahne ihre Treue schwören, sondern Computerprogrammen, wie er es pathetisch formuliert: "Es geht darum, dass die Hacker kollektiv realisieren, dass es Sinn macht, technische Diskussionen auf Englisch zu führen. Dadurch vereinfacht man es, Dinge durchzuziehen." Mit kultureller Dominanz habe das nichts zu tun. Wenn Globalisierung eine gute Seite habe, dann diese: universales Verständnis per Code.

Alles ist kulturell aufgeladen

Dieses Argument lässt Nasser nicht gelten. Computerprogramme seien per se kulturell aufgeladen. Das beginne schon bei der Namenswahl: "Programmiersprachen benutzen oft rekursive Akronyme", sagt er: "Die sind ein Insiderwitz unter Programmierern." Ein rekursives Akronym ist eine Abkürzung, bei der die Erklärung auf die Abkürzung selbst verweist. Ein beliebtes Beispiel ist PHP, was für "Hypertext Preprocessor" steht - HPP also. Da aber auch etwas vor dem Hypertext passiert, also Prä-Hypertext, steht ein P vor dem H. Alb ist ebenfalls ein rekursives Akronym. Übersetzt heißt es Herz der Programmiersprache. "Jemand, der die Sprache spricht, weiß natürlich, warum die einzelnen Funktionen das tun, was sie tun, er versteht sie schließlich", sagt Nasser.

Mit Alb will Nasser den Menschen, die mit dem lateinischen Alphabet aufgewachsen sind, zeigen, wie es sich anfühlt, keine Befehle zu lesen, sondern nur Muster zu erkennen. Er gibt mittlerweile Workshops.

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insgesamt 80 Beiträge
1. Na ja, geht auch einfacher
alzaimar 03.02.2013
Ein 'Translator', der die Schlüsselwörter einer Programmiersprache ins Arabische übersetzt und ungekehrt würde schon reichen. Dann kann der westliche Programmierer nach dem Übersetzen zumindest die Struktur des Programms [...]
Ein 'Translator', der die Schlüsselwörter einer Programmiersprache ins Arabische übersetzt und ungekehrt würde schon reichen. Dann kann der westliche Programmierer nach dem Übersetzen zumindest die Struktur des Programms verstehen, und mit google translate vielleicht auch in Ansätzen die Namen der Bezeichner (Methoden, Klassen, Variablen, Parameter usw.). Vielleicht wird es auch Zeit für eine multilinguale Programmiersprache, wo alles Elemente übersetzbar sind. Dann kann die Methode in jeder natürlichen Sprache angelegt werden ("SchreibeHalloWelt()") und beliebig übersetzt werden, und der jeweilige Programmierer lässt sich dann eben in seiner Sprache anzeigen. Das Signal hinter der Jahresarbeit ist allerdings bahnbrechend und wirklich einen Artikel wert.
2. Braucht jetzt jedes Land eine eigene Programmiersprache?
marthog 03.02.2013
Das ist doch gerade das Gute an der Programmierung, dass alles in Englisch gemacht wird. Dadurch kann man einfach Codes anderer lesen, ohne eine entsprechende Sprache können zu müssen. Englisch wurde quasi zum Standart und im [...]
Das ist doch gerade das Gute an der Programmierung, dass alles in Englisch gemacht wird. Dadurch kann man einfach Codes anderer lesen, ohne eine entsprechende Sprache können zu müssen. Englisch wurde quasi zum Standart und im deutschen fehlt es auch an etlichen Fachbegriffen, einfach weil sie unnötig sind.
3.
Atheist_Crusader 03.02.2013
Ja. Eigentlich. Realistisch ist es trotzdem. Die Informationstechnologie wurde nunmal mit lateinischen Buchstaben begründet. Das jetzt noch umzuschwenken, würde gewaltige Probleme schaffen, nicht nur mit [...]
Zitat von sysopRamsey NasserWie abhängig sind Programmierer von der englischen Sprache? Sehr, hat Ramsey Nasser herausgefunden. Deswegen hat er eine neue Programmiersprache geschaffen - auf Arabisch. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/alb-ramsey-nasser-kreiert-eine-neue-programmiersprache-a-880362.html
Ja. Eigentlich. Realistisch ist es trotzdem. Die Informationstechnologie wurde nunmal mit lateinischen Buchstaben begründet. Das jetzt noch umzuschwenken, würde gewaltige Probleme schaffen, nicht nur mit Abwärtskompatibilität, sondern auch im täglichen Gebrauch.
4.
verpiler 03.02.2013
Ja, es ist korrekt, dass Englisch die Sprache unter den Entwickler-Sprache ist, und das ist auch gut so! Die IT ist längst zu einem "globalen" Projekt geworden. Tausende von Entwicklern arbeiten an [...]
Zitat von sysopRamsey NasserWie abhängig sind Programmierer von der englischen Sprache? Sehr, hat Ramsey Nasser herausgefunden. Deswegen hat er eine neue Programmiersprache geschaffen - auf Arabisch. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/alb-ramsey-nasser-kreiert-eine-neue-programmiersprache-a-880362.html
Ja, es ist korrekt, dass Englisch die Sprache unter den Entwickler-Sprache ist, und das ist auch gut so! Die IT ist längst zu einem "globalen" Projekt geworden. Tausende von Entwicklern arbeiten an unterschiedlichen Projekten zusammen. Und es war, ist, und wird auch in Zukunft unabdingbar sein, dass man sich hier auf eine gemeinsame Sprache einigt. Wenn es lokale Bestrebungen gibt, ein eigenes Süppchen zu kochen, wird die Revoluzzer garantiert niemand daran hindern. Aber der Anschluss an die "Weltgemeinschaft" ist damit natürlich verloren. Deshalb wird sich so ein Ansatz auch nicht durchsetzen. Wobei die dadurch postulierte Überlegenheit der arabischen Sprache hier unbegründet bleibt. Außerdem frage ich mich, weshalb es so kompliziert sein soll, die Codesprache auf Arabisch umzustellen. Ich gebe zu, kein Wort der Sprache zu sprechen. Aber wenn es unmöglich sein sollte, einen arabischen Programmtext in den Programmtext einer aktuellen Programmiersprache zu überführen, dann muss die Sprache zwangsläufig ganz anders funktionieren, und das kann ich mir nicht vorstellen. Es ist immer möglich, Programmcode einer Sprache in Programmcode einer anderen Sprache zu überführen (solange die Zielsprache "Turing-Vollständig" ist - sind alle gebräuchlichen Programmiersprachen). Ein Programm dafür zu schreiben dauert, je nach Komplexität, ca. eine Woche. Und das ist nun wirklich keine nennenswerte Leistung.
5.
marthaimschnee 03.02.2013
umgekehrt gilt: danke gleichfalls! wie das Bild des Quellcodes eindrucksvoll belegt Und wenn lateinische Zeichen weder gut noch schlecht sind, ist das krampfhafte Umwandeln des Ganzen in nicht-lateinische das auch. Aber: es [...]
Zitat von sysopRamsey NasserWie abhängig sind Programmierer von der englischen Sprache? Sehr, hat Ramsey Nasser herausgefunden. Deswegen hat er eine neue Programmiersprache geschaffen - auf Arabisch. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/alb-ramsey-nasser-kreiert-eine-neue-programmiersprache-a-880362.html
umgekehrt gilt: danke gleichfalls! wie das Bild des Quellcodes eindrucksvoll belegt Und wenn lateinische Zeichen weder gut noch schlecht sind, ist das krampfhafte Umwandeln des Ganzen in nicht-lateinische das auch. Aber: es entsteht dadurch eine Inkompatibilität und das ist definitiv schlecht!

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