Schrift:
Ansicht Home:
Netzwelt

Virtual Reality im Auto

Raumschiffjagd auf dem Rücksitz

Die Kinder nörgeln auf dem Rücksitz? Autobauer Audi stellt auf der Techmesse CES ein System vor, das den Nachwuchs ruhigstellen könnte. Zubehör: eine blickdichte VR-Brille und ein Computerspiel, das sich der Fahrt anpasst. Marktreife: ungewiss.

Foto: Audi
Ausprobiert von
Montag, 07.01.2019   21:54 Uhr

Ich bin in einem Auto in der Wüste, ein paar Kilometer südlich von Las Vegas. Draußen ist es stockdunkel, es ist ungefähr 21.30 Uhr. Meine reale Umgebung sehe ich aber ohnehin nicht, denn ich trage eine Virtual-Reality-Brille (VR-Brille) - und fahre in einem Elektro-SUV mit knapp 150 km/h über eine Rennstrecke.

Gut, dass ich im Fond sitze. Am Lenkrad steuert ein ausgebildeter Fahrer den Wagen über den von Scheinwerfern beleuchteten kurvigen Kurs. Ich schieße währenddessen Raumschiffe ab.

Bis hierhin könnte man die Szene noch als Nerdspielerei abtun. Das Computerspiel in meiner VR-Brille läuft allerdings nicht wie ein normales Spiel ab. Stattdessen passt es sich dynamisch an die Fahrstrecke und Fahrweise an: Gibt mein Fahrer Gas, wird auch die Handlung im Spiel beschleunigt. Geht er in eine Kurve, wird auch die Handlung im Spiel in die entsprechende Richtung geändert.

Der Effekt ist ganz frappierend: Er erinnert ein wenig an gute Flug- oder Rennsimulationen, bei denen man in einem beweglichen Stuhl sitzt, dessen Neigung dem Spielgeschehen angepasst wird, um Beschleunigungs- oder Bremskräfte zu simulieren. Die Kräfte, die ich hier in der Wüste von Nevada spüre, sind aber echt.

Ein bisschen schwummerig

Hinter dem Ganzen steckt Audi: Wie jeder Autobauer hat die Firma ein Interesse daran, sich als Entwickler fortschrittlicher Technik zu präsentieren. Auch deshalb dürfen Journalisten wie ich das System hier schon einmal ausprobieren, lange bevor es serienreif ist, und sich dabei von den Audi-Leuten filmen lassen. Das ist Teil der Inszenierung.

Beim Test ist die Rede von einem "Experience Ride". Bis jetzt, zur Präsentation auf der Tech-Messe CES, habe man drei bis vier Jahre an der Entwicklung dieser Technologie gearbeitet, sagt Nils Wollny, Leiter Digital Business bei Audi. Damit das System so funktioniert, wie ich es erlebe, muss die VR-Brille mit den Sensoren gekoppelt werden, die im Auto Beschleunigungs- und Bremskräfte messen.

Nur so sei es möglich, das echte Fahren und das Spielgeschehen so aufeinander abzustimmen, dass unser Gehirn die virtuelle und die echte Bewegung als eine Bewegung interpretiert, heißt es. Und nur wenn das funktioniert, lässt sich die bei VR-Anwendungen gefürchtete Reiseübelkeit verhindern.

Mir ist nach der Testfahrt trotzdem etwas schwummerig im Magen. Und normalerweise bin ich nicht so empfindlich.

Fotostrecke

Für Oculus Rift, PSVR und Co.: Die 20 besten VR-Spiele

Eine KI passt das Spiel an das Fahrgeschehen an

Die Idee, VR-Spiele mit dem Fahrverhalten des Autos zu synchronisieren, hat einen simplen, aber einleuchtenden Grund: Mitfahrer sollen die Fahrzeit für andere Dinge nutzen können als bloß aus dem Fenster gucken. So jedenfalls sieht es Audi.

Mit VR-Games, die ihren Spielverlauf dynamisch an die Fahrweise anpassen, sollen sich Kinder und Jugendliche ablenken. Denkbar sind aber auch Lehrinhalte, die beispielsweise eine Reise durchs Weltall oder durch den menschlichen Körper simulieren.

In dem vorgeführten Spiel, das Audi zusammen mit Disney entwickelt hat, geht es darum, Asteroiden und fremde Raumschiffe im Weltall abzuschießen. Gezielt wird, indem man das Ziel mit den Augen anvisiert, geschossen per Knopfdruck auf einer kleinen Fernbedienung. Bei der Testfahrt wirkt das Geschehen fast, als würde es nach einem Drehbuch ablaufen, so gut passen die Übergänge ineinander.

Tatsächlich habe man aber nur versucht, verschiedene Fahrsituationen auf der Strecke zu simulieren: Autobahn, Landstraße und Stadtverkehr, sagt Audi-Mann Wollny. Trotzdem werde das Spielgeschehen ständig dynamisch vom Computer an die Fahrsituation angepasst, eine künstliche Intelligenz sorge dabei für einen reibungslosen Ablauf.

Fotostrecke

Brillen-Bilanz: So steht es gerade um Virtual Reality

Künftig ohne Kabel

Die Hardware, die Audi bei diesen Testfahrten einsetzt, wirkt noch ziemlich klobig. Mir wird eine Oculus Rift aufgesetzt, die über dicke Kabel mit einem leistungsstarken PC verbunden ist, der wohl im Kofferraum versteckt ist. Für die Serienversion sollen einmal kabellose VR-Brillen genutzt werden, die keinen externen Computer brauchen. Noch sei deren Leistung nicht hoch genug, wird mir erzählt.

Doch bis das System fertig ist, um an Endanwender verkauft zu werden, wird es auch noch eine Weile dauern. Erst einmal wollen seine Macher Spieleentwickler und weitere Autohersteller für die Idee begeistern.

Dazu hat Audi das Start-up Holoride gegründet. Das Unternehmen hält an der neuen Firma nur einen Minderheitsanteil, Chef wird ab Februar Audi-Manager Wollny. Holoride soll zunächst ein Entwicklerkit bereitstellen, eine Software also, die es Dritten ermöglicht, Inhalte für die neue Technik zu entwickeln.

Die große Aufgabe kommt noch

Wenn alles gut geht, soll es ungefähr Ende 2020 erste VR-Brillen mit Holoride-Technik und dazu passende Spiele geben, die sich per Bluetooth mit Autos verbinden lassen.

Wollny schwärmt davon, wie man mit solchen Brillen VR-Spiele zu Hause spielen und abgewandelte Varianten derselben Titel dann im Auto wird weiterspielen können. Wie die Games zu den Spielern kommen, ist noch nicht entschieden. Denkbar ist für Audi eine Art Abo-System nach dem Vorbild von Netflix oder Spotify. Gut möglich ist allerdings auch, dass das Holoride-System in Zukunft noch einmal ganz anders aussieht und ganz andere Dinge kann als die, die Audi jetzt präsentiert.

Ob solch ein System erfolgreich sein wird, dürfte auch von der Software abhängen. Die grundlegende Technik für Virtual Reality im Auto ist nun zwar entwickelt. Jetzt müssen als Nächstes aber noch die Games, die den Gedanken eines sich dynamisch ans Autofahren anpassenden Spiels umsetzen, erfunden werden.

insgesamt 23 Beiträge
peho65 07.01.2019
1. Mal ganz ehrlich ...
... die bekommen ihre Motoren und die Abgase nicht in den Griff, aber wollen mit VR punkten? Lächerlich!
... die bekommen ihre Motoren und die Abgase nicht in den Griff, aber wollen mit VR punkten? Lächerlich!
inovatech 08.01.2019
2. Ich finde das gut
dann brauchen sich Kinder gar nicht mehr anpassen oder etwas im Leben aushalten (vlt. ein paar Stunden Autofahrt). Eigentlich unzumutbar für die "Kleinen". Das ist sehr gut für das spätere Leben. Vielleicht sollte man [...]
dann brauchen sich Kinder gar nicht mehr anpassen oder etwas im Leben aushalten (vlt. ein paar Stunden Autofahrt). Eigentlich unzumutbar für die "Kleinen". Das ist sehr gut für das spätere Leben. Vielleicht sollte man die Kinder für die Fahrt narkotisieren, dann haben alle ihre Ruhe.
ka.lauer 08.01.2019
3. Prima, Audi!! - Vorsprung durch Bullshit
Anscheinend gibt es mittlerweile viel mehr IT-ler als herkömmliche Motoren- und Fahrzeugingenieure. Warum sonst verpasst der Vorsprung durch Technik-Konzern den Anschluss im Motorenbau und setzt stattdessen auf solch, [...]
Anscheinend gibt es mittlerweile viel mehr IT-ler als herkömmliche Motoren- und Fahrzeugingenieure. Warum sonst verpasst der Vorsprung durch Technik-Konzern den Anschluss im Motorenbau und setzt stattdessen auf solch, Entschuldigung, ebenso hirnrissige wie vollkommen überflüssige Gimmicks. Und ich meine hier auch explizit nicht nur Enterteinment-Software, sondern auch - O-Ton Kanzlerin: Schummelsoftware
moriar 08.01.2019
4. spielerei von audi
welches kind bleibt denn beim vr zocken ruhig sitzen? schups, schon knallt dem fahrer der controller an den kopf. ich bin vr-enthusiast, aber das bringt vr nicht wirklich weiter.
welches kind bleibt denn beim vr zocken ruhig sitzen? schups, schon knallt dem fahrer der controller an den kopf. ich bin vr-enthusiast, aber das bringt vr nicht wirklich weiter.
pterodactylus 08.01.2019
5. Im Europapark
gibt es ein solches System für eine Achterbahn, nicht mit KI oder so, aber angepasst, sodass man eine wilde Fahrt durch fantastische Welten fährt, während man durch die Achterbahn entsprechend beschleunigt wird. Das Problem [...]
gibt es ein solches System für eine Achterbahn, nicht mit KI oder so, aber angepasst, sodass man eine wilde Fahrt durch fantastische Welten fährt, während man durch die Achterbahn entsprechend beschleunigt wird. Das Problem dabei: Bild und Beschleunigung sind manchmal nicht 100% synchron und mir ist beim letzten Besuch innerhalb der kurzen Fahrt speiübel geworden (bei einem früheren Besuch ging es). Das gleiche Phänomen erleben auch so einige Nutzer von Oculus, wenn keinerlei Beschleunigung auftritt z.B. Für manche, die nicht unter motion sickness leiden, mag es daher ein tolles System sein, für Kinder jedoch, die nicht unbedingt Bescheid geben... würde ich einen Reinigungsservice für das Auto mitbuchen.

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP