Schrift:
Ansicht Home:
Netzwelt

Online-Spiel "Star Citizen"

Auf der Suche nach der 150-Millionen-Dollar-Formel

Fans spendeten für die Entwicklung von "Star Citizen" mehr als 150 Millionen Dollar. Drei Deutsche erforschen nun, wieso so viele Menschen Geld ausgeben für ein Spiel, das sich noch gar nicht richtig spielen lässt.

Star Citizen
Von
Sonntag, 10.09.2017   12:56 Uhr

Ein offizielles Release-Datum für die Vollversion des Online-Spiels "Star Citizen" ist noch lange nicht in Sicht. Und trotzdem hat das Spiele-Universum schon fast zwei Millionen virtuelle Einwohner. Sie alle haben echtes Geld ausgegeben für Raumschiffe, die sie nur in einer Testversion des Spiels fliegen können. Dank dieser Raumschiff-Anleihen soll aber die Vollversion auf den Markt kommen können - irgendwann.

Die Entwicklung der teuersten Weltraumsimulation aller Zeiten wird vollständig von ihren Fans und Nutzern bezahlt. Mehr als 150 Millionen US-Dollar (125 Millionen Euro) konnte "Star Citizen"-Erfinder Chris Roberts per Crowdfunding bis dato einsammeln, eine Rekordsumme.

Wie aber gelang es Roberts, eine weltweite und scheinbar auch über Jahre nicht abebbende Euphorie zu entfachen für ein Spiel, das sich noch gar nicht richtig spielen und immer weiter auf seine Vollversion warten lässt? Und mehr als das: Wie konnte der Entwickler das Interesse der Fans in eine Millionen-Finanzierung verwandeln?

Drei deutsche Wirtschaftswissenschaftler wollen diese Fragen nun erforschen: Jan-Philipp Ahrens, Dennis Steininger und Andrew Isaak werden im kommenden Wintersemester an der Universität Mannheim ein Forschungsseminar veranstalten mit dem Titel "'Star Citizen': The Art of Going Beyond Crowdfunding in the Video Gaming Business". Übersetzt heißt das: "Über die Kunst, in der Videospieleindustrie über Crowdfunding hinauszugehen".

Fotostrecke

Star Citizen: Unendliche Weiten, unendliche Möglichkeiten

"Star Citizen" als Lehrstück des Community -Aufbaus

Zu welchen Ergebnissen die Forscher kommen werden, ist natürlich noch offen. Ein paar Thesen, mit denen sich der Erfolg von "Star Citizen" erklären ließe, haben die Crowdfunding-Experten aber schon. "Wir glauben, dass da eine spezielle und besonders gute Form von Community-Pflege hintersteht", sagt Ahrens. "Wir hoffen, das auch statistisch festmachen zu können."

Unabhängig von dem Spiel hätte sich der "Star Citizen"-Begründer nämlich als visionäre Führungsfigur hervorgetan und das Videospiel als Lehrstück für künftige Gründer und Unternehmensmanager interessant gemacht. "Star Citizen ist das erfolgreichste Crowdfunding-Projekt aller Zeiten", erklärt der Crowdfunding-Forscher Isaak. "Uns interessiert die Management- und Leadership-Leistung, die zu diesem Erfolg geführt hat."

Von früheren Untersuchungen wisse man, dass eine emotionale Ansprache der Fans wichtig sei. Das fange schon beim Titel des Spiels an, glaubt Isaak: "Der Name 'Star Citizen' suggeriert: Hier bekommst du die Gelegenheit, dich an etwas Größerem zu beteiligen." Umgerechnet etwa 50 Euro kostet es, zu einem Bürger der virtuellen Sternennation zu werden. Das ist der Einstiegspreis für ein Starterpaket, mit dem man Zutritt zu den fünf verfügbaren Spielemodulen und ein Raumschiff bekommt.

Bereits 2012 hatte sich Erfinder Roberts mit einer eigenen Kampagnen-Seite von der Plattform Kickstarter und der etablierten Gamesbranche losgesagt. Er begann, auf eigene Faust Spenden für sein Vorhaben einzuwerben. "Star Citizen" sollte ein unabhängig von den großen Publishern produziertes Weltraum-Epos werden - eine offene Welt mit nahezu unendlich vielen Möglichkeiten.

Über fünf Jahre hinweg wurden die Funding-Ziele immer höher gesteckt. Jedes einzelne wurde erreicht. Von dem Geld soll das Entwicklerstudio hinter dem Spiel, Cloud Imperium Games, neue Features oder erweiterte Spielewelten finanzieren.

Interessante Daten im Netz verfügbar

Doch die Arbeit an dem Spiel zieht sich weiter hin. Eine Testversion ist seit 2013 spielbar. Jetzt warten die Fans gespannt auf die Veröffentlichung der Einzelspieler-Kampagne "Squadron 42", die bereits für 2016 angekündigt worden war, dann aber auf dieses Jahr verschoben wurde.Roberts will das Spiel angeblich nicht veröffentlichen, solange es nicht "perfekt" sei.

Interessant für Wissenschaftler macht "Star Citizen" auch die Tatsache, dass jede Menge Daten über das Projekt auf einer eigenen Webseite verfügbar sind. "Seit Beginn der Kampagne ist dort alles, was das Unternehmen gemacht oder angekündigt hat, dokumentiert worden", sagt Ahrens: Geldbeträge, Nutzerzahlen, Funding-Ziele , Pressemitteilungen und Meilensteine. "Die Homepage stellt eine riesengroße Datenbank dar, die wir als Forscher nutzen können. Das ist einzigartig."

Und was hält der Entwickler von dem Projekt? Ein Sprecher von Cloud Imperium Games sagte auf Anfrage, man könne sich eine Zusammenarbeit mit den Forschern womöglich vorstellen. "Es klingt nach einer interessanten Idee", so der Sprecher.

Eine Klausur zu "Star Citizen" wird es im Mannheimer Seminar nicht geben, stattdessen sollen die Seminarteilnehmer wissenschaftliche Abschlussarbeiten schreiben. Das Ziel ist es, die Ergebnisse auch zu veröffentlichen. Falls sich kein wissenschaftliches Journal für das Thema interessieren sollte, werde man die Forschungsarbeit unabhängig publizieren. Das Interesse am Kulturgut Computerspiel und an dem Phänomen 'Star Citizen' reicht bis "in die Mitte der Gesellschaft" hinein, glaubt Ahrens.

Mehr zum Thema auch bei SPIEGEL Plus

insgesamt 27 Beiträge
KlausF20 10.09.2017
1. Feature Creep
Die Verzögerungen lassen sich zumindest teilweise durch Chris Roberts' Persönlichkeit erklären. Schon bei seinen früheren Spieleprojekten sind während der Entwicklungsphase die Kosten und Hardwareanforderungen stetig [...]
Die Verzögerungen lassen sich zumindest teilweise durch Chris Roberts' Persönlichkeit erklären. Schon bei seinen früheren Spieleprojekten sind während der Entwicklungsphase die Kosten und Hardwareanforderungen stetig gestiegen, weil er dazu neigt die Latte für das, was er als "perfekt" ansieht, immer höher zu legen. Mehr Features, mehr Möglichkeiten, mehr Kosten, längere Wartezeit.
Msc 10.09.2017
2.
"Irgendwann ist Etwas, das man sagt, wenn man Niemals meint." Das Spiel wird nicht rauskommen, solange die Spenden fließen. Warum sollte es auch? Wenn man mehr Geld machen kann, wenn man nichts veröffentlicht, warum [...]
"Irgendwann ist Etwas, das man sagt, wenn man Niemals meint." Das Spiel wird nicht rauskommen, solange die Spenden fließen. Warum sollte es auch? Wenn man mehr Geld machen kann, wenn man nichts veröffentlicht, warum sollte man noch etwas veröffentlichen?
thelix 10.09.2017
3.
Schließen Sie bitte nicht von sich auf andere Menschen.
Zitat von Msc"Irgendwann ist Etwas, das man sagt, wenn man Niemals meint." Das Spiel wird nicht rauskommen, solange die Spenden fließen. Warum sollte es auch? Wenn man mehr Geld machen kann, wenn man nichts veröffentlicht, warum sollte man noch etwas veröffentlichen?
Schließen Sie bitte nicht von sich auf andere Menschen.
xibo 10.09.2017
4. Vier Gründe
Ich bin auch ein Star Citizen, ziemlich früh eingestiegen, noch in der ersten Crowdfunding-Runde. Meines Erachtens gibt es vier Gründe für den grossen Erfolg: >1. Es ist ein PC-Spiel2. Die Teaser Videos zeigten früh die [...]
Ich bin auch ein Star Citizen, ziemlich früh eingestiegen, noch in der ersten Crowdfunding-Runde. Meines Erachtens gibt es vier Gründe für den grossen Erfolg: >1. Es ist ein PC-Spiel2. Die Teaser Videos zeigten früh die Qualität< Man konnte sehr früh erahnen, welch hochklassige Optik Star Citizen haben würde und die Vision, wohin die Reise hingehen soll, wurde früh anschaulich aufgezeigt.. >3. Der Gründer hat seine Klasse bereits früher bewiesen< Chris Roberts hat bereits in den Neunzigern Top Games entwickelt und seine Ambitionen sind plausibel und unterstützenswert. >4. Es fehlt(e) eine Top-Weltraum-Simulation am Markt< Star Citizen hat gezeigt, dass es einen Markt für Weltraum-Simulationen gibt, welcher lange Zeit wegen geringer Erfolgsaussichten nicht bedient wurde. Ausserdem gibt es beim "Look and Feel" zwangsläufig auch Parallelen zu Star Wars und Star Trek. Dazu fehlt es mWn nach an zeitgemäßen Top-Games, so dass auch deshalb viele Fans der Filme angesprochen und zu Star Citizen gelockt wurden.
winterwoods 10.09.2017
5. Negatives Menschenbild?
"Wenn man mehr Geld machen kann, wenn man nichts veröffentlicht, warum sollte man noch etwas veröffentlichen?" - Es verhält sich hier wie mit dem bedingungslosen Grundeinkommen: Die Mehrzahl der Menschen WÜRDE [...]
"Wenn man mehr Geld machen kann, wenn man nichts veröffentlicht, warum sollte man noch etwas veröffentlichen?" - Es verhält sich hier wie mit dem bedingungslosen Grundeinkommen: Die Mehrzahl der Menschen WÜRDE arbeiten (liefern) - einfach weil es erfüllt. Denn, Überraschung, nicht allen Menschen geht es primär um Faulheit und Geld - sondern eher um Sinn. Dies gilt sogar für die überwiegende Mehrzahl aller Menschen dieses Planeten. Warum hatte der Schöpfer von Minecraft noch jahrelang an seinem Spiel weitergearbeitet - obwohl er schon längst Millionär war? Warum labert Gronkh immer noch seine Lets-Plays - obwohl auch er schon längst Millionär ist? Also: Manche sollten vielleicht ihr eigenes Menschenbild überarbeiten ;)

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP