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Netzwelt

Werben um die Webstars

Bitte, bitte streamt unser Spiel

Damit sich ein Spiel gut verkauft, brauchen Hersteller vor allem eins: Aufmerksamkeit. Früher hofierten sie die Spielepresse, heute versuchen sie, Streamer zu begeistern - oder zu bezahlen.

Szene aus dem "Goat Simulator"-Ableger "GoatZ"

Von
Sonntag, 08.10.2017   07:22 Uhr

Für Gamer ist das Digitalzeitalter praktisch: Ständig erscheinen Spiele, manche bekommt man nach wenigen Monaten zu Ramschpreisen. Kleine Hersteller sehen den Markt anders: Ihre Neuheiten konkurrieren mit Dutzenden, teils Hunderten Produkten - und den Werken der letzten Jahrzehnte. Schafft es ein Spiel nicht auf die Startseiten von Steam oder iTunes, müssen seine Macher aktiv werden, damit Spielefans es überhaupt entdecken.

Viele Entwickler verbindet derselbe Traum: ein prominenter Auftritt ihres Spiels auf YouTube oder Twitch. Was Let's-Player wie PietSmiet oder Gronkh präsentieren, ist Hunderttausenden ein Begriff, bei PewDiePie oder Markiplier sogar Millionen weltweit. War es früher die Spielepresse, seien heute Streamer der "heilige Gral" der Games-PR, sagt Marketingexperte Matthijs Dierckx.

Eine von Dierckx' Thesen lautet: Je enthusiastischer jemand ein Spiel vorstellt, desto größer die Chance, dass der Beitrag Verkäufe generiert. Doch per Rollendefinition fällt Journalisten und Spielekritikern das Schwärmen schwerer als Streamern, die sich als Spielefans inszenieren. Presseberichte machen Games demnach bekannt, bringen aber nicht unbedingt Umsatz.

Anders mancher Stream: In der "New York Times" schätzte neulich ein Entwickler, ein PewDiePie-Video über sein Indie-Spiel "Crypt of the Necrodancer" habe ihm zeitnah rund 60.000 Dollar an Extra-Verkäufen beschert. Kurz darauf verriet Spieldesigner Sean Vanaman - weil er sich über PewDiePie ärgerte -, dass seine Firma allein von "Firewatch" mehr als 3000 Keys, also kostenlose Exemplare, an Profi- und Amateur-Streamer verschickt habe, in der Hoffnung auf viele Videos.

Lesetipp: So steht es um die Let's-Play-Szene

Marketing-Mann Dierckx sagt, manche Studios würden Mitarbeiter monatelang dafür abstellen, mit YouTubern in Kontakt zu kommen. Auch mittelgroße Webstars mit 250.000 Abonnenten seien interessant, wenn sie sich zum Beispiel einem bestimmten Spielegenre widmen.

Silja Gülicher, PR-Managerin bei Nintendo Deutschland meint: "Wenn YouTuber sagen, dass sie ein Spiel gut finden, dann denkt der Großteil ihrer Communities wahrscheinlich ähnlich. Diese Botschafter-Funktion ist sehr wichtig für uns."

Manche Firmen zahlen Honorare

Den Streamern ist diese Rolle bewusst - und manche wollen sie sich gut bezahlen lassen, weit über die Einnahmen durch Video-Klicks und über Reisekosten-Erstattungen hinaus. "Mir hat mal ein Berater eines YouTubers gesagt, dass sogenannte, horrende Opportunitätskosten anfallen würden, um den von ihm vertretenen YouTuber von der Teilnahme an einem unserer Events zu überzeugen", erzählt Thorsten Küchler, PR-Manager bei Square Enix - ein Angebot, das Küchler ablehnte.

Square Enix lade Presse und YouTuber "gleichberechtigt" zu Events ein, sagt Küchler, bezahlen wolle man niemanden dafür, Spiele der Firma zu präsentieren. Ähnlich hält es Nintendo Deutschland, wo Webstars "nur bei besonderen Aktionen", etwa Autogrammstunden in einer anderen Stadt, Honorare bekommen.

Jens Kosche, Deutschland-Geschäftsführer von Electronic Arts, sagt, dass seine Firma manchmal bezahlte Kooperationen mit YouTubern eingehe - klar gekennzeichnet, darauf bestehe EA. Tatsächlich hat EA, nach dem ein oder anderen Branchenärger, mittlerweile klare Transparenz-Regeln für das Zusammenspiel mit Influencern aufgestellt.

Fünf Prozent vom Kaufpreis

Wie viel Einfluss auf die Verkäufe Streams konkret haben, hat ein Datenwissenschaftler von Twitch 2016 herauszufinden versucht. Seine Schätzung: Bei manchen Spielen könnten allein Twitch-Übertragungen der Auslöser für rund 20 Prozent der Verkäufe bei Steam gewesen sein.

Seit diesem Jahr bietet Twitch seinen Nutzern die Option, Spiele, die gestreamt werden, direkt unter dem Videofenster zu kaufen. Streamer, die mit Twitch als "Partner" kooperieren, können bei so generierten Verkäufen von Spielen sowie In-Game-Objekten fünf Prozent des Kaufpreises abbekommen.

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Vom DLC bis zur Lootbox: Geschäftsmodelle von Videospielen

Spiele, wie für Streamer gemacht

Kaum zu übersehen ist, dass die Bedeutung der Streamer das Spieldesign beeinflusst. In Tradition etwa des "Goat Simulator" oder des "Surgeon Simulator" wirken heute viele Minispiele wie fürs Spielen vor Publikum optimiert.

Dass die Videomacher ständig neues, gut präsentierbares Material suchen, machen sich kleine Studios wie Pixel Maniacs zunutze. Die Nürnberger Firma hat mit "King of the Pit" ein kostenloses Spiel speziell für Livestreamer entwickelt, das ihr zufolge auch schon von 530 Streamern gespielt wurde. Ein Kniff: Wenn jemand "King of the Pit" per Twitch überträgt, postet ein Bot im Chat nebenan Werbung für kostenpflichtige Spiele von Pixel Maniacs.

"Von unserem Marketingbudget fließen 70 bis 80 Prozent ins Influencer-Marketing, sagt Firmenchef Benjamin Lochmann, "etwa für T-Shirts, die wir verschenken, oder für Eventbesuche, zum Kennenlernen von Webstars."

Wer kann, wählt aus

Ein weiterer Weg, Streamer zu ködern, sind speziell für sie gemachte oder freigegebene Inhalte. "Gib ihnen exklusives Zeug", rät auch Marketing-Mann Matthijs Dierckx, "wie Level, die sonst niemand spielen darf."

Wie so etwas praktisch geht, zeigt zum Beispiel der Spielehit des Jahres, "Playerunknown's Battlegrounds". Hier haben einige Dutzend Influencer Zugänge zu Spielvarianten bekommen, die normalen Käufern noch nicht offenstehen. Entsprechend attraktiv ist es für die Streamer, mit den seltenen Szenen um neue Zuschauer zu werben.

Als Partner habe man vor allem Leute ausgewählt, die das "Battlegrounds"-Spielprinzip schon länger beschäftige, sagt der Entwicklungschef des Spiels, Brendan "Playerunknown" Greene. Es bekomme nicht jeder alles, nur weil er Streamer sei. Wer jetzt noch Partner werden will, könne sich online bewerben - wenn er denn zum Beispiel mindestens 50.000 YouTube-Abonnenten mitbringt.

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insgesamt 5 Beiträge
darkcookie 08.10.2017
1. Nintendo und die Streamer - eine Geschichte voller Missverständnisse
Das ist interessant, hat doch Nintendo in der Vergangenheit immer wieder versucht, die Streamer einzuschränken. Erst kürzlich hat man sich bei Nintendo entschieden, Live-Streams zu verbieten: [...]
Das ist interessant, hat doch Nintendo in der Vergangenheit immer wieder versucht, die Streamer einzuschränken. Erst kürzlich hat man sich bei Nintendo entschieden, Live-Streams zu verbieten: https://www.kotaku.com.au/2017/09/nintendo-creators-program-will-no-longer-let-youtubers-live-stream/ Das kommt bestimmt super an! „Diese Botschafter sind sehr wichtig für uns“ - aha, soso.
ryo_de_paris 08.10.2017
2. Nintendo hat recht
Das Problem ist doch, dass viele die Spiele selbst nicht mehr spielen und unkritisch die Meinung ihres jeweiligen Streamers übernehmen. Dass Streamer vermehrt, zwecks clickbaiting, sogenannte "unpopular opinions" oder [...]
Das Problem ist doch, dass viele die Spiele selbst nicht mehr spielen und unkritisch die Meinung ihres jeweiligen Streamers übernehmen. Dass Streamer vermehrt, zwecks clickbaiting, sogenannte "unpopular opinions" oder schlicht Unwahrheiten verbreiten, hat dazu beigetragen Diskussionen über Videospiele zu vergiften. Jetzt kann man sich im Internet (teilweise auch IRL) nicht mal mehr über ein Spiel unterhalten ohne das einem permanent gesagt wird wie besch*ssen es ist, weil Streamer XY das behauptet. Sicher mag es gewisse Synergie Effekte geben, ich denke jedoch dass der umgekehrte Fall (Spieler kaufen sich ein Spiel doch nicht), aufgrund von Streamern die alles schlecht machen müssen, häufiger auftritt. Nintendo stellt nunmal Videospiele her, sie wollen das sie gespielt, und nicht wie ein Film bei twitch geschaut werden.
Bürger Icks 08.10.2017
3. Habe ich noch nie verstanden
Spiele gucken, statt sie zu spielen. Ist wie Sport gucken statt ihn zu machen. Ich setze mich doch nicht vor meinen Rechner um mir passive "Unterhaltung" zu geben, wie beim Fernsehgucken. Ich schaue doch nicht [...]
Zitat von ryo_de_parisDas Problem ist doch, dass viele die Spiele selbst nicht mehr spielen und unkritisch die Meinung ihres jeweiligen Streamers übernehmen. Dass Streamer vermehrt, zwecks clickbaiting, sogenannte "unpopular opinions" oder schlicht Unwahrheiten verbreiten, hat dazu beigetragen Diskussionen über Videospiele zu vergiften. Jetzt kann man sich im Internet (teilweise auch IRL) nicht mal mehr über ein Spiel unterhalten ohne das einem permanent gesagt wird wie besch*ssen es ist, weil Streamer XY das behauptet. Sicher mag es gewisse Synergie Effekte geben, ich denke jedoch dass der umgekehrte Fall (Spieler kaufen sich ein Spiel doch nicht), aufgrund von Streamern die alles schlecht machen müssen, häufiger auftritt. Nintendo stellt nunmal Videospiele her, sie wollen das sie gespielt, und nicht wie ein Film bei twitch geschaut werden.
Spiele gucken, statt sie zu spielen. Ist wie Sport gucken statt ihn zu machen. Ich setze mich doch nicht vor meinen Rechner um mir passive "Unterhaltung" zu geben, wie beim Fernsehgucken. Ich schaue doch nicht anderen dabei zu, wie sie Spass beim Spielen haben, während ich an dem Gerät sitze, mit dem ich das Spiel selber spielen könnte. Man kann höchstens mal kurz ein Let´s Play angucken um sich die Grafik im Spiel anzugucken, dazu braucht es aber auch keinen Stream. Ohne Ton am Besten, denn dann hört man das ganze "Ich machs fürs Geld"-Gelaber nicht. Ich habe jedenfalls noch nie einen Stream eines Spiels angucken müssen, statt das Spiel selbe zu spielen. Und mich könnte auch die Meinung eines Streamers oder Let´s Players etc. nicht dazu veranlassen, ein Spiel zu kaufen oder eben nicht. Man bildet sich doch lieber seine eigene Meinung, oder? Und ich habe noch nie, wirklich nie jemanden sagen hören, das ein Spiel schlecht wäre weil irgendein dahergelaufener Streamer das mal irgendwo gesagt hatte. So leicht zu beinflussende "Mit dem Mainstream-Schwimmer" kenne ich dann wahrscheinlich einfach nicht... xD Man fühlt sich bei diesen Streamern auch ein wenig an spezielle "Pizzerien/Lieferdienste" erinnert, in denen der indische Koch türkischen Döner in einer italienischen "Pizzeria" zubereitet und wo von Currywurst bis Mexikanisch alles auf der Karte zu finden ist. Habe damals mal bei diesem Gronkh reingeschaut, weil ich die Ingame-Grafik eines Spiel vor dem Kauf sehen wollte. Habe mich dann köstlich darüber amüsiert das diese Leute wirklich alles spielen aber so gut wie von nix ne Ahnung haben. Wenn ich ein Rennspiel sehen will, dann schaue ich jemandem zu, der auch Rennen fahren kann. Wenn ich einen Shooter sehen will, dann mit jemanden der auch Shooter spielen kann, usw. Und nicht jemanden, der der lieben Kohle wegen so gut wie alles spielt, es aber im Grunde gar nicht richtig kann. Ausserdem, wie unglaubwürdig ist denn ein Streamer(Let´s Player etc.), wenn er das Spiel, das er spielt, die ganze Zeit schlecht macht aber weiterspielt? Den würde ich nie wieder "einschalten", würde ich Spiele gucken statt sie zu spielen, weil es ja offensichtlich ist worum es solchen Leutchen geht.
paradonym 09.10.2017
4. Die Offenheit kommt bei streamern nicht immer.
Nicht immer sind Youtuber offen. Pietsmiet ist offener, wegen der Rundfunkgebühren-Story. In vereinzelten Videos erklärt er wie er spiele bekommt, entweder er hat sie ungefragt bekommen oder fragte den Entwickler nach [...]
Nicht immer sind Youtuber offen. Pietsmiet ist offener, wegen der Rundfunkgebühren-Story. In vereinzelten Videos erklärt er wie er spiele bekommt, entweder er hat sie ungefragt bekommen oder fragte den Entwickler nach gratiskeys... das gleiche bei gronkh und co zu erreichen wird schwieriger. Natürlich ist es da genau so, aber nicht immer ist das in den Videos sinnvoll zu sagen.
Kanalysiert 13.10.2017
5. Immer nur YouTube Blablabla....
Liebe Redaktion, noch nie was von Twitch gehört? Das wäre eine deutlich bessere Onlinegamer Streamerplattform. YouTube ist viel zu statisch und zu wenig interaktiv für echte Gamer, aber für den regulären Mainstream ein [...]
Liebe Redaktion, noch nie was von Twitch gehört? Das wäre eine deutlich bessere Onlinegamer Streamerplattform. YouTube ist viel zu statisch und zu wenig interaktiv für echte Gamer, aber für den regulären Mainstream ein Einstieg. Recherche Recherche - oder bezahlt euch YouTube für die "exklusive" Nennung? ;)

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