29.06.2012
Computerspiele aus Iran
Feuer frei auf den Westen
Von Vandad SohrabiBerlin - Die Lage ist heikel: Die jüngsten Atom-Gespräche in Moskau sind gescheitert, ab dem 1. Juli sollen mit einem Öl-Embargo die Sanktionen gegen Iran weiter verschärft werden. Der Konflikt zwischen Teheran und dem Westen spitzt sich zu.
In der Realität versuchen Diplomaten, die Lage zu entschärfen. In der virtuellen Welt der Computerspiele ist es dafür bereits zu spät. Dort wird längst scharf geschossen, ziehen Truppen und Panzer in die Schlacht. Im Westen füllen Shooter, die politische Feindbilder propagieren, die Kassen der Game-Hersteller. So beschwört etwa der Blockbuster-Titel "Battlefield 3" einen Krieg der USA gegen Iran in der nahen Zukunft.
In dem iranischen Spiel "Special Operation 85: Hostage Rescue" wiederum befreit man als Agent ein iranisches Atomwissenschaftler-Ehepaar aus israelischer Gefangenschaft. So bedienen beide Seiten die Feindbilder. Und Iran legt jetzt nach. Mit der geplanten Veröffentlichung von "Attack on Tel Aviv" erreicht der Propagandakrieg auf dem Spielemarkt einen neuen Höhepunkt.
Denn der iranische Titel ist politisch genau geplant: Der offizielle Verkaufsstart fällt auf den Beginn des Öl-Embargos. Auf Anfrage bestätigte das Büro der iranischen nationalen Stiftung für Computerspiele (IRCG), dass sie das Spiel entwickelt. Die Stiftung bezeichnet sich selbst als gemeinnützige Organisation frei von staatlichem Einfluss. Ihr Ziel ist es nach eigenen Angaben, zum Dachverband der iranischen Spieleindustrie zu werden.
Zum konkreten Inhalt will man vor dem offiziellen Spielstart nichts sagen. So viel ist immerhin klar: "Das Spiel stellt die iranische Reaktion auf amerikanische Soldaten im Kampf auf Teherans Straßen in 'Battlefield 3' dar", sagte Behruz Minaei, Geschäftsführer der nationalen Stiftung für Computerspiele gegenüber der Nachrichtenagentur Fars.
Kampf um die Jugend
"Attack on Tel Aviv" ist offenbar Teil einer staatlich geförderten Spielekampagne. Der Auftrag dazu soll von höchster Stelle kommen, vom religiösen Führer Ali Chamenei persönlich. So berichtet es die Agentur Fars. Das Thema Computerspiele sei auf Anweisung des Revolutionsführers auf die Agenda gesetzt worden, erklärte der Oberste Rat der Kulturrevolution (SCRC).
In Teheran läuft in diesen Tagen die zweite Auflage einer internationalen Spielemesse. Dort sorgt eine andere Spielankündigung für Aufsehen: Die Fatwa gegen den britisch-indischen Schriftsteller Salman Rushdie ist zu einem Videospiel verarbeitet worden: "The Stressful Life of Salman Rushdie and Implementation of his Verdict" lautet der Titel. Die Islamische Studentenvereinigung, eine von der Regierung unterstützte Organisation, hat das Spiel entwickelt und nach eigenen Angaben gerade fertiggestellt. Genaue Angaben zum Inhalt des Spiels sind bislang nicht bekannt.
Auch das iranische Militär ist dabei. In dem ersten selbstproduzierten Ego-Shooter namens "Battle in Gulf of Aden" nimmt der Spieler die Rolle einer iranischen Kampfeinheit ein, die gegen Piraten am Horn von Afrika kämpft. Die iranischen Einsatzkräfte werden als Garanten für globale Sicherheit präsentiert - eine Botschaft, die der iranischen Führung gefallen dürfte.
Die Entwicklung neuer Computerspiele soll auch dabei helfen, die islamische Republik für eine junge Zielgruppe attraktiver zu machen. "Iran ist ein Zentrum für die Entwicklung von Computerspielen in den islamischen Ländern", sagte der Minister für Kultur, Mohammed Hosseini, der Agentur Fars: "Wir wollen zu den Top-Entwicklungsländern für Spiele aufschließen."

