27.07.2012
Eine Stunde mit "London 2012"
Olympisches Spiel fürs Wohnzimmer
Bringen wir die Nostalgie schnell hinter uns: "Summer Games" ist der Klassiker, an den kein anderes Sportspiel rankommen kann. Keines, jemals. Nein. Wenn kein Competition Pro-Joystick abgebrochen werden kann, und die Grafik oberhalb des C64-Standards rangiert, ist es lieblos gemacht. Retrofans mit dem Hang zum Besonderen dürfen oben gerne "International Track & Field" oder "Winter Games" (mein Favorit) einsetzen.
Warum diese Spiele in der der kollektiven Spieleerinnerung immer noch die Bestenlisten anführen? Eigentlich ist das unverständlich, bestanden sie doch hauptsächlich daraus, den Joystick möglichst schnell zu ruckeln und so Pixelmännchen über den Bildschirm rennen zu lassen. Bei manchen Disziplinen musste noch mal im richtigen Moment ein Knopf gedrückt werden. Würde heute ein Spieledesigner so eine Idee anbieten, er würde sofort rausgeworfen.
Genug der Rückschau, heute - und in diesem Fall bei "London 2012", dem Spiel zu dem unvermeidlichen Sportereignis des Sommers - geht das nämlich komplett anders: Man drückt den Knopf ganz schnell und bewegt erst dann den kleinen Stick eines Controllers in die richtige Richtung. Es hat sich also bei der Steuerung nicht all zu viel getan. Dennoch lockt es mich alle vier Jahre (Winterspiele ignoriere ich meistens, gerade bei Videospielen) einmal, die neuesten Sportideen der Spieleindustrie anzuschauen. Diesmal wurde ich positiv überrascht. Mit "London 2012" scheint das erste Mal seit langem ein Spiel auf den Markt gekommen zu sein, das tatsächlich Spaß machen kann. Außenseiter wie die immer wieder amüsanten "Mario & Sonic"-Spiele ignoriere ich dabei.
Nach der etwas mau inszenierten Startzeremonie wähle ich meine Nation. Aus Solidarität starte ich für Griechenland, hoffe, mit dem Underdog der Finanzmärkte wenigstens im Sport etwas erreichen zu können. Auch die Geschichte spielt da hinein: Schließlich waren die Griechen schon in der Antike große Sportsleute, wie man der einschlägigen Fachliteratur "Asterix bei den olympischen Spielen" entnehmen kann.
Im 16 Grad-Winkel zur Silbermedaille
Es geht los. Zwei Disziplinen pro Tag. Ich entscheide mich für Weitsprung und Speerwerfen. Beides ist denkbar einfach umgesetzt: mit regelmäßigem und schnellem Drücken auf den "A"-Knopf wird Anlauf genommen, mit dem linken Stick der Absprungwinkel beim Weitsprung vorgegeben, beim Speerwerfen Winkel und Beschleunigung. Das funktioniert nach einigen Versuchen gut, die Qualifikation ist schnell geschafft. Im Finale versagen dann die Nerven. Mein Weitsprunggott springt immer zu flach ab, obwohl ich sicher bin, den Stick auf mehr als 16 Grad gehalten zu haben. Eine Silbermedaille ist trotzdem drin.
Gold hole ich dann beim Speerwerfen. Schnell laufe ich an, ziehe dann den Stick nach hinten und schnalze ihn im richtigen Moment nach vorne. 86,12 Meter, das ist der Sieg. Am nächsten Tag folgt der 200 Meter-Lauf und das Kajak. Laufen geht wie gewohnt: "A"-Knopf schnell und regelmäßig drücken, zum Schluss ein kleiner Hechtsprung mit dem linken Stick. Dagegen ist die Kajaklenkung fast revolutionär: Mit dem Stick lenken, mit "A" paddeln. Meine Stunde ist mit einem Sieg im 200- Meter-Lauf zu Ende, beim Kajak verpasse ich einige Tore und lande auf den hinteren Plätzen.
Ich werde weiterspielen, allerdings weiß ich nicht, wie lange. Die Disziplinen sind gut und simpel umgesetzt. Trotzdem kitzelt es mich in den Fingern, doch noch ein Quentchen mehr herauszuholen. Die Präsentation ist zwar nicht umwerfend, aber stimmig. Damit scheint "London 2012" ein gutes Sportspiel geworden zu sein. Ich hatte meinen Spaß und glaube, dass es vor allem im Mehrspielermodus Charme entwickeln kann. Da ignoriert man nämlich das Drumherum und schaut nur noch auf die Leistung. Auf das richtige Drücken der Knöpfchen und die exakte Neigung der Sticks. Und darauf, das entscheidende Stück besser zu sein als der Mitspieler.
Das sagen die anderen: Begeisterungsstürme kann "London 2012" unter den Kritikern nicht entfachen. Die meisten sind sich einig, dass das Spiel mit seinen einfach zu lernenden Disziplinen vor allem für Gelegenheitsspieler gut ist und es gerade im Multiplayer seine Stärken entfalten kann. Ein bleibendes Meisterwerk ist es nicht. Aber das hat auch niemand erwartet.
"London 2012" von Sega für Xbox 360 (gespielte Version), Playstation 3 und PC; ab 40 Euro; USK: Ohne Altersbeschränkung

