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26.11.2012
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"Call of Duty - Black Ops 2"

Wie moralisch können Videospiele sein?

Von
AP/ Activision

Im Blockbuster-Shooter "Call of Duty: Black Ops 2" darf der Spieler vermeintlich moralische Entscheidungen treffen. Kopfschuss oder Kniescheibe? Töten oder verschonen? Das Spiel ist bei weitem nicht das erste, das dies versucht - und es scheitert am eigenen Anspruch.

Ich habe in "Call of Duty: Black Ops II" im Blutrausch Gegner mit einer Machete abgeschlachtet, unzählige Afrikaner mit einem Maschinengewehr niedergemäht. Ich habe zugesehen, wie meine Spielfigur mit einem Messer Hälse durchschneidet, ohne eingreifen zu können. Als ich mich dann einmal entscheiden durfte, ob ich einen wehrlosen Gegner in den Kopf oder in die Kniescheibe schießen möchte, habe ich mich für die Kniescheibe entschieden.

"Call of Duty: Black Ops II" ist der neue Teil der zur Zeit erfolgreichsten Spieleserie. Rund 500 Millionen Dollar hat Hersteller Activision am ersten Verkaufstag damit umgesetzt. "Call of Duty"-Spiele sind Ego-Shooter, in denen sich Explosion an Brutalität reiht, die von einer Schlacht zur nächsten springen, diesmal auch noch zwischen Zukunft und Vergangenheit hin und her. Es geht darum, möglichst viele virtuelle Gegner zu erschießen und immer größere Explosionen zu bestaunen. Gleichzeitig ist "Call of Duty" sehr konservativ. Nicht nur wegen eines Gameplays, das kaum mehr als Hochglanz-Moorhuhnschießen ist, zumindest im Einzelspieler-Modus.

"Held der 99 Prozent"

Seit Tom Clancys Werken ist wohl kein Entertainment-Produkt deutlicher in der Gefühlswelt des kalten Krieges hängengeblieben. Ronald Reagan grüßt schon im Intro. Im Spiel selbst kämpft man als Mitglied einer amerikanischen Eingreiftruppe gegen eine Gruppe namens Cordis Die. Eine soziale Bewegung mit terroristischem Arm, deren Anführer im Spiel als "Held der 99 Prozent" bezeichnet wird, ein überdeutlicher Verweis auf die Occupy-Bewegung. Ausgerechnet hier soll ich mein Gewissen befragen, wo ich doch sonst auf einem geraden Weg zum Ziel geschickt werde?

Fehlende Handlungsfreiheit ist ein altes Problem in Spielen. Was eigentlich ein interaktives Medium sein soll, lässt Spieler oft zur Marionette der Entwickler werden. Die einzige Möglichkeit, zum Ende zu kommen, ist in der Regel: Anweisungen zu folgen. Wenn sich die Tür zum nächsten Level erst öffnet, wenn alle Gegner erschossen worden sind, dann erschießt man eben alle Gegner. Alternativen gibt es nicht. Spieler haben sich daran gewöhnt, Entwickler nicht unbedingt. Sie versuchen immer wieder, aus diesem Modell auszubrechen, den Spieler reflektieren zu lassen.

Was "Manhunt" und "Shadow of the Colossus" gemeinsam haben

Zwei der ersten Spiele, die dieses Dilemma selbst zum zentralen Thema machten, könnten unterschiedlicher kaum sein. Da ist einmal "Manhunt" von Rockstar Games, in Deutschland wegen Gewaltverherrlichung verboten. Ein zum Tode verurteilter Mann wird darin gezwungen, an einer blutigen Fernsehshow teilzunehmen. Er muss Gangmitglieder umbringen, um selbst zu überleben und hat nur die Wahl zwischen verschiedenen Mordarten: schnell und einfach, oder langsam und qualvoll. Man fühlt sich dabei sehr schlecht. Beginnt den Spiel-Regisseur zu hassen, der einem mit rauer Stimme Anweisungen ins Ohr flüstert. Er steht für den Entwickler. Der Spieler hat nur eine Chance, dem zu entkommen: Die Konsole abzuschalten.

Das andere Spiel, das dieses Dilemma erlebbar macht, ist "Shadow of the Colossus" von Sony. Darin muss ein einsamer, schweigsamer Held in einer sehr stillen Welt gewaltige Kolosse erklettern und schließlich töten, einen nach dem anderen. Am Ende stellt sich heraus, was man als Spieler bei jedem fallenden Riesen längst gespürt hat: Man hätte das lieber nicht tun sollen.

Die vermeintlich moralischere Wahl wird belohnt

Testspieler bei "Spec Ops: The Line" haben sich genau dazu entschieden. Der verstörende Kriegs-Shooter des Berliner Entwicklerstudios Yager ist lose an "Apocalypse Now" angelehnt. An einer Stelle sollen Spieler darüber entscheiden, welche Person sie vom Galgen holen wollen und welche hängen muss. Zu hart für einige, sie stiegen aus dem Testspiel aus.

"Lange haben Entwickler geglaubt, Spieler würden Moral zum Entscheidungskriterium machen, wenn man sie vor die Wahl stellt", sagt Walt Williams, Drehbuchautor des Spieles. Doch Spieler, so glaubt er, entscheiden nicht nach moralischen Kriterien, sondern danach, was ihnen im Spiel am ehesten weiterhilft, Vorteile bringt. Und da, das wissen Spieler, ist es oft die vermeintlich moralisch korrekte Wahl, die das Spiel belohnt.

Der Ausweg von Yager: Entscheidungen, die keine Auswirkungen auf das weitere Spiel haben. Erst dann geht Spielern die Szene mit den Gehenkten nah, sagt Williams. Ähnlich wie beim sogenannten Trolley-Problem, das von Philosophen und Psychologen eingesetzt wird, um moralische Urteilsfindung zu erforschen: Eine Bahn ist außer Kontrolle geraten, fünf Personen stehen auf dem Gleis. Der Beobachter kann eine Weiche umlegen und die Bahn auf ein Gleis lenken, auf dem nur eine Person steht. Ist es ethisch vertretbar, einen Menschen zu opfern, um fünf zu retten? Ist es vertretbar, einen Menschen auf die Gleise zu schubsen, wenn der den Zug aufhalten könnte? Wo verläuft die Grenze?

In Spielen wie in der Philosophie bleiben solche Entscheidungen zum Glück Gedankenexperimente, mit wenig Kontext und viel Abstraktion. Selten wächst einem eine Figur ans Herz, so wie die Little Sisters in "Bioshock". Kleine Mädchen, die Experimenten ausgesetzt waren und jetzt wertvolle Stoffe in sich tragen. Spieler können sie töten, um an den Stoff zu kommen. Sie können es aber auch lassen.

Vielmehr, als auf die Fragen, kommt es auf den Kontext an, in dem sie gestellt werden. Bei "Manhunt", "Bioshock" oder "Spec Ops: The Line" sind moralische Fragen in Erzählung und in Atmosphäre eingebettet. Bei "Call of Duty: Black Ops II" kommen sie überraschend. Hier ist nie von Moral oder gar Ethik die Rede. Die Entwickler scheinen sich in puncto Schockmomente selbst übertreffen zu wollen, ohne einen Nerv zu treffen. Selbst ein Ausflug in die Haut des Erzbösewichts verstört vor allem wegen seiner Brutalität und hilft wenig, ihn oder gar die Handlung besser zu verstehen.

"Wir versuchen, Entscheidungen und Konsequenzen bedeutsam zu machen", sagt "Call of Duty"-Entwickler David Anthony. Damit scheitert das Spiel, weil die Fragen nach richtig oder falsch hier nur kurz irritieren, einen Moment verzögern, bevor sie von den nächsten Explosionen weggefegt werden.

Immerhin - zum Nachdenken zwingen sie den Spieler ohne Zweifel. Schließlich habe ich ja die Kniescheibe gewählt.

Forum

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insgesamt 67 Beiträge
1. Moral hin oder her
cor 26.11.2012
SPON zeigt uns mit dem erhobenen Zeigefinger, wie unmoralisch Black Ops 2 ist. Es ist ein Ballerspiel, in dem den Pixelfiguren ihr virtuelles Leben aushauchen kann. Solche Entscheidungen bringen einfach etwas Spannung rein und [...]
SPON zeigt uns mit dem erhobenen Zeigefinger, wie unmoralisch Black Ops 2 ist. Es ist ein Ballerspiel, in dem den Pixelfiguren ihr virtuelles Leben aushauchen kann. Solche Entscheidungen bringen einfach etwas Spannung rein und es ist letztendlich dabei völlig egal, ob man Kniescheibe oder Kopf wählt. Es macht rumms und weiter geht das Geballer, das unheimlich viel Spass macht. Da gibt es keinen tieferen Sinn dahinter Es beeinflusst einfach nur die Story etwas und soll den Wiederspielwert erhöhen.
2.
vali.cp 26.11.2012
wieder nix verstanden. Hier stehen keine moralischen Entscheidungen im Vordergrund. Es ist schlicht die Abwägung welche Konsequenzen Entscheidungen im späteren Spielverlauf mit sich bringen. Und entsprechend welche Vor- [...]
wieder nix verstanden. Hier stehen keine moralischen Entscheidungen im Vordergrund. Es ist schlicht die Abwägung welche Konsequenzen Entscheidungen im späteren Spielverlauf mit sich bringen. Und entsprechend welche Vor- bzw. Nachteile sich aus den Entscheidungen auf den eigenen Charakter ergeben. Spontan erinnere ich mich, dass solche Spielsituationen bereits, wenn auch rudimentär, bei Onimusha vorzufinden waren. Auch bei Silent Hill 2 beeinflusste der Spielverlauf das alternative Ende. Fazit: und erneut konstruiert der Autor erfundene Kausalitäten, die gar nicht beabsichtigt wurden.
3. CoD
Gaiwa 26.11.2012
CoD Singleplayer sind interaktive Actionfilme, nicht mehr, nicht weniger. Beschweren sich Kinobesuche darüber, dass sie während Rambo nicht die Handlung beeinflüssen können? Er ist erstaunlich wie weit die Meinung und [...]
CoD Singleplayer sind interaktive Actionfilme, nicht mehr, nicht weniger. Beschweren sich Kinobesuche darüber, dass sie während Rambo nicht die Handlung beeinflüssen können? Er ist erstaunlich wie weit die Meinung und Urteilskraft der Allgemeinheit von der der Kritiker abweicht. Und in gerade in Deutschland ist natürlich immer der erhobene Zeigefinger mit dabei. Warum *müssen* Spiele moralisch oder lehrreich sein? Es ist Erwachsenenunterhaltung und nichts für 10 jährige. Aber das Wichtigste: Moral ist nicht Schwarz/Weiß wie das in Deutschen Medien gerne dargestellt wird. Hier werden Taliban und Hamas immer mal wieder zu Pseudofreiheitskämpfern stilisiert, Dronenangriffe als "Mord" verurteilt, usw. - Eine Sache die extrem negativen Einfluss auf den Einsatz der Bundeswehr hatte: Soldaten wurde quasi gesagt, dass man auf Feinde in 100m Entfernung nicht schießen durfte, solang sie nicht auf einen selbst schießen, Feuerunterstützung gabs nicht, da ja immer "Zivilisten" (deutsch für feindliche Kämpfer die ihre Waffe gerade nicht geschultert haben, oder deren Waffe nach dem Tod entfernt wurde) zufällig verletzt werden könnten. Moralische Entscheidungen mögen in einem Spiel nett sein, aber was nicht nett ist, ist dass Spieledesigner mit Zeigefinger in der Luft zu wissen glauben welche Entscheidung denn die "Richtige" ist. Gerade das gelobte Spec Ops war ein unglaublich schlechtes (!) Spiel, da man von Anfang bis Ende durchgehend den Oberlehrer vor sich hatte: Im Gegensatz zum Test hat man NULL Entscheidungsfreiheit - wenn man Zivilisten nicht mit Phosphor angreift oder ihnen in der Wüste das Wasser raubt, dann geht das Spiel einfach nicht weiter. Man wurde also quasi gezwungen permanent Dinge zu tun von denen man wusste dass sie falsch sind - und auf Wahnvorstellungen beruhen - hatte aber gerade keine Möglichkeit dem zu entkommen: Ausser das Spiel zu beenden. Das war auch die Realität hinter den Sachen mit den Testern: Die sind nicht gegangen weil ihnen das ganze zu sehr an die Nerven ging, sondern weil von 2 Entscheidungen in 100% der Fälle beide falsch waren, oder eine zwangsläufig direkt zum Tod und neuladen führte. Fazit: Wie gesagt: In dieser "Positiv-Liste" an Spielen die es angeblich "richtig machen", gibt es garkeine Gut oder Schlecht möglichkeiten, sondern ausnahmslos schlecht oder noch schlechter. Wenn man für ein Produkt 50€-100€ bezahlt, dann sollte der positive Aspekt nicht daran bestehen, dass es dermaßen schlecht ist, weil die Schreiber einen zu negativen Handlungen zwingen, dass man es nach 30 mins aus der Hand legen will. Aber Hey, Filmkritiker loben ja auch durchaus Movies mit dem Prädikat, dass sie so "schwer zu ertragen sind", dass normale Filmbesucher ihn nicht zu Ende schauen können. Wenn man tatsächliche die mit Abstand realistischste, moralischste, bedeutenste und objektivste "Simulation des Alltags" (als Sodat?) sucht, dann sollte man es mit der Realität probieren. Bundeswehr steht jedem offen. Aber Games und Movies sind Entertaintment, keine digitalen Oberlehrer für Erwachsene, die bewusst "keinen Spaß machen sollen".
4. Andere Medien
chris_7599 26.11.2012
Oh Mann, ich würd mich echt mal freuen, wenn der Görig sich auch über irgendwelche Kinofilme so echauffieren würde und seine philosophische Soße drüber kippen würde. Früher bin ich als Cowboy und Indianer draußen [...]
Oh Mann, ich würd mich echt mal freuen, wenn der Görig sich auch über irgendwelche Kinofilme so echauffieren würde und seine philosophische Soße drüber kippen würde. Früher bin ich als Cowboy und Indianer draußen rumgerannt und hab meine Gegner auch "virtuell" abgemurkst (... oder sie mich). Call of Duty ist ein Ballerspiel, wie oft denn noch, man kann da nicht mehr erwarten außer Gewehr durchladen und schießen. Im Übrigen wird das Spiel in den meisten Foren ziemlich zerrissen und dürfte ein Flop werden.
5. Schuster...
el-gato-lopez 26.11.2012
...blei bei deinem Leisten! Schon wieder so ein Artikel, der von einem grundlegenden Unverständnis(wollen) geprägt ist, was Video/PC-Spiele und ihr jeweiliges Genre (ja oh Wunder, es gibt verschiedene!) angeht. Die CoD Reihe hat [...]
...blei bei deinem Leisten! Schon wieder so ein Artikel, der von einem grundlegenden Unverständnis(wollen) geprägt ist, was Video/PC-Spiele und ihr jeweiliges Genre (ja oh Wunder, es gibt verschiedene!) angeht. Die CoD Reihe hat sich nie durch besonders tiefschürfende moralische Fragestellungen auf der Meta-Ebene etc. ausgezeichnet. Es sind Action Spiele - konkret First Person Shooter. Die Story ist etwa so komplex und anspruchsvoll wie in einem Die Hard Film. Na und? Die Macher erheben ja keinen anderen Anspruch. Dass der Autor noch ein bischen 1/8-Wissen einstreut (wow, der kennt Shadow of the Colossus...) ändert nichts an der mangelnden Fach-, bzw. Genrekenntnis. Überflüssig lieber SPON - macht Politik und nervt Spieler, Autofahrer, Wissenschaftsinteressierte etc. nicht mit eurem Spartenprogramm!

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