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Netzwelt

Was wurde aus... der Boss-Taste?

Moorhuhn weg, der Chef kommt!

Boss-Key, Chef-Taste, Panik-Button: In der PC-Steinzeit kam kaum ein Spiel ohne digitalen Notausgang aus. Für den Siegeszug der Notfalltasten gab es gute Gründe - genau wie für ihr Verschwinden.

phenomedia publishing gmbh
Von
Sonntag, 13.01.2019   21:39 Uhr

Im Oktober 1982 druckte das US-Computermagazin "Softalk" Werbeanzeigen, die kaum Sinn ergaben. Southwestern Data Systems, schon seit 1978 ein emsiger Apple-Software-Zulieferer, warb für "das erste Spiel, das von Aliens programmiert wurde". Käuflich zu erwerben für 34,95 Dollar, per Direktbestellung oder im Handel. Dort, so die Anzeige, solle man einfach nach dem Spiel fragen.

Das Problem daran: Man wusste nicht, wonach man fragen sollte.

Der Name des Spiels wurde, genau wie die Instruktionen im Spiel selbst, in einer Schrift dargestellt, die aussah, als habe man den Fuß "eines dreizehigen denebischen Schleim-Greeb in ein Tintenfass gesteckt und ihm beigebracht, auf Papier zu tanzen". So beschrieb das David Durkee in der ersten Rezension des Spiels. Im Klartext: Man musste per Entschlüsselung erst einmal herausfinden, wie und was man da eigentlich spielen sollte. Die frühe Digital-Community war begeistert von dieser höchst intellektuellen Zumutung.

Wer es schaffte, den Alien-Code in "Bezare" respektive "Brought to Earth" oder auch "Alien Game", wie es bald genannt wurde, zu knacken, durfte sich über ein Spiel freuen, das die damals so populären "Space Invaders"-Varianten auf den Kopf stellte: Man steuerte ein friedliches Alienschiff, das von aggressiven Menschen mit Space Shuttles, Raketen und Panzern attackiert wurde. Sich da adäquat zu wehren, fand Durkee, erfordere schon eine "schizophrene Haltung" von einem Menschen.

Mächtig cool war jedoch nicht nur das, sondern auch ein höchst innovatives Feature, das erstmals in "Bezare" zu erleben war: Die Boss-Taste, die den Spielebildschirm durch eine vermeintliche Business-Anwendung ersetzte.Was für eine naheliegende Idee!

Zocken als Hauptzweck

Was die frühen Heim-PCs an Nutz-Software zu bieten hatten, war ja fast kosmetisch: Elementare Textverarbeitung und erste Tabellenkalkulationsprogramme lieferten zwar die sachliche Begründung für den Kauf der exorbitant teuren Maschinen. Doch die wurden in der Praxis oft genug nur für eines genutzt - zum Zocken. Im Grunde waren die ersten Apple, Altairs, Commodores anspruchsvolle Spielzeuge.

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Computergeschichte: Die Geschichte der Chef-Taste

Daraus machte auch "Softalk", eine der ersten erfolgreichen Publikums-PC-Zeitschriften, keinen Hehl. Hier debattierte die weltweite Elite der Programmierer, hier wurden Business-Anwendungen besprochen, aber vor allem eben auch Spiele. Mit ihnen testete man schließlich die Grenzen des Machbaren aus. Kein Wunder, dass in "Softalk" neben Spiele-Charts auch Listen mit den erreichten Highscores der zockenden Leserschaft ihren festen Platz fanden.

Und die Zahl der Computerfans wuchs damals gerade kräftig, denn PCs begannen, die Welt der Büros zu erobern. Dort lernten nun immer mehr Menschen, mit Rechnern umzugehen - und viele entdeckten, dass man mit denen auch Spaß haben konnte. Damit entstand ein Problem: Wie konnte man verhindern, beim nicht genehmigten Zocken erwischt zu werden?

Eine Spontanidee beim Bierchen

Die Lösung fand Roger Wagner, Chef von Southwestern Data Systems, bei einem Drachenflieger-Lehrgang in Cantamar, Baja California, im März 1981. Er schlug in lustig-illustrer Runde, zu der Tech-Cracks wie Apple-Mitbegründer Steve Wozniak gehörten, einen Keyboard-Kurzbefehl vor, der den Spiele-Bildschirm unter einer sachlich aussehenden Grafik oder Tabelle verschwinden lassen sollte.

Eigentlich, erzählte Wagner in einem Interview mit Chris Torrence im Jahr 2015, habe man nur beim Bierchen gesessen und herumgescherzt. Weil am Tisch auch Spieleentwickler saßen und er selbst als Publisher gerade sein erstes Spiel in Auftrag gegeben habe, sei er spontan auf die Idee mit dem Boss-Key gekommen.

Er erntete herzliche Lacher und beschloss, die Idee so bald wie möglich umzusetzen. Wagner überredete den Entwickler John Besnard, die "Boss-Taste" in seinem Alien-Spiel unterzubringen.

Der erste Boss-Bildschirm, aufgerufen über den Tastaturbefehl Strg+W, erinnerte an ein VisiCalc-Diagramm und sah nach Arbeit aus. Augenscheinlich beschäftigte sich der Computernutzer mit einem Budget ("Einkommen, Hypothek, Telefon, Nahrungsmittel..."). Eine im ersten Augenblick glaubhafte Illusion - wenn man ignorierte, dass über der Tabelle "Outer Space Calculations" geschrieben stand.

Tetrisfriends.com

Nüchterne Sache: der erste Boss-Screen der Computergeschichte

Die schlitzohrig-ironische Simulation von Arbeit sollte den Stil des Boss-Key prägen. Sachlich aussehende Balkengrafiken visualisierten blödsinnige Statistiken. Das schmälerte ihren Erfolg keineswegs: Die Idee verbreitete sich rapide und wurde von zahlreichen Programmierern aufgenommen.

Bereits 1983 hielt der bald auch "Panik-Taste" genannte Boss-Key Einzug in die IBM-PC-Welt ("Friendlyware PC Arcade"). Im gleichen Jahr gönnte Atari als erster großer Publisher einem Mainstreamtitel eine Boss-Taste ("Star Wars").

Der PC-Boom: Das Büro-Spielchen als "Einstiegsdroge"

Für die PC-Hersteller und Spiele-Verleger war die Panik-Tasten-Idee ein Segen. Sie machte es möglich, dass Menschen, die bisher keinen Heim-PC besaßen, da zu spielen begannen, wo sie das nicht sollten: in Büros. Dort zockten nun immer mehr Angestellte, die sich bis dahin keinen Computer leisten wollten oder konnten.

Doch auch das änderte sich nun rapide. Commodores C64 (1982) und mehr noch Modelle wie der Amiga 500 oder Ataris PC-1 (beide 1987) unterboten die Preisniveaus von Apple-Rechnern und IBM-PCs massiv, obwohl sie ähnliche Möglichkeiten boten. "Heute", rief Ataris Chef Sam Tramiel, Sohn des Commodore-Gründers Jack Tramiel, der versammelten Presse bei der Vorstellung seines ersten IBM-kompatiblen PC zu, "erklären wir der Computerindustrie den Krieg!"

Das war keine Übertreibung. Erst die einstigen Spielerechner-Hersteller machten die Heim-PCs zur echten Massenware. Nicht dadurch, dass sie die etablierten Hersteller verdrängten, sondern weil ihr Angriff die Preise für PCs abstürzen ließen - Commodore wie Atari scheiterten letztlich selbst daran.

Im Kielwasser der resultierenden Massenverbreitung boomte auch der Markt für Spiele, die sich via Diskette problemlos "zwischendurch" mal laden ließen. Ohne Boss-Key kam da kaum ein Spiel aus - und am Ende kaum ein Spieler mehr ohne Computer.

"Leisure Suit Larry": So spielte man 1987

Nicht nur populäre Schmuddel-Spielchen wie "Leather Goddesses of Phobos" (1986) oder "Leisure Suit Larry in the Land of the Lounge Lizzards" (1987) boten ihren Spielern den Notausstieg. Auch der Spieleklassiker "Tetris" (1984) verfügte über einen Notausgang - und wurde für die nächsten 25 Jahre zum Inbegriff des "unauffällig zwischendurch" zu spielenden Casual-Games.

Erst 2000 wurde die Popularität von "Tetris" in Deutschlands Büros vom "Moorhuhn" überholt - auch dieses Spiel hatte ab "Moorhuhn 2" eine Boss-Taste.

Doch bald darauf verschwanden die Boss-Kurzbefehle. Im Versandhandel waren noch immer physische "Panik-Knöpfe" oder "Chef-Fußtasten" zu bekommen, mit denen sich Bildschirminhalte überlagern ließen. Längst aber waren sie zu nostalgisch-ironischen Scherzartikeln geworden.

Denn schon 1990 führte Microsoft mit Windows 3.0 das Prinzip des Multitasking in der Welt der IBM-PCs ein (Commodore Amiga: 1985; Apple: 1987). Noch bis Mitte der Neunzigerjahre wurden aber Systeme verkauft, die das nicht konnten; viele davon wurden bis Ende des Millenniums genutzt. Spätestens ab da aber konnte man per Kurzbefehl (Alt+Tab) zwischen verschiedenen "Fenstern" wechseln - der Boss-Key war damit überflüssig geworden.

Doch wenn man so will, lebt er in den Kurzbefehlen der Betriebssysteme fort. Wenn Sie gerade vor einem Windows-Rechner sitzen, hat auch dieser einen Panik-Button, eine Chef-Taste, einen Notausgang. Sie lässt den Desktop erscheinen - doch keine Panik, die geöffneten Programme sind noch da: Sie müssen die Fenster nur wieder öffnen (gleicher Befehl nochmal oder Alt+Tab).

Probieren Sie es aus: Drücken Sie jetzt die Windows-Taste und "D".

insgesamt 22 Beiträge
zeichenkette 13.01.2019
1. Hilft alles nix
Das ist wie all die tollen Tricks, mit denen funktionale Alkoholiker versuchen, ihre Kollegen etc. auszutricksen: Das beste Kräuterbonbon, Mundwasser und Kaugummi hilft nur dem Betroffenen selber dabei, seine [...]
Das ist wie all die tollen Tricks, mit denen funktionale Alkoholiker versuchen, ihre Kollegen etc. auszutricksen: Das beste Kräuterbonbon, Mundwasser und Kaugummi hilft nur dem Betroffenen selber dabei, seine Alkoholausdünstungen nicht zu riechen. Alle anderen merken das sofort und sagen nur deshalb nichts, weil ihnen das zu peinlich ist. Bei Spielern: Wer immer nur klickt oder auf die gleichen Tasten hämmert, der arbeitet nicht. Wer dann beim Chef in der Tür plötzlich Alt-Tab drückt und erschrocken dreinschaut, der hat nicht gearbeitet. Er mag selber meinen, dass das keiner merkt, aber die andern merken das IMMER, es ist ihnen nur zu peinlich, etwas dazu zu sagen. Ab und zu ist das auch völlig OK, aber wenn die Arbeit nicht gemacht wird und es Probleme gibt, dann wird es irgendwann gewaltig knallen und dann wundert sich der AN, warum es auf einmal so sehr knallt.
sachsenzetti 14.01.2019
2. Atari und Commodore (C64) haben die PC-Preise purzeln lassen...
Selten so gelacht. Letzlich waren die massenhaften Clones der ?Kistenschieber? für den massiven Preissturz schon Mitte der 80er ursächlich. Atari und C64 waren für den professionellen Einsatz in Industrie, Handwerk etc. nie ein [...]
Selten so gelacht. Letzlich waren die massenhaften Clones der ?Kistenschieber? für den massiven Preissturz schon Mitte der 80er ursächlich. Atari und C64 waren für den professionellen Einsatz in Industrie, Handwerk etc. nie ein ernsthaftes Thema. Ich habe 1987 für einen kompatiblen PC XT mit Bildschirm, Tastatur und 2 Diskettenlaufwerken (ohne Festplatte!) gut 1700 DM bezahlt. Damit konnte man durchaus mit gängiger Software wie Word, Multiplan und Dbase arbeiten. Mein Laptop Toshiba T3100 als AT mit gigantischer 10 Megabyte Festplatte, 6 Megahertz Taktfrequenz und Gasplasmaschirm von 1986 war allerdings angenehmer zu bedienen, kostete aber auch die Kleinigkeit von gut dem 10-fachen. Als Noname mit vergleichbaren Kenndaten nach einem Jahr dann halt noch etwa 5.000 DM. Die Kiste läuft übrigens immer noch
emil_erpel8 14.01.2019
3.
Der Artikel grenzt sowieso an Geschichtsklitterung. Von wegen "in der PC-Steinzeit kam kaum ein Spiel ohne digitalen Notausgang aus". Vielmehr gab es über all die Jahre kaum ein Spiel *mit* einer solchen Taste. Das [...]
Der Artikel grenzt sowieso an Geschichtsklitterung. Von wegen "in der PC-Steinzeit kam kaum ein Spiel ohne digitalen Notausgang aus". Vielmehr gab es über all die Jahre kaum ein Spiel *mit* einer solchen Taste. Das war schon damals bloß ein Gag, der kurz die Runde machte und dann wieder verschwand.
zweitegabel 14.01.2019
4.
In Zeiten von Multitasking, wo man jederzeit problemlos zwischen Programmen wechseln kann, ist ein programmseitiger Bosskey in der Tat obsolet. In Zeiten von social media, wo alle jederzeit problemlos ihre Beiträge vor [...]
Zitat von zeichenketteDas ist wie all die tollen Tricks, mit denen funktionale Alkoholiker versuchen, ihre Kollegen etc. auszutricksen: Das beste Kräuterbonbon, Mundwasser und Kaugummi hilft nur dem Betroffenen selber dabei, seine Alkoholausdünstungen nicht zu riechen. Alle anderen merken das sofort und sagen nur deshalb nichts, weil ihnen das zu peinlich ist. Bei Spielern: Wer immer nur klickt oder auf die gleichen Tasten hämmert, der arbeitet nicht. Wer dann beim Chef in der Tür plötzlich Alt-Tab drückt und erschrocken dreinschaut, der hat nicht gearbeitet. Er mag selber meinen, dass das keiner merkt, aber die andern merken das IMMER, es ist ihnen nur zu peinlich, etwas dazu zu sagen. Ab und zu ist das auch völlig OK, aber wenn die Arbeit nicht gemacht wird und es Probleme gibt, dann wird es irgendwann gewaltig knallen und dann wundert sich der AN, warum es auf einmal so sehr knallt.
In Zeiten von Multitasking, wo man jederzeit problemlos zwischen Programmen wechseln kann, ist ein programmseitiger Bosskey in der Tat obsolet. In Zeiten von social media, wo alle jederzeit problemlos ihre Beiträge vor einem weltweiten Publikum veröffentlichen können, wünscht man sich für so manchen Nutzer einen "nicht so ernst nehmen" Humor-Hotkey.
netroot 14.01.2019
5. Schon?
Denn “schon 1990 führte Microsoft multitasking ein” - das war nicht schon und ...ausschliesslich bei Windows NT, obwohl es unter Unix bereits viele, viele Jahre funktionierte.
Denn “schon 1990 führte Microsoft multitasking ein” - das war nicht schon und ...ausschliesslich bei Windows NT, obwohl es unter Unix bereits viele, viele Jahre funktionierte.

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