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Netzwelt

Digitalbranche in Trump-Zeiten

Was haben wir nur angerichtet

Auf dem Tech-Festival South by Southwest berauscht sich die Branche normalerweise an sich selbst. Nach dem US-Wahlkampf voller Hass und Lügen gibt es jedoch viele Selbstzweifel.

REUTERS

Teilnehmer des "Yoga for Techies Meet Up" auf der South by Southwest

Aus Austin berichtet
Mittwoch, 15.03.2017   12:00 Uhr

Es ist etwas ins Rutschen geraten, wenn sich die Konferenz der amerikanischen Internet-Optimisten demselben Thema verschreibt wie eine Arbeitsgruppe der deutschen Linkspartei. In einem der wichtigsten Vorträge auf der Tech-Konferenz South by Southwest (SXSW) übernimmt der Futurist und Autor Bruce Sterling seit Jahren die Aufgabe, der Tech-Branche ein bisschen ins Gewissen zu reden - und dieses Mal macht er es mithilfe des bedingungslosen Grundeinkommens. Warum haben wir hier eigentlich so viel darüber geredet, fragt Sterling.

Die Antwort: weil wir Angst vor dem haben, was wir selbst anrichten. Sterling beschäftigt der Befund, dass die Fortschritte bei Robotik und künstlicher Intelligenz einem Großteil der Menschheit bald die Arbeitsplätze wegnehmen könnten. Mit dem Szenario, dass wir uns selbst aus unseren Jobs automatisieren.

Es geht auf der Digitalkonferenz in Austin im US-Bundesstaat Texas auch um weniger abstrakte Folgen der digitalen Revolution. Etwa um die Frage, wie man es schaffen will, dass sich die Gesellschaft im Netz weniger zerfleischt oder dass sie sich mal wieder auf etwas wie die Wahrheit einigen kann.

Bislang war das SXSW Jahr für Jahr ein Ort, an dem die Technik als Lösung von Problemen galt. Es war ziemlich verrückt zu sagen, dass sie selbst Probleme schafft. In Austin hat sich die Tech-Elite - von den Giganten des Silicon Valley bis zu den Start-ups, die es ihnen nachtun wollen - vielmehr darüber verständigt, wo die kommenden Schlachtfelder der digitalen Revolution liegen. Und man hat sich an den Möglichkeiten, die damit einhergehen, berauscht.

Lasst uns schauen, was wir angerichtet haben

Klar, solche Sitzungen gibt es auch dieses Jahr. Und doch ist nicht zu übersehen, dass die Futuristen plötzlich ziemlich viel in den Rückspiegel blicken. Es gibt zahlreiche Runden zu Hetzmobs im Internet, mal mit Popsternchen Kesha, mal mit Kommunikationsforschern. Und wirklich sehr viele Debatten zu Fake News und Fakten.

Diesem Thema, das anderswo bisweilen schon wieder zerredet und abmoderiert worden ist, kann man auf der SXSW kaum entgehen. Man kann die Debatten so zusammenfassen: Lasst uns schauen, was wir hier angerichtet haben.

Lesetipp

Das geht so weit, dass der prominente Keynote-Termin am Dienstag zwei Fakern überlassen wird. Eigentlich gehört der Slot dem Google-Thinktank Jigsaw, dessen Aufgabe es ist, die Welt sicherer zu machen. Dessen Leiterin nutzt die begehrte Stunde aber dafür, einen Fake-News-Produzenten - dessen absurde Geschichte hier zu lesen ist -, und einen Mann, der auf Twitter das Konto eines Fake-Politikers befüttert, über ihre Erfahrungen reden zu lassen. Ein Teil des Publikums lacht, ein anderer stöhnt - vielen stellen sich hier ethische Fragen.

In vergangenen Jahren berauschte man sich auf dem SXSW an neuartigen digitalen Medienhäusern wie "BuzzFeed", an künstlicher Intelligenz (KI) oder am bevorstehenden Durchbruch virtueller Realität, der hier näher schien als im Alltag der meisten Menschen. Austin war einst auch der Ort, an dem Dienste wie Twitter und Foursquare ihren Hype entfachten.

In diesem Jahr gibt es nichts dergleichen. Dafür hört man viel zu KI und Chatbots, kombiniert mit einer Prise autonomem Fahren und Smart Home. Und im Bereich Wearables ist eine vernetzte Jeansjacke von Levi's und Google zu vermelden, die im Herbst in den Handel kommen soll. Na ja.

Tech-Elite entdeckt Liebe zu einer alten Zeitung

Stattdessen: Rückschau. Während die alten Medienhäuser zuletzt belächelt wurden, entdeckt die Branche diesmal ihre Liebe zur "New York Times" - alle Veranstaltungen mit der Zeitung sind rappelvoll. Die alte Dame ist nach dem Stress mit Donald Trump und der Fake-News-Welle, die erst durch die Macht der sozialen Netzwerke möglich wurde, plötzlich wieder angesagt.

Jim Rutenberg, der auf mehreren Podien präsente Medienkolumnist der "Times", betonte immerhin, dass auch Fake News nicht verhindern konnten, dass Trumps Sicherheitsberater Michael Flynn zurücktreten und die Regierung ihr Einreisedekret zurücknehmen musste. "Fake News haben mehr Macht im Wahlkampf als im Regierungsalltag." Beruhigend für die USA, weniger für die kommenden Monate in Deutschland.

Vertreter von Facebook, der Plattform mit dem größten Fake-News-Problem, nahmen an diesen Debatten nicht teil. Der Konzern schickte eher Mitarbeiter in jene Runden, die sich um die atemberaubenden Werbemöglichkeiten auf der Plattform drehten.

Widerstand gegen Trump? Nein

Die Polarisierung in Amerika im Zuge des Wahlkampfs hat aber dafür gesorgt, dass neben dem Versprechen auf ein gutes Geschäft im Netz nun auch die sozialen Begleiterscheinungen in den Blick geraten. Das bedeutet aber nicht, dass sich auf der SXSW eine politische Widerstandsbewegung gegen Trump gebildet hätte, obwohl das in manchen Berichten zu lesen ist.

Ein kurzer Seitenhieb auf den Präsidenten, den sich viele genehmigen, bringt Applaus. Doch was darüber hinaus geht, findet nur in Nischen statt. Es gibt dazu ein paar kleine Workshops und Flyer, eigentlich wie eh und je im liberalen Austin.

Man hält sich ohnehin oft in einer anderen Welt als der der Trump-Bewegung auf. Während Trump auch mit dem Versprechen, Industriejobs zurückzuholen, die Wahl gewinnen konnte, wird hier bereits über die ethischen Folgen der Automatisierung und Robotisierung gesprochen, eben wie bei der Standpauke von Bruce Sterling. Auf dem Bürgersteig rund ums Tagungszentrum rollt als Symbol der Disruption ein Paketroboter aus Estland, der zusammen mit Lieferdrohnen begonnen hat, das Zustellwesen durcheinanderzuwirbeln.

Ein Leben ohne Uber ist möglich

Austin selbst hat den vielen Besuchern derweil verdeutlicht, dass man sich nicht jede Digitalrevolution tatenlos über sich ergehen lassen muss. Weil die Stadt denen aus Amerikas Metropolen kaum noch wegzudenken Fahrvermittlern Uber und Lyft die Auflage machte, Sicherheitsüberprüfungen ihrer Fahrer durchzuführen, machten sich die Dienste wieder aus dem Staub.

Seitdem hat die Stadt etwa eine eigene Ridesharing-App namens Ride Austin. Diese und andere Uber-Alternativen brachen in einer verregneten Nacht zwar unter dem Ansturm der Besucher zusammen. Doch beim Kommunalbetrieb bekommen die Fahrer mehr Geld und die Fahrgäste mehr Sicherheit als beim chronisch uninteressierten Uber, das sich gerade mal wieder mit Skandalen herumschlägt.

Es braucht also manchmal viel weniger als Grundeinkommen, um die Nebenwirkungen der Disruption zu behandeln. Man muss nur wollen.

insgesamt 14 Beiträge
sischwiesisch 15.03.2017
1. Das didgtale Zeitalter
mit Internet ist das Paradies für alle Verrückten, Populisten und Extremisten. Nie hatten sie es so einfach. Und das ist wohl erst der Anfang.
mit Internet ist das Paradies für alle Verrückten, Populisten und Extremisten. Nie hatten sie es so einfach. Und das ist wohl erst der Anfang.
xineohp 15.03.2017
2. Der Zweifel kommt zu spät ...
Diese schlauen Leute hätten sich die warnende Literatur der 80er vorher durchlesen sollen. Es gibt Probleme, die einfach zu leicht verhersehbar sind - aber, ja die Karriere eben. Und, die unreflektierte Faszination an technischen [...]
Diese schlauen Leute hätten sich die warnende Literatur der 80er vorher durchlesen sollen. Es gibt Probleme, die einfach zu leicht verhersehbar sind - aber, ja die Karriere eben. Und, die unreflektierte Faszination an technischen Möglichkeiten. Gewisse Physiker hätten damals auch zunächst nachdenken sollen, was sie durch ihr wissen ermöglichen, bevor die erste Atombombe gebaut wurde. Das trifft auch für Psychologen zu, die hochbezahlt helfen Foltermethoden zu optimieren. Lasst wenigstens Eure Kinder aus der Sache heraus: unbegleitetes Internet so spät wie möglich. Ich setze mein Kind ja auch nicht in einem Vorort von Mexiko-City für Stunden alleine auf der Straße herumstromern!
jkbremen 15.03.2017
3. Gewissenlose Profitgier
treibt die Techi's wir Facebook, Twitter & Co. an. Schön, dass ihnen das jetzt auf die Füße fällt.
treibt die Techi's wir Facebook, Twitter & Co. an. Schön, dass ihnen das jetzt auf die Füße fällt.
der_unbekannte 15.03.2017
4. Alles gesagt
Geld und Macht korrumpiert, da kann man sich noch so hip nach außen geben. Und manche von denen sehen sich tatsächlich als Weltverbesserer. Was für ein Hohn!
Zitat von xineohpDiese schlauen Leute hätten sich die warnende Literatur der 80er vorher durchlesen sollen. Es gibt Probleme, die einfach zu leicht verhersehbar sind - aber, ja die Karriere eben. Und, die unreflektierte Faszination an technischen Möglichkeiten. Gewisse Physiker hätten damals auch zunächst nachdenken sollen, was sie durch ihr wissen ermöglichen, bevor die erste Atombombe gebaut wurde. Das trifft auch für Psychologen zu, die hochbezahlt helfen Foltermethoden zu optimieren. Lasst wenigstens Eure Kinder aus der Sache heraus: unbegleitetes Internet so spät wie möglich. Ich setze mein Kind ja auch nicht in einem Vorort von Mexiko-City für Stunden alleine auf der Straße herumstromern!
Geld und Macht korrumpiert, da kann man sich noch so hip nach außen geben. Und manche von denen sehen sich tatsächlich als Weltverbesserer. Was für ein Hohn!
spon_2999637 15.03.2017
5. Unsinn
Sie möchten also das Menschsein abschaffen. Ohne "Zähmung" des Feuers würde es keine Schusswaffen geben. Ohne Erfindung des Werkzeugs keine Messerstecherei. Ohne Entschlüsselung von Erbgut keine gentechnisch [...]
Zitat von xineohpDiese schlauen Leute hätten sich die warnende Literatur der 80er vorher durchlesen sollen. Es gibt Probleme, die einfach zu leicht verhersehbar sind - aber, ja die Karriere eben. Und, die unreflektierte Faszination an technischen Möglichkeiten. Gewisse Physiker hätten damals auch zunächst nachdenken sollen, was sie durch ihr wissen ermöglichen, bevor die erste Atombombe gebaut wurde. Das trifft auch für Psychologen zu, die hochbezahlt helfen Foltermethoden zu optimieren. Lasst wenigstens Eure Kinder aus der Sache heraus: unbegleitetes Internet so spät wie möglich. Ich setze mein Kind ja auch nicht in einem Vorort von Mexiko-City für Stunden alleine auf der Straße herumstromern!
Sie möchten also das Menschsein abschaffen. Ohne "Zähmung" des Feuers würde es keine Schusswaffen geben. Ohne Erfindung des Werkzeugs keine Messerstecherei. Ohne Entschlüsselung von Erbgut keine gentechnisch produzierten Bio- oder Chemiewaffen. Ohne Buchdruck/Rundfunk/Internet keine totalitäre Propagandamaschine. Stellen wir das Denken ein, dann gibt es auch keinen Missbrauch der Denkresultate. Das heißt aber, das Kind mit dem Bad auszuschütten. Die von Ihnen kritisierten Physiker haben Grundlagenforschung betrieben, haben versucht, den Aufbau und Zusammenhalt von Materie zu verstehen. Da ist nichts Verwerfliches dran. Verwerflich kann man lediglich das Bestreben der Politiker und Militärs ansehen, dieses Wissen zum Töten von Menschen anzuwenden. Stellen wir fest, dass sich (fast) jedes Wissen und Werkzeug, fast jede Technik sowohl zum Guten wie zum Bösen verwenden lässt. Und stellen wir fest, dass verschiedene Menschen die Verwendung auch verschieden als "gut" oder "böse" bewerten. Und manchmal ist das sogar erst Jahrzehnte später objektiv möglich.
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