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Netzwelt

Tracking im Supermarkt

Deutsche wollen beim Einkaufen nicht vermessen werden

Der Einzelhandel rüstet im Kampf mit dem Internet auf - und will die Kunden mittels Videotechnik und Handydaten durchleuchten. Die EU will das erlauben, eine Mehrheit der Deutschen ist jedoch dagegen.

DPA

Kundin im Supermarkt

Von
Mittwoch, 21.06.2017   09:46 Uhr

Was im Internet längst üblich ist, soll auch im Supermarkt gehen: Der Einzelhandel will wie die Onlinekonkurrenz seine Kunden wiedererkennen und ihnen personalisierte und möglichst maßgeschneiderte Werbung anzeigen.

Ein derartiges Projekt sorgte kürzlich für Schlagzeilen: Die Supermarktkette Real experimentiert in 40 Märkten damit, die Gesichter von Kunden im Kassenbereich genau zu filmen, wenn diese auf einen Werbebildschirm schauen. So soll erhoben werden, welche Kunden in welchem geschätzten Alter und Geschlecht wie auf welche Anzeigen reagieren. Die Werbung soll dann zielgruppenorientiert angepasst werden.

Die Gesichtsanalyse ist nur eine von vielen Methoden, mit denen der Einzelhandel gegenüber Online aufholen will. (Hier lesen Sie mehr dazu.) Dabei gerät auch Tracking ins Blickfeld. So wie die Nutzer beim Surfen im Netz mithilfe von Cookies verfolgt werden können und ihnen Werbeanzeigen eingeblendet werden, die zum vergangenen Surfverhalten passen sollen - so überlegen auch Supermärkte, per Auswertung von Informationen eines Smartphones ihre Kunden wiederzuerkennen und ihnen für sie passende Angebote zu präsentieren.

Das ist etwa über das Anzapfen von WLAN- und Bluetooth-Verbindungen und das Auslesen von Kennnummer des Handys möglich. Mehrere Firmen arbeiten in Deutschland bereits an solchen Produkten.

Und die Kunden? Sind damit mehrheitlich nicht einverstanden. 54 Prozent der Deutschen wollen, dass die Nutzung der Bewegungsdaten ihrer Handys generell verboten wird. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv) hervor, die dem SPIEGEL vorliegt. 34 Prozent halten demnach eine solche Auswertung unter gewissen Bedingungen für akzeptabel, nur neun Prozent finden das sogenannte Offline-Tracking generell akzeptabel.

EU-Richtlinie will Offline-Tracking ohne Einschränkungen

Eine geplante Regelung der EU-Kommission will allerdings solche Modelle zur Kundenerkennung generell erlauben. Die E-Privacy-Verordnung der EU soll eigentlich die Kommunikationsdaten der Bürger besser schützen - und sieht auch Einschränkungen beim Zugriff auf Online-Daten vor. Doch in der Offline-Welt erlaubt sie auch das Tracking, und zwar: ohne größere Einschränkungen.

Das kritisieren die Verbraucherschützer. Der vzbv will, dass Kunden erst eine ausdrückliche Einwilligung aussprechen, bevor die Märkte deren Smartphones anzapfen dürfen - und fühlt sich durch seine in Auftrag gegebene Umfrage bestätigt.

Eine Zweidrittelmehrheit fordert demnach, dass die Daten, die ihr Smartphone verrät, erst dann genutzt werden dürfen, wenn sie ausdrücklich zugestimmt haben (68 Prozent). 16 Prozent bevorzugen eine breitere Regelung, nach der die Daten genutzt werden dürfen, wenn sie nicht selbst ausdrücklich widersprechen. Und 13 Prozent finden die Datennutzung "in Ordnung, wenn ich von dem Geschäft gut sichtbar und verständlich über die Verwendung meiner Bewegungsdaten informiert werde".

Auch in Brüssel formiert sich Widerstand gegen die offene Tracking-Regelung. Noch können Parlament und Rat Änderungen am Plan der Kommission einbringen. Die Berichterstatterin des Europaparlaments, die Sozialdemokratin Marju Lauristin aus Estland, wird am heutigen Mittwoch ihre Analyse des Vorhabens vorstellen.

Laut dem Entwurf ihres Berichts fordert sie Einschränkungen beim Offline-Tracking. Ohne ausdrückliche Zustimmung des Kunden soll es nur noch für statistische Zwecke erlaubt sein, also etwa für Kundenzählungen. Personenbezogene Daten sollen nur noch zu klar bestimmten Zwecken erhoben werden dürfen - und danach gelöscht werden.


Datengrundlage: Für den Verbraucherzentrale Bundesverband befragte Forsa 1002 repräsentativ ausgewählte Bürger ab 18 Jahren zwischen dem 24. und 26. April 2017. Fragestellungen und Antworten liegen dem SPIEGEL vor.

insgesamt 186 Beiträge
Baustellenliebhaber 21.06.2017
1. Ich denke es reicht jetzt
Diese Datensammelwut mit Gesichtserkennung ist nicht mehr zu ertragen.
Diese Datensammelwut mit Gesichtserkennung ist nicht mehr zu ertragen.
i.dietz 21.06.2017
2. Mir stellen sich die Nackenhaare
was die EU bzw. die EUROKRATEN wollen und wir EU-Bürger dann gefälligst sollen ...... Durch diese Politik mutierte ich von einer vormals "braven" Bürgerin zu einer Wut- und Protestbürgerin !
was die EU bzw. die EUROKRATEN wollen und wir EU-Bürger dann gefälligst sollen ...... Durch diese Politik mutierte ich von einer vormals "braven" Bürgerin zu einer Wut- und Protestbürgerin !
hadriani 21.06.2017
3. da gehören aber immer zwei dazu ...
der Kunde, der das mit sich machen lässt. Also entweder gar nicht dort kaufen, oder nur das notwendigste. Keine Kundenkarten, große Sonnenbrille, Basecap tief ins Gesicht gezogen
der Kunde, der das mit sich machen lässt. Also entweder gar nicht dort kaufen, oder nur das notwendigste. Keine Kundenkarten, große Sonnenbrille, Basecap tief ins Gesicht gezogen
Klaus-Otto 21.06.2017
4. Wieder eine Bestätigung dafür, ...
... dass ich mich standhaft weigere, mein altes Dampfhandy (nur Telefonieren und SMS) gegen ein Schmachtfon auszutauschen. Ich habe nicht jahrzehntelang in IT-Bereich gearbeitet, vorwiegend im Bereich Datensicherheit, um jetzt [...]
... dass ich mich standhaft weigere, mein altes Dampfhandy (nur Telefonieren und SMS) gegen ein Schmachtfon auszutauschen. Ich habe nicht jahrzehntelang in IT-Bereich gearbeitet, vorwiegend im Bereich Datensicherheit, um jetzt alle meine Erkenntniss über Bord zu werfen und sozusagen IT-nackt durch den Supermarkt zu gehen.
Akonda 21.06.2017
5. Das ist unglaublich!
Dann werde ich künftig mein Handy entweder im Auto lassen oder es ausschalten. Was müssen wir uns eigentlich noch alles gefallen lassen? Da muss es doch eine gesetzliche Bremse geben!
Dann werde ich künftig mein Handy entweder im Auto lassen oder es ausschalten. Was müssen wir uns eigentlich noch alles gefallen lassen? Da muss es doch eine gesetzliche Bremse geben!

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