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Netzwelt

Service zur Bundestagswahl

So setzt Google Politiker in Szene

Wer sind meine Direktkandidaten für die Bundestagswahl, und wofür stehen sie? Google will dieses Jahr schnelle Antworten liefern - und lädt daher Politiker ein, ihre Suchergebnisseite aufzumotzen.

Google

Reguläre Merkel-Infobox auf Seite eins der Google-Suchergebnisse - noch ohne politische Botschaften

Donnerstag, 10.08.2017   08:37 Uhr

Wer den Namen Angela Merkel googelt, bekommt bei Google gleich auf der ersten Ergebnisseite grundsätzliche und hochseriös anmutende Infos. "Angela Dorothea Merkel ist eine deutsche Politikerin und seit dem 22. November 2005 amtierende Bundeskanzlerin", heißt es in einer Infobox, die direkt neben der Liste mit den Suchergebnissen den Wikipedia-Eintrag zu Merkel zitiert. Man erfährt unter anderem, wie groß die Kanzlerin ist (1,65 Meter) und dass ihr Ehemann Joachim Sauer heißt.

Ähnliche Infoboxen sollen ab der zweiten Augusthälfte bei Suchen nach Tausenden deutschen Politikern auftauchen, auch bei viel weniger bekannten - und die Infoboxen sollen auch gleich klarmachen, für was der jeweilige Politiker steht. Google bietet dieses Jahr allen für die Bundestagswahl zugelassenen Kandidaten die Chance, diese Boxen teilweise selbst zu betexten.

Im Anschluss an - je nach Informationsbasis mehr oder wenige ausführliche - Fakten zur Person wie etwa die Körpergröße oder die Parteienzugehörigkeit werden die Boxen ausnahmsweise Platz fürs Selbstmarketing bieten: In maximal 500 Zeichen sollen die Kandidaten ihren politischen Grundsatz erklären dürfen und dann noch drei Prioritäten, ihre wichtigsten Themen im Wahlkampf. Dabei sind sie allerdings auf jeweils 140 Zeichen - also auf die Länge eines Twitter-Postings - beschränkt.

Fast alles ist erlaubt

Das Angebot ist freiwillig. Von Google heißt es, das Unternehmen bemühe sich möglichst alle der geschätzt 4500 Kandidaten zu erreichen und um Eingaben für die Box zu bitten. Beim Inhalt seien die Kandidaten frei, heißt es, solange ihre Botschaften nicht zum Beispiel volksverhetzend seien.

Für die Kandidaten ist das Angebot verlockend: Wenn es auf den Wahltag zugeht, suchen erfahrungsgemäß viele Menschen online nach Informationen zu den Kandidaten aus ihrem Wahlkreis (wenn sie überhaupt wissen, welcher ihr Wahlkreis ist - eine Information, die Google ab Ende August ebenfalls mit einem neuen Online-Angebot liefern will). Weil die Boxen wie beim Beispiel Merkel ohne einen weiteren Klick sichtbar sind, sobald man eine Google-Suche durchgeführt hat, sind die Informationen kaum zu übersehen.

Googles Betexte-deine-Box-Service bietet den Politikern nun die Chance, ungefiltert für sich und ihre Positionen zu werben: Auf der ersten Suchergebnisseite zu ihrem Namen steht so, was sie dort stehen haben wollen - und womöglich fällt manches unliebsame Ergebnis, was sonst direkt bei ihrem Namen auftaucht, den Nutzern so weniger in Auge.

Für den Fall, dass sich die Prioritäten eines Kandidaten in den kommenden Wochen mal verschieben, lässt Google die Politiker ihren Sprüche zwischendurch auch überarbeiten: Der selbstgeschriebene Teil der Box kann so theoretisch auch als eine Art prominent platzierter Statusbeitrag dienen. Auch ein Verlinken der eigenen Social-Media-Accounts in der Box soll möglich sein, anders als das Einbauen von Fremdlinks, etwa als Trick, um die 500-Zeichenbegrenzung zu umgehen.

So praktisch er letztlich wohl für textsichere wie internetaffine Politiker ist, so kurzlebig wird der neue Google-Service sein: Schon am Tag nach der Wahl, die am 24. September stattfindet, sollen die Wahlwerbe-Boxen wieder von den Suchergebnis-Seiten verschwinden.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es fälschlicherweise, der Bundeswahlleiter lasse Kandidaten zur Bundestagswahl zu. Die Passage sollte eigentlich zum Ausdruck bringen, dass Google die Daten des Bundeswahlleiters als Quelle für seine Kandidatenliste nutzt. Kandidaten werden von den Wahlausschüssen auf Wahlkreis-, Landes- und Bundesebene zugelassen.

mbö

insgesamt 3 Beiträge
th.diebels 10.08.2017
1. Wir haben in der BRD doch eine
Pseudo-demokratische-Wahl ! Alle vier Jahre darf ich auf einer Liste ein Kreuzchen machen - alles weitere klüngeln die Politiker und die Parteien in gewohnter Manier selbst aus ! Für die nächsten vier Jahre werde ich als [...]
Pseudo-demokratische-Wahl ! Alle vier Jahre darf ich auf einer Liste ein Kreuzchen machen - alles weitere klüngeln die Politiker und die Parteien in gewohnter Manier selbst aus ! Für die nächsten vier Jahre werde ich als Bürger/Wähler/Steuerzahler einfach nicht mehr zur Kenntnis genommen ! Das ist keine Wahl - das ist ein Witz !
Hinterfrager1 10.08.2017
2. es ist unfair Politiker an ihren Wahlkampfversprechen zu messen
sagte 2005 Franz Müntefering! Was die einzelnen Politiker dort schreiben werden, ist doch ziemlich irrelevant! Was soll dieser ablenkende Personenhype? Leute, schaut Euch die Wahlprogramme an! Soviel Mühe sollte man sich [...]
sagte 2005 Franz Müntefering! Was die einzelnen Politiker dort schreiben werden, ist doch ziemlich irrelevant! Was soll dieser ablenkende Personenhype? Leute, schaut Euch die Wahlprogramme an! Soviel Mühe sollte man sich wenigstens alle 5 Jahre machen! Oder glaubt irgendwer, dass eine Meinung eines einzelnen Direktkandidaten die Politikrichtung seiner Partei bestimmt? (Außer Frau Merkel, aber die äußert ja öffentlich keine eigene Meinung.)
FocusTurnier 10.08.2017
3. Man muss sich fragen....
....ob man sich als Politiker/in derzeit einen Gefallen tut, mit einem Konzern in Verbindung gebracht zu werden, der derzeit eine komplizierte Beziehung zu seinen Mitarbeitern und auch der Öffentlichkeit führt, indem Kritiker [...]
....ob man sich als Politiker/in derzeit einen Gefallen tut, mit einem Konzern in Verbindung gebracht zu werden, der derzeit eine komplizierte Beziehung zu seinen Mitarbeitern und auch der Öffentlichkeit führt, indem Kritiker einer Diversity-Politik entlassen werden bzw. (laut NYT) https://mobile.nytimes.com/2017/08/08/technology/google-engineer-fired-gender-memo.html auch firmeninterne Listen über Mitarbeiter mit "problematischen politischen Ansichten" geführt werden. Da auch Google Deutschland von der US-Zentrale mit Verhaltenskodizes belegt wird, ist eine Nähe zu Google derzeit vielleicht nicht wahlfördernd.

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