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Gesichtserkennung

Zeig mir ein Foto und ich sag dir, ob du schwul bist

Man kann einem Menschen nur vor den Kopf gucken, sagt man: Was drin ist, bleibt geheim. Außer für Rechner: Die erkennen sogar sexuelle Orientierungen anhand von Fotos - eine Erkenntnis mit Implikationen.

Michal Kosinski/ Yilun Wang/ Stanford Graduate School of Business

Generierte Durchschnittstypen: Sexualität ins Gesicht geschrieben?

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Sonntag, 10.09.2017   14:05 Uhr

Der Shitstorm begann nur Stunden nach der Veröffentlichung. Michal Kosinski und Yilun Wang, der eine Professor, der andere Student an der Stanford University, hatten eine brisante Studie im "Journal of Personality and Social Psychology" veröffentlicht. Ihr Inhalt: Sie zeigten, wie ein Computer mithilfe von Gesichterkennungssoftware die sexuelle Orientierung von Menschen erkennt.

Und das mit extrem hoher Trefferquote: Ausgehend von nur einem Foto erkannte das Programm 81 Prozent aller schwulen Männer und 74 Prozent aller homosexuellen Frauen. Menschliche Probanden, denen die gleichen Bilder vorgelegt wurden, kamen hier nur auf 61 und 54 Prozent Trefferquote. Noch gruseliger wurden die Ergebnisse, wenn man dem Rechner fünf Bilder einer Person vorlegte. Dann erkannte die Software 91 Prozent der homosexuellen Männer und 83 Prozent der Frauen.

Kosinksi und Yang war klar, dass sie damit ein Minenfeld betraten. Tatsächlich thematisiert die Studie die denkbaren Missbrauchsmöglichkeiten solcher Technologien in aller Breite - sie will nicht zuletzt warnen. Das verhinderte nicht, dass ihre Ergebnisse fast umgehend angezweifelt und auch angefeindet wurden - und sich ihre Autoren schnell sogar mit Gewaltdrohungen konfrontiert sahen.

In einer zwei Tage nach der Studie veröffentlichten Stellungnahme schreiben sie: "Wir haben kein Werkzeug gebaut, um in die Privatsphäre von Menschen einzudringen. Wir haben existente Technologien studiert, die bereits von zahlreichen Unternehmen und Regierungen eingesetzt werden, um zu sehen, ob diese ein Risiko für die Privatsphäre von LGBTQ-Individuen darstellen. Es hat uns zutiefst erschreckt, das bestätigt zu finden."

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Denn viele Prädispositionen prägten sich in die Gesichter von Menschen ein, sagt Kosinksi: Wenn man weiß, wonach man suchen muss, ließen sich etliche Eigenschaften und Charakter-Tendenzen im Wortsinn am Gesicht ablesen.

Wie soll das funktionieren?

Die Forscher hatten eine Standard-Gesichtserkennungs-Software eingesetzt und sie mit 35.000 Fotos aus einer Dating-Börse gefüttert. Die Bilder enthielten Metadaten über sexuelle Präferenzen - so lernte die Software, bestimmte Merkmale als Indikatoren für sexuelle Orientierungen zu erkennen. Und die sind offenbar subtil genug, um von Menschen nicht gut erkannt zu werden, sehr wohl aber von Rechnern.

Denn die Software identifizierte "geschlechts-untypische" Merkmale, die offenbar als Indikatoren für Homosexualität einsetzbar sind:

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Interessant ist hierbei vor allem die dritte Kriteriengruppe, weil sie nicht auf selbst gewählten Stilen, Peergroup-spezifischen Konventionen oder selbst gewählten Ausdrucksmitteln beruht. Wenn es stimmt, dass Rechner Homosexualität anhand von Gesichtsproportionen erkennen können, würde das bedeuten, dass sie im Wortsinn "körperlich" wäre - eventuell bis hinab auf die genetische Ebene oder Entwicklungseinflüsse in der Schwangerschaft. Indizien dafür gibt es seit langem, schlüssige Beweise stehen aus.

Doch auch für viele Homosexuelle steht seit langem fest: Ihre Sexualität sei keine Entscheidung, sondern eine natürliche Neigung. Die Studie bestätigt das, indem sie Indikatoren aufzählt, die man unmöglich selbst wählen kann. Laut Bildanalyse tendieren homosexuelle Männer dazu, ein schmaleres Kinn, längere Nasen und größere Stirnpartien zu haben als heterosexuelle Männer. Bei den Frauen seien es ein tendenziell breiteres Kinn und eine kleinere Stirnpartie. Das lasse homosexuelle Männer leicht "weiblicher" erscheinen und homosexuelle Frauen leicht "männlicher".

Programmierter Missbrauch

Tatsächlich? Kann man einem Menschen die sexuelle Grundorientierung also an der Stirn ablesen? Wenn es nach Shai Gilboa geht, dem Chef des israelischen Unternehmens Faception, dann ist das so: "Unser Persönlichkeit wird von unserer DNS bestimmt und spiegelt sich in unseren Gesichtern."

Sein Unternehmen vermarktet Software, um genau das zu tun: potenzielle Gewalttäter zu erkennen, Extrovertierte von Introvertierten zu scheiden, Pädophile zu finden. Oder wen auch immer. Die Software kann man kaufen, sie zielt auf Terror-Prävention, was heute so gut wie alles rechtfertigt, ist aber auch "vielseitig einsetzbar", wie man so sagt.

Man braucht nicht viel Fantasie, um den Sprengstoff in solchen Technologien zu entdecken: Szenarien wie das des Sci-Fi-Klassikers "Minority Report" drängen sich auf. Wenn man Menschen nur anhand von Fotos oder anderen selektiven Informationen Eigenschaften zuordnet, kann das über deren Zukunft bestimmen - sei es, dass sie einen Job aus ihnen unbekannten Gründen nicht bekommen, sei es, dass sie schlicht "verdächtig" werden.

Dass sich beispielsweise Eigenschaften wie erhöhte Aggressivität in männlichen Gesichtern durch bestimmte Merkmale andeuten, ist seit langem bekannt - erhöhte Testosteron-Pegel sorgen für die Ausprägung bestimmter Merkmale. Aus solchen Merkmalen dann aber einen Verdacht oder eine konkrete Eigenschaft abzuleiten, wäre fatal. Es ist eine Sache, zu beobachten, dass viele aggressive Männer breitere Gesichter haben. Es ist etwas völlig anderes, aus einem breiten Gesicht auf Aggression zu schließen.

Doch genau das, sagt Michal Kosinski, täten manche Staaten und Unternehmen schon längst. Kosinski gehört zu den weltweit führenden Experten dafür, aus Verhalten, Auftreten oder Erscheinungsbild von Menschen Eigenschaften abzuleiten. Für weltweite Aufmerksamkeit sorgten zwei seiner im Top-Wissenschaftsmagazin "PNAS" veröffentlichte Studien 2013 und 2015, in denen er und seine Co-Autoren allein aus den bei Facebook vergebenen Likes Persönlichkeitsprofile von Menschen erstellten.

AFP

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2013 deduzierte er mit Software-Hilfe überraschend akkurate Einschätzungen über die ethnische Zugehörigkeit von Facebook-Like-Vergebern, ihr Alter, ihren IQ, ihre sexuelle Orientierung, über Charaktereigenschaften, Drogenabhängigkeiten und politische Grundeinstellungen. 2015 kontrastierte er diese Daten mit Befragungen direkter Verwandter und Bekannter solcher Like-Vergeber. Die Software erwies sich als rund 20 Prozent treffsicherer als die Durchschnitts-Bezugsperson.

Auch für Kosinski selbst sind diese beeindruckenden technologischen Möglichkeiten vor allem Horrorszenarien. Science Fiction sind sie dabei keineswegs: Der Forscher hält die zunehmende Anwendung solcher Techniken und ihren Missbrauch für immanent und kaum vermeidbar, die Privatsphäre von Menschen werde zwangsläufig weiter erodieren.

Kosinski: "Die Sicherheit von Homosexuellen und anderen Minderheiten hängt damit nicht an Rechten, die uns Privatheit garantieren, sondern an einer konsequenten Durchsetzung von Menschenrechten, an der Toleranz von Gesellschaften und Regierungen."

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