04.10.2010
Stuxnet-Computerwurm
Iran schiebt Reaktorpanne auf leckes Auffangbecken
Steuereinrichtung der Atomanlage Buschehr: Verspäteter Start
Teheran - Der Atomreaktor Buschehr in Iran wird mit deutlicher Verzögerung anlaufen - mit dem Computerwurm namens Stuxnet, der auch Rechner in der Anlage befallen haben soll, habe das aber nichts zu tun, beteuerte Akbar Salehi, der Chef der iranischen Atomenergiebehörde. Die Verzögerung sei aufgrund eines "kleinen Lecks in einem Becken neben dem Reaktor" zustandegekommen. Dieses Leck sei nun geschlossen worden, dies habe aber zu einer "Verzögerung um einige Tage" geführt. Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert einen Fachmann vom Internationalen Institut für strategische Studien namens Mark Fitzpatrick, der spekulierte, es könne sich um ein Becken zur Aufnahme verbrauchter Brennstäbe handeln.
Vizepräsident Ali Akbar Salehi sagte der halbstaatlichen Nachrichtenagentur ISNA, der Reaktor in Buschehr werde ab Anfang Oktober mit Brennstoff ausgestattet, die "notwendigen Vorarbeiten" dafür seien bereits im Gang, so dass der Brennstoff "bis November im Herz des Reaktors an seinen Platz kommt". Die Bestückung des Reaktors mit angereichertem Uran erfolgt damit jedoch Monate später als eigentlich geplant. Noch im August hatte Salehi angekündigt, Buschehr werde ab November Strom erzeugen. Nun wird der Reaktor vermutlich erst kommendes Jahr anlaufen. Das, betonen iranische Behörden, habe aber nichts mit dem Stuxnet-Wurm zu tun. Iran behauptet, der Wurm habe keine kritischen Systeme der Atomanlage befallen. Zugestanden wurde jedoch, dass Arbeitsrechner von Angestellten mit Stuxnet infiziert worden sind. Landesweit soll Stuxnet in Iran 30.000 Rechner befallen haben.
Der für die Geheimdienste zuständige Minister Heidar Moslehi sagte dem britischen "Guardian" zufolge, hinter dem komplexen Stuxnet-Wurm steckten westliche "Spionagedienste". Man habe mehrere Spione verhaftet, sagte Moslehni, ohne weiter Angaben über deren Anzahl oder Nationalität oder über den Zeitpunkt der Verhaftungen zu machen. Moslehni behauptet, man habe das Stuxnet-Problem unter Kontrolle. Trotz der "destruktiven Arroganz des Westens im Cyberspace" hätten Irans Geheimdienste "eine Lösung dafür gefunden, wie man mit dem Wurm umgeht", und diese werde nun angewandt: "Unsere Beherrschung virtueller Netzwerke hat die Aktivitäten des Feindes dort zurückgeschlagen."
Der stellvertretende Industrieminister Mohsen Atam sagte der Webseite des iranischen Staatsfernsehens zufolge, das Problem sei bereits gelöst: "Die industriellen Rechner, die Stuxnet befallen hat, sind gesäubert worden." Der Virus habe diese Rechner nur befallen können, weil sie "keine Hochsicherheits-Firewalls hatten". Stuxnet sei "vor einem Jahr gestaltet und eingesetzt worden, um Informationen aus Industriecomputern abzuziehen".
Reaktor läuft mit Verspätung an
Westliche Experten gehen allerdings eher davon aus, dass der hochkomplexe und offenbar mit großem finanziellem und personellem Aufwand hergestellte Wurm eine Sabotagewaffe ist. Ein Mitarbeiter des IT-Sicherheitsunternehmens Symantec demonstrierte bei einer Fachkonferenz vergangene Woche, wie der Wurm eingesetzt werden könnte, um physische Industrieanlagen zu manipulieren und so Schäden anzurichten. Die Software ist dazu gestaltet, um sich in von Siemens hergestellten Steuereinheiten für solche Anlagen einzunisten. Solche Steuereinheiten sind auch in den Anlagen des iranischen Atomprogramms im Einsatz.
Auch in Deutschland hat der Wurm Industrieanlagen befallen. Unter Berufung auf Siemens berichtete die "Süddeutsche Zeitung" am Wochenende, fünf Siemenskunden hätten den Schädling in ihren Anlagen entdeckt. Weltweit hätten 15 Kunden des Konzerns den Wurm in ihren Anlagen entdeckt und mit Hilfe von Siemens entfernt. Keine der Anlagen habe sich selbstständig gemacht oder sei zum Stillstand gekommen, betonte Siemens laut "Süddeutscher Zeitung". Unter den befallenen Anlagen seien Kraftwerke, chemische Fabriken und industrielle Produktionsanlagen. Stuxnet greift insbesondere die Steuerungssoftware WinCC von Siemens-Industrieanlagen an.
cis/dpa/AFP