22.03.2012
Neue Regeln für die Nutzer
Farce in Facebookistan
Ein Kommentar von Ole Reißmann
Facebook-Chef Mark Zuckerberg: Der Herrscher präsentiert sein Reich
Facebook ändert seine Nutzungsbedingungen, und alle Mitglieder sind eingeladen, sich die neuen Regeln - mit denen Facebook noch mehr Daten als bisher weitergeben darf - vorab anzusehen. Alle Mitglieder? Nun ja, zumindest diejenigen, die den verschlungenen Pfad auf eine Unterseite finden und ausreichend Zeit mitbringen, ein langes Dokument durchzuarbeiten.
"Wir können uns eh nicht wehren", kommentiert ein Nutzer. Obwohl Facebook das Gegenteil versichert, drängt sich dieser Eindruck auf. Künftig will sich Facebook erlauben, neue Nutzungsregeln ganz ohne Beratungsprozess einzuführen, ohne seine Nutzer danach zu fragen und darauf hinzuweisen. Wer Facebook weiter nutzt, hat zugestimmt - auch wenn er von den Änderungen nichts mitbekommen hat.
Das ist dreist. So dreist wie die Art, in der Facebook Nutzern derzeit seine neuen Regeln präsentiert. Vorgeblich sollen die Mitglieder des Netzwerks mitreden dürfen. Die neuen Regeln wurden deswegen auf der Facebook-Seite "Facebook Site Governance" veröffentlicht. Wer nicht irgendwann Fan dieser Seite geworden ist, bekommt allerdings kaum mit, was dort passiert.
Außerhalb dieser Fan-Seite mit dem komplexen Namen hat Facebook die eigenen Nutzer nicht auf die anstehenden Änderungen hingewiesen und - "Bitte überprüfe die Vorschläge" - nach ihrer Meinung gefragt.
Facebook ignoriert Nutzerfragen
Seit dem 15. März steht das Dokument - rund 37.000 Zeichen Fließtext - dort zur Diskussion. Schon einen Tag später war einem Mitglied aufgefallen, dass spezielle Regeln für deutsche Nutzer erwähnt werden - an der Stelle in dem Dokument soll später wohl ein Link stehen, der in der Vorabversion vergessen worden war. Das Mitglied fragte also in den Kommentaren nach diesen speziellen Regeln für Deutschland. Wo diese zu finden seien?
Keine Antwort. In den Tagen darauf fragten weitere Mitglieder nach diesen Regeln - auch sie bekamen keine Antwort. Die Auflösung: Es handelt sich um spezielle Zusätze für Deutschland, die schon lange existieren und auf der Website abrufbar sind. Sie sollen unverändert bleiben, erklärte Facebook auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.
Dieses Detail zeigt, wie ernst Facebook die Diskussion mit den Mitgliedern über die Regeln des Zusammenlebens auf der Plattform nimmt. Nicht nur, dass die neuen Nutzungsregeln regelrecht versteckt werden und künftig sogar stillschweigend geändert werden dürfen sollen - wenn sich ein Nutzer dorthin verirrt, sich durch die Textwüste arbeitet und eine Frage stellt, wird er auch noch alleingelassen. Das ist konsequent: Im Börsenprospekt Facebooks ist keine Rede von einem Mitspracherecht der Mitglieder.
Der Herrscher von Facebookistan erlässt Gesetze, wie es ihm passt. Und Mark Zuckerberg ist tatsächlich der Herrscher von Facebook - er besitzt die Mehrheit der stimmberechtigten Firmenanteile.
Allein in Facebookistan. Facebookistan - so nennt die Autorin Rebecca MacKinnon das Riesennetzwerk, bei dem bald eine Milliarde Menschen Mitglied sein werden. Facebook ist für viele zur Kommunikationszentrale geworden, es ist ein Treffpunkt für Familie, Freunde, Kollegen, ein wichtiges Werkzeug für politische Aktivisten - und eine gewaltige Marketingmaschine.
Den Firmenchef Mark Zuckerberg bezeichnet MacKinnon als Herrscher, der sich selbst für wohlwollend halte. Er beschließt, dass Transparenz der Welt guttue, dass auf Facebook jeder mit seinem richtigen Namen angemeldet sein muss, auch wenn das in Ländern wie China oder Iran für Menschen, die für Grundrechte einstehen, drastische Folgen haben kann. Facebookistans Herrscher kommt nicht in den Sinn, dass es an der Art und Weise, wie er sein virtuelles Riesenreich führt, etwas auszusetzen gäbe.
Der Herrscher von Facebookistan erlässt Gesetze, wie es ihm passt. Zyniker mögen einwenden, niemand sei zur Nutzung von Facebook verpflichtet, es handele sich um eine freiwillige Veranstaltung, niemand halte Mitglieder vom Austritt auf. Doch das ist zu kurzgedacht. Zum einen ist fraglich, wie freiwillig die Nutzung eines Dienstes ist, wenn große Bevölkerungsgruppen einen Teil ihres Soziallebens dort führen. Zum anderen ist Facebook so wertvoll, weil Hunderte Millionen Menschen es wertvoll machen.
Diesen Mitgliedern gebührt mehr Respekt, als die Herrscher von Facebookistan ihnen entgegenbringen.