21.12.2012
WikiLeaks-Mitbegründer
Assange kündigt Enthüllungsoffensive an
Assange in London: "Weihnachtsansprache" auf dem Balkon der Vertretung Ecuadors
London/Quito - Nach einem halben Jahr Zuflucht in der ecuadorianischen Botschaft in London hat sich der WikiLeaks-Mitbegründer Julian Assange am Donnerstag auf dem Balkon der Vertretung gezeigt. Dabei forderte der 41-Jährige nicht nur die Behörden in Großbritannien und Schweden dazu auf, über seine Ausreise aus der Botschaft mit ihm zu verhandeln - sondern kündigte auch eine neue Enthüllungsoffensive auf WikiLeaks an.
Auf der Internetplattform sollen Assange zufolge im kommenden Jahr eine Million Dokumente publiziert werden. Die Veröffentlichungen würden "alle Länder der Welt betreffen", sagte er am Donnerstagabend in seiner etwa zehnminütigen "Weihnachtsansprache". Rund hundert Anhänger applaudierten dem Australier, der seit Juni in dem Gebäude festsitzt.
Außerdem sagte Assange, er sei bereit, jeden zu empfangen, der mit ihm über die Lösung der Situation und eine mögliche Ausreise reden wolle: "Die Tür ist offen und sie war immer offen, für alle, die mit mir unter normalen Umständen sprechen wollen und die mir freies Geleit geben wollen", erklärte er.
Assange floh im Juni nach einer anderthalbjährigen Justizschlacht in die Londoner Botschaft des südamerikanischen Landes, um sich einer Auslieferung nach Schweden zu entziehen. Ecuador gewährte ihm inzwischen auch politisches Asyl. In Schweden werden Assange Sexualstraftaten vorgeworfen; eine Anklage existiert jedoch nicht. Assange bestreitet die Vorwürfe. Er befürchtet, Schweden könnte ihn an die USA weiterreichen, wo ihm wegen der für die USA nachteiligen Veröffentlichungen der Plattform WikiLeaks lebenslange Haft droht.
"Heimat, Büro, Fluchtpunkt"
"Vor sechs Monaten kam ich in dieses Gebäude", sagte Assange vom Balkon der Botschaft im Zentrum Londons aus. "Sie wurde mir zur Heimat, zum Büro und zum Fluchtpunkt", betonte er. Er dankte seinen Gastgebern für die Geduld und ihre Haltung. Er könne arbeiten und kommunizieren - anders als mehr als 200 Journalisten weltweit, die derzeit im Gefängnis säßen.
Der ecuadorianische Botschafter erklärte seine Solidarität mit Assange und sagte, dieser werde "verfolgt, weil er frei denkt und sich frei ausdrückt". Der Australier sei zu einem geschätzten Gast in der Botschaft geworden.
Ecuadors Außenminister Ricardo Patiño bekräftigte am Donnerstag in einem Fernsehgespräch, seine Regierung werde weiterhin auf eine diplomatischen Lösung bestehen. Juristische Maßnahmen seien möglich, aber sehr langwierig. Patiño forderte Großbritannien auf, Bedingungen für eine Ausweisung Assanges nach Schweden aufzustellen, damit er dort unter gewissen Garantien aussagen könne. "Dies könnte den Fall erleichtern", sagte der Außenminister dem Fernsehsender GamaTV.
Ende November war zuletzt bekannt geworden, dass Assange an einer chronischen Lungenerkrankung leidet. Sein Zustand könne sich laut Ecuadors Botschafter in Großbritannien jederzeit verschlechtern, Assange werde regelmäßig von Ärzten untersucht. Für die Behandlungskosten kommt ebenfalls Ecuador auf.
bos/dpa/AFP