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25.01.2013
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10.000 Flies und Filtr

Was im Social Web gerade angesagt ist

Von Ole Reißmann
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Welche Artikel werden auf Facebook, Twitter und Google+ besonders häufig geteilt? Eine neue Seite listet die erfolgreichsten Texte des Tages auf, ein weiteres Angebot nutzt solche Daten, um Position und Verweildauer von Nachrichten zu bestimmen.

Hier ein Like, da ein Plus: Die Empfehlungen auf Facebook, Google+ und Twitter geben ein gutes Bild davon ab, was im Netz gerade besonders viele Gemüter erregt, was interessant ist, worüber diskutiert oder gelacht wird. Jetzt sind zwei neue Websites gestartet, die einen Überblick über die angesagten Themen des deutschsprachigen Webs geben wollen: 10.000 Flies, die täglichen Social-Media-Charts, und Filtr, eine Übersicht über Technik-News.

So funktioniert 10.000 Flies: Der Journalist Jens Schröder hat eine Liste mit mehreren tausend Nachrichtenseiten und Blogs erstellt, die Düsseldorfer Agentur Active Value eine Software dazu programmiert. Die merkt sich alle Artikel, die auf diesen Seiten veröffentlicht werden, und holt sich die Likes von Facebook, Links von Twitter und +1 von Google. Zusammengezählt ergibt das die Zahl der "Fliegen", der Empfehlungen im sozialen Schwarm. Täglich um neun Uhr wird eine Liste mit den 50 in diesen Netzwerken meist erwähnten Artikeln veröffentlicht.

Andere Aggregatoren, zum Beispiel Viratooder Rivva, sortieren solche gefundenen Artikel zusätzlich nach Themen - und sie erscheinen nicht nur einmal am Tag, sondern laufend mit aktuellen Themen. Da ist 10.000 Flies statischer: "Wir machen das nicht in Echtzeit", sagt Schröder, "sondern legen mehr Wert auf das Archiv." Dort kann man nachschlagen, was seit dem 1. Januar am jeweiligen Tag in den drei Netzwerken herumgereicht wurde.

Alle paar Stunden den Newsfeed checken

Was die Entwicklung von 10.000 Flies gekostet hat, will Schröder nicht verraten. Die Seite soll aber mittelfristig Geld einbringen, mit ausführlichen Analysen für Unternehmen. 10.000 Flies zeigt auf der Website nur einen Bruchteil der gesammelten Daten an, im Monat werden nach eigenen Angaben Informationen zur Beliebtheit von rund einer Viertelmillion Artikeln gespeichert. Daraus soll ein Geschäft werden. Eine Preisliste gibt es noch nicht: "Wir wollen erst mal wissen, was interessiert mögliche Kunden überhaupt", sagt Schröder.

Auch bei Filtr spielen die Empfehlungen in den Netzwerken eine Rolle - der Ansatz ist trotzdem ein anderer. Drei Journalisten schauen für ihre Übersicht der deutschsprachigen Tech-Nachrichten alle paar Stunden in ihre Newsfeeds. Hunderte Seiten haben sie abonniert. Finden sie interessante Artikel, tragen sie die Adresse auf der Seite ein - und geben noch eine eigene Bewertung dazu ab, Punkte für die Wichtigkeit des Themas.

Den Rest macht die Software: Sie sucht sich anhand der Adresse die Überschrift und die ersten Sätze des Artikels, fragt Likes, Links und Empfehlungen ab. Wie lange eine Geschichte wie weit oben auf Filtr steht, errechnet das Programm dann aus diesen Informationen. Völlig von selbst kann ein Artikel also nicht auf der Seite erscheinen, Marcus Schuler, Frederic Lardinois und Jean-Claude Frick müssen aktiv werden.

Quellen sind Geschäftsgeheimnis

"Wir haben Hauptjobs, aber alle paar Stunden kurz ein paar Links eintragen, das lässt sich gut machen", sagt Schuler. "Semiautomatisch" nennt er Filtr. Das Programm dafür hat Lardinois geschrieben, der in den USA für "TechCrunch" arbeitet. Das Vorbild zu der Seite kommt ebenfalls aus den USA: Es ist die erfolgreiche Seite TechMeme. Schuler hat einst dessen Gründer, Gabe Rivera, interviewt. Rivera hat seine Übersichtsseite zunächst automatisch befüllt, davon aber bald Abstand genommen: Technik hilft, Menschen filtern, so soll die Auswahl relevant bleiben.

Mit Werbung und Stellenanzeigen verdient TechMeme Geld, eine Möglichkeit, die Schuler für Filtr nicht ausschließt. "Aber das ist erst mal ein Hobby, wir probieren das einfach aus", sagt Schuler. Erst mal soll die Seite bekannter werden. 600 Besucher haben sie am zweiten Tag gezählt. "Mal sehen, wie erfolgreich das werden kann - so groß ist die deutsche Tech-Szene nun mal nicht", sagt Schuler.

Was bei Filtr erscheint, haben die drei Macher nach ihrem Geschmack ausgewählt. 10.000 Flies gibt sich neutraler, doch auch hier regiert letztlich der Geschmack: Die Charts werden zwar automatisch erstellt, die Quellen hat Jens Schröder ausgewählt. Die komplette Liste ist Geschäftsgeheimnis. Auch bei Rivva hat Entwickler Frank Westphal seinem Bot zum Start eine Liste mitgegeben. Seitdem erschließt sich das Programm aber über Verlinkungen selbst neue Quellen, nur manchmal greift Westphal ein und löscht offensichtlichen Spam. So schafft es eine Clique gut vernetzter Autoblogger regelmäßig mit ihren Fahrberichten auf Rivva. Bei 10.000 Flies und Filtr hätten sie keine Chance.

Nicht alle Verlage mögen die praktischen Seiten

In der Vergangenheit waren bei ähnlichen Diensten nicht alle Website-Betreiber mit der automatischen Erfassung und Sammlung ihrer Artikel einverstanden. Gegen das Start-up Commentarist, das Links auf Kommentare sammelt, gingen "Süddeutsche Zeitung" und "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vor zwei Jahren mit anwaltlicher Hilfe vor. Schon die Abbildung des kleinen Seitenicons sei rechtswidrig, hieß es damals, von der automatischen Erfassung der Überschriften und Vorschautexte ganz zu schweigen.

Mittlerweile hat sich Commentarist mit der "Süddeutschen Zeitung" geeinigt und auch mit anderen Medien, darunter SPIEGEL ONLINE, Vereinbarungen getroffen - und sammelt wieder Meinungstexte. 10.000 Flies ist ohne solche Vereinbarungen gestartet. "Wir hoffen, dass man uns wohlgesonnen begegnet", sagt Jens Schröder. Die Betreiber von Filtr können darauf verweisen, dass sie derzeit weder Geld verdienen noch automatisch Inhalte zusammenstellen - ihr Aggregator ist noch Handbetrieb.

Schröder hofft, dass auch das von großen Verlagen wie Springer und Burda vehement geforderte Leistungsschutzrecht nicht beschlossen wird. Über eine Vorlage des Gesetzes, mit dem Aggregatoren und Suchmaschinen künftig Lizenzen für die Nutzung von Artikelanrissen benötigen sollen, wird kommende Woche im Bundestag diskutiert. Google lehnt die Lizenzpflicht rigoros ab, Rechtsexperten halten sie für weder sinnvoll noch durchdacht.

Dass Berichte zu dem höchst strittigen Thema vordere Plätze bei den Aggregatoren einnehmen werden, gilt schon jetzt als ausgemacht.

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insgesamt 1 Beitrag
1. Kluge Köpfe ...
discotieren 25.01.2013
... sind mal wieder "außen vor". Etwa so wie bei "Meinungsumfragen" mit kostenpflichtiger Telefonnummer, wo man ebenfalls den IQ "herausrechnen" muss. Denn ein einigermaßen kluger Mensch lässt sich [...]
... sind mal wieder "außen vor". Etwa so wie bei "Meinungsumfragen" mit kostenpflichtiger Telefonnummer, wo man ebenfalls den IQ "herausrechnen" muss. Denn ein einigermaßen kluger Mensch lässt sich für seine Meinungsäußerung bezahlen und bezahlt nicht dafür. So ist es auch hier: Wer Artikel "teilt" liefert höchstpersönliche Daten an die Datenkraken. Er teilt nicht nur den Artikel mit, er teilt der Datenkrake mit, dass konkret xy sich wohl für das Thema xy1 interessiert und mit xy3 befreundet ist. Und das ist bei weiterm noch nicht alles ... was "mitgeteilt" wird.

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