02.02.2013
Hackerangriffe gegen US-Zeitungen
Rätselraten und Schweigen
Von Matthias Kremp
Unter Beobachtung (Symbolbild): US-Medien beklagen sich über Infiltration ihrer Netzwerke
Die "New York Times" ("NYT") gab die Initialzündung. Am 30. Januar veröffentlichte das Blatt einen Artikel mit der Überschrift "Hacker aus China griffen die 'Times' mindestens vier Monate lang an." Ausführlich schilderte die Autorin, wie Hacker von China aus in das Netzwerk der Zeitung eindrangen, Accountdaten stahlen und sich Zugriff auf mindestens 53 Rechner verschafften.
Jetzt zeigt sich: Die Infiltration des "NYT"-Netzwerks war keineswegs ein Einzelfall in der US-Medienwelt. Kaum hatte das New Yorker Blatt seine Geschichte erzählt, meldeten sich weitere Medienhäuser zu Wort, berichteten von ähnlichen Vorgängen in ihren Computersystemen.
Nur einen Tag nach der "New York Times" meldete das "Wall Street Journal" ("WSJ"), chinesische Hacker seien in ihre Computersysteme eingedrungen und hätten offenbar versucht, die Berichterstattung über China zu überwachen. Darüber hinaus sei es "gelegentlich" vorgekommen, dass chinesische Informanten schwer erreichbar waren, nachdem Daten über sie per E-Mail verschickt wurden. Ob diese Informanten später wieder auftauchten, und welche Gründe es für ihre Abwesenheit gegeben hatte, erläutert das "WSJ" nicht. Ebenso wenig wie die Frage beantwortet wird, wie oft so etwas passierte.
Wiederum einen Tag später schloss sich die "Washington Post", nicht ganz freiwillig, der Liste der Betroffenen an. Ihr ehemaliger Reporter Brian Krebs hatte in seinem Blog über ähnliche Vorfälle bei seinem Ex-Arbeitgeber berichtet. Krebs Bericht zeichnet ein Bild der Hilflosigkeit. Schutzsoftware versagte, komplette Passwort-Datenbanken wurden gestohlen, die IT-Abteilung verbrachte Monate damit, herauszufinden, welche PC und Server betroffen waren.
Laut "WSJ" untersucht das FBI (Federal Bureau of Investigation) bereits seit mehr als einem Jahr derartige Hackerangriffe gegen US-Medien und betrachtet die Vorfälle als Bedrohung der nationalen Sicherheit. Auch die "NYT" hatte angegeben, mit dem FBI zusammenzuarbeiten und Brian Krebs berichtet, die "Washington Post" habe Hilfe von der NSA (National Security Agency) und dem Verteidigungsministerium erhalten. Seine Behauptung, das Blatt hätte den Ermittlern auch einen seiner Server zur Analyse übergeben, konnte die Zeitung am Samstag weder bestätigen noch dementieren.
Profis oder beharrliche Amateure?
Wie die Fremden in die Netzwerke der Zeitungen eindringen konnten, ist noch nicht schlüssig geklärt. Die "NYT" vermutet sogenanntes Spearfishing, also zielgerichtete Phishing-Mails gegen einzelne Mitarbeiter als Einfallstor. Beim "WSJ" hingegen weiß man offenbar nur, dass die Täter zunächst Rechner der Redaktionsvertretung in Peking übernahmen, von denen aus sie weiter in das Netzwerk vordrangen.
In beiden Fällen soll Anti-Viren-Software von Symantec verwendet worden sein, um die Computer zu schützen. In beiden Fällen versagte dieser Schutz. Der Software-Hersteller äußerte sich nicht zu den Vorgängen und verwies auf sein Prinzip, sich nicht zu Vorgängen bei Kunden zu äußern. Zumindest im Fall der "Washington Post" hätten die zur Überprüfung der Computer engagierten Spezialfirmen einen bis dahin unbekannten PC-Trojaner entdeckt und an Symantec geschickt, damit das Unternehmen seine Schutz-Software auf dieses Schadprogramm ausweiten kann.
Erstaunlich ist, wie unterschiedlich "NYT" und "WSJ" die Fähigkeiten der Hacker beurteilen. Während die "NYT" das Vorgehen der Eindringlinge als sehr professionell beschreibt, zitiert das "WSJ" einen Experten mit der Einschätzung, es habe sich um "einen Schwarm relativ schlichter aber beharrlicher Versuche, Zugang zu bekommen" gehandelt.
Erklärversuche
Darüber, ob die Angriffe auf bestimmte Informationen abzielten oder es den Angreifern darum ging, generelle Informationen abzuschöpfen, sind sich die Betroffenen nicht einig. Für die "New York Times" war der Grund für die Infiltration der Redaktionsrechner ganz klar die Suche nach Informationen über Informanten. Die Angreifer seien dazu gezielt in die E-Mail-Accounts von David Barboza, dem Leiter des Büros der "NYT" in Shanghai, eingedrungen. Barboza hatte 2012 eine Enthüllungsgeschichte über das Vermögen der Familie von Premier Wen Jiabao geschrieben.
Richard Bejtlich, Chef der Sicherheitsfirma Mandiant, vermutet hinter den Attacken dagegen schlichte Neugier der Staatsführung. "Die Chinesen wollen wissen, was der Westen von ihnen denkt", sagt der Mann, dessen Firma die "NYT" und "Washington Post" während der Hackerangriffe betreute. Es gehe wohl darum, herauszubekommen, welchen Dreh Journalisten ihren Geschichten über das Land geben und wer ihre Quellen sind, lautet seine Vermutung. Seit 2008 seien Mandiant 30 Fälle bekannt, in denen Reporter und deren Vorgesetzte solchen Ausspähversuchen ausgesetzt waren.
Nichtinformation
Verwunderlich ist bei all der Aufregung und Bestürzung über die Infiltration, wie lange die Vorgänge von den betroffenen Unternehmen unter Verschluss gehalten wurden. Die "NYT" gibt an, die Sache nicht publik gemacht zu haben, damit die Sicherheitsexperten genug Zeit haben, um wirklich alle Hintertüren im System zu finden, die von den Eindringlingen benutzt werden. Eine solche Begründung liefert die "Washington Post" nicht. Sie empört sich, ihre Computer litten seit 2008 oder 2009 unter ständigen Angriffen, und man habe erstmals 2011 Angreifer ausgesperrt, deren Kontroll-Server in China lokalisiert wurden.
Vertrauensbildung
Dass die Angriffe von China ausgehen, ist wohl nicht zu bezweifeln. Ob sie staatlich gesteuert sind, ist dagegen nicht bewiesen. So hat wohl ein Experte recht, der nur unter dem Schutz der Anonymität sagen wollte, dass "es für China schwerer wäre, sich rauszureden, wenn jede Firma, die gehackt wird, den Vorfall und dessen Ausgangspunkt gleich publik machen würde". Doch selbst Medienfirmen halten solche Vorfälle Monate oder Jahre unter Verschluss.
Solange solche Daten nicht veröffentlicht werden, nützt es auch nichts, wenn die USA Geheimdienstinformationen haben, die zweifelsfrei beweisen, dass China hinter den andauernden Netzattacken steckt, sagte ein Cyber-Sicherheits-Experte vom US-Center for Strategic and International Studies der "Washington Post".
Die chinesische Seite trägt ebenso wenig zur Aufklärung bei, reagiert auf die Vorwürfe mit einer immer gleich lautenden Aussage: "Das chinesische Militär hat nie irgendwelche Hackerangriffe unterstützt. Cyber-Angriffe haben einen transnationalen und anonymen Charakter. Es ist unprofessionell und grundlos, das chinesische Militär ohne schlüssige Beweise zu beschuldigen, Cyber-Attacken durchzuführen."
Stellungnahmen wie diese, die aus einem Textgenerator für Worthülsen und Textbausteine zu kommen scheinen, sorgen nicht für Vertrauen. Das könnte sich die chinesische Regierung nur erarbeiten, wenn sie eine Möglichkeit schafft, von China ausgehende Netzattacken gegen westlichen Einrichtungen wirksam zu unterbinden.