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Wie neue Emojis in die Welt kommen

Konzerne bestimmen, welche Emojis wir nutzen? Nicht ganz: Aktivistin Jennifer 8. Lee zeigt, wie sich alle einmischen können und Emojis vielfältiger werden.

Ole Reißmann

Jennifer 8. Lee

Von
Sonntag, 16.09.2018   19:53 Uhr

Berlin hat den Döner. In München gibt es Brezeln. Was ist mit Hamburg, wo bleibt das Fischbrötchen-Emoji? Jennifer 8. Lee schüttelt den Kopf. "Keine gute Idee", sagt sie, "es fehlen noch viele wichtigere Emojis."

Lee ist Emoji-Aktivistin und in diesen Fragen eine Autorität. Sie hilft, neue Emojis auf die Welt zu bringen. Den Hidschab-Emoji von Rayouf Alhumedhi zum Beispiel. Auf Internet-Konferenzen erklärt sie, wie das Emoji-System funktioniert und wie man einen neuen Emoji beantragt.

Damit sich mehr Menschen einmischen, hat sie mit zwei Freundinnen Emojination gestartet. Ihre Mission: Emojis vielfältiger machen. Der Einfluss der Aktivisten ist groß: "In diesem Jahr landen 66 neue Emojis auf unseren Telefonen", sagt Lee. "An 45 davon war Emojination beteiligt."

Kopftuch, Dumpling, DNA und Brokkoli: Bei diesen Emojis haben Lee und Emojination geholfen.

Es ist ein Samstag in Portland. Gleich wird die 42-Jährige mehr als 2000 Menschen die Geschichte des Dumpling-Emojis erzählen. Aber vorher sucht sie noch echte Dumplings zum Essen und gibt ein Interview. Mit Dumplings hat alles angefangen. Es ist ihr Lieblingsessen. Vor drei Jahren stellte die Unternehmerin aus San Francisco fest, dass es alle möglichen Emoji für Nahrungsmittel gibt, aber Dumplings fehlen. Lee machte sich an die Arbeit.

Keine Markenlogos, Gottheiten und Promis

Eine Organisation namens Unicode verwaltet den offiziellen Emoji-Standard. Vor allem Vertreter amerikanischer Techfirmen gehören dem Gremium an: Apple, Google, Facebook, Microsoft. "Mehrheitlich männlich, mehrheitlich weiß, mehrheitlich Ingenieure", beschreibt Lee ihre erste Begegnung mit Unicode.

Jeder kann einen Antrag auf ein neues Emoji einreichen, rund zehn Seiten, in denen dargelegt wird, warum es ein neues Zeichen unbedingt braucht. Markenlogos, Gottheiten und Promis sind verboten. "Der Antrag ist nicht besonders kompliziert", sagt Lee, "wie ein Versuchsprotokoll in der Schule."

Dumplings, schrieb sie in ihrem Antrag, seien universell. Kein Kontinent, kaum ein Land ohne Teigtaschen-Variationen: Gyoza, Pirogge, Ravioli, Samosa, Empanadas und wie sie alle heißen. Zusammengenommen populärer als Hamburger oder Hotdogs in der Google-Suche. Ihre Freundin Yiying Lu zeichnete Entwürfe für einen künftigen Dumpling-Emoji.

Jährliches Emoji-Update

Jetzt wird es kurz kompliziert: Ein Emoji-Unterausschuss nimmt sich die Anträge vor. Genügen sie den Anforderungen, geht es mit oder ohne Empfehlung weiter zum Unicode Technical Committee. Viermal im Jahr entscheidet dieser Ausschuss, welche Vorschläge zu Kandidaten werden. Gibt es keinen Widerspruch und stimmt die Internationale Organisation für Normung zu, landen die Kandidaten schließlich im jährlichen Emoji-Update.

Dann müssen Software-Firmen wie Google oder Apple die neuen Zeichen noch in ihre Software einbauen und ihren Nutzern mit dem nächsten Update zur Verfügung stellen. Bis ein neues Emoji bei den Nutzern auf dem Handy landet, dauert es. "Im besten Fall 15, im schlimmsten Fall 24 Monate", sagt Lee.

Ihr Dumpling hat es geschafft. Beim Fischbrötchen befürchtet Lee allerdings zu große Regionalität. Außerdem gebe es schon ein Sandwich, das möglichst neutral gehalten ist. Mit viel Fantasie geht es als Fischbrötchen durch. Lee will sich lieber um andere Emojis kümmern. Um Gummistiefel zum Beispiel. Denn so verrückt das klingt: Neue kleine Bildchen machen viel Arbeit.

Aus einem Emoji werden zwölf

Zwischen 50 und 70 neue Emojis fügt Unicode jedes Jahr hinzu. Werden Personen gezeigt, kommen Varianten für beide Geschlechter und verschiedene Hautfarben noch oben drauf. Aus einem Emoji werden dann zwölf. Schon das sei ein beträchtlicher Aufwand für Unicode und die Firmen, die Emojis umsetzen sollen, sagt Lee.

Objekte seien daher einfacher durchzubringen als Personen, zum Beispiel ein Skateboard anstelle eines Skateboarders. Ihr wichtigster Tipp: "Wenn Anträge scheitern, dann wurde meist nicht klar gemacht, dass ein Begriff weltweit häufig genutzt wird", sagt Lee.

Japanische Emojis: Namennschild, Feiertags-Snack, Fischkuchen, Schwindelgefühl, Kindertag

Dass Emojis ursprünglich aus Japan stammen, sieht man dem Zeichensatz noch immer an. Es gibt spezielle Emojis, die heute wohl kaum eine Chance auf eine Aufnahme hätten, spezielle Feiertags-Snacks und Sehenswürdigkeiten etwa. "Aber es gibt immer noch zu wenig Emojis für Afrika und Südamerika", sagt Lee.

Wasserpistole statt Handfeuerwaffe

Die Emoji-Aktivistin hilft nicht nur mit Anträgen, sie mischt sich selbst bei Unicode ein. Denn nicht nur Firmen können Mitglied bei der Non-Profit-Organisation werden, auch Privatpersonen. Die dürfen zwar nicht abstimmen, können aber auf Mailinglisten und in Ausschüssen mitarbeiten. Lee ist mittlerweile sogar Vize-Vorsitzende des Emoji-Unterausschusses, telefoniert einmal die Woche anderthalb Stunden lang mit ihren Kollegen und berät über neue Anträge.

Ihr Wissen über die internen Abläufe bringt Lee bei Emojination ein. Einen Konflikt sieht sie darin nicht, im Gegenteil. Für die Vertreter der Firmen sei die Ausschussarbeit schließlich ein Job. Sie hingegen engagiere sich ehrenamtlich. Ihr Schlachtruf: "Emoji by the people, for the people."

Neue Emoji-Kandidaten: Sari, Mate, Butter und Bluttropfen

Das klingt basisdemokratisch, aber letztlich entscheiden vor allem große US-Firmen. Im vergangenen Jahr sollten Wintersport-Emojis in den Standard aufgenommen werden, darunter auch ein Gewehr für Biathlon. Aber Berichten zu Folge sperrte sich Apple gegen das Gewehr. Das bereits eingeführte Pistolen-Emoji wiederum änderte Apple eigenmächtig in eine Wasserpistole, vorbei am Unicode-Konsortium. Andere Hersteller folgten dem Beispiel.

Auch auf Emojis für Brüste, Marihuana oder Menstruation müssen Nutzer deshalb wohl auch künftig verzichten. Zumindest so lange, wie ein paar auf Familienfreundlichkeit bedachte Techfirmen aus den USA für Emoji zuständig sind. Aber zum Glück sind Menschen ja erfinderisch.

Gerade arbeitet Lee an einem Butter-Emoji. Die Internet-Forscherin Lisa-Maria Neudert konnte sie davon überzeugen, sich für Butter einzusetzen. Lee half beim Antrag, die Illustratorin Aphee Messer erstellte Beispiele. Weil Streichfett global ist, kam der Antrag durch. Das Butter-Emoji ist nun offiziell ein Kandidat. In einem Jahr könnte es deshalb Butter zu Brezel geben - aber immer noch kein Fischbrötchen.

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Digitale Kommunikation: Diese Emojis wünschen sich re:publica-Besucher
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