Schrift:
Ansicht Home:
Netzwelt

Deutsche Ängste vor RFID-Chips

Was funkt denn da in meiner Hose?

Die Diskussion über Funketiketten (RFID) läuft in eine falsche Richtung, klagt die deutsche Industrie. Statt der befürchteten Totalüberwachung bringen die Barcodenachfolger einen Wirtschaftsschub für Deutschland, glaubt man bei SAP. Informationen sollen den Bürgern "irrationale Ängste" nehmen.

Von , Berlin
Dienstag, 28.09.2004   11:51 Uhr

Neue Technologien haben es schwer in Deutschland. Diese These wird von der hiesigen Wirtschaft immer wieder bemüht. So auch gestern auf einer Diskussion in der Berliner SAP-Vertretung. Man brauche sich ja nur anschauen, wie es dem Transrapid ergangen sei, hieß es da unter anderem.

Als neuestes Beispiel für die Innovationsskepsis der Deutschen gelten, zumindest aus Sicht der Industrie, die so genannten RFID-Chips. Diese kleinen Funketiketten können ganz ohne eigene Stromversorgung ihre ID senden, die Energie dafür ziehen sie aus dem elektromagnetischen Feld, das ein RFID-Scanner erzeugt.

Handelskonzerne wie Wal-Mart oder Metro möchten mit RFID langfristig den heute üblichen Barcode ablösen. RFID kann jedoch weit mehr als nur einen Produktcode speichern. Auch Verfallsdaten, Produktions- oder Verkaufsstandort lassen sich in den wenige Zentimeter großen Aufklebern speichern. An der Kasse gibt es keine Kassiererin mehr, sondern nur noch einen Sensor, der die Einkäufe in Sekundenbruchteilen erfasst. Ist das nicht herrlich praktisch?

Ja, meint der Handel und wittert gigantische Einsparpotentiale, wenn erst einmal jeder Joghurtbecher und jede Socke mit einem Funketikett versehen ist. Auf Knopfdruck wüsste man beispielsweise, wie viel Stück Butter welcher Sorte gerade im Kühlregal herumliegen. RFID hätte das Zeug dazu, die Logistik zu revolutionieren, denn jede Keksdose besäße ihre eigene, weltweit nur ein einziges Mal vergebene Nummer.

Wer will denn da schnüffeln?

Was für eine verlockende Vision - wären da bloß nicht diese selbst ernannten Daten- und Verbraucherschützer. Mit immer neuen Kampagnen versuchen Aktivisten wie der Bielefelder Verein FoeBud oder StopRFID, den Weltkonzernen die Einführung der Funkchips zu vermiesen oder diese zumindest so zu beeinflussen, dass die "Schnüffelchips" ihren Schrecken verlieren. Die Kritiker wittern die totale Überwachung, wenn eines Tages in jedem Anzug und an jedem Schoko-Riegel Funkchips hängen.

Es ist ein ungleicher Kampf - eine Handvoll ehrenamtlich arbeitender Enthusiasten gegen milliardenschwere Konzerne - doch er zeigt Wirkung.

Metro musste tausende Kundenkarten austauschen, nachdem herauskam, dass in diesen ein RFID-Chip steckte. Die Kunden wussten nicht, dass damit jede ihrer Bewegungen im Rheinberger Supermarkt der Zukunft "Metro Future Store" genau verfolgt werden konnte. "Da ist das Kind schon ein bisschen in den Brunnen gefallen", bekannte Karsten Hecht, der der als wissenschaftlicher Mitarbeiter die CDU/CSU-Fraktion im Bundestag IT-technisch auf dem Laufenden hält.

"RFID entmystifizieren"

Der Softwarekonzern SAP, selbst ein überzeugter Verfechter von RFID, beklagte, dass "zentrale Fragen in der derzeitigen Diskussion nur unzureichend beantwortet werden". SAP will dies ändern und einen öffentlichen Diskurs über RFID und Datenschutz anschieben. "Wir wollen RFID entmystifizieren", erklärte SAP-Vorstand Claus Heinrich.

Da haben sich SAP und die anderen beteiligten Unternehmen einiges vorgenommen. Denn Big-Brother-Szenarien zu den kleinen Funketiketten gibt es zuhauf. Zum Beispiel das vom RFID-Chip, der in einer Schuhsohle steckt, damit die Paare im Lager nicht durcheinander kommen. Oder eben auch, damit im Fußboden versteckte Sensoren erfassen, wann Herr Meier mit seinen neuen RFID-Schuhen in die U-Bahn steigt oder seine Bankfiliale betritt - etwa so wie im Film "Staatsfeind Nummer Eins".

SAP-Vorstand Heinrich sieht in RFID einen "Milliardenmarkt", auf dem hiesige Unternehmen eine Vorreiterrolle spielen könnten - nicht nur der Walldorfer Softwareriese selbst, auch die Hersteller von Chips und Lesegeräten. Derzeit gelten Deutschland und die USA als die RFID-Pioniere weltweit.

Doch in der Industrie fürchtet man den irrational denkenden Bürger (was funkt denn da in meiner Hose?) und eine sensationslüsterne Presse, die den Funkchips gemeinsam den Erfolg vermasseln könnten. In den USA mussten die Markenartikler Benneton und Prada Funketiketten aus ihren Pullovern und Taschen wieder entfernen - auf Druck der Öffentlichkeit.

"Das ist eine Horrorvorstellung für Deutschland", bekannte der CDU-IT-Experte Hecht. So ein Supergau dürfe hierzulande nicht passieren, sonst, da waren sich alle Teilnehmer der Diskussion einig, stehe die Zukunft von RFID in Deutschland auf dem Spiel.

Ich weiß, welche Krawatte du trägst

"Der Bürger muss informiert werden, was auf den Chips steht", forderte Hecht. Auch SAP-Vorstand Heinrich hält Transparenz für das oberste Gebot: "Menschen, denen man erklärt, warum etwas Neues gemacht wird, entwickeln dagegen auch viel weniger Widerstand." Offenbar scheint RFID ein bisschen zu sein wie Hartz IV - vor allem ein Vermittlungsproblem.

Ganz so einfach wollte es nicht jeder der geladenen Experten sehen. Für Robert Niedermeier vom IT-Institut Eicar ist RFID weniger ein Thema des Datenschutzes als der IT-Sicherheit. "Der Datenschutz ist in Deutschland gut geregelt", meint er. Doch man müsse den Missbrauch der Technik verhindern, etwa dass jedermann mit einem entsprechenden Scanner herausbekommen könne, welchen Anzug und welche Krawatte sein Gegenüber trage.

"Die Verschlüsselungstechnik bei RFID-Chips ist noch nicht gut genug", sagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Nur wenn die Chips über eine ausreichend starke Verschlüsselung verfügten, könnten dem Bürger die Ängste vor den so genannten Smart Tags genommen werden. "Der Chip reagiert dann zwar auf einen Scanner, sendet aber nur Datensalat zurück."

Die Radikallösung in Sachen Datenschutz lautet freilich anders: den Chip vollkommen deaktivieren, und zwar nach dem Kauf. Eine solche Kill-Funktion ist zwar generell vorgesehen. Doch mancher zweifelt noch daran, ob sie tatsächlich sicher funktioniert. Auf jeden Fall muss eine solche Funktion einfacher zu handhaben sein, als derzeit im Pilotprojekt "Metro Future Store". Dort schaltet der Kunde die Chips auf jedem Artikel einzeln aus, in dem er sie über einen speziellen Sender hält.

SPD-Politiker Jörg Tauss sieht wie sein Kollege von der CDU derzeit keinen Bedarf für ein spezielles Gesetz in Sachen RFID. Er hofft, dass die Branche die Datenschutzbedenken der Bürger aufnimmt. "Wenn wir typisch deutsche Sicherheitsbedenken mit moderner Technik koppeln, dann könnte das ein Exportartikel 'Made in Germany' werden", glaubt er. Bleibt zu hoffen, dass sich die Ingenieure keine allzu komplizierten Sachen ausdenken. Wie es um das beste Mautsystem der Welt steht, ist bekannt.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP