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Netzwelt

Live-Videos als Terrorhelfer

Machtlos gegen die Gewalt in Echtzeit

Der Polizistenmörder von Frankreich ließ die Welt per Facebook-Livestream an seiner Tat teilhaben. Der Vorfall zeigt, wie hilflos Netzwerke dem Missbrauch solcher Echtzeit-Funktionen gegenüberstehen.

Mittwoch, 15.06.2016   12:28 Uhr

Um kurz vor neun Uhr am Montagabend war Larossi Abballa live auf Sendung, auf Facebook. Er streamte aus dem Pariser Vorort Magnanville, aus der Wohnung seiner Opfer. Im Livestream soll auch der dreijährige Sohn des Paars zu sehen gewesen sein, das er offenbar kurz zuvor getötet hatte: den Polizisten Jean-Baptiste Salvaing und seine Frau. "Ich weiß noch nicht, was ich jetzt mit ihm mache", sagt Abballa über das Kind. Abballa wird später von der Polizei erschossen, der Junge überlebt.

Das 13-minütige Video gibt es nicht mehr auf Facebook, die Betreiber des Netzwerks haben es gelöscht. Genauso wie Abballas Account unter dem Namen "Mohamed Ali". Die Tat von Abballa und das Video illustrieren dennoch eindrücklich, dass Netzwerke wie Facebook mit derartigen Live-Funktionen für alle Nutzer einen Kanal geschaffen haben, den sie nur schwer kontrollieren können.

Dem Missbrauch der Echtzeit-Videos steht der mächtige Konzern immer noch hilflos gegenüber. Denn während die Nutzer live auf Sendung gehen können, hinkt das Netzwerk zwangsläufig bei der Prüfung der Inhalte hinterher. "Wir verstehen und erkennen die einzigartigen Herausforderungen, die Livevideos in Sachen Sicherheit mit sich bringen", sagte eine Sprecherin hilflos.

Mehr Mitarbeiter sollen Livevideos rund um die Uhr prüfen

Das Unternehmen hat am Dienstag eine enge Kooperation mit den französischen Behörden zugesagt. "Terroristen und Terrorakte haben keinen Platz auf Facebook", heißt es in einer Erklärung. Ob und wie man das Problem mit den Livevideos beheben soll, ist aber letztlich unklar.

Facebook hat nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters angekündigt, sein Team zu vergrößern, das ein Auge auf die Inhalte der Livevideos hat. Es soll rund um die Uhr arbeiten. Wenn man dort ein Video entdeckt, das gegen die Richtlinien des Netzwerks verstößt, kann Facebook den Livestream stoppen und das Video entfernen. Endet der Livestream, lässt sich das Video normalerweise weiterhin auf Facebook ansehen.

AFP

Larossi Abballa

Außerdem testet Facebook nach eigenen Angaben eine Funktion, die alle Videos, die gerade besonders häufig geklickt werden, überprüft - unabhängig davon, ob ein Nutzer es gemeldet hat oder nicht. Auch dadurch könnte sich die Reaktionszeit bei Videos wie dem aus Frankreich verringern - aber von einer Reaktion in Echtzeit ist man immer noch weit entfernt. Facebook bearbeitet laut seiner Aussage Millionen von Nutzerhinweisen jede Woche, meistens innerhalb von 24 Stunden.

Livevideos von Nutzern sind ein Trend im Netz

Das Problem betrifft keineswegs nur Facebook, das seine Live-Funktion als wichtigen Bestandteil seiner Zukunftssicherung begreift. Auch die Streaming-App Periscope, die Twitter gehört, ist betroffen. Im April wurde eine Frau angeklagt, nachdem sie ein Video gestreamt hatte, auf dem zu sehen war, wie ihre Freundin vergewaltigt wurde. Im Mai geriet das Netzwerk erneut in die Schlagzeilen, nachdem eine junge Französin ihren Suizid per Periscope live ins Netz übertragen hatte. Irgendwann hob ein Polizist das Handy der jungen Frau auf, Nutzer waren schockiert.

Ein Twitter-Sprecher sagte SPIEGEL ONLINE damals auf Anfrage, dass man sich aus Datenschutzgründen nicht zu konkreten Fällen äußere. Der Inhalt sei nachträglich entfernt worden, da es nicht erlaubt sei, Videos zu zeigen, bei denen jemand körperlich verletzt werde. Schnell genug, um den Livestream zu stoppen, war man - wie im aktuellen Fall bei Facebook in Frankreich - nicht. Auch die Videoplattform Twitch, die ebenfalls auf Livevideos der Nutzer setzt, kennt solche Probleme. Eine Lösung haben auch all diese Plattformen noch nicht gefunden.

Sollten die Nutzer es selber richten?

Bei Periscope hat man sich anscheinend zumindest bei Nutzerkommentaren von der Vorstellung verabschiedet, dass das Netzwerk allein der Lage Herr werden kann: Dort sind seit Kurzem sogenannte Flash-Jurys im Einsatz. Sobald ein Nutzer einen Kommentar zu einem Video meldet, wird Periscope den Kommentar einer kleinen Gruppe zufällig ausgewählter Nutzer vorlegen, die ebenfalls das Video sehen.

Wenn die Mehrheit dieser Jury den Kommentar ebenfalls als störend empfindet, wird der Absender für eine Minute gesperrt - bei mehrfacher Auffälligkeit wird er für immer stummgeschaltet.

Aus dem Archiv

gru/Reuters

insgesamt 34 Beiträge
sickandinsane 15.06.2016
1. Die Lösung ist einfach
Schafft diesen live-Müll einfach ab. Hat vorher ja auch bestens ohne funktioniert.
Schafft diesen live-Müll einfach ab. Hat vorher ja auch bestens ohne funktioniert.
xineohp 15.06.2016
2. Und viele Minderjährige mit ...
... Smartphone und Tablet live dabei. Ergo: Internet nur in Begleitung Schutzbefohlener und Eltern. Smartphones gehören nicht in Kinderhand. Bereits jetzt schon wieder zahlreiche Kinder traumatisiert. Ein Leckerbissen für die [...]
... Smartphone und Tablet live dabei. Ergo: Internet nur in Begleitung Schutzbefohlener und Eltern. Smartphones gehören nicht in Kinderhand. Bereits jetzt schon wieder zahlreiche Kinder traumatisiert. Ein Leckerbissen für die Therapeuten der Zukunft.
einervondenen 15.06.2016
3. Machtlos?
An diese Art von Öffentlichkeit werden wir uns gewöhnen müssen. Wer das sehen will, kann das auch – die anderen schalten ab. Ansonsten beginnt hier die Diskussion von neuem, ob Killergames zum töten verleiten. Letztlich [...]
An diese Art von Öffentlichkeit werden wir uns gewöhnen müssen. Wer das sehen will, kann das auch – die anderen schalten ab. Ansonsten beginnt hier die Diskussion von neuem, ob Killergames zum töten verleiten. Letztlich besteht die Aufgabe darin, eigenverantwortliche Mediennutzung zu vermitteln.
flingern 15.06.2016
4. Ab in die Schmuddelecke
Noch kann man niemandem zuverlässig, präventiv gar, in den Kopf schauen. Und die nun einmal vorhandene Informationsvielfalt zu benutzen, lässt sich auch nicht verhindern. Daher ist es unbedingt notwendig, die wie auch immer [...]
Noch kann man niemandem zuverlässig, präventiv gar, in den Kopf schauen. Und die nun einmal vorhandene Informationsvielfalt zu benutzen, lässt sich auch nicht verhindern. Daher ist es unbedingt notwendig, die wie auch immer transportierten Bilder und Texte aus dem „wahren Leben“, so, wie es sich tausendfach gleichzeitig auf der Erde abspielt, und die in Echtzeit übertragen werden, zu verträglichem Input geraten zu lassen. Ganz wird das nicht gelingen. Aber eine breite Bildungsbasis kann sehr viel dazu beitragen. Auch „Konsumgewohnheiten“ zählen dazu. Ich denke, dass ein erster Schritt dazu derart getan werden kann, dass diejenigen, die sich zurecht darauf berufen, dazu berufen zu sein, seriöse Nachrichten aufzubereiten und weiterzugeben, ihre eigene Nutzung der Echtzeit-Portale deutlich einzuschränken. Bei aller Problematik von Vergleichen: Dass Jugendliche deutlich weniger als früher rauchen (und auch trinken), hat auch damit zu tun, dass das einfach nicht mehr „in“ ist. Es gerät in die Schmuddelecke, ohne grundsätzlich verboten zu sein. Gelingt es also, die Wirkung der Echtzeit-Postings zu mindern, ja, zu diskreditieren (Echtzeigewalt geht gar nicht), so kann sich deren Nutzung zunehmend als nicht mehr „in“ erweisen. Niemand außer den Betroffenen braucht einen umgekippten LKW in China in Echtzeit, ebenso, wie fast niemand Tabak-und Alkoholkonsum braucht. Den Teufelskreis, der sich mit der Gier danach auftut, die oder der Erste gewesen zu sein, die oder der irgendetwas in die Welt gesetzt hat, den gilt es zu verhindern. Ein praktisches Beispiel dazu: Postings hier z.B., die vor Ablauf von einer bestimmten Zeit eingehen, werden einfach nicht veröffentlicht. Gerade die Schnelllebigkeit dieser Art der LeserInnen-Beteiligung, der zufolge die Online-Nachrichten eine überaus geringe Halbwertzeit haben und rasch durch neuere Neuigkeiten ersetzt werden, sollte reduziert werden. Das ist so etwas wie eine Tempo-30-Zone im virtuellen Kommunikationsverkehr. Vielleicht sollte es sogar -um im Bild zu bleiben- Fußgängerzonen geben. Was sich zu erreichen lohnt, das ist die Wiederherstellung der Kommunikation mit wenigstens einmal überdachten Beiträgen. Ob sie falsch oder richtig sind, das steht dabei auf einem anderen Blatt. Sich in diesem Sinne „gesittet“ äußern zu können, das setzt eine verbesserte Bildung voraus, deren derzeitigen Mangel man tunlichst aber nicht arrogant gegen diejenigen wenden sollte, die ihre Bauchgefühle aus sich herausplatzen lassen. Sie müssen für’s Erste nur ein wenig „beruhigt“ werden. Das rüttelt an manchem Geschäftsmodell, das ist mir klar. Da aber das Konsumverhalten insgesamt auch ein nur mühsam umzulenkender Prozess ist, bestünde genügend Zeit, sich auf veränderte Bedingungen einzustellen. Aber auch das geht ohne Zensur und mit nur wenigen neuen „Verboten“. Es mag in diesem Zusammenhang wie „geträumt“ klingen, zu erwägen, spätestens im Rahmen der nächsten Erhöhung der Hartz-IV-Sätze den BezieherInnen je Haushalt eine automatische Lieferung einer wechselnden Auswahl von seriösen Presseerzeugnissen zu liefern.
spon_2999637 15.06.2016
5. Live Informationen sind aber doch unzensiert gefordert...?!
"Wenn man dort ein Video entdeckt, das gegen die Richtlinien des Netzwerks verstößt, kann Facebook den Livestream stoppen und das Video entfernen." "Die deutschen Sender erhalten die Live-Bilder von den Spielen [...]
"Wenn man dort ein Video entdeckt, das gegen die Richtlinien des Netzwerks verstößt, kann Facebook den Livestream stoppen und das Video entfernen." "Die deutschen Sender erhalten die Live-Bilder von den Spielen in Frankreich über den europäischen Fußballverband. Dieser zensiert aber die Bilder und zeigt keine Hooligans und Flitzer im Stadion." http://www.spiegel.de/kultur/tv/fussball-em-ard-und-zdf-beschweren-sich-ueber-uefa-zensur-a-1097347.html Zensur ist einmal "notwendig" und einmal "böse"? Gewalt hat einmal "keinen Platz" und einmal "relevant"? Wir sind schon eine seltsame Gesellschaft mit ambivalenten Sichtweisen - so wie es einem gerade in den Kram passt ist man mal für und mal gegen vergleichbare Dinge.
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* Bei Addition der Stamm- und Vorzugsaktien; ** Bei Verkaufspreis am oberen Ende der Spanne; Quelle Reuters

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