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Netzwelt

Verrohung im Internet

99 posen online, der 100. ermordet jemanden

Liest man die Meldungen der vergangenen Tage, könnte man meinen: Das Netz verroht - und mit ihm die Gesellschaft, die ganze Welt. Dabei ist das nichts Neues, wir brauchen nur eine Digitalausgabe der Zivilisierung.

DPA

Zerbrochener Baseballschläger

Eine Kolumne von
Mittwoch, 15.03.2017   14:17 Uhr

Gibt es überhaupt etwas Kulturpessimistischeres als eine Klage über Verrohung? Trotzdem ist es genau jetzt wichtig, über den Zusammenhang von dinglicher Welt, Internet und der wenigstens scheinbaren Verrohung zu diskutieren. Anhand dreier unterschiedlicher Ereignisse aus jüngster Zeit:

Gut, es ist etwas gemein, einen missglückten Gesetzesentwurf in eine Reihe zu stellen mit einem mutmaßlichen, geständigen Kindermörder und dem Hetzappell einer erzreaktionären Zeitung. Trotzdem hängen die drei Ereignisse eng zusammen.

Eine digitale Linie der Verrohung

Das verbindende Element ist die öffentliche Wahrnehmung, dass das Netz verrohe, die Gesellschaft, die ganze Welt. Und dass man endlich etwas dagegen unternehmen müsse im Internet. Eine digitale Linie der Verrohung scheint es zu geben, darauf finden sich Enthauptungsvideos des IS, die enorme Zahl der Hasskommentare in sozialen Medien und das Selfie des Marcel H.

In einem Land aber, in dem das Verrohungsmaximum im 20. Jahrhundert per industriellem Massenmord an Juden, Homosexuellen und Behinderten erreicht wurde, hat man die Pflicht, sich zeitgenössischen Verrohungstendenzen intensiver zu widmen. Also nicht nur anhand der flatterhaften öffentlichen Wahrnehmung.

Beim Fall Sargnagel - der eigentlich ein Fall "Kronen Zeitung" ist - wird ein oft übersehener Mechanismus der Verrohung durch Hassrede offenbar: der Anteil der klassischen Medien. Die "Kronen Zeitung", ein Organ österreichischer Provinzniedertracht, musste wissen, dass sie einen Hasssturm gegen Sargnagel provoziert.

Meine Vermutung ist, dass genau das Absicht war: die redaktionelle Entsendung von Hasstruppen zur Bestrafung einer missliebigen Person. Ein bekanntes Muster, bei Breitbart, der Plattform für die Alt-Right (ein Euphemismus für Neonazis), sind Aktionsaufrufe sogar wesentlicher Teil des Programms und des Erfolgsrezepts. Wer noch nie im Zentrum eines Empörungs- oder Hasssturms stand, kann kaum beurteilen, welche destruktive Wucht sich entfalten kann. Einschüchterung über Bande als politisches und gesellschaftliches Konzept.

Ein Hyperstammtisch auf Speed

Ein Blick in die Zeit vor Social Media: Der Aufruf der "Bild"-Zeitung im Jahr 2000, "Titanic"-Redakteuren am Telefon die "Meinung" zu sagen, inklusive der Veröffentlichung der Telefonnummer. Was retrospektiv witzig erscheint, zeugt vom medialen Spiel mit der Verrohung lange vor Social Media. Die digitale Sphäre macht sichtbar, wie dünn der Firnis der Zivilisiertheit in den Köpfen schon immer war.

Und wie bereitwillig traditionelle Medien wie die "Kronen Zeitung" diese Roheit instrumentalisieren. Es lässt sich allerdings ein Verstärkungseffekt durch die Vernetzung vermuten, der Stammtisch wird zum Hyperstammtisch auf Speed. Das schwer greifbare Phänomen "Fake News" beschreitet - was die Aufhetzung angeht - aber eigentlich den Weg, den hemmungslose Boulevardmedien längst zur Schnellstraße ausgebaut hatten.

Eine zweite Form der Verrohung, im Beispiel Anfertigung, Verbreitung und Feiern eines Selfies, in diesem Fall wohl eines Killerselfies, ist dagegen als netzgeborenes Phänomen zu betrachten. Ein sozialer Effekt der Virtualisierung: Es ist leicht, im Netz so zu kommunizieren, als sei man ein skrupelloser Kindermörder. Oder ein abgeklärter Gewalttäter und "harter Kerl", der sich durch nichts erschüttern ließe. "So tun als ob" - das ist ein uralter, sozialer Mechanismus zum spielerischen Austesten des Umfelds. Kaum verwunderlich, dass die überwiegende Mehrheit dieser sich verroht gebenden User junge Männer sind.

Mischung aus Netzmutprobe und Rollenspiel der Provokation

Es handelt sich meiner Einschätzung nach um eine fehlgeleitete Form digitaler Männlichkeitsbeweise, eine Mischung aus Netzmutprobe, dem Kampf gegen die eigenen Minderwertigkeitskomplexe und einem Rollenspiel der Provokation. Bloß, dass nicht nur die Clique zuschaut, sondern potenziell die ganze Welt, was anstachelnd wirken kann.

Die meisten solcher Nutzer wären in lebensweltlichen Gewaltsituationen eben nicht "cool" und "abgeklärt" - haha, eine crazy Kinderleiche! - sondern würden wie eine Herde nasser Topflappen angsterfüllt in sich zusammensinken. Aber ein kleiner Teil derjenigen, die so kommunizieren, begreift nicht, dass es sich um Posen und Provokationen handelt. Dass hier Verrohung als dezentrales Massen-Onlinespiel vorgetäuscht wird. Und daraus ergibt sich die unmittelbare Gefahr.

99 schreiben in ihrem sehr weichen Sessel oder auf dem Heimweg von der Schule, wie cool es wäre, jemandem die Kehle durchzuschneiden; der 100. nimmt die Poserei ernst und fährt nach Syrien zum IS oder ermordet jemanden. Das ist die Essenz des Hassredeproblems: Online lässt sich schwer unterscheiden, ob hier jemand im emotionalen Überschwang eine Hitzigkeit von sich gibt, aus sozialen Gründen eine Pose einnimmt, echte Menschenfeindlichkeit offen aufblitzten lässt oder emotional ein Verbrechen in der Kohlenstoffwelt vorbereitet.

Aus der Pose wird manchmal Realität

Hier trägt das Netz zur gesellschaftlichen Verrohung bei, weil sich durch die soziale Vernetzung ein Wettlauf der Rohheit ergeben kann, der bei manchen Leuten von der Pose zur Realität wird. Von der Schulhofschlägerei, die angezettelt wird, um ein "cooles" Video ins Netz stellen zu können, bis zum Beweisfoto, mit dem Marcel H. der Welt zeigen wollte, was für ein Hecht er sei.

Dazu verschwimmen die verschiedenen Ebenen auch noch, weil auch eine nicht ernst gemeinte Pose anstachelnd wirken kann. Und irgendjemand ein wütend in der Mittagspause hingeworfenes "Anzünden, das Pack!" am Abend Realität werden lässt. Diese noch nicht ausreichend erforschten sozialmedialen Mechanismen sind meiner Überzeung nach auch die Basis für eine Radikalisierung im Netz.

Und genau diese Schwierigkeit in der Unterscheidung erklärt, warum der Gesetzesentwurf des Bundesjustizministerium gut gemeint sein mag, aber falsch wirkt. Es geht um "offensichtlich rechtswidrige Inhalte", aber offensichtlich ist im Netz zwischen Posen, "so tun als ob" und Hass eben nur wenig.

Eine Digitalausgabe der Zivilisierung

Soziale Netzwerke werden daher alles löschen, was im Halbdunkel aus 100 Meter Entfernung so ähnlich aussehen könnte, als wäre es mit einem rechtswidrigen Inhalt verwandt. Um den Strafen zu entgehen. Wäre der Gesetzesentwurf ehrlich, müsste dort stehen: Private Anbieter müssen ohne richterliche Einmischung vermuten, was eventuell rechtswidrig sein könnte.

Das ist zwar nicht Zensur, aber dumm. Und es löst das Problem der Verrohung nicht, sondern ist eine juristische Mischung aus Pose und Posse, wo eigentlich präzises, aber vorsichtiges Handeln gefragt wäre. Denn die Verrohungstendenz ist ja vorhanden. Neben der durch das Netz sichtbar werdenden Verrohung entstehen neue Formen, weil ein Teil der Gesellschaft sich mit allem Drum und Dran ins Netz verschiebt.

Und so ergibt sich ein nicht-jammerig-kulturpessimistischer Blickwinkel: Verrohung war immer, und wir führen einen immerwährenden, aber inzwischen nicht unerfolgreichen Kampf dagegen. Er heißt Zivilisierung. Davon brauchen wir jetzt die Digitalausgabe.

Anmerkung: Als Ergänzung zur heutigen Kolumne gibt es hier einen KolumnenCast von Sascha Lobo zum Anhören.

insgesamt 80 Beiträge
Nordstadtbewohner 15.03.2017
1. Das ist auch von der Politik in Deutschland so gewollt.
"Soziale Netzwerke werden daher alles löschen, was im Halbdunkel aus 100 Meter Entfernung so ähnlich aussehen könnte, als wäre es mit einem rechtswidrigen Inhalt verwandt." Es war klar, dass es keine Zensur geben [...]
"Soziale Netzwerke werden daher alles löschen, was im Halbdunkel aus 100 Meter Entfernung so ähnlich aussehen könnte, als wäre es mit einem rechtswidrigen Inhalt verwandt." Es war klar, dass es keine Zensur geben würde, aber als Herr Maas auf einer Veranstaltung forderte: "Facebook und Co müssten auch bestimmte Inhalte löschen, die noch nicht die Grenze des strafbaren übertreten", war klar, dass es in irgendeiner Art ein Gummiparagraphengesetz geben wird (In einem Artikel hier bei Spon vor Wochen zu lesen), um unbequeme Sichtweisen zu verhindern. Hier zeigt die deutsche Politik ihr wahres Gesicht. Meinungsfreiheit nur dort, wo es den Politikern und Meinungshabern in den Kram passt. Echte Meinungsfreiheit wie in den USA gibt es hierzulande nicht.
Boone63 15.03.2017
2. Diktatoren
Meiner Meinung nach ist der Höhepunkt der Zivilisierung überschritten. Gewalt bricht immer öfters aus und es wird nicht weniger. Darum haben Diktatoren Hochkonjuktur. Man flüchtet sich hinter jemanden der Schutz bietet. Ob da [...]
Meiner Meinung nach ist der Höhepunkt der Zivilisierung überschritten. Gewalt bricht immer öfters aus und es wird nicht weniger. Darum haben Diktatoren Hochkonjuktur. Man flüchtet sich hinter jemanden der Schutz bietet. Ob da jetzt Minderheiten (Homosexuelle und Frauen in RU, Christen in muslimischen Ländern, ...) oder freie Meinungsäußerung (China, ...) darunter leidet, ist für die Anhänger der Diktatoren einfach das kleinere Übel. Und der Mensch selber ist einfach zerstörerisch, dumm, gewalttätig und egoistisch. Das Netz zeigt jetzt einfach nur allen. Und ich bin mir sicher dass der industrielle Massenmord nach deutschem Vorbind sich sicher noch steigern lässt, gib den Menschen einfach noch ein wenig Zeit.
timtonic 15.03.2017
3. So sieht's aus
Aus irgendeinem Grund streifen sehr viele Leute die "dünne Decke der Zivilisation" im Netz schneller ab als man sich drüber wundern kann. Warum ist das so? Die vermeintliche Anonymität? Das würde ja bedeuten, dass [...]
Aus irgendeinem Grund streifen sehr viele Leute die "dünne Decke der Zivilisation" im Netz schneller ab als man sich drüber wundern kann. Warum ist das so? Die vermeintliche Anonymität? Das würde ja bedeuten, dass den meisten Menschen die Zivilisation sowieso eher lästig ist, und die erste Gelegenheit zum Ausbruch sofort genutzt wird. Das wäre dann auch Grund genug für einen ordentlichen Kultur-Pessimismus.
hazebuster 15.03.2017
4. Verrohung?
Wer weiß, wie 4chan vor 10 Jahren war, der weiß auch, dass dort das Gegenteil von Verrohung stattgefunden hat, nämlich eine extreme Mäßigung
Wer weiß, wie 4chan vor 10 Jahren war, der weiß auch, dass dort das Gegenteil von Verrohung stattgefunden hat, nämlich eine extreme Mäßigung
uruetten2 15.03.2017
5.
Lieber Herr Lobo, den meisten Ihrer Schlussfolgerungen stimme ich zu, glaube aber, dass ein wesentlicher Aspekt außen vor bleibt. Auch wenn im Falle des mutmaßlichen Kindsmörders aus Herne die Pose mit Bild und Namen ins Netz [...]
Lieber Herr Lobo, den meisten Ihrer Schlussfolgerungen stimme ich zu, glaube aber, dass ein wesentlicher Aspekt außen vor bleibt. Auch wenn im Falle des mutmaßlichen Kindsmörders aus Herne die Pose mit Bild und Namen ins Netz kam und der Mensch auch im vordigitalen Zeitalter mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den zivilisatorischen Grundkonsens aufgekündigt hätte, so scheint mir der am meisten besorgniserregende Brandbeschleuniger netzbasierender Hass- und Hetzdynamik die Anonymität zu sein. Den meisten der geistigen Brandstifter in den "normalen" sozialen Medien unterstelle ich, dass sie noch nicht einmal unter Alkohol wagen würden, diese Gewaltfantasien vor den Augen und Ohren anderer Menschen zu äußern. Dem häufig vorgetragenen Argument, der Wegfall der Anonymität gefährde auch Menschen, die sonst mit ihrer Meinung garnicht mehr an die Öffentlichkeit gelangen könnten, stelle ich, gewiss mit Bedauern, eine Abwägung von Gewinn und Verlust einer Klarnamenpflicht entgegen.
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