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Netzwelt

Ungewöhnliches Angebot

Facebook lädt zur Fake-News-Volkshochschule

Ab Freitag wird Facebook seinen Mitgliedern einen Aufklärungskurs in Sachen Fake News vorsetzen. Auch jeder deutsche Nutzer bekommt ihn drei Mal prominent zu sehen. Dahinter steckt ein größeres Anliegen.

Facebook
Von und
Donnerstag, 06.04.2017   18:20 Uhr

Wer sich in den kommenden Tagen bei Facebook einloggt, für den gibt es kein Entrinnen. Hunderte Millionen Nutzer werden ab Freitag eine ungewöhnliche Botschaft sehen, wenn sie App oder Webseite öffnen - und zwar als erste Meldung in ihrem Newsfeed, also auf dem wertvollsten Platz, der im Netzwerk zu vergeben ist.

Facebook bietet seinen Nutzern dort einen kleinen Aufklärungskurs zum Thema Fake News an. "Es ist möglich, Fake News zu enttarnen", wird es dort heißen. Facebook macht also in eigener Sache ein bisschen auf Volkshochschule, Grundkurs Faktencheck für Anfänger.

Für den Konzern ist so etwas ungewöhnlich. Für die Verkündung des Projekts ist sogar Adam Mosseri nach Europa einflogen. Er ist einer der Vice Presidents von Facebook, und Chef des für Facebook so zentralen Newsfeeds.

Zwei Facebook-Top-Leute, eine Botschaft

Mit ihm ist auch die neue Zuständige für Medienkooperationen, Campbell Brown, nach Perugia gereist, wo sich in dieser Woche Tausende europäische Journalisten zum International Journalism Festival versammelt haben. Zwei Facebook-Top-Leute in Perugia, eine Botschaft: Wir tun was gegen Fake News.

Was die beiden im Gepäck haben, ist aus Sicht des Tech-Konzerns ein großer Schritt. Hunderte Millionen Facebook-Nutzer in vierzehn Ländern, darunter Deutschland, werden die Botschaft sehen. Mit solchen Experimenten geht der Konzern sehr vorsichtig um.

Wer sich für die Aufklärung interessiert, sieht zehn Tipps, die helfen sollen, Fake News, die auf Facebook kursieren, zu erkennen und am besten auch zu melden. Schließlich sind solche absichtlich gestreuten Verzerrungen und Falschinformationen so komponiert, dass sie sich in sozialen Netzwerken möglichst weit verbreiten.

Die Tipps sind sehr grundlegend und nicht unähnlich einer Checkliste, die Sie seit vergangenem Herbst auch in SPIEGEL-ONLINE-Artikeln zum Thema Fake News finden (siehe Artikelende). Man soll etwa die Quelle prüfen, die Internet-Adresse der verlinkten Seiten genau anschauen - und am besten noch andere Quellen gegenchecken.

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An der deutschen Version der Tipps haben Facebooks Faktenchecker des Journalistenbüros Correctiv sowie die Organisationen Klicksafe, Deutschland Sicher im Netz und Stiftung Digitale Chancen mitgearbeitet.

Auch finanzielle Interessen

Ein Hinweis von Facebook lautet: Handelt es sich womöglich um Adressen, die wie große Medienmarken klingen, aber auf Fake-News-Seiten voller Anzeigen weiterleiten - mit denen die Betreiber dann ihr Geld verdienen?

Eine Menge Fake-News-Verbreiter seien "nicht ideologisch, sondern finanziell motiviert", sagt dazu Newsfeed-Chef Mosseri. Er wiederholte in Italien mehrfach, dass seine Firma Fake News tatsächlich als Problem betrachte und den Kampf dagegen ernst nehme: "Es schadet der Gemeinschaft, es widerspricht unserer Mission und es ist schlecht fürs Geschäft."

Lesetipp zum Thema

Daher sollen nun die Nutzer selbst zu besseren Faktencheckern werden - was für Facebook auch deshalb praktisch wäre, weil der Konzern in Deutschland immer noch verzweifelt weitere Partner fürs Factchecking sucht.

Maximal drei Mal angezeigt

Auf das Thema Fake News aufmerksam gemacht werden Nutzer durch die prominente Meldung allerdings erst einmal nur drei Tage lang. Und jeder soll den Hinweis an der Spitze des Newsfeeds maximal drei Mal angezeigt bekommen. Die Marktforschung habe gezeigt, dass zu aufdringliche Aufklärungsversuche bei den Nutzern nicht gut ankämen und Negativität erzeugten, so Mosseri.

Mosseri betont wie seine Kollegin Campbell Brown, dass Medien eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Falschinformationen spielten. Brown sagt, dass Facebook sich weiter primär als Distributionsplattform für Inhalte verstehe: "Journalismus war nie so wichtig wie heute und Medien haben eine bedeutende Aufgabe."

Neben derlei Schmeicheleien ist Facebook ist in diesem Jahr einer der wichtigsten Sponsoren der Journalisten-Konferenz in Perugia. Es ist die volle Charmeoffensive für diejenigen, auf die man auch nach drei Tagen Fake-News-Schulung der Nutzer im Umgang mit dem Phänomen wohl doch nicht verzichten kann.

Tipps für den Online-Alltag: So enttarnen Sie Fakes

Ist die Quelle seriös?
Stößt man auf eine spektakuläre Nachricht, sollte man zunächst prüfen, auf welcher Quelle sie beruht. Bei einer Falschmeldung des "Denver Guardian" aus dem US-Wahlkampf etwa hätte es schon gereicht, den Namen des Mediums zu googeln. Einen "Denver Guardian" gibt es nämlich nicht, wie die "Denver Post", eine real existierende Zeitung, klarstellte. Seriöse Nachrichtenseiten haben ein Impressum und Kontaktmöglichkeiten und verschleiern nicht, wer sie betreibt.

Interessant ist auch, was eine Seite bislang veröffentlicht hat. Ist eine spektakuläre Nachricht vielleicht der erste Beitrag überhaupt? Gibt es die angeblich traditionsreiche Seite möglicherweise erst seit einer Woche? Oder postet die Seite sonst offenkundig blödsinnige Nachrichten?
Handelt es sich um eine Satire-Meldung?
Hat man den Kontext im Blick, entdeckt man auch Satire-Postings leichter. Seit Jahren zum Beispiel kommt es vor, dass Internetnutzer "Postillon"-Meldungen für bare Münze nehmen. Die Website verspricht zwar "ehrliche Nachrichten - unabhängig, schnell, seit 1845", veröffentlicht aber Quatschmeldungen wie "Katastrophenschutz warnt: Werwölfe heute Nacht bis zu 15 Prozent größer". Ähnliches gilt für "Die Tagespresse", die sich als "Österreichs seriöseste Onlinezeitung" bezeichnet.

Neben Satire-Seiten gibt es Websites, die mit erfundenen Nachrichten Besucher locken wollen, um über Anzeigen Geld zu verdienen. Die US-Aufklärungswebsite "Snopes" listet diverse solcher vermeintlicher Nachrichtenangebote auf, darunter etwa "World News Daily Report" und "National Report". Bei Twitter-Accounts sollte man überprüfen, ob ein Tweet wirklich von dem Account kommt, dem er zugeschrieben wird. Mitunter begegnet man auf Twitter auch Fake-Accounts, die nur so ähnlich heißen wie ein bekannter Account. Davon, dass ein Twitter-Konto wirklich demjenigen gehört, dem er angeblich gehört, kann man erkennen, wenn er von Twitter "verifiziert" wurde, also einen weißen Haken auf blauem Hintergrund neben dem Profilnamen hat.
Was steht wirklich im Artikel - und was nur in der Vorschau?
Gerade bei aggressiv etwa per Facebook angepriesenen Artikeln lohnt es sich, im Original-Artikel nachzuschauen, ob der kleine Vorschauschnipsel auf den Artikel und der eigentliche Inhalt zusammenpassen: Steht die Sensation überhaupt im Text?

Jeder Facebook-Nutzer, der eine Seite betreibt oder eine Community managt, kann beim Posten eines fremden Artikels auch die Überschrift und den Einleitungstext ändern.
Hier zum Beispiel haben wir einen SPIEGEL-ONLINE-Artikel mit der Überschrift "Kristina Schröder zieht sich aus Bundespolitik zurück" mal anders verpackt. Wir hätten auch Quatsch schreiben können wie "Kristina Schröder begeistert von Trumps Frauenbild". Merken würde man das als Facebook-Nutzer erst beim Klick auf den Artikel.
Wo kommt die Information her?
Seriös arbeitende Journalisten machen deutlich, wo ihre Informationen herkommen. Wenn etwa über eine Studie berichtet wird, sollte diese genau genannt oder verlinkt sein. Und wenn man ein anderes Medium zitiert, kann man auch einfach einen Link setzen.

Bei Medien wie SPIEGEL ONLINE steht am Ende von Meldungen übrigens oft ein Hinweis wie "dpa", "Reuters" oder "AFP". Dieses Kürzel zeigt an, dass die Meldung oder ein Teil ihrer Informationen von einer Nachrichtenagentur stammt. Meldungen aus Agenturen lassen sich nicht immer verlinken.
Wurde die Quelle richtig wiedergegeben?
Wenn es schon Quellen-Erwähnungen oder -Links gibt, lohnt es sich bei kontroversen Meldungen oft, sich durchzuklicken, bis man irgendwann bei der Ursprungsquelle ankommt. Manchmal ist sie uralt oder wird falsch wiedergegeben, was nicht immer böswillig geschehen muss: So kann es zum Beispiel Übersetzungsfehler geben. Wie der Quellencheck konkret aussehen kann, zeigt zum Beispiel dieses Video vom Kanal "Die besorgte Bürgerin":
Seiten wie "We Watch Fake Anonymous" konnten mit teils simplem Quellenaufrufen immer wieder Behauptungen der mittlerweile gelöschten Facebook-Hetzseite "Anonymous.Kollektiv" widerlegen.
Falle ich gerade auf einen Fake-Klassiker rein?
Viele Falschmeldungen kursieren monate- oder jahrelang durchs Netz - und trotzdem gibt es immer wieder Nutzer, die darauf reinfallen. Das gilt zum Beispiel für Aufrufe, bei denen behauptet wird, per Bild-Posting könne man den Facebook-AGB widersprechen.

Oft reicht es schon, Stichworte einer Meldung mit dem Zusatz "Fake" ins Google-Suchfeld zu packen. Aufklärungsseiten wie "Mimikama" und "Emergent" und Medienkritik-Portale wie "Übermedien" und das "BILDblog" haben schon über viele wiederkehrende Falschmeldungen berichtet.

Viele aufregende Geschichten entlarven sich per simplem Googlen auch als Urban Legends, als Großstadtmythen. Das gilt für manche angebliche Horrornachricht rund um Flüchtlinge - wie die "Hoaxmap" zeigt -, aber auch für viele Anekdoten, die jemand von einem ungenannten Dritten gehört haben will, etwa die Geschichte vom Hund, der im Kaufhaus stirbt.
Ist die Information tatsächlich brisant?
Vorsicht ist auch dann geboten, wenn als Quelle nebulös ein Leak angegeben wird. Nur, weil etwa eine E-Mail nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, heißt dass nicht, dass sich darin automatisch eine spektakuläre Enthüllung verbirgt.

Bei Reddit und in anderen Internetforen wurde rund um die US-Wahl in allerlei Beiträgen, vor allem aus dem Umfeld von Trump-Fans, auf eine von WikiLeaks veröffentlichte E-Mail verwiesen. Dabei wurde mitunter suggeriert, Hillary Clintons Wahlkampfleiter würde sich in der Nachricht kritisch über Deutschlands Umgang mit der Flüchtlingskrise äußern. Ein Klick auf die Quelle beweist aber: Die E-Mail wurde an den Mitarbeiter Clintons geschickt, nicht von ihm.

Auch wenn viele Blogs und Foren eine Nachricht diskutieren - und kein etabliertes Medium -, hat man nicht unbedingt einen Beleg für "Lügenpresse"-Vorwürfe gefunden. Eins von vielen Gegenbeispielen für diese These findet sich etwa bei "Mimikama".
Zeigt ein Foto wirklich, was es zu zeigen vorgibt?
Gerade kurz nach Naturkatastrophen oder Gewalttaten machen häufig auch Foto-Fakes die Runde. Viele Menschen suchen dann nach Bildern und bekommen zum Beispiel alte Fotos von anderen Ereignissen vorgesetzt.
Vier Schritte - die wir hier detaillierter erklären - können helfen, solche Fakes zu entlarven: von der Bilder-Rückwärtssuche bis hin zum Check der Bildinhalte auf Plausibilität.
Wie neu ist ein angeblich neu aufgetauchtes Video?
Nach Ereignissen wie der Kölner Silvesternacht werden in sozialen Netzwerken oft nicht nur alte Fotos, sondern auch alte Videos als vermeintliche hochaktuelle Augenzeugen- oder Skandalclips inszeniert.

Will man eine Ahnung davon bekommen, ob ein YouTube-Video vielleicht schon älter ist, kann man zum Beispiel den YouTube DataViewer von Amnesty International anwerfen. Der Dienst liefert unter anderem sogenannte Thumbnails, Bildausschnitte aus Videos, mit denen sich dann wieder eine Bilderrückwärtssuche durchführen lässt. Außerdem wird das Upload-Datum angezeigt.
Kann ich anderen Nutzern helfen?
Haben Sie einen Fake entlarvt, kann es nie schaden, andere Internetnutzer an der Erkenntnis teilhaben zu lassen und beispielsweise einen Erklärlink als Kommentar unter ein dubioses Facebook-Posting zu setzen. Bei Facebook sollten Sie auch versuchen, Fake-News zu melden. In einem Untermenü der Meldeoption kann man explizit angeben, dass es sich möglicherweise um eine gefälschte Nachricht handelt.
insgesamt 6 Beiträge
widower+2 06.04.2017
1. Verzweifelte Suche nach Faktenckeckern?
Zuckerberg kann geholfen werden. Wenn er diese Tätigkeit angemessen bezahlt, wird die Suche bestimmt gleich weniger verzweifelt.
Zuckerberg kann geholfen werden. Wenn er diese Tätigkeit angemessen bezahlt, wird die Suche bestimmt gleich weniger verzweifelt.
io_gbg 06.04.2017
2.
Ist ja in Ordnung. Aber Facebook sollte viel mehr gegen den Hass tun, der sich da wie eine Pest ausgebreitet hat. Und zwar proaktiv. Leider reagiert FB nur viel zu selten auf Anzeigen klarer Hass postings. Das Meiste wird [...]
Ist ja in Ordnung. Aber Facebook sollte viel mehr gegen den Hass tun, der sich da wie eine Pest ausgebreitet hat. Und zwar proaktiv. Leider reagiert FB nur viel zu selten auf Anzeigen klarer Hass postings. Das Meiste wird abgewimmelt. Aber auch die Betreiber vpon Facebook-Seiten, wie z. B. SpOn, sollten aktiv vorgehen. Posts von Usern, die Hass verbreiten, systematisch löschen. Das machen andere Medien auch.
tyfooniii 06.04.2017
3. Aktien schnell verkaufen
Der Zug ist durch für Facebook. Die Jungen und damit relevante Zielgruppe ist schon lange weg und bei neuen Medien und der Rest kapiert langsam was Facebook gesellschaftlich anrichtet. Und die verzweifelten Versuche des [...]
Der Zug ist durch für Facebook. Die Jungen und damit relevante Zielgruppe ist schon lange weg und bei neuen Medien und der Rest kapiert langsam was Facebook gesellschaftlich anrichtet. Und die verzweifelten Versuche des Management verhindern den Niedergang nicht. Dafür ist es zu spät. Wer Aktien von Facebook hat sollte diese schnellsten los werden...
Flying Rain 07.04.2017
4. @2
Es ist halt nunmal oft sehr subjektiv was man als Hass-Kommentar bezeichnet manche Social Justice Warriors etwa würden es schon als Hasskommentar sehen wenn ich etwas verlauten lassen würde wie "Mein Gender ist [...]
Es ist halt nunmal oft sehr subjektiv was man als Hass-Kommentar bezeichnet manche Social Justice Warriors etwa würden es schon als Hasskommentar sehen wenn ich etwas verlauten lassen würde wie "Mein Gender ist Kampfhelikopter". Peta-Mitglieder würden es wohl ein Bild von einem Pelzmantel oder einer Lederhose als Hasspostibg ansehen usw. usw. ...ein Grund warum Zensur im Internet fehl am Platz ist. Wenn eine Straftat nach dem Gesetz besteht gibt man es an die Behörden und fertig wenn es einen wirklich nahe geht was irgendjemand im Netz von sich gibt was mich bis heute noch wundert. Wenn mich etwas eventuell aufregt was ich im Netz lese dann klicke ich einfach weiter oder scrolle weiter, was soll ich mir einen Kopf machen was irgendein Affe irgendwo im Netz von sich gibt. Wie letztens bei diesem Konflikt mit der Würstchenbude und dem Veggieladen. Da hatt man für einen TV-Beitrag irgendwo in den tiefen des Internets Kommentare von einem Imageboard ausgegraben auf dem von Katzenbildern über Reiseberichte bishin Autounfällen alles auf die selbe Art kommentiert wird mit einem Ironiefaktor von 3000 wenn man sich das mal gebauer ansieht und das nimmt irgendjemand Ernst? Aber naja wie oben im Artikel zu sehen erkennt mittlerweile sogar Facebook wie gering die Medienkompetenz der meisten User ist. -> wenns im Internet steht muss es auch stimmen...
usa911 07.04.2017
5. Dann müsste es ja absofort
auch nur noch "saubere" Werbung auf Facebook geben. Sprich es dürften keine Werbelügen, falsche Versprechen oder sonstige Auswirkungen in der Werbung versprochen werden. Alleine der Slogan "Katzen würden Whisky [...]
auch nur noch "saubere" Werbung auf Facebook geben. Sprich es dürften keine Werbelügen, falsche Versprechen oder sonstige Auswirkungen in der Werbung versprochen werden. Alleine der Slogan "Katzen würden Whisky kaufen" ist eine falsch Meldung und würde somit unter Fakenews fallen. Aber ich bin mir sicher, was die Werbung an Lügen verbreitet, das darf Sie weiter...

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