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Netzwelt

Social Bots auf Twitter

CSU wirft Meinungsroboter aus der Gefolgschaft

Meinungsroboter sind unter den deutschen Parteien im Wahlkampf verpönt. Politiker übertrumpfen sich gegenseitig mit Ideen für den Kampf gegen solche Bots. Die CSU hängt die Latte nun mit einer Twitter-Aktion höher.

REUTERS

Twitter-Logo

Von
Montag, 11.09.2017   14:56 Uhr

Die CSU geht gegen ungeliebte Meinungsroboter vor: Die Partei hat rund 600 Twitterkonten aus der Liste der Follower des offiziellen CSU-Twitterkontos @CSU entfernt, teilte ein Sprecher mit. Ob es sich dabei um CSU-freundliche oder CSU-feindliche Bots gehandelt hat, ist nicht bekannt.

Um gegen die sogenannten Social Bots vorgehen zu können, hatte sich die CSU laut eigenen Angaben vor drei Monaten an die Hochschule für Politik an der Technischen Universität München gewandt. Simon Hegelich, Professor für Political Data Science, bekam zusammen mit seinem Team den Auftrag, nach Social Bots unter den Twitter-Followern von @CSU zu suchen.

Das Ergebnis: Von den rund 170.000 Twitter-Followern der CSU identifizierte Hegelich unter Anwendung eines mehrstufigen Machine-Learning-Verfahrens auf Basis menschlicher Klassifizierungen rund 600 Accounts als Social Bots. Diese Follower hat die CSU nun auf Twitter als Follower ausgemustert. Das geht zum Beispiel, indem man ein Nutzerkonto blockt.

Auf Twitter können Nutzer beliebigen anderen öffentlichen Accounts folgen. So kann es passieren, dass mancher Nutzer auch Follower hat, die er eigentlich gar nicht anziehen wollte. Viele Politiker etwa haben wohl zahlreiche Bots unter ihren Followern, auch wenn die Messung des genauen Anteils umstritten ist.

Dass unter den Followern von @CSU nun keine Bots mehr sind, ist jedenfalls höchst unwahrscheinlich. Ein erster Blick auf die Follower des Kontos zeigt bereits etliche potenzielle Fake-Profile ohne Fotos und Bio, mit verdächtigen Namen wie "rh4Z7sdiMoamI2v" oder "enitfoger1984".

Bots können eine falsche Mehrheitsmeinung suggerieren

Das Wort Social Bot ist eine Abkürzung für Social Robot. Das sind Programme, die sich zum Beispiel in sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook automatisiert zu Wort melden. Dabei versuchen sie sehr häufig zu verschleiern, dass hinter dem jeweiligen Account gar kein echter Mensch sitzt. Die Profile von Bots tarnen sich daher etwa mit falschen Profilfotos oder versuchen, möglichst authentisch klingende Posts zu verfassen. Ein solcher Bot ist schnell gebaut und kann in hoher Schlagzahl Beiträge absetzen.

Auftraggeber könnten über ganze Bot-Armeen zum Beispiel versuchen, einen falschen Eindruck vom vorherrschenden Meinungsklima in einem Land zu erzeugen - vor Wahlen könnte das besonders folgenreich sein. Weil diese Gefahr offenbar auch die deutsche Politik sieht, herrscht im Bundestagswahlkampf immer wieder Aufregung um das Thema.

Parteien übertrumpfen sich mit Anti-Bot-Ideen

Alle im Bundestag vertretenen Parteien hatten öffentlich erklärt, für ihre jeweiligen Wahlkämpfe zur Bundestagswahl 2017 keine Social Bots einsetzen zu wollen. Auch die FDP lehnte die Nutzung von Meinungsrobotern ab. Die Alternative für Deutschland (AfD) hatte dagegen kurz mit einem Bot-Einsatz geliebäugelt, sich dann aber doch öffentlich dagegen entschieden.

Seither versuchen die Parteien, sich gegenseitig zu übertrumpfen mit Ideen, wie die Armee der Meinungsroboter eingehegt und die vermutete Gefahr für die Demokratie gebannt werden könnte: Die Länder-Justizminister von Hessen, Sachsen-Anhalt und Bayern forderten, einen bereits vom Bundesrat beschlossenen Gesetzesentwurf zum Straftatbestand des "Digitalen Hausfriedensbruchs " auch auf Meinungsroboter anzuwenden.

Die Bundestagsfraktion der Grünen forderte in einem Positionspapier ein Transparenzgesetz gegen den massenhaften Einsatz von Social Bots. Social Bots könnten dort, wo sie "entsprechend programmiert und missbräuchlich eingesetzt werden, demokratische Diskurse vergiften", heißt es in dem Entwurf.

Nun kommt die CSU mit ihrer Anti-Bot-Aktion auf Twitter daher und will damit offenbar öffentlichkeitswirksam klarstellen, dass man Social Bots nicht nur nicht selbst einsetzt - sondern auch keinen Wert auf Computer-Follower legt. "Wir haben für den Wahlkampf immer gesagt: Wir wollen den möglichen manipulativen Einsatz von Social Bots durch Dritte auf den Social-Media-Kanälen der CSU identifizieren und unterbinden", begründete CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer die Aktion.

Social Bots zu identifizieren ist dabei gar nicht so leicht, sagt auch Forscher Hegelich, der zu dem Phänomen forscht und für die CSU auf Bot-Jagd ging. Laut Hegelich ließen sich mit seinem Verfahren aber "einige eindeutige Handschriften von Social Bots" entdecken. "Zusammen mit der Analyse echter, verifizierter Twitteraccounts kann der Computer lernen, Social Bots herauszufiltern."

Bot oder kein Bot? So erkennen Sie Meinungsroboter

Wie seriös ist der Account?

Stolpert man in der Timeline über radikale Positionen oder aufrührerische Nachrichten, sollte man sich zunächst die Quelle anschauen:

  • Kennt man die Person, die dort angeblich twittert?
  • Kenne ich Follower des Accounts?

Ist das nicht der Fall, ist Vorsicht geboten.

In jedem Fall sollte man sich anschauen, was der Account zuvor getwittert hat: Twittert er etwa immer ungefähr dasselbe? Hat er die Nachricht, die man gerade bekommen hat, auch an viele andere Nutzer verschickt? Teilt er immer Postings desselben Mediums oder Accounts?

Ein "verifizierter" Twitter-Account mit einem blauen Häkchen jedenfalls bedeutet nicht zwangsläufig, dass es sich um einen Menschen handelt. Das legen Auswertungen der deutschen Initiative Botswatch nahe, die bei ihrer Arbeit auch Bots mit verifizierten Accounts entdeckt hat. Botswatch wertet die Bot-Aktivität bei bestimmten Social-Media-Events aus, darunter zum Beispiel die Rede der Kanzlerin auf dem letzten Bundesparteitag der CDU.

Was verrät die Profilbeschreibung?
Der Schweizer Maschinenethiker und Bot-Forscher Oliver Bendel rät, sich das Profil eines Accounts genau anzuschauen. Misstrauisch werden sollte man ihm zufolge, wenn die dortigen Angaben Nonsens sind oder wenn dort quasi nichts steht. Hilfreich sei es etwa, sich die im Profil angegebenen Links anschauen - so seien Rückschlüsse auf die Seriosität des Accounts möglich. Social Bots seien häufig "Schleudern für Fake-News-Seiten", hat Bendel beobachtet, dem zuletzt immer wieder Negativschlagzeilen zu Bots aufgefallen sind. "Die Idee hinter den Bots war es ursprünglich nur, einfach maschinell etwas weiterzureichen", sagt er dazu.
Wie oft twittert der Account?

Selbst sehr aktive politische Accounts von Menschen veröffentlichen selten Dutzende Twitter-Nachrichten pro Tag. Die Oxford University jedenfalls hat in einer Studie herausgefunden, dass Accounts, die mindestens 50 Tweets am Tag ausstoßen oder stets die gleiche Anzahl an Tweets, in den meisten Fällen Social Bots sind. Nach Angaben von Botswatch gilt Ähnliches für eine sehr hohe Anzahl an Retweets.

Der Twitter-Account "DieWelle2017" zum Beispiel ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Bot. Er ist erst seit Juli 2016 in dem Netzwerk aktiv und hat bereits fast 30.000 Tweets verschickt.

Twitter-Account @diewelle2017

Interessant ist auch, wann ein Account etwas twittert: Hat er zum Beispiel ungefähr zur selben Zeit viele verschiedene Tweets an verschiedene Accounts verschickt? Natürlich können das prinzipiell auch Menschen, aber die meisten formulieren und schicken eher einen Tweet nach dem anderen.

Wie schnell reagiert der Account?

Bots können schneller als der Mensch auf Nachrichten reagieren und sie verbreiten. Retweetet ein Account regelmäßig beispielsweise schon eine Sekunde nach der Veröffentlichung eines Tweets, handelt es sich wahrscheinlich um einen Bot.

Die Pfannkuchenpolizei zum Beispiel ist ein gutartiger Bot, der sofort auf das Wort "Berliner" in Tweets reagiert. Dank ihm kann man spielerisch mit eigenen "Berliner"-Tweets testen, wie schnell ein Bot reagiert.

Wie viel gefällt dem Account?

Auch beim Favorisieren gilt: Je mehr Sternchen der Account für andere Tweets verteilt, desto eher steckt dahinter kein Mensch. Um einen Account als Bot identifizieren zu können, setzt Botswatch nach eigenen Angaben mindestens 50 Likes voraus.

Dass es sich etwa im Falle von "PetPanther0" mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen Bot handelt, zeigt nicht nur die hohe Anzahl an Tweets in kürzester Zeit, sondern auch die große Zahl an Likes.

Twitter-Account @petpanther0

Wie reagiert der Account auf Kontextfragen?

Laut Bot-Forscher Bendel ist alles, was Kontextwissen voraussetzt, schwierig für Social Bots. "Kaum ein Chatbot kam mit Fragen, die räumliches Denken erfordern, zurecht", sagt er - also Fragen wie "Was ist über dir?" oder "Was ist unter dir?". Im Zweifel kann es also helfen, den Bot mit einer Frage zu konfrontieren, die ein Mensch einfach beantworten kann, deren Antwort bei einem Bot aber nicht zum Standardprogramm gehört.

Wie schreibt der Account?
Bots verraten sich manchmal auch auf ganz simple Art: durch ihren Sprachstil. Achten Sie daher darauf, wie der Account schreibt. Verwendet er zum Beispiel immer wieder Begriffe, die Sie zuvor benutzt haben - auch wenn das inhaltlich kaum Sinn ergibt? Oder ist seine Grammatik vielleicht seltsam, das aber auf eine Art, wie sie bei Menschen eher unüblich ist?
Was sagen Dienste wie "Bot or Not"?

Von Ihrer eigenen Beobachtungsgabe abgesehen, lohnt es sich manchmal, einen aufs Erkennen von Bots spezialisierten Webdienst zur Hilfe zu nehmen. "Bot or Not" zum Beispiel, das an der Indiana University Bloomington angeboten wird, kann für Twitter-Accounts einen Score erstellen, aus dem sich angeblich ableiten lässt, ob ein Account eher ein Bot ist oder von einem Menschen betrieben wird. Wirklich verlässlich ist das angezeigte Ergebnis aber nicht - man sollte es daher lieber nur als Ausgangspunkt für eine eigene Einschätzung nehmen.

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