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Netzwelt

Nudging

Du willst es doch auch. Oder?

Wissen Sie, was Nudging ist? Nein? Politiker und Berater schon. Es geht darum, Menschen zu einer optimalen Entscheidung zu lenken. In Verbindung mit digitalem Fortschritt ist das höchst bedenklich.

DPA

Menschen in einer Warteschlange

Eine Kolumne von
Mittwoch, 11.10.2017   16:28 Uhr

Nudging hat einen Nobelpreis gewonnen. Und zwar in Form von Richard Thaler, der diesen Begriff der Verhaltensökonomie geprägt hat. Nudging wird als "Anstupsen" oder "Schubsen" übersetzt. Das Denkmodell dahinter: Menschen verhalten sich bei Alltagsentscheidungen oft unbedacht oder irrational. Deshalb sollte man sie in Richtung der sinnvollsten, besten Auswahlmöglichkeit stupsen.

Drei simple Beispiele, mit denen Nudging gern erklärt wird: Die Fliege im Pissoir verringert die Menge des verspritzten Urins. Wo der Zustimmung zur Organspende im Todesfall aktiv widersprochen werden muss, ist die Zahl der Organspender um ein Vielfaches höher. Wenn man Obst in der Cafeteria auf Augenhöhe hinlegt, essen die Leute mehr Obst.

In vielen politischen Kreisen gilt Nudging als Antwort auf die Fragen, die sich in einer komplexen Gesellschaft stellen. Heiko Maas und Angela Merkel finden Nudging schnafte und haben 2015 entsprechende Expertenprojekte aufgesetzt. David Cameron und Barack Obama gründeten Regierungsstäbe, unter anderem mit dem heutigen Nobelpreisträger Thaler. Das Interessante an Nudging ist nämlich, dass es funktioniert. Aber das Schlimme an Nudging ist, dass es funktioniert.

"Ich weiß besser, was gut für dich ist"

Die Kreuzung von Nudging und digitalem Fortschritt ergibt ein bedenkliches Gemisch. Die Problematik beginnt damit, dass für das Prinzip Nudging zwingend erforderlich ist, zu definieren, was genau die "sinnvollste, beste" Auswahlmöglichkeit ist. Sonst könnte man ja niemanden dorthin schubsen.

Eine liberale Gesellschaft aber besteht eben gerade daraus, den Wert in der Freiheit der Wahlmöglichkeit zu sehen und nicht festzulegen, was vorgeblich das Beste für alle ist. Das ist eine Mischung aus "Du willst es doch auch" und "Ich weiß besser, was gut für dich ist". Das Menschenbild dahinter ist eine Zumutung, darauf deutet schon die Hilfsbezeichnung für Nudging hin, "libertärer Paternalismus". Und in der digitalen Sphäre potenziert sich diese Zumutung.

Der digital immens negative Effekt des Nudging ist verpackt in ein harmlos wirkendes Zitat des Neunobelpreisträgers Thaler: "Wir können nicht evidenzbasierte Politik machen ohne Evidenz." Wer könnte da widersprechen? Allerdings geht es ja um die Beeinflussung von Verhalten, weshalb das Verhalten der Menschen vermessen werden muss. Das ist im Labor spannend, aber in der digitalen Welt hat dieser Ansatz einen Namen: Überwachung.

Das ist der große Unterschied zum Analog-Nudging. Die Verlockung, in der digitalen Sphäre Verhaltenssteuerung per Nudging an Echtzeitdaten zu knüpfen und zu personalisieren, ist zu groß. Weder Regierungen noch Konzerne werden ihr widerstehen.

Die Grenze zur Manipulation ist schnell erreicht

Die Denkschule des Nudging liefert eine Ausrede für die ständige Überwachung des Verhaltens: Wir beobachten dein Verhalten, denn wir wollen nur das Beste für dich. Und unsere Methode besteht im Wesentlichen aus der gezielten Ausnutzung der Schwächen und Unachtsamkeit der Menschen. Da ist die Grenze zur Manipulation schnell erreicht.

Nicht alle Nudging-Maßnahmen sind schlecht. Die Denkschule zeigt eine Vielzahl sinnvoller Gestaltungsansätze auf, wo einer verbreiteten Bedenkenlosigkeit mit simplen Maßnahmen entgegengetreten werden kann - zum Beispiel das Obst auf Augenhöhe. Aber oft sind das in erster Linie Vermarktungsgeschichten. Schließlich gilt für Nudging, was Berater für alle Schlagworte kennen: Je häufiger drüber gesprochen wird, desto eher wird aus einem Begriff ein Budget.

Der unablässige Informationsstrom jedoch, zu dem unsere Welt geworden ist, kann mit der Nudging-Philosophie eine unheilvolle Mischung eingehen, ein Amalgam der Bevormundung. Denn Informationsstrom heißt auch Entscheidungsstrom: Liken, Swipen, Sharen, Kaufen, Schauen, Klicken. Und Entscheiden macht müde.

Man braucht Energie, nicht die vorgekaute Entscheidung zu treffen

Wenn man den ganzen Tag - wie im digitalen Spätkapitalismus üblich - einen Druck aushalten, einem Druck widerstehen, einen Druck aufrechterhalten muss, hat man irgendwann keinen Bock mehr. Dann nimmt man halt, was da ist, was einfach ist, was Standard ist. Zwar behaupten Nudging-Fans, dass die Entscheidungen zwar "beeinflusst", aber letztlich freiwillig seien. Tatsächlich aber kann man dem großen Strom der Normalgesellschaft vielleicht in drei, vier, zehn Punkten widerstehen. Aber nicht in hundert.

Das Internet der Datenströme macht Nudging von einem verhaltensökonomischen Wirkprinzip zu einem Gängelungsinstrument des digitalen Alltags. Man muss immer wieder Energie aufwenden, um nicht die vorgekaute Entscheidung zu treffen.

Nudging basiert auf der geschickten Ausnutzung von teilweise irrationalen Verhaltensweisen. Deshalb funktioniert das Prinzip um so schlechter, je aufgeklärter, bewusster und informierter die Leute entscheiden. Es entsteht also eine ökonomische Schule samt dazugehöriger Politstrategien und Unternehmen, deren Erfolg davon abhängt, dass ausreichend viele Menschen uninformierte Entscheidungen treffen. Keine schöne Motivation. Das ist das Gegenteil des Ziels Aufklärung.

Zusammen mit digitaler Vernetzung ergibt sich eine Dystopie

Im staatlichen Nudging, auch "libertärer Paternalismus" genannt, liegt deshalb nicht nur eine verstörende Datengläubigkeit, also der Glaube, menschliches Verhalten ließe sich ausreichend gut mit Daten abbilden. Es liegt auch eine illiberale Staatsgläubigkeit darin, die Überzeugung, der Staat werde schon immer für alle genau wissen, was das Beste, das Sinnvollste ist.

Die Verteidigung der Nudging-Fans lautet dann: "Aber so ist Nudging nicht gemeint!" Das erinnert an diejenigen, die angesichts des real existierenden Sozialismus darauf beharrten, dass eigentlich alles anders gemeint war. Nudging kann man nur als "real existierendes Nudging" betrachten, da gerinnt die libertäre Seite zur Farce, und es bleibt: Paternalismus. Da ist das doofe Cafeteria-Obst eine Anekdote, die man in PDF-Broschüren hineinschreibt, die niemand herunterlädt. Stattdessen tut sich in Verbindung mit der digitalen Vernetzung eine dauerüberwachte Manipulationsdystopie auf. Deren gesellschaftliche Architektur lässt sich bereits in China betrachten, in Form eines Sozialkredit-Systems, das öffentlich erprobt wird: Punkte für Wohlverhalten.

Auch die Schufa bewertet Menschen anhand ihres messbaren Verhaltens

Dabei bekommt jeder Bürger ein Punktekonto. Jede digital nachvollziehbare Handlung kann dieses Verhaltenskonto erhöhen oder reduzieren. Überfahren einer roten Ampel: Punktabzug. Schlechte Bewertungen der Arbeitsleistung: Punktabzug. Sharen der falschen Artikel: Punktabzug. Und die Auswirkungen sind sehr spürbar, unterhalb eines bestimmten Kontostandes ist es etwa unmöglich, einen Kredit bei der Bank aufzunehmen. Oder befördert zu werden.

Aus westlicher Perspektive ließe sich leicht spotten, das sei eben Nudging ohne Demokratie, autoritäre Verhaltenssteuerung. Aber so einfach ist es nicht. In Deutschland akzeptierte Instrumente wie etwa die Schufa nehmen ganz selbstverständlich eine Bewertung jedes einzelnen Menschen anhand seines messbaren Verhaltens vor. Sie ist eben bloß ökonomisch sanktioniert und nicht politisch.

Das ist die westliche Variante der Nudging-Dystopie: Verhaltenssteuerung durch ökonomische Anreize. Volle Entscheidungsfreiheit! Für alle, die es sich leisten können. Eine solche Dystopie geht zwar weit über die reine Lehre des Nudging hinaus, und Thaler war klug genug, das Anstupsen so zu definieren, dass möglichst kein Zwang dahinterstehen soll. Aber das ist eben der Unterschied zwischen nobelpreiswürdiger Forschung - und ihrer Anwendung.

insgesamt 78 Beiträge
noalk 11.10.2017
1. Das ist der Unterschied
Die richtigen Nobelpreise würdigen Entdeckungen oder Erfindungen, die einen Nutzen für die Menschheit haben. Der Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften würdigt Arbeiten zum Nutzen der Wirtschaft. Und was [...]
Die richtigen Nobelpreise würdigen Entdeckungen oder Erfindungen, die einen Nutzen für die Menschheit haben. Der Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften würdigt Arbeiten zum Nutzen der Wirtschaft. Und was der Wirtschaft nutzt, dient oft nicht dem Wohl der Menschheit.
wahrsager26 11.10.2017
2. Nudging
Interessant! Interessant, weil vor gar nicht so langer Zeit diese Methode in gewissen Zusammenhängen nicht genannt werden durfte! Wie man aber sieht, lässt sich vieles nicht ewig unter dem Teppich halten...auch das zeigte die [...]
Interessant! Interessant, weil vor gar nicht so langer Zeit diese Methode in gewissen Zusammenhängen nicht genannt werden durfte! Wie man aber sieht, lässt sich vieles nicht ewig unter dem Teppich halten...auch das zeigte die nähere Vergangenheit bereits! Danke
arne.schulke 11.10.2017
3. Eine breite graue Zone
Sascha Lobo greift zurecht die dunkle Seite der Macht auf und macht auf die großen Versuchungen des "libertären Paternalismus" hin. Ein Staat ist da keineswegs weniger anfällig als ein Unternehmen, das sich natürlich [...]
Sascha Lobo greift zurecht die dunkle Seite der Macht auf und macht auf die großen Versuchungen des "libertären Paternalismus" hin. Ein Staat ist da keineswegs weniger anfällig als ein Unternehmen, das sich natürlich um beispielsweise die Gesundheit (sprich langfristige Arbeitsfähigkeit) seiner Mitarbeiter in deren eigenem besten Interesse kümmern MUSS. Hier dem fast naiv-positiven Bild Thalers/Sunsteins eine düstere digitalisierte Version entgegenzusetzen, hat durchaus seine Berechtigung!
commandertom 11.10.2017
4. Sie sind auch so ein "Nudger", Herr Lobo
Wenn Sie es sicher auch nicht gerne hören, auch Ihr gesamter Artikel ist ein permanentes Schubsen in eine Richtung, sozusagen Nudgen für Fortgeschrittene, da auch Sie der Meinung sind, zu wissen, was am besten für alle ist [...]
Wenn Sie es sicher auch nicht gerne hören, auch Ihr gesamter Artikel ist ein permanentes Schubsen in eine Richtung, sozusagen Nudgen für Fortgeschrittene, da auch Sie der Meinung sind, zu wissen, was am besten für alle ist (diesmal: nicht genudged zu werden). Aber zu Ihrer Entschuldigung: dies ist ein weit verbreitetes Phänomen des Qualitätsjournalismus.
Hoschi 11.10.2017
5. Perfekt
erklärt und doch wird es nur eine Minderheit verstehen. Nun, der Zug ist abgefahren und wird wohl erst wahrgenommen, wenn er den Sackbahnhof mit voller Geschwindigkeit erreicht. Bis dahin wird aber, "Vorwärts voraus die [...]
erklärt und doch wird es nur eine Minderheit verstehen. Nun, der Zug ist abgefahren und wird wohl erst wahrgenommen, wenn er den Sackbahnhof mit voller Geschwindigkeit erreicht. Bis dahin wird aber, "Vorwärts voraus die Zukunft!" gerufen.
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