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23.02.2012
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Facebook-Protest

Hunderttausendfacher Tankverzicht läuft ins Leere

Von
dapd

Zapfhahn: Hunderttausendfacher Protest oder Tropfen auf den heißen Stein?

Der Benzinpreis liegt bei deutlich über 1,60 Euro für einen Liter Super, viele Autofahrer stöhnen. Bei Facebook wird nun zum Widerstand aufgerufen: Fast eine Million Nutzer wollen am 1. März nicht tanken fahren. Der Erfolg ist höchst zweifelhaft.

Hamburg - Facebook-Kommentator Daniel Wolf hat das Problem erfasst. "Tankt einfach generell nur noch bei freien Tankstellen, das bringt viel mehr", schrieb er in die Kommentarspalte der Facebook-Gruppe mit dem an Ausrufezeichen reichen Titel "Am 01.03.12 in ganz Deutschland nicht Tanken!!!!!!". Die Gruppe soll den Widerstand gegen den aktuell stattlichen Benzinpreis kanalisieren und "den Öl-Multis die Macht der Konsumenten zeigen". Immerhin über 980.000 Nutzer haben bereits mit einem Klick erklärt, dass sie am kommenden Donnerstag aufs Tanken verzichten wollen.

Unklar ist natürlich, wie viele der Sympathisanten überhaupt ein eigenes Auto besitzen. Klar ist dagegen, dass der Protest-Boykott, wenn er überhaupt spürbar wird, kaum dauerhafte Auswirkungen auf das Geschäftsmodell der Mineralölkonzerne haben wird. Wer am Donnerstag nicht tankt, tut das dann eben am Freitag. Sollte die Gruppe tatsächlich wahrnehmbare Leere an deutschen Tankstellen am 1. März zustande bringen, wird man sich am 2. März, vielleicht auch schon davor am 29. Februar, vermutlich auf Schlangen an den Zapfsäulen einstellen müssen. Eine folgerichtige, aber vermutlich nicht minder folgenlose Reaktion auf diese Überlegung gibt es bereits: Eine grammatikalisch nicht ganz korrekt benannte Facebook-Gruppe namens "7 Tage Fasten für dein PKW!" konstatiert "1 Tag nicht tanken schadet der fetten Ölindustrie nicht" und fordert deshalb zum einwöchigen Sprit-Verzicht auf.

Im Jahr 2010 wurde in Deutschland täglich für etwa 90 Millionen Euro Benzin und für 128 Millionen Euro Diesel getankt, Lkw inklusive. Nur schätzen lässt sich, wie viele Pkw-Tanks täglich mit Benzin gefüllt werden. 2010 dürften das, grob überschlagen, etwa eine Million am Tag gewesen sein. Dazu kamen, auch das ist nur geschätzt, etwa 860.000 Tankfüllungen für Diesel-Pkw. In Deutschland sind knapp 43 Millionen PKW zugelassen. Selbst wenn also eine Million Autofahrer sich tatsächlich entscheiden sollte, an einem bestimmten Tag nicht zu tanken, dürfte das in der Gesamtschau kaum ins Gewicht fallen. Aber bis zum 1. März ist es ja auch noch eine Woche.

Ein Generalboykott ist nichts als ein Aufschub

Am grundlegenden Problem ändert natürlich auch diese Aktion nichts: Wer sein Auto behält und vorhat, weiter damit zu fahren, kann den Mineralölkonzernen kaum ernsthaft schaden. Vielen Kommentatoren ist das längst klar, andere verweisen darauf, dass sie ja gerne mitmachen würden, aber leider zum Tanken verdammt sind: "Bin im Außendienst", teilt einer knapp mit. Eine andere Nutzerin weist darauf hin, dass viele Autorfahrer leider gar nicht die Möglichkeit hätten, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen.

Unklar ist auch, wie viele der Klick-Protestierer sich nächste Woche auch tatsächlich ans selbstauferlegte Spritfasten halten werden. Nicht immer schlagen sich erfolgreiche Facebook-Aktionen auch auf der Straße wieder, wie man an den Rufen nach einer Rückkehr von Karl-Theodor zu Guttenberg schön sehen konnte.

Dass Verbraucherboykotte auch an der Zapfsäule allerdings tatsächlich etwas bringen können, beweist der Fall "Brent Spar": Damals war der Protest gegen die Versenkung dieser Ölbohrplattform im Atlantik so massiv, dass Shell schließlich einknickte und darauf verzichtete, die Plattform auf den Grund des Ozeans zu schicken. Doch damals ging es um ein konkretes Unternehmen, die Konkurrenz freute sich über die zusätzliche Kundschaft. Ein Generalboykott aber, wie er nun bei Facebook gefordert wird, ist nicht viel mehr als ein Aufschub zwangsläufiger Tankbedürfnisse.

Eine weitere Gruppe hat übrigens den Gedanken des eingangs zitierten Kommentators aufgenommen und fordert einen "Dauerboykott der großen Anbieter". Die allerdings hat bislang erst gut 1200 Mitglieder. Eine andere Gruppe fordert, einen Klassiker des Benzinpreis-Diskurses wiederzubeleben: den autofreien Sonntag.

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