18.05.2012
Flickr
Neues Layout, alte Probleme
Von Judith Horchert
Fotoseite eines Flickr-Nutzers: Größere Bilder sollen die Seite schöner machen
Flickr hübscht sich auf: Gerade erst hat die Fotoplattform mehrere Verschönerungen vorgestellt, zum Beispiel neue Bildgrößen und in dieser Woche das "flüssige" Layout für größere Bilder auf der Fotoseite. Unter anderem damit soll die Ankündigung vom Januar wahr gemacht werden, dass sich in diesem Jahr auf der Plattform endlich wieder mehr tun soll.
"Flickr gibt weiter Gas", kommentiert die Twitter-Nutzerin pixelgraphix die jüngste Neuerung, ein User namens FotoArch jubelt: "Hüja, altes Flickr-Pferd, weiter so!" Das "alte Flickr-Pferd" ist im Februar acht Jahre alt geworden, früher setzte die Seite mit ihren Funktionen Maßstäbe. Doch der ehemals einzigartigen Fotoplattform hat die Konkurrenz von Facebook, Google+ und Co. mächtig zugesetzt.
Die Modernisierungsversuche kommen womöglich zu spät, schreibt Gizmodo-Autor Mat Honan in einer ausführlichen Analyse. Im Grunde sei Flickr längst tot, umgebracht von seinem Besitzer, dem Web-Konzern Yahoo. Mittlerweile sei die Plattform fast verwaist, so wie ein Wohnviertel, das von einer Immobilienkrise getroffen wurde - mit rostigen Fahrrädern in den verwahrlosten Vorgärten und verlassenen Häusern.
Soll heißen: Die User pflegen ihre Sammlungen und Fotoseiten nicht mehr. Es sei zwar ein subjektiver Eindruck, schreibt Honan, aber er sehe von denselben Nutzern immer weniger Bilder auf Flickr und dafür immer mehr auf anderen Netzwerken wie Facebook, Path oder Instagram. Und er glaubt auch zu wissen, woran das liegt.
Seit der Übernahme durch Yahoo im Jahre 2005 sei so ziemlich alles schiefgelaufen, schreibt Honan und listet verpasste Chancen und verschlafene Möglichkeiten auf: Yahoo habe das Potential der Flickr-Community nicht erkannt; immerhin sei Flickr doch ein frühes soziales Netzwerk gewesen. Anstatt diese Kultur zu pflegen, habe Yahoo versucht, Flickr in seine Plattform zu integrieren, mit einem Zwang zum Yahoo-Account. Das sei das Gegenteil von sozial gewesen, schreibt er. Und das, obwohl gerade das Kommunikative Flickr immer ausgezeichnet hätte. In der Folge hätten andere soziale Netzwerke das Feld übernehmen können.
Kein Kommentar von Yahoo
Auch die Entwicklung hin zum mobilen Surfen hätten die Verantwortlichen verpasst. Viel zu spät sei eine Flickr-App für Smartphones erschienen, und das Urteil der Nutzer sei verheerend ausgefallen: langsam, fehlerhaft, benutzerunfreundlich. Andere Apps und Dienste übernahmen die Fotofunktionen, zum Beispiel das Bildernetzwerk Instagram.
Jetzt soll immerhin aufgeholt werden. Honan zitiert Flickrs Produktmanager Markus Spiering, der sagt, es werde an einer verbesserten App gearbeitet. Der verhasste Zwangs-Yahoo-Login ist längst wieder weg, und überhaupt, so Spiering, bekomme das Flickr-Team von Yahoo endlich die nötige Unterstützung.
Um eine Stellungnahme zur Gizmodo-Kritik gebeten, zeigte sich Spiering gegenüber SPIEGEL ONLINE zunächst gesprächsbereit - doch die Presseabteilung in Deutschland blockt ab. Die offizielle Antwort: Zu diesem Text äußere man sich nicht.
Also sprechen die User. Unter dem Text liest man viel Zustimmung, aber auch empörte Fans: "Ich weiß nicht, wovon du sprichst", schreibt ein Leser, "Flickr ist ein Ort geworden für Menschen, die Fotografie ernster nehmen." Ein anderer merkt an: "Ich mag Flickr gerade, weil es keines der führenden Netzwerke ist". Und ein Kommentar unter dem Mammut-Text bleibt kurz und bündig: "tl;dr - I love Flickr." (Zu lang, habe ich nicht gelesen - Ich liebe Flickr.)
Die Übernahme durch einen großen Konzern habe der talentierten kleinen Firma geschadet, urteilt Honan. Das ist ein typisches Muster: Auch das von Holtzbrinck aufgekaufte StudiVZ kämpft mit Karteileichen und Innovationsstau. Yahoo hat den 2005 übernommenen Lesezeichen-Dienst Delicious kaum gepflegt und sechs Jahre später wieder abgestoßen - seitdem versuchen die neuen Eigentümer, ausgebliebene Entwicklungen nachzuholen.
Offenbar hat Yahoo nun wieder Interesse an Flickr gefunden, vielleicht gerade noch rechtzeitig, um die Plattform vor dem Ende zu bewahren. Denn ein Blick in eine Reihe zufällig ausgewählte Flickr-Accounts bestätigt den Eindruck vom verlassenen Wohnviertel: Neben den Namen der Kontakte stehen jeweils die neuesten Uploads - und die sind oft 20, 30 oder sogar 50 Monate her. Verlassene Vorgärten. Doch zwischendrin finden sich immernoch eine Menge Aktiver mit gepflegter Veranda.
Nischendienst für Fotografen
Einer der aktiven Flickr-Nutzer ist der 31 Jahre alte Entwickler Dominik Schwind aus Düsseldorf. Er ist ein Flickr-Urgestein, dabei seit August 2004. "Damals hatte ich eigentlich noch gar nichts mit Fotografieren am Hut, ich hab mich nur angemeldet, weil das zu der Zeit angesagt war. Zum Fotografieren bin ich erst durch Flickr gekommen", sagt er. Wer wegen der Community und nicht allein wegen der Bilder dort war, sei aber in der Regel jetzt wieder weg. Dadurch sei die Community tatsächlich ein wenig eingeschlafen.
"Ich erinnere mich noch, dass ich früher solche Meet-ups organisiert habe. Da haben sich ungefähr 15 Flickr-Nutzer getroffen und zusammen Fotos gemacht." Doch mit den Jahren wurde die Gruppe immer kleiner, und als sie nur noch zu dritt waren, haben sie bei den ehemaligen Foto-Freunden nachgefragt. "Die haben gesagt, sie fänden Flickr nicht mehr so toll. Um die deutsche Community habe man sich nicht mehr richtig gekümmert."
Er selbst mag das "alte Pferd" aber immer noch, obwohl er viel weniger hochlädt als früher. Waren es im Jahr 2005 noch rund 300 Bilder im Monat, so sind es heute weniger als 20. Auf Instagram lädt er mehrere Bilder pro Woche hoch - aber eben auch Schnappschüsse, die er auf Flickr niemals zeigen würde. "Instagram verhält sich zu Flickr wie Twittern zu Bloggen", sagt Schwind. Der schnelle Schuss gegen die ausgeruhte Kunst sozusagen.
Das ist auch das Credo vieler Kommentare auf den Gizmodo-Text: Auf Flickr sehe man Qualität, die Plattform könnte zur Anlaufstelle für Qualität werden. "Flickr wird sich zu einem Nischendienst entwickeln für Fotografen und Fotoamateure", meint Dominik Schwind, "aber es wird nie wieder so sein wie früher, als es fürs Foto-Sharing nur eine Antwort gab: Flickr."