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13.11.2012
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Petraeus-Affäre

Die verräterische Spur der Liebes-Mails

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Das FBI hat die Liebesaffäre von CIA-Chef Petraeus mit Paula Broadwell zufällig entdeckt: Bei einer E-Mail-Überwachung fanden die Ermittler anonyme Nachrichten und stießen auf einen toten Briefkasten - eine Technik, die auch Qaida-Terroristen verwenden. Das könnte der Fehler des Paars gewesen sein.

Erst schien es nur eine außereheliche Liebesaffäre zu sein, jetzt werden immer mehr Details bekannt, etliche neue E-Mails kommen ans Licht, ein weiterer hochrangiger US-General ist in den Fall verwickelt: Der Petraeus-Skandal erschüttert immer stärker das sicherheitspolitische Establishment der USA. Wie konnte es so weit kommen?

Es beginnt im Mai: Jill Kelley, eine langjährige Freundin der Familie von CIA-Chef David Petraeus, erhält anonyme Drohungen per E-Mail. Darin wird Kelley aufgefordert, sich herauszuhalten, Abstand zu nehmen. Abstand von wem? Offenbar ist Petraeus gemeint, den Kelley seit seiner Zeit als Chef des Central Command der Streitkräfte auf der Militärbasis in Tampa, Florida, kennt.

Doch Kelley hält sich nicht heraus - sondern schaltet einen Freund ein, der beim FBI arbeitet. So berichtet es die "New York Times". Das FBI, und das ist wohl eher ungewöhnlich, startet daraufhin eine Ermittlung, bezieht sogar eine Staatsanwaltschaft ein: Liegt hier eine Straftat vor? Die Agenten nehmen ihre Arbeit auf, wollen wissen, wer die anonymen E-Mails geschrieben hat.

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US-Sicherheitsbehörden: Die Affäre Petraeus
Um das herauszufinden, schauen sie sich die IP-Adressen an, von der die E-Mails verschickt wurden. Nutzt man eine Software wie Outlook oder Mail, stehen diese IP-Adressen praktischerweise im sogenannten Header der E-Mail. Das ist aber nicht bei allen E-Mail-Programmen der Fall. Nutzt man beispielsweise den E-Mail-Dienst von Google über den Browser, fehlt diese Angabe. Aber: Sie wird von Google neun Monate lang intern gespeichert.

Woher die Ermittler die IP-Adressen bekommen, ob sie in der E-Mail selbst stehen oder von einem Unternehmen wie zum Beispiel Google angefordert werden, ist bisher nicht bekannt. Fest steht aber: Das FBI erhält verschiedene IP-Adressen. Einige davon gehören zu bestimmten Hotels. Wer war zu dem Zeitpunkt dort, wer kann die E-Mails über diese Internetverbindung abgeschickt haben? Nach mehreren Wochen, so berichtet es das "Wall Street Journal", stoßen die Ermittler schließlich auf Paula Broadwell, die Petraeus-Biografin.

Die wichtigsten Fakten zur Affäre Petraeus/Allen

Sie haben nun einen Verdacht und beantragen bei einem Gericht einen Durchsuchungsbeschluss, um sich in sämtliche E-Mail-Konten Broadwells einzuklinken. So gelangen sie auch an einen anonymen E-Mail-Account bei Google - es liegt nahe, dass es der Account ist, von dem die Drohungen an Kelley geschickt wurden. Wie auch immer: Das FBI liest nun alles mit.

Die Ermittler stoßen in dem anonymen Google-Account auf "anzügliche" E-Mails, die sich Broadwell mit einem zunächst unbekannten Mann schreibt. Auch dieser Mann nutzt einen Account bei Google. Zum Teil, so berichtet es die Nachrichtenagentur AP, schicken sich die beiden nicht einmal E-Mails. Stattdessen loggen sie sich nacheinander im selben Account ein, schreiben eine Nachricht, speichern sie aber nur im Entwürfe-Ordner, ohne sie abzuschicken. Loggt sich dann später der jeweils andere ein, kann er die Nachricht dort lesen.

Toter Briefkasten mit der Geliebten

Das ist ein gängiger Trick, um verräterische Spuren im Web zu vermeiden. Es gibt dann keine E-Mails, die irgendwo landen und deren Header man auf IP-Adressen überprüfen könnte. Im Prinzip ist es eine alte Spionagetechnik: ein toter Briefkasten, ins Internet übersetzt. Mit Hilfe anonymer E-Mail-Accounts und nicht abgeschickter, sondern nur im Entwürfe-Ordner gespeicherter Nachrichten sollen auch Qaida-Terroristen wie 9/11-Chefplaner Chalid Scheich Mohammed mit ihren Gefolgsleuten kommuniziert haben.

Diese Vorkehrungen nützen allerdings nichts, wenn der E-Mail-Account mit einer Person in Verbindung gebracht und überwacht werden kann. Die meisten Anbieter von E-Mail-Diensten speichern, wann sich mit welcher IP-Adresse in ein Nutzerkonto eingewählt wurde. Diese Logdateien können wiederum von Strafverfolgern ausgewertet werden. Im konkreten Fall hatten die Ermittler wohl bereits einen Durchsuchungsbeschluss für den toten Briefkasten, den anonymen E-Mail-Account von Paula Broadwell.

Im Spätsommer, so berichtet das "Wall Street Journal", wissen die FBI-Ermittler schließlich auch, um wen es sich bei dem unbekannten Mann handelt: Es ist David Petraeus, der Chef der CIA. Wie genau sie darauf kommen, ist bisher nicht bekannt. Es können Details aus den E-Mails sein, IP-Adressen im E-Mail-Header, vielleicht sogar erst die Logdateien, wann sich über welche IP-Adresse in den toten Briefkasten eingewählt wurde - oder alles zusammen.

Gefahr für die nationale Sicherheit?

Staatsanwaltschaft und FBI-Agenten informieren nun das Justizministerium. Ende September wird Broadwell vom FBI befragt. Sie berichtet von der Affäre, die im vergangenen Jahr begann, als Petraeus noch nicht CIA-Chef war, und die sie diesen Sommer beendeten. Sie übergibt den Ermittlern ihren Computer. Darauf findet das FBI mehrere geheime Dokumente. Die Fahnder sind alarmiert: Hat der CIA-Chef seiner Geliebten die Dokumente zugespielt? Petraeus bestreitet das bei seiner Befragung, ebenso Broadwell, die von den Ermittlern ein zweites Mal vernommen wird. Offenbar ist die nationale Sicherheit nicht in Gefahr.

Der FBI-Agent, den Kelley als erstes eingeschaltet hatte, erfährt zunächst nicht vom Ergebnis der Untersuchung, berichtet die "New York Times". Er wird ungeduldig und informiert im Oktober den Mehrheitsführer der Republikaner im Abgeordnetenhaus, Eric Cantor. Es gebe da eine Untersuchung, der CIA-Chef sei betroffen, womöglich die nationale Sicherheit in Gefahr. Cantor wendet sich dann direkt an den FBI-Direktor.

Bundespolizei und Justizministerium kommen in den folgenden Tagen zu dem Schluss, dass nicht genug belastendes Material vorliegt, um in dem Fall jemanden juristisch zu belangen. Sie informieren den Geheimdienstkoordinator James Clapper über das, was sie über Broadwell und Petraeus herausgefunden haben. Es ist der 6. November, der Tag der Präsidentschaftswahl. Immer mehr Menschen erfahren von der außerehelichen Affäre des CIA-Chefs. Drei Tage später akzeptiert Barack Obama dessen Rücktritt.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 53 Beiträge
1. optional
TeslaTraX 13.11.2012
" ... dann einen toten Briefkasten - eine Technik, die auch Qaida-Terroristen verwenden." Ich glaub den benutzen alle Schlapphüte...
" ... dann einen toten Briefkasten - eine Technik, die auch Qaida-Terroristen verwenden." Ich glaub den benutzen alle Schlapphüte...
2. Warum?
r.muck 13.11.2012
Warum verschont uns SPON nicht von diesen im Stundentakt aufgewärmten "Nachrichten" Es interessiert in Europa keine Sau warum, wer , weswegen mit wem in den USA ein Verhältnis hatte. Hier in Europa, darf es [...]
Zitat von sysopAFP/ ISAFDas FBI hat die Liebesaffäre von CIA-Chef Petraeus mit Paula Broadwell zufällig entdeckt: Bei einer E-Mail-Überwachung fanden die Ermittler erst anonyme Nachrichten, dann einen toten Briefkasten - eine Technik, die auch Qaida-Terroristen verwenden. Das könnte der Fehler des Paars gewesen sein. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/petraeus-affaere-die-verraeterische-spur-der-e-mails-a-866899.html
Warum verschont uns SPON nicht von diesen im Stundentakt aufgewärmten "Nachrichten" Es interessiert in Europa keine Sau warum, wer , weswegen mit wem in den USA ein Verhältnis hatte. Hier in Europa, darf es jed/r halten nach eigenem Gusto. Und gut ist es.
3. Sos so
tharimar 13.11.2012
Zehntausende Mails haben die sich gegenseitig geschrieben und das über einen Zeitraum vob etwas mehr als einem Jahr, wenn die Angaben im Artikel korrekt sind. Das sind knapp 40 Mails pro Tag. Sind die überhaupt noch zu [...]
Zitat von sysopAFP/ ISAFDas FBI hat die Liebesaffäre von CIA-Chef Petraeus mit Paula Broadwell zufällig entdeckt: Bei einer E-Mail-Überwachung fanden die Ermittler erst anonyme Nachrichten, dann einen toten Briefkasten - eine Technik, die auch Qaida-Terroristen verwenden. Das könnte der Fehler des Paars gewesen sein. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/petraeus-affaere-die-verraeterische-spur-der-e-mails-a-866899.html
Zehntausende Mails haben die sich gegenseitig geschrieben und das über einen Zeitraum vob etwas mehr als einem Jahr, wenn die Angaben im Artikel korrekt sind. Das sind knapp 40 Mails pro Tag. Sind die überhaupt noch zu etwas anderem gekommen? Irgendwie klingt mir das ganze zu reißerisch.
4. Bequemlichkeit siegt
nurmeinsenf 13.11.2012
Es hätte einfache - auch dem Normalsterblichen zugängliche - Möglichkeiten gegeben, den "toten Briefkasten" für Mitleser unleserlich zu machen. Zum Beispiel die dort hinterlegten Nachrichten mit einem gängigen, [...]
Es hätte einfache - auch dem Normalsterblichen zugängliche - Möglichkeiten gegeben, den "toten Briefkasten" für Mitleser unleserlich zu machen. Zum Beispiel die dort hinterlegten Nachrichten mit einem gängigen, sicheren Verschlüsselungsprogramm wie GPG zu sichern. Oder gleich einen Truecrypt-Container bei einem der zahlreichen Filehoster wie Dropbox zu hinterlegen. Da hätte Paula sogar Nacktfotos von sich hinterlegen und David seine körperlichen Reaktionen darauf dokumentieren können. Aber Bequemlichkeit siegt. Selbst der CIA-Chef fühlt sich offenbar sicher genug. Daß er auf Sprengstoff sitzt, hätte ihm bekannt sein können...
5. Only in America
Der_Widerporst 13.11.2012
Wenn Staatsgeheimnisse weitergegeben wurden sind Ermittlungen nachvollziehbar. Ob der weitere Mailverkehr "anzüglich" oder "unangemessen" ist, geht die Ermittler hingegen einen Sch...dreck an! So was [...]
Zitat von sysopAFP/ ISAFDas FBI hat die Liebesaffäre von CIA-Chef Petraeus mit Paula Broadwell zufällig entdeckt: Bei einer E-Mail-Überwachung fanden die Ermittler erst anonyme Nachrichten, dann einen toten Briefkasten - eine Technik, die auch Qaida-Terroristen verwenden. Das könnte der Fehler des Paars gewesen sein. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/petraeus-affaere-die-verraeterische-spur-der-e-mails-a-866899.html
Wenn Staatsgeheimnisse weitergegeben wurden sind Ermittlungen nachvollziehbar. Ob der weitere Mailverkehr "anzüglich" oder "unangemessen" ist, geht die Ermittler hingegen einen Sch...dreck an! So was wird an die Öffentlichkeit durchgestochen und jemanden aus dem Amt zu treiben. Und sowas funktioniert nur in den bigotten USA - in Frankreich oder Deutschland undenkbar. Ich erinnere mich noch wie dieser rechtradikale Richter Schill mit seiner Denunzierung der CDU-Oberbürgermeister Ole van Beust sei schwul auf die Fresse gefallen ist: Selbst die konservativste Wählerschaft in der CDU hatte dafür nur ein schulterzuckendes "Ja und?" übrig. Van Beust wurde wiedergewählt. Ich gehöre normalerweise nicht zu denen, die darauf Stolz sind Deutscher zu sein, aber ich gebe zu, damals war ich es ein bißchen.

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