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15.01.2013
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Eigene Suchfunktion

Facebook verbündet sich mit Microsoft gegen Google

Von
Foto: REUTERS

Mark Zuckerberg hat Facebooks Angriff auf Google vorgestellt. Das soziale Netzwerk führt eine eigene Suchfunktion ein. Die "Graph Search" soll den digitalen Freundeskreis zur Datenbank machen. Ein Kooperationspartner soll die Antworten geben, die dort nicht zu finden sind: Microsoft.

Menlo Park - Mark Zuckerberg trat fast pünktlich um 19 Uhr deutscher Zeit vor die Presse, und wie üblich begann er sogleich wieder von seiner Vision für Facebook zu sprechen: "Die Welt zu einem stärker verknüpften und offenen Ort zu machen." Er wolle einen Dienst vorstellen, der es Nutzern erlaube, neue Verbindungen herzustellen. Tatsächlich hat der neue Dienst auch etwas mit Verknüpfungen zwischen Menschen zu tun - aber mindestens ebenso viel mit dem Rivalen Google.

Die "drei Säulen", auf denen Facebook künftig aufbauen werde, seien das sogenannte Newsfeed, das aktuelle Informationen über die eigenen Facebook-Kontakte enthält, die Timeline (in Deutschland "Chronik"), die Informationen über die Aktivitäten des Profilinhabers enthält, und nun ein neuer Dienst, sagte Zuckerberg: die "Graph Search". Mit dem Begriff Social Graph wird das Beziehungsbäumchen beschrieben, das Menschen miteinander verbindet - und entlang dessen Verknüpfungen Facebook gerne Werbebotschaften verschicken möchte, um sich zu refinanzieren.

Eine Milliarde Menschen seien heute bei Facebook zu finden, sagte Zuckerberg, 240 Milliarden Fotos, eine Billion Verbindungen. Jeder Inhalt habe "sein eigenes Publikum", die meisten Inhalte seien "nicht öffentlich". Jeder Nutzer könne mit der neuen Suchfunktion "nur Inhalte durchsuchen, die mit ihm geteilt worden sind". Dass die neue Suchfunktion Datenschützer auf den Plan rufen könnte, hat man bei Facebook augenscheinlich vorausgesehen - dass keine neuen Zugänge zu Privatem gewährt würden, betonten Zuckerberg und die zwei Entwickler, die ihn bei der Präsentation unterstützten, gleich mehrfach.

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Angriff auf Google: Facebook präsentiert "Graph Search"
Zehn Prozent der Rechenleistung, die Facebook braucht, werde derzeit in das Einhalten der Datenschutz-Einstellungen investiert, sagte Zuckerberg auch gleich dazu.

"Graph Search" soll kein Google-Klon sein. Die Datenbasis für die Suchanfragen sind nicht allein die Informationen im Web, sondern die, die bei Facebook selbst vorliegen - in der wohl größten Datenbank sozialer Beziehungen und Aktivitäten, die die Welt je gesehen hat. Jede Suchanfrage solle eine konkrete Antwort ergeben, nicht einen Link auswerfen, der die Antwort enthält.

"Graph Search ist dazu gestaltet, eine präzise Anfrage konkret zu beantworten" , sagte Zuckerberg. Die Suchergebnisse basierten beispielsweise auf der Zahl von "Likes", die ein bestimmter Inhalt angesammelt habe, aber auch "auf anderen Umgebungsfaktoren". Informationen, die von engen Freunden stammen, sollen höher bewertet werden als solche, die von entfernteren Bekannten kommen.

Die Suchanfragen sollen vier konkrete Bereiche betreffen: Menschen, Fotos, Orte und Interessen. Vorgeführt wurden von den Entwicklern Tom Stocky und Lars Rasmussen diverse Suchanfragen - von "Filme, die meine Freunde mögen" über "Leute, die Chris heißen und in Stanford auf der Uni waren" bis hin zu "Restaurants, die meine Freunde mögen". Lars Rasmussen ist Beobachtern der Netz-Szene wohlbekannt: Er hatte einst für Google das glücklose Multifunktionswerkzeug namens Wave entwickelt, das sich nie durchsetzen konnte. 2010 ging er frustriert von Google zu Facebook - und arbeitet dort nun an dem Angriff auf Google mit.

Suchanfragen, die Facebook aus dem eigenen Datenbestand nicht klären kann, sollen weitergereicht werden: an Microsofts Suchmaschine Bing. Microsoft ist seit vielen Jahren mit einem kleinen Anteil an Facebook beteiligt. Nun tun sich die beiden Giganten zusammen, um dem Rivalen Google Marktanteile abzunehmen. Man halte Bing für "eine sehr gute Suchmaschine", erklärte Zuckerberg bei der Pressekonferenz. "Wir glauben nicht, dass die Leute für Web-Suche nur noch zu uns kommen werden", gab sich der Facebook-Gründer bescheiden, "aber wir wollten in Graph Search gute Suchergebnisse liefern". Mit der Kombination nähert sich die neue Allianz auch dem an, was Google "Social Search" nennt: Die Verknüpfung von Information aus sozialen Netzwerken - im Falle von Google ist das Google+ - und Informationen aus der traditionellen Websuche.

Bei Facebook soll man das Suchnetz aber noch weiter spannen können. Als Beispiel nannte Zuckerberg "Videos, die Softwareentwickler mögen" ("Game of Thrones", "Big Bang Theory") und "Filme, die Ärzte mögen" ("Grey's Anatomy"). Die gesamte Facebook-Datenbank soll nutzbar gemacht werden.

Diversen anderen Diensten könnte Facebook mit dieser neuen Funktionalität Probleme bereiten - nicht nur Google. Der Kurs der Aktien des Restaurant-Bewertungsdienstes Yelp etwa fiel unmittelbar nach der Ankündigung, dass Facebook künftig zur Restaurantsuche mit Hilfe des eigenen Freundeskreises genutzt werden könnte. Auch Dienste wie Foursquare werden es nun noch schwerer haben, denn auch Ortsinformationen werden bei Suchanfragen und Antworten künftig wohl berücksichtigt werden. Einen Dienst namens Nearby, der auf in der Nähe befindliche Angebote verweist, hat Facebook kürzlich schon vorgestellt. Mit Nearby kann man den eigenen Freunden auch anzeigen, wo man sich gerade aufhält - wie mit Foursquare.

Der neue Facebook-Suchdienst soll testweise zunächst nur einer begrenzten Nutzergruppe verfügbar gemacht werden. Zunächst würden "Hunderte, vielleicht auch Tausende Nutzer" Zugang bekommen. Nach und nach sollen immer mehr Menschen Zugriff erhalten. Diesem Prinzip ist Facebook auch schon bei vorangegangenen Produkteinführungen häufig gefolgt.

Ob es die Möglichkeit geben werde, Suchergebnisse zu kaufen, also wie Google mit den Suchanfragen der Nutzer Geld zu verdienen, fragte ein Journalist. Das könne "in der Zukunft möglicherweise ein Geschäftsmodell sein", sagte Zuckerberg, im Moment sei man nur daran interessiert, "etwas zu bauen, das die Leute wollen". Das ist unwahrscheinlich - Facebook ist ständig auf der Suche nach neuen Monetarisierungsmodellen, und Googles enormer Erfolg mit Suchwortvermarktung gilt bis heute als Messlatte fürs Geschäft mit dem Netz.

Man habe anhand der Art und Weise, wie Menschen Facebook nutzen, festgestellt, dass eine derartige Suchfunktion offenkundig ein Bedürfnis befriedige, sagte Zuckerberg. Auf die Frage, ob er nicht auch gern mit Google zusammengearbeitet hätte, schoss er zurück: "Ich würde liebend gern mit Google zusammenarbeiten!" Aber man sei bislang nicht in der Lage gewesen, "das hinzukriegen". Es sei dabei um "Privatsphäre-Themen" gegangen. Google habe sich nicht so einfach wie Microsoft bereit erklärt, einmal veröffentlichte Daten für den Nutzer auch wieder löschbar zu machen - ein deutlicher Seitenhieb gegen den Rivalen. Ausgerechnet Facebook als Verteidiger der Privatsphäre gegen die Datenkrake Google - das war eine ganz neue, sehr eigene Sichtweise, die der Firmengründer da fröhlich präsentierte.

Die Konkurrenz um das Geschäft mit Nutzungszeit, Aufmerksamkeit und letztlich Werbegeldern hat mit der "Graph Search" jedenfalls soeben eine neue Qualität gewonnen. Und das Zusammenprallen der Allianz Facebook-Microsoft mit Google dürfte einen interessanten Wettkampf ergeben.

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insgesamt 77 Beiträge
1. Cool.
HappyPrimateIdiot 15.01.2013
Google braucht einfach ein Gegengewicht - also ist diese Sache potentiell segensreich. Nur, hoffentlich klappt es auch.
Google braucht einfach ein Gegengewicht - also ist diese Sache potentiell segensreich. Nur, hoffentlich klappt es auch.
2. Endlich ...
abstractizm 15.01.2013
Endlich die Bildersuche für Abendessen und Selbstpotraits!
Endlich die Bildersuche für Abendessen und Selbstpotraits!
3. Arbeitsteilung
aspro86 15.01.2013
Ist doch super, wenn ich Informationen suche, geh ich auf Google; wenn ich Leute ausspionieren möchte, geh ich zu Microfacesoftbook.
Ist doch super, wenn ich Informationen suche, geh ich auf Google; wenn ich Leute ausspionieren möchte, geh ich zu Microfacesoftbook.
4.
alpenkraut 15.01.2013
Ich fürchte, ich bin zu alt dafür. Mir reicht ein angenehmer Stuhl...
Ich fürchte, ich bin zu alt dafür. Mir reicht ein angenehmer Stuhl...
5. Nicht gut
Quagmyre 15.01.2013
Für mich als Facebook-Verweigerer, aber Microsoft-Benutzer, eine Horrornachricht. Da darf ich mich auf ubiquitäre Facebook-Integration in neuen Microsoft-Produkten freuen.
Zitat von sysopMark Zuckerberg hat in Kalifornien Facebooks Angriff auf Google präsentiert. Das soziale Netzwerk wartet nun mit einer eigenen Suchfunktion auf. Die "Graph Search" soll den digitalen Freundeskreis zur Datenbank machen. Ein Kooperationspartner soll Antworten geben, die dort nicht zu finden sind: Microsoft. Facebook präsentiert Graph Search - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/facebook-praesentiert-graph-search-a-877757.html)
Für mich als Facebook-Verweigerer, aber Microsoft-Benutzer, eine Horrornachricht. Da darf ich mich auf ubiquitäre Facebook-Integration in neuen Microsoft-Produkten freuen.

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7. Enel (Energie) 1999 16,59 Italien
8. Facebook 2012 16,01** USA
9. NTT (Telekom) 1986 13,75 Japan
10. Deutsche Telekom 1996 12,49 Deutschland

* Bei Addition der Stamm- und Vorzugsaktien; ** Bei Verkaufspreis am oberen Ende der Spanne; Quelle Reuters

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