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09.02.2013
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Insiderbrause Leetmate

Nerdig, nicht so süß, viel Koffein

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SPIEGEL ONLINE

Aus Spaß erfinden zwei Hamburger eine Hackerbrause und experimentieren mit Online-Werbung. Erst sind Geeks von Leetmate begeistert, dann Getränkehändler - jetzt soll aus dem Hobby ein Geschäft werden. Natürlich mit Hilfe des Internets.

Hamburg - In der alten Werft in Boizenburg an der Elbe gab es bis vor kurzem nicht einmal Strom. Wenn alles gut läuft, stehen hier bald Paletten voller Hackerbrause. Daniel Plötz und Claudius Holler, zwei Werber aus Hamburg, haben das alte Gelände gekauft, wollen es als Lager nutzen und später einmal eine eigene Abfüllanlage installieren.

Aus Frust, dass ihre Kunden von kreativen Online-Konzepten meist nichts wollten, haben sie vor drei Jahren "Leetmate" erfunden. Eine Alternative zu Club-Mate, einer bei Programmierern wie Szenegängern beliebten Wachmachbrause. "Leet" kommt aus der Hackersprache, wird oft "1337" geschrieben, und heißt so viel wie Elite. Mit ihrem schwarzen Etikett mit neongrünen Schriftzeichen ist Leetmate die Hackerbrause unter den Hackerbrausen.

Die Idee zur Limonade kommt Plötz und Holler, als Anwälte im Namen des Marktführers Club-Mate gegen ein Blog vorgehen. Dort ist ein satirisch verfremdetes Logo zu sehen. Die Brüder sind entsetzt: Mash-ups und Remixe gehören doch genauso zur Internetkultur wie das koffeinhaltige Getränk. Doch offenbar fremdelt der Club-Mate-Hersteller mit dem Netz. "Es ist komisch, dass so eine Hackerbrause nicht mit ihrer Zielgruppe kommuniziert", sagt Plötz. Der 29-Jährige und sein 35-jähriger Stiefbruder wollen das ganz anders machen.

Pedobear und "Space Invaders"

Anfangs ist Leetmate nur ein Etikett, in den Flaschen ist Flora Power, die Club-Mate-Alternative eines kleinen Hamburger Getränkeladens. Im Juni 2010 liefert der ihnen 80 Kästen auf Leetmate umetikettierte Flora Power. Kurz vorher haben sie mit der Werbung auf Twitter angefangen, nun verschicken sie Flaschen an 23 Freunde und Blogger. Die berichten ihren Freunden von der neuen Mate, nach zwei Wochen sind fast 2000 Flaschen weg.

Die Etiketten der Leetmate, die zunächst zur Verwirrung der Getränkehändler 1337mate geschrieben wird, sind kleine Kunstwerke: Plötz und Holler bitten befreundete Netzkünstler um Motive. Auf die ersten Flaschen kommen Bilder aus Buchstaben, ASCII-Art. "Space Invaders" ist darunter, und ein schmerzverzerrtes, wütendes Comicgesicht. Später sind zum Beispiel ein Einhorn, rülpsende Vögel und der Pedobear zu sehen, letzterer ein Maskottchen, mit dem sich viele im Web über Pädophilie lustig machen. Die nächsten 15 Paletten Leetmate halten zwei Monate.

Wasser, Zucker, ein bisschen Geschmack: Limonademachen ist keine Geheimwissenschaft. Schwieriger ist es, Großhändler und Kneipenbesitzer davon zu überzeugen, die Getränke auch zu verkaufen. In Hamburg haben mehrere Independent-Brausen damit Erfahrung gesammelt: Premium-Cola, Fritz und Lemon Aid wurden hier gegründet, zum Teil hilft man sich gegenseitig. Coca Cola verkauft in Deutschland 7000 Liter Getränke in jeder Minute. Die Übermacht der Branchenriesen lässt die Mini-Firmen zusammenrücken.

Mehr Koffein, weniger Zucker

Aus Leetmate soll Ende 2010 erstmals ein eigenes Getränk werden. Den Grundstoff beziehen die Erfinder weiterhin von ihrem Gertränkeladen. Das Abfüllen bei einer bayerischen Brauerei übernehmen sie nun selbst, lassen weniger Zucker und mehr Kohlensäure und mehr Koffein beimischen. Für Grundstoff, Pfandflaschen, Herstellung und Transport muss bezahlt werden. Bis nach dem Verkauf Geld zurückfließt, dauert es. Die Nachfrage ist da, nur fehlt den Neulingen das nötige Kapital.

Für ihre zweite eigene Abfüllung, noch einmal 35 Paletten, sammeln sie Geld bei ihren Twitter-Followern ein, sie bieten zehn Prozent Zinsen und Mate-Kisten. 40.000 Euro kommen so zusammen. Sie fahren nach Bayern, um sich die Produktion selbst anzusehen. Noch auf der Rückfahrt nach Hamburg verkaufen sie telefonisch die gesamte Ware.

Plötz und Holler werden sogar von Getränkehändlern angerufen, die von den Mate-Fans aus dem Internet nach Leetmate gefragt werden. "Eigentlich läuft das anders", sagt Plötz, "da geht man als Hersteller zu Großhändlern und muss erst mal Geld bezahlen, um überhaupt ins Sortiment zu kommen." Die erste Firma will die Marke mit der Hacker-Credibility übernehmen. Plötz und Holler wollen selbst weitermachen - haben aber zu wenig Geld und kommen mit der Produktion nicht hinterher.

250.000 Euro für Leetmate

Dann kam es im Sommer 2011 zur Matecalypse. Die Nachfrage nach Club-Mate ist zu groß, der Marktführer kann nicht liefern. Doch gerade jetzt, wo die Independent-Brause die Lücke füllen könnte, haben die Leetmate-Brüder keine Ware, der Grundstoff ist alle. Bis der Nachschub kommt, vergehen Monate. Plötz und Holler müssen Kunden und Händler enttäuschen - das nervt. Sie nehmen sich eine Auszeit. "Wir wollen erstmal tragfähige Strukturen aufbauen", sagt Holler. Monatelang arbeiten sie an einem Geschäftsplan, um ihr Brauseprojekt größer aufzuziehen.

Völlig verschwindet Leetmate 2012 dann aber doch nicht. Einem Hamburger Händler verkaufen die Brüder eine Lizenz, er füllt für ein paar Kioske ab. Für die seltenen Flaschen existiert angeblich sogar eine Art Schwarzmarkt. Kisten sollen für bis zu 35 Euro gehandelt werden, bis in die Schweiz. Im Dezember dann steht ein Konzept: Internet-Coolness in Halbliterflaschen.

Mit Torben Pantel haben sie nun einen studierten Betriebswirt an ihrer Seite. Der 35-Jährige soll Geschäftsführer werden. Eine Viertelmillion Euro veranschlagen sie. Die Summe soll natürlich übers Internet zusammenkommen, sie sammeln auf einer Crowdfundig-Plattform. Neben der Leetmate soll mit dem Geld als nächstes ein Leetbier gebraut werden. So wollen die drei Macher Kunden in der Gastronomie gewinnen und ihnen die Mate-Brause gleich noch mit verkaufen.

Sieben Millionen Flaschen

Bei all dem wollen sie möglichst transparent vorgehen, Rezepte unter Creative-Commons-Lizenz ins Internet stellen. Und sie wollen Biorohstoffe einsetzen, die Mate zum Beispiel künftig mit Rohrzucker herstellen. Mehr als eine halbe Million Euro, so zumindest der Plan, wollen sie dieses Jahr mit knapp einer Million Flaschen umsetzen. 2017 sollen es dann schon mehr als zwei Millionen sein, die Absatzmenge auf fast sieben Millionen Flaschen steigen.

Wenn das klappt, soll in der alten Werft in Boizenburg einmal eine Abfüllanlage stehen, vielleicht sogar eine Brauerei für das eigene Bier. Aber das sind Zukunftspläne, im Geschäftsplan für die nächsten drei, vier Jahre steht davon noch nichts.

Erst mal soll Leetmate zurück in die Läden. Bis sie der Brauerei in Bayern den nächsten Auftrag erteilen, wollen sie in einem ersten Schritt 70.000 Euro über das Internet einwerben. Bis Ende Februar soll das klappen, aktuell fehlen noch 22.000 Euro. Dann aber soll es schnell gehen. Schon im März, hoffen sie, könnte es Leetmate wieder zu kaufen geben. Dann wird sich zeigen, ob die Coolness den Massenabsatz überdauert.

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insgesamt 55 Beiträge
1. optional
franz8 09.02.2013
Eine schöne Geschichte. Ich drück Leetmate die Daumen. Das restliche Startkapital werden sie sicherlich noch auftreiben. Allerdings muss ich sagen: wieder eine Limonade mehr mit zwar weniger Zucker, aber vermutlich wieder zuviel. [...]
Eine schöne Geschichte. Ich drück Leetmate die Daumen. Das restliche Startkapital werden sie sicherlich noch auftreiben. Allerdings muss ich sagen: wieder eine Limonade mehr mit zwar weniger Zucker, aber vermutlich wieder zuviel. Also ein weiterer Dickmacher und Diabetes-Verursacher. Leetmate mit Stevia würde ich unterstützen. Stevia ist wenigstens im Grunde pflanzlich. Wozu also eine Limonade unterstützen, die "nur" ein schickes Logo hat ?!
2. Mom-Ment
ApuMichael 09.02.2013
Letmathe war eine selbständige Stadt im Sauerland, bis sie bei einer unsinnigen Gebietsreform Iserlohn zugeschlagen wurde. Wir Letmather mögen es trotzdem nicht, wenn man mit dem schönen Namen brausemäßig herumalbert. Über eine [...]
Letmathe war eine selbständige Stadt im Sauerland, bis sie bei einer unsinnigen Gebietsreform Iserlohn zugeschlagen wurde. Wir Letmather mögen es trotzdem nicht, wenn man mit dem schönen Namen brausemäßig herumalbert. Über eine kleine Lizenz könnte man natürlich sprechen . . .
3. Die geht ab...
punchbuggy 09.02.2013
... Viel stärker & intensiver als Main Stream Club Mate. Das Etikett und deren Website sind natürlich auch stark
... Viel stärker & intensiver als Main Stream Club Mate. Das Etikett und deren Website sind natürlich auch stark
4. optional
pefete 09.02.2013
es gibt doch inzwischen keinen chemiecocktail, den die menschen nicht freiwillig in sich hineinschütten, ob es bullshit, oder wie heißt das zuckerwasser aus österreich, ist, ob es cola ist, wobei ich denke, es muss schon mit [...]
es gibt doch inzwischen keinen chemiecocktail, den die menschen nicht freiwillig in sich hineinschütten, ob es bullshit, oder wie heißt das zuckerwasser aus österreich, ist, ob es cola ist, wobei ich denke, es muss schon mit drogen (whisky, wodka...) aufgewertet werden, oder ein anderer chemiecocktail - hauptsache es ist in! ach ja, gegen pferdefkleisch in der lasagne wendet man sich angwidert ab...
5. Pedobear
enfield 09.02.2013
na, das ist ja spaßig....was bei "Nerds" so alles salongfähig ist...und dann auch sonst in Schanze & Co. ganz dolle hip ist. Hauptsache klein und irgendwie schräg - auch wenn alles nur nachgemacht ist. Na dann [...]
Zitat von sysopAus Spaß erfinden zwei Hamburger eine Hackerbrause und experimentieren mit Online-Werbung. Erst sind Geeks von Leetmate begeistert, dann Getränkehändler - jetzt soll aus dem Hobby ein Geschäft werden. Natürlich mit Hilfe des Internets. Leetmate: Hackerbrause aus Hamburg - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/leetmate-hackerbrause-aus-hamburg-a-877927.html)
na, das ist ja spaßig....was bei "Nerds" so alles salongfähig ist...und dann auch sonst in Schanze & Co. ganz dolle hip ist. Hauptsache klein und irgendwie schräg - auch wenn alles nur nachgemacht ist. Na dann Prost....

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