Lade Daten...
06.02.2013
Schrift:
-
+

Online-Geschäft

Amazon patentiert Handelsplattform für gebrauchte Dateien

AP

Amazons Kindle Fire HD: Demnächst Handel mit gebrauchten digitalen Gütern?

Das Online-Kaufhaus Amazon geht womöglich unter die Gebrauchtwarenhändler. Einem jetzt gewährten Patent zufolge könnte der Konzern einen Marktplatz für den Handel mit digitalen Gütern aus zweiter Hand eröffnen. Das Modell ist nicht ganz ohne Probleme.

Hamburg - Ein "Zweitmarkt für digitale Objekte" könnte nach dem im Oktober 2012 gestarteten E-Book-Verleih das nächste virtuelle Geschäftsfeld von Amazon werden. Ein entsprechendes Patent wurde dem Konzern nun erteilt. Das bereits 2009 beantragte und nun zugeteilte Patent sieht den Verkauf von "digitalen Objekten wie E-Books, Audio, Video, Computer Apps usw. [vor], die vom Nutzer beim Erstverkäufer erworben und in der eigenen Datensammlung gespeichert wurden". Der Verkäufer würde den Artikel dann dem Patent zufolge aus seinem eigenen Datenspeicher löschen.

Das Patent beschreibt nicht nur den Verkauf digitaler Gebrauchtwaren, sondern auch die Möglichkeit zur Begrenzung dieser Art der Weitergabe. Dazu könnte ein Object Move Threshold (OMT) festgesetzt werden, eine Art Weitergabezähler. Mit dieser Begrenzung soll die Verknappung im Marktplatz erhalten bleiben. So könne zum Beispiel ein beliebter Songtitel ein OMT von drei haben, so dass nur drei Übertragungen zu anderen Datensammlungen erlaubt seien.

Selbst diese Art des gelockerten Kopierschutzes könnte noch zu heftigen juristischen Auseinandersetzungen führen. GeekWire weist auf den aktuellen Rechtsstreit zwischen dem Musiklabel EMI und dem Startup ReDigi hin. Das kleine Unternehmen organisiert bereits jetzt den Weiterverkauf von Musikdateien und beruft sich dabei auf die Erstverkaufsregel im US-Gesetz, die den Weiterverkauf von original erworbenen Gütern erlaubt. EMIs Gegenargumentation bezieht sich auf den Umstand, dass im Unterschied zu physischen Objekten im vorliegenden Fall nicht mit Sicherheit festgestellt werden könne, ob die Originaldatei tatsächlich gelöscht worden sei. Die noch ausstehende Entscheidung des Gerichts könnte also Amazons Geschäftspläne durchaus beeinflussen.

Auch hierzulande dürfte die Frage, ob E-Books oder andere digitale Güter weiterverkauft werden dürfen, noch für Kopfzerbrechen sorgen. Das wäre nur möglich, wenn die Erstverkaufsregel, in Deutschland Erschöpfungstatbestand genannt, sich auch auf nichtphysische Inhalte bezieht. Dann könnte der Besitzer nach dem Erwerb mit seinem Eigentum machen, was er will. Derzeit lässt Amazon das für seine Kindle-Inhalte nicht zu, wie der Fachdienst E-Book-News anmerkt. In den entsprechenden Geschäftsbedingungen heißt es nämlich: "Sie dürfen irgendwelche Rechte am digitalen Inhalt nicht an Dritte verkaufen, leihen … oder auf sonstige Weise übereignen."

Allerdings fällte der Europäische Gerichtshof (EuGH) im vergangenen Jahr ein gegenläufiges Urteil, als er erklärte, dass gebrauchte Software-Lizenzen weiterverkauft werden dürfen. Ein Unterschied zwischen DVD und Download besteht dem Spruch zufolge nicht. Konkret ging es um eine Klage des Softwareherstellers Oracle, der dem deutschen Unternehmen UsedSoft den Weiterverkauf von Oracle-Programmen untersagen wollte. Mit dem Verkauf der Software seien die Rechte des Herstellers an der betreffenden Kopie jedoch erschöpft, erklärte der EuGH zur Begründung. Dabei spiele es keine Rolle, ob es sich um eine CD-Rom oder DVD oder aber um eine "nichtkörperliche Kopie" aus dem Internet handelt. Auch dort gilt allerdings: Wer eine Lizenz weiterverkauft, darf das Original nicht weiter benutzen.

meu

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
1. Software vs. Musik
nach.denker 06.02.2013
Eine Softwarelizenz lässt sich bei aktuellen digitalen Vertriebsmodellen ohne weiteres nach dem Erschöpfungsgrundsatz an andere Übertragen. Die allermeisten aktuellen Programme werden entweder direkt als Cloud-Software [...]
Eine Softwarelizenz lässt sich bei aktuellen digitalen Vertriebsmodellen ohne weiteres nach dem Erschöpfungsgrundsatz an andere Übertragen. Die allermeisten aktuellen Programme werden entweder direkt als Cloud-Software angeboten oder beziehen ihre Lizenz/Freischaltung von einem zentralen Server des Herstellers. Damit lässt sich eine gekaufte Lizenz an den Hersteller und von dort an den Folgenutzer übertragen. In der Regel mit der Einschränkung, dass der Hersteller Wartungs- und Serviceverträge nur direkt mit Kunden abschließt, diese also nicht mit verkauft werden können. Musik und e-Books haben ein gänzlich anderes Nutzungsverhalten. Ein Song kann in 3,5 Minuten "konsumiert" und danach weiterverkauft werden. Um den Erschöpfungsgrundsatz geltend zu machen, muss noch nicht einmal konsumiert werden. Bei der digitalen Übertragung zwischen Käufer und Verkäufer wird technisch zwingend eine Kopie erstellt, ohne dass garantiert ist, dass das Original gelöscht wird. Es kann ebensowenig geprüft werden, ob die Kopie von einem rechtmäßigen Original erstellt wird. Sollte das Gericht die Erschöpfung zulassen, wäre Filesharing für Musik sofort legalisiert, denn niemand kann mich zwingen für eine Weitergabe auch Geld zu verlangen. Amazon ist nach ihrem Modell fein raus, denn Sie garantieren, dass ein bei denen verkaufter Titel über die Plattform nicht beliebig oft und beliebig schnell weiterverkauft werden kann. Gibt es aber zwei Plattformen, lässt sich diese Kette leicht aushebeln...
2. EBooks
zila 06.02.2013
Das Konzept der eBooks ist ja noch recht neu, aber nehme man mal einen aelteren Konsumenten, geschaetzte 15 Bucher a 15 Euro pro Jahr, einige davon junge Klassiker oder Sachbuecher, die man z.T.auch Jahre spaeter noch gern liest. [...]
Das Konzept der eBooks ist ja noch recht neu, aber nehme man mal einen aelteren Konsumenten, geschaetzte 15 Bucher a 15 Euro pro Jahr, einige davon junge Klassiker oder Sachbuecher, die man z.T.auch Jahre spaeter noch gern liest. Macht in zwanzig Jahren einen Wert von 4500Euro. Der/diejeninge Leser/in verstirbt, der Sohn/Tochter/Enkel(in) als Erbe geht leer aus, da der Account bei Amazon aufgeloest wird und/oder die Lizenz erloescht? Sorry, dafuer ist die Preisdifferenz nicht gross genug, als dass man Kindle-Buecher als Bibliothek ansehen mag. Als Software-Firma kann ich ja sicherstellen, dass die Leute sich registrieren muessen und kann so nachhalten, ob eine Lizenz 50x verwendet wird oder in zehn Jahren nur 3x. Man kann Programme sicher auch dazu bringen, kurz eine Datei an den Firmenserver zu uebertragen, dann faehrt derjenige das Risiko, der seine Software noch immer verwendet, obwohl die Lizenz bereits uebertragen ist. Per IP und Geraetekennung sind viele Normaluser ja nicht gerade anonym unterwegs, Hacker und Cracker schreckt man auch anders nicht. Auf diesem Weg kann man zumindest Missbrauch in groesserem Umfang vorbeugen. Bei Microsoft musste man ja auch eine zeitlang sein Windows wieder-registrieren, selbst wenn man nur an der Hardware rumgeschraubt hat.
3. Dann verkauft man zukünftig digitale Inhalte
mirkor 06.02.2013
als Dauerleihgabe. Die Lizenz erlischt mit dem Ableben des Konsumenten.
als Dauerleihgabe. Die Lizenz erlischt mit dem Ableben des Konsumenten.
4. So ein Schwachsinn
T_B 06.02.2013
Man sollte endlich aufhören digitale Werte wie physische Gegenstände zu behandeln. Das macht soviel Sinn wie Straßenverkehrsregeln plötzlich auf Flugzeuge anzuwenden (wie wärs damit Strafen zu verteilen, weil das Flugzeug [...]
Man sollte endlich aufhören digitale Werte wie physische Gegenstände zu behandeln. Das macht soviel Sinn wie Straßenverkehrsregeln plötzlich auf Flugzeuge anzuwenden (wie wärs damit Strafen zu verteilen, weil das Flugzeug nicht in der Luft angehalten hat?)
5. Erfindungshöhe
Leserzuschrift 06.02.2013
Toll, man implementiert einen Zähler, gibt dem einen tollen Namen wie OMT, und schon ist man weltweit auf alle Zeit die einzige Firma, die gebrauchte virtuelle Gegenstände verkaufen darf. Denn es wird ja wahrscheinlich nicht die [...]
Toll, man implementiert einen Zähler, gibt dem einen tollen Namen wie OMT, und schon ist man weltweit auf alle Zeit die einzige Firma, die gebrauchte virtuelle Gegenstände verkaufen darf. Denn es wird ja wahrscheinlich nicht die Implementierung, sondern die Idee, einen Zähler zu verwenden, patentiert. Es ist eine Katastrophe, dass darauf ein Patent gewährt wird und somit ein Monopol geschaffen wird.

Zum Autor

  • Richard Meusers schreibt als Autor für SPIEGEL ONLINE über die Digitalisierung.

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter RSS
alles zum Thema iPhone
RSS
Rubriken

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten