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Netzwelt

Digitalisierung in Nordengland

Dorf mit Aussicht

Lahmes Internet, keine Jobs, wenig Perspektive: Wer kann, zieht vom Land in die Stadt, überall in Europa. Ausgerechnet der abgeschiedenste Ort Englands will diesen Trend aufhalten.

Digitales Dorf Alston Moor

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Mittwoch, 24.10.2018   12:18 Uhr

"Ich glaube fest daran, dass ich ohne dieses Programm heute hier nicht mehr säße", sagt David Hymers. Er lässt den Satz sacken, um zu zeigen, wie ernst es ihm damit ist, bevor er weiterredet. Der 69-jährige Unternehmer verlor mithilfe eines Telemedizinprojekts namens Physiodom mehr als 40 Kilogramm Gewicht. "Wenn ich früher irgendwohin gefahren bin, dann habe ich meinen Behindertenausweis genutzt, um möglichst nah am Ziel zu parken. Heute parke ich die Kiste bewusst möglichst weit weg, um noch ein paar Schritte zu machen."

Hymers Glück war, dass er zur rechten Zeit am rechten Ort lebte: in Alston Moor, einer 2000-Einwohner-Gemeinde im Norden Englands. Das Örtchen mitten im Hochmoor der Grafschaft Cumbria gilt als abgeschiedenste, höchstgelegene, einsamste Ortschaft des Landes. In jede Richtung sind es mindestens 30 Kilometer bis zu einer Nachbargemeinde.

Hier, in mehr als 300 Meter Höhe, pfeift der Wind zu jeder Jahreszeit über die kargen Hügel. Selbst Anfang August sinken die Temperaturen schon mal auf elf Grad, im Winter wird der Ort immer wieder von der Außenwelt abgeschnitten. Dann, so sagt man in Alston, sei man unter sich.

Dass Hymers ausgerechnet in diesem Kaff Unterstützung in Form eines hochmodernen Telemedizinprojekts fand, überrascht. Noch seltsamer ist, dass Hymers von hier aus ein weltweit agierendes Geschäft betreibt. Er handelt mit Frankiermaschinen, mit Tinten und Zubehör für Unternehmen. Seine Firma Totalpost ist mit rund 40 Mitarbeitern der zweitgrößte Arbeitgeber und größte Ausbildungsbetrieb der Region.

Eigentlich müsste Alston Moor dasselbe Problem haben wie Zehntausende kleine entlegene Orte überall in Europa: keine Jobs, kein öffentlicher Nahverkehr, schlechter werdende Gesundheitsversorgung. Die Jungen gehen, die Dörfer altern und schwinden dahin. Auch Alston Moor ist nicht der Ort, an dem Jugendliche ihre Zukunft sehen. "Ich will weg hier!", sagt der 19-jährige Ian, wenn man ihn abends im Pub Angels Inn nach seinen Plänen fragt: "So weit weg wie möglich." Seine Kumpel nicken.

Veranstaltung

Und doch: Etwas ist anders in Alston Moor. Denn entgegen dem europaweiten Trend ist die Kopfzahl dieses Dorfes seit einem Jahrzehnt stabil.

Mit dafür verantwortlich ist Daniel Heery. Er war einer derjenigen, die im Jahr 2002 die Kooperative "Cybermoor" gegründet haben. Seither stemmt sich das Dorf gegen sein Schicksal, versucht mitzuhalten in der neuen Zeit. Und könnte damit ein Beispiel sein für all die anderen Dörfer auf dem Lande, im Harz oder in der Eifel, in der Normandie, im spanischen Binnenland oder auf den kleinen europäischen Ländern vorgelagerten Inseln.

"Die Telekommunikationsanbieter weigerten sich damals, unser Städtchen mit dem Internet zu verbinden. Der Aufwand sei zu groß, die Kosten zu hoch, um uns ans Breitbandnetz anzuschließen", erinnert sich Heery. Er beriet sich mit anderen engagierten Bürgern, und schnell war allen klar: Wenn hier nicht etwas passiert, verlieren wir den Anschluss, buchstäblich.

Digitale Technik und Kommunikation via Internet erschienen den Dörflern damals wie eine Verheißung. Alston war wie weite Teile Nordenglands bis in die Achtzigerjahre eine Bergbauregion. Als die Minen geschlossen wurden, brauchte der Ort nichts so nötig wie neue Industrien. Könnten das nicht finanzkräftige Telearbeiter sein, die gern vom idyllischen Hochmoor aus arbeiten wollten? Wie sonst sollte der Strukturwandel in der ländlichen Region zu machen sein?

Doch weder Staat noch Unternehmen waren bereit, Alston Moor per Internet an die Neuzeit anzubinden. Also beschlossen Heery und seine Mitstreiter, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Schon fünf Jahre später gehörte Alston Moor zu den am besten vernetzten Gemeinden Großbritanniens. Das "Handelsblatt" zog damals gar den Vergleich zum Silicon Valley: In Alston waren prozentual deutlich mehr Haushalte per Breitband angebunden als in Amerikas Tal der Technik.

Bei einem Rundgang durch Alston Moor zeigt Daniel Heery die Spuren der Pioniertat von damals. Es geht durch winzige Gassen, durch die kein Auto passt, und hinter die oft uralten Häuschen: "Angefangen haben wir dort drüben", sagt Heery und zeigt hinüber zum Schulgebäude. Dort kam die Breitbandverbindung der Außenwelt an. "Von da aus zogen wir dann unsere Glasfaserkabel hier entlang."

Heery deutet auf den Boden: In Schlangenlinien verläuft eine schmale Spur über den Asphalt, den man einst mit Heimwerkermitteln aufstemmte und wieder reparierte. "Die Leitungen sind ziemlich dünn, das war also nicht schwer", sagt er. "Wir führten sie dann an die Häuser heran und verlegten sie an den Außenwänden weiter. Sehen Sie den Kasten dort oben? Das ist einer von unseren."

Selbst gemachter Anschluss ans Breitbandnetz

Die Methode ist so einfach wie hemdsärmelig: Die Initiative schlitzte Bürgersteige, Straßen und Wege nur dort auf, wo es nötig war. Überall in der Stadt sieht man - meist an der Rückseite der Häuser - dünne Kabel an den Wänden. In vier, fünf Meter Höhe hängen graue Metallkästen, von denen aus sich die Kabel dann zu anderen Häusern verteilen. Es ist eine mediterran anmutende Installation. Aber: Sie funktioniert, bis heute. Es ist dieser selbst gemachte Anschluss ans Breitbandnetz, der erklärt, warum sich ein weltweit agierender Mittelständler wie David Hymers Totalpost in so abgeschiedener Lage halten kann.

Als "social enterprise" gegründet, als gemeinnütziges Unternehmen also, baute Cybermoor das Regionalnetz konsequent aus: Funkmasten auf den Bergrücken schufen zusätzliche Verbindungen. Doch allein die Infrastruktur reichte der Bürgerinitiative noch nicht, sie wagte sich an weitere Projekte. Wie jene gegen die klaffenden Versorgungslücken, die Sparmaßnahmen ins britische Gesundheitswesen geschlagen hatten - gerade auch auf dem Land. Telemedizin schien darauf die Antwort, und die war mit dem schnellen Internet nun ja auch möglich.

"Das Projekt ›Breathe‹ gab pflegenden Angehörigen medizinische Hilfestellung per Internet", erzählt Heery. "Darüber hinaus bot es ein Monitoringsystem, das Kameras aktivierte, wenn Sensoren ungewöhnliche Abweichungen vom normalen Tagesablauf der Patienten feststellten." Die Leute hätten zwar die Kameras in ihrer Wohnung tolerieren müssen, doch die meisten hätten die Idee trotzdem als hilfreich empfunden, sagt Heery.

Und dann war da das "Physiodom"-Projekt, das dem Unternehmer David Hymers vielleicht das Leben rettete. Gesundheitlich gefährdete Senioren konnten ihre Fitnesswerte mit Körperfettwaagen, Schrittzählern und einem einfachen Aktivierungsprogramm dokumentieren, um einen Anreiz für einen gesünderen Lebenswandel zu schaffen. Wenn sie wollten, erhielten sie per Fernsehen Feedback über ihre Aktivitäten in den zurückliegenden Tagen.

Auch heute, 17 Jahre später, experimentiert Cybermoor weiter. "Wir wollen herausfinden, was hier funktioniert, wie man Lebensqualität auf dem Land steigern kann", sagt Heery. Alston Moor soll bald Testgebiet für das 5-G-Netz werden, den Mobilfunk der nächsten Generation. Daraus könnten sich ganz neue Möglichkeiten entwickeln, etwa für Schafbauern, die mit Drohnen und vernetzten Kameras ihre Herden leichter im Blick behalten können.

Aus Futura 1/2018

Fast fertig ist auch der Aufbau eines kleinen Testnetzwerks zum Aufladen von Elektroautos. Am 29. August ging die erste Stromtankstelle online. Zwar ist der Dorfpfarrer mit seinem Nissan Leaf bisher der einzige Kunde; in einem Nachbardorf lebe aber noch ein Tesla-Besitzer, erzählt Heery. Außerdem, so hofft er, könnte die Elektrotankstelle Ausflügler aus den Städten im Umland anziehen.

Als gemeinnütziges Unternehmen muss Cybermoor mit all den Projekten kein Geld verdienen. "Oft betreuen wir Forschungsvorhaben, die durch Drittmittel finanziert werden", erklärt Heery. So ist der Ort eine Art Testlabor für den ländlichen Raum geworden. Der Nachteil dieser Herangehensweise: Die meisten Projekte enden, wenn die Förderung ausläuft. Auch "Breathe" und "Physiodom" wurden nicht fortgeführt, obwohl Studien erfolgreich abgeschlossen wurden.

Was fehle, um wirklich dauerhaft etwas zu bewirken, seien ausreichend öffentliche Mittel oder ein Unternehmen, das langfristig investiere, sagt Claire Driver, ehrenamtliche Labour-Abgeordnete im Kreistag der Grafschaft Cumbria. Auch Driver lebt in Alston, sie ist eine der zahlreichen qualifizierten Rückkehrer; viele von ihnen nutzen die Möglichkeiten der Telearbeit, um im Homeoffice zu bleiben und nur noch bei Bedarf in Städte wie Newcastle und Carlisle zu pendeln.

Für Driver war die Rückkehr auch eine "Entscheidung für einen Lebensstil", wie sie sagt. "Gegangen bin ich, sobald ich mit den Füßen das Gaspedal erreichen konnte. Ich habe in Manchester studiert, danach gearbeitet. Vor fünf Jahren kam ich zurück, weil ich nirgendwo anders Wurzeln schlagen wollte." Und heute? Ist sie eine ambitionierte Jungpolitikerin, die sich ihr Geld "unter anderem" als Postbotin verdient. Das Multitasking ist nicht ungewöhnlich. "Die meisten Menschen hier", erklärt Driver, "haben mehrere kleine Jobs, um sich über Wasser zu halten."

Den ganz großen Wandel hat Cybermoor nicht gebracht. Es sind keine größeren Betriebe entstanden, keine Industrie, keine Magneten, die plötzlich viele Menschen nach Alston gezogen haben. Und doch: Die Bewohner begannen, sich selbst Jobs zu schaffen und eine neue Infrastruktur aufzubauen - auch abseits digitaler Projekte.

In den vergangenen 17 Jahren wurden mehr als 20 gemeinnützige Betriebe und Initiativen geschaffen. Manche arbeiten nur saisonal, andere ständig. Manche halten sich, andere verschwinden wieder, wenn sich herausstellt, dass die Nachfrage nicht reicht oder die Betreiber sich zerstreiten. Ganz wie im richtigen Geschäftsleben, sagt Claire Driver, "aber das Tolle ist doch, dass die selbst was versuchen".

Die erste "Social Enterprise Town" Großbritanniens

Die meisten dieser Betriebe funktionieren ohne viel Technik: Es gibt Bäckereien und Fahrdienste, im Winter einen selbst organisierten Schneeräumservice, dazu noch eine der letzten Schmalspur-Dampflokstrecken Englands - allesamt gemeinnützige Projekte, aus deren Umsätzen kleine Gehälter bezahlt werden. Im Schwesterörtchen Nenthead gehört der örtliche Supermarkt den Einwohnern. Bei Gewinn bekommen sie jährliche Dividenden ausgezahlt - ansonsten senkt es zumindest für alle die Spritrechnungen. 2013 wurde Alston Moor wegen all dieser gemeinnützigen Kooperativen zur ersten "Social Enterprise Town" Großbritanniens gekürt. Die Gemeinde lebt und hat für ihre Größe ungewöhnlich viel zu bieten.

"Das muss man Cybermoor hoch anrechnen", sagt Claire Driver. Im Kreistag bemüht sie sich, Unterstützung und Gelder für die Selbsthilfeprojekte loszueisen. Ohne die durch die Bürgerinitiative geschaffene Mentalität, den Unternehmergeist, so argumentiert sie, stünde Alston Moor heute weit schlechter da.

"Cybermoor hat den Leuten hier gezeigt, dass man selbst etwas bewegen kann, wenn kein anderer bereit ist, etwas zu tun", sagt Sue Gilbertson, die einst in verschiedenen Städten für Banken und Finanzdienstleister tätig war. Heute lebt sie wieder in Alston, arbeitet für Cybermoor und zieht aus ihrer Entwicklungshilfe für das Dorf weit mehr Befriedigung als aus ihrer Zeit im Marketing.

So ganz hat sie sich davon allerdings noch nicht gelöst. "Seien Sie nett zu Alston!", sagt sie zum Abschied. Gründe dafür gibt es genug.

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