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Netzwelt

Antisemitismus im Netz

Keine Logik, keine Konsistenz, keine Plausibilität

Der Milliardär und Philanthrop George Soros bietet für Rechtsextreme ein klares Feindbild: Er ist Jude und er ist reich. Außerdem ist er mal Marxist und mal Hyperkapitalist, ganz wie es gerade passt.

AFP

Milliardär George Soros

Eine Kolumne von
Mittwoch, 05.12.2018   17:43 Uhr

Wer im Internet unterwegs ist und über Wahrnehmungsorgane verfügt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit schon einmal vermeintlich kritische, in Wahrheit hasserfüllte Äußerungen über George Soros bemerkt haben. Der amerikanisch-ungarische Milliardär, Investor und Philanthrop ist, maßgeblich mithilfe sozialer Medien, zu einem stehenden Begriff geworden.

George Soros ist jüdischer Abstammung, sein Name funktioniert im Netz als Blitzableiter des Antisemitismus. So wie "Israel-Kritik" oder "Zionismus-Kritik" von linken und muslimischen Gruppen als Tarnmäntelchen über ihren Antisemitismus geworfen wird, ist "Soros-Kritik" insbesondere von rechter und rechtsextremer Seite ein Feigenblatt für Judenhass.

"Wohin ihr faßt, ihr werdet Juden fassen."*

Eine der wichtigsten Funktionen sozialer Netzwerke sind Meme, Gedankensplitter, die darauf angelegt sind, weiterverbreitet zu werden. Das kann eine Bild-Text-Kombination sein, ein animiertes Bildchen (Gif) oder eine knappe Anekdote. Manchmal reicht ein cleveres Wortspiel. Das erste große deutsche Mem in sozialen Medien war wahrscheinlich "Zensursula", erfunden vom Twitterer Erdgeist. Auf Ursula von der Leyen gemünzt, verband es 2009 "Zensur" und "Ursula", als die damalige Familienministerin die Netzsperren einführen wollte.

Das Mem Zensursula war die perfekte Verdichtung einer politischen Haltung samt Feindbild, es war eines der maßgeblichen Instrumente für das Ende der Netzsperren. Meme können enorme politische und gesellschaftliche Wirksamkeit entfalten, sie enthalten einen Anreiz zur Weiterverbreitung ebenso wie eine inhaltliche Botschaft, ein internetbasiertes, hochfunktionales Kommunikationsprinzip. "Soros" ist zu einem der wichtigsten antisemitischen Meme im Netz geworden.

"Die Juden, nur die Juden! Sie heißen Morgenthau und Lehmann und stehen als sogenannter Gehirntrust hinter Roosevelt, sie heißen Melchett und Sassoon und fungieren als Geld- und Auftraggeber Churchills, sie heißen Kaganowitsch und Ehrenburg und sind die Schrittmacher und geistigen Wortführer Stalins." *

Schon immer wird Antisemitismus personalisiert. Die Nazis drehten 1940 die Propagandafilme "Die Rothschilds" und "Jud Süß", die so funktionierten. Damit Judenhass verfängt, müssen zugleich eine diffuse jüdische Bedrohung beschworen und konkrete Schuldige benannt werden. Die gängigen rechtsextremen Verschwörungstheorien stellen Soros als jüdischen Verschwörer dar, der die "weißen Völker" vernichten wolle, indem er Migration nach Europa finanziere.

So lassen sich antimuslimisches und antisemitisches Ressentiment verbinden, die "dummen, ferngesteuerten Muslime" und der "hinterhältige, strippenziehende Jude". Der Fraktionschef der FPÖ erklärte, es gebe "stichhaltige Gerüchte", dass Soros daran beteiligt sei, "Migrantenströme nach Europa zu unterstützen". Was "stichhaltige Gerüchte" sein sollen, weiß nur die FPÖ, Adorno dagegen weiß: "Antisemitismus ist das Gerücht über den Juden."

"Die Juden verstehen sich meisterhaft auf die Behandlung der öffentlichen Meinung, die sie durch über die ganze Welt reichenden Nachrichtenbüros und Pressekonzerne beherrschen." *

George Soros wurde als Finanzinvestor reich und hat die "liberale Demokratie" und die "offene Gesellschaft" zum Ziel seiner philanthropischen Aktivitäten gemacht. Weil die von ihm gegründeten Stiftungen die freie Presse unterstützen, eignet er sich, um zugleich gegen Medien und Juden zu hetzen. Soros bildet die personalisierte Schnittmenge aus "Mainstream-Medien" und "Finanzelite". So bezeichnen vor allem Rechtsextreme freie Medien und Juden.

Personalisierte verkürzte Kapitalismuskritik kann als Tarnform des Antisemitismus, als Querfront-Verbindung zwischen rechtem und linkem Antisemitismus funktionieren. Sie kann auch daraus bestehen, keinen der Zehntausenden nichtjüdischen Investoren oder Philanthropen zu kritisieren, sondern ausgerechnet und immer wieder und meist ausschließlich: Juden. Oder Menschen jüdischer Abstammung, wie Soros.

"Die Völker wollen einen anständigen Frieden; aber die Juden sind dagegen. Sie stimmen in ihren Zeitungen und Rundfunksendungen ihre Kriegsgesänge an, während die von ihnen verführten Völker auf die Schlachtbank geführt werden." *

Juden finanzieren Konflikte, profitieren vom Krieg und verkaufen beiden Seiten Waffen - auch diese antisemitische Erzählung wird im Netz auf Soros bezogen. Der "Kriegstreiber Soros" ist zur stehenden, nicht mehr hinterfragten Rede geworden, die sich auf jeden Gewaltausbruch beziehen lässt, von der Ukraine bis zum Nahostkonflikt. Und zwar beidseitig. Stephen Bannon sagte: "Soros ist der Teufel, aber brillant." Aus rechtsextremer Sicht ist das logisch, denn der Teufel steht ja hinter allem Bösen. Trump-Berater Rudolph Giuliani nannte Soros "den Antichrist".

"Sie [die Juden] fürchten unseren wirtschaftlichen und sozialen Hochstand, weil er ihrem parasitären Treiben keine Bewegungfreiheit mehr bietet." *

Der Jude als Parasit, der umherwandert und die Bevölkerungen verschiedener Länder "befällt". Dieser uralte Antisemitismus ist im Netz sowie rechten und rechtsextremen Machtzirkeln aktueller denn je. Der österreichische Vizekanzler Strache hat anlässlich der Vertreibung einer von Soros gestifteten Universität von Budapest nach Wien abfällig von einer "Wanderuniversität" gesprochen. Das ist exakt das Motiv des "ewigen Juden", der auch "ewig wandernder Jude" genannt wird.

Dahinter steht eine alte christliche, antisemitisch gewendete Sage, nach der Jesus einen Juden zur ewigen Wanderschaft verdammte. Der ständig "herumwandernde, parasitär ganze Länder befallende Jude" war die zentrale, entmenschlichende Propaganda-Botschaft der Nazis. Mit dieser Opferpose rechtfertigten sie die industriell organisierte Ermordung der Juden als "Notwehr", denn wer von "Parasiten" befallen ist, ist quasi zur Gegenwehr gezwungen. So funktioniert Täter-Opfer-Umkehr.

"Der Kapitalismus wie der Bolschewismus entspringen derselben jüdischen Wurzel." *

Antisemiten brauchen keine Logik, keine Konsistenz, keine Plausibilität. Es ist für sie problemlos möglich, dass Soros hinter allen Seiten eines Konfliktes steckt, zugleich glühender Marxist und hyperkapitalistischer Spekulant ist sowie Jude und Nazi (das unterstellte unter anderem Donald Trump Junior).

Um an den in Ungarn weit verbreiteten Antisemitismus zu appellieren, hat der rechtsextreme Victor Orbán George Soros in Ungarn zum Staatsfeind erklärt. Dass sich die antisemitischen Unterstellungen dabei teilweise selbst widersprechen, ist weder für Orbán noch für den antisemitischen Teil der Öffentlichkeit ein Problem.

"Wagt ein aufrechter Mann dagegen aufzutreten und die Juden ihrer Verbrechen anzuklagen, dann wird er von ihrer Presse verhöhnt und angespien, unter ihrem Druck aus seinem Amt gejagt oder sonstwie brotlos gemacht und der öffentlichen Verachtung preisgegeben." *

Nicht einmal Antisemiten wollen nach dem Holocaust noch Antisemiten sein, daher rührt Adornos und Horkheimers Satz "Aber es gibt heute keine Antisemiten mehr". Die Essenz des Soros-Antisemitismus ist, Judenhass verbreiten zu können, ohne als Antisemit entlarvt zu werden.

Dazu gehört die ständige Klage, nicht mehr frei reden zu dürfen. Sie führt sich im Netz selbst ad absurdum, denn die sozialen Medien quellen über vor Judenhass im Allgemeinen und Soros-Hass im Besonderen. Die Behauptung, man könne Soros nicht kritisieren, ohne gleich als Antisemit abgestempelt zu werden, erfüllt daher eine spezielle Funktion: Sie soll vorauseilend jede Kritik als unberechtigt darstellen.

Natürlich kann man George Soros kritisieren. Aber spätestens, wenn man von allen zur Verfügung stehenden, engagierten Milliardären der Welt ausgerechnet nur George Soros kritisiert, sollte man sich fragen, ob man nicht einem antisemitischen Motiv aufgesessen ist. Nicht alle, die ein antisemitisches Soros-Mem im Netz verbreiten, sind dadurch automatisch selbst Antisemiten. Aber sie alle tragen auf diese Weise zur antisemitischen Erzählung um Soros bei, ob sie es wissen oder nicht, ob sie es wollen oder nicht, ob sie es einsehen oder nicht.


*Die eingeschobenen Zitate stammen sämtlich aus der Schrift "Die Urheber des Unglücks der Welt" vom 21. Januar 1945 von Joseph Goebbels.

insgesamt 116 Beiträge
pulverkurt 05.12.2018
1. Es wurde Zeit, den Hass gegen Soros einmal zu thematisieren!
Nach der letztwöchigen brillianten Analyse von Herrn Lobo über die toxische Wirkung russischer Propaganda in westlichen Foren nun also ein weiteres Reizthema, das wahrscheinlich auch hier Dutzende Trolle anlockt die sich [...]
Nach der letztwöchigen brillianten Analyse von Herrn Lobo über die toxische Wirkung russischer Propaganda in westlichen Foren nun also ein weiteres Reizthema, das wahrscheinlich auch hier Dutzende Trolle anlockt die sich darüber beklagen nicht über das Feinbild Soros abhetzen zu können, ohne in die rechte Ecke gestellt zu werden. Wer's nicht glaubt, suche einmal auf SPON nach Artikeln über "Soros" und lese sich die Forenkommentare darunter durch. Der Mann ist für manche Leute für alles verantwortlich, was es Böses in der Welt gibt. Das Märchen vom angeblich westlich inszenierten "Putsch" in der Ukraine ist nur eins davon.
rt2323 05.12.2018
2. inkonsistent
Führt der Autor nicht selbst die kritisierte Methode ins Feld und setzt Kritik an Israel mit Antisemitismus gleich? Nicht der Zweck heiligt die Mittel, die Mittel selbst müssen fair sein, um dem Zweck dienen zu können.
Führt der Autor nicht selbst die kritisierte Methode ins Feld und setzt Kritik an Israel mit Antisemitismus gleich? Nicht der Zweck heiligt die Mittel, die Mittel selbst müssen fair sein, um dem Zweck dienen zu können.
fkfkalle3 05.12.2018
3. Mich nervt es nur
Menschen mit jüdischen Glaubensbekenntnis generell als Juden , defacto als Volk zu deklarieren, lehne ich ab. Von daher ist es simpel, Als Atheist ist es also nebensächlich ob ein Staatsbürger katholisch, jüdisch, oder [...]
Menschen mit jüdischen Glaubensbekenntnis generell als Juden , defacto als Volk zu deklarieren, lehne ich ab. Von daher ist es simpel, Als Atheist ist es also nebensächlich ob ein Staatsbürger katholisch, jüdisch, oder weissder Teufel geprägt ist. Von daher gibt es Gemeinsamkeiten, oft gleiche Interessen, aber auch Trennendes. Es zählt ausschliesslich der Mensch. Oppenheimer, Rathenau,Feuchtwanger,Baremboim,Einstein , die Kette ist unendlich ,sind Staatsbürger jüdischen Glaubens, nicht mehr nicht weniger, also von daher nur in der Sache, jedoch nicht als Person angreifbar.
PeaceNow 05.12.2018
4. Wenn herr Lobo nicht nur viel Text geschrieben hätte
der Detailtiefe und Recherche suggeriert, sondern dies tatsächlich hätte und getan hätte, dann hätt er festgestellt das die große Mehrheit der Kritiken gegen Soros NICHTS damit zu tun haben das er Jude ist, SONDERN damit das [...]
der Detailtiefe und Recherche suggeriert, sondern dies tatsächlich hätte und getan hätte, dann hätt er festgestellt das die große Mehrheit der Kritiken gegen Soros NICHTS damit zu tun haben das er Jude ist, SONDERN damit das er als gnadenloser Spekulant sowie NGO Finanzier, auch in der Flüchtlingsfrage sowie bei diversen Farb- und Blumenrevolutionen, Unheil über ganze Länder und Völker zumindest mitverursacht hat. So jemanden Philantroph zu nennen, nur weil er in Relation zu seinem Vermögen gerade so was aus der Portokasse vermeintlich gemeinnützig spendet, ist die Krone des Selbstbetrugs.
Moment_of_Zen 05.12.2018
5.
Sehr beliebt bei Antisemiten ist es auch zu behaupten Antisemitismus bedeute nicht Judenhass sondern da ja Semiten ein Volk sei, das Araber miteinschließe, ein Hass auch auf Araber sei, so der pseudointellektuelle Tiefflieger. [...]
Sehr beliebt bei Antisemiten ist es auch zu behaupten Antisemitismus bedeute nicht Judenhass sondern da ja Semiten ein Volk sei, das Araber miteinschließe, ein Hass auch auf Araber sei, so der pseudointellektuelle Tiefflieger. Mit allerlei Folgetrugschlüssen und Zirkellogik. Das George Soros von Antisemiten als Nazi bezeichnet wird hat einen größeren Kontext, da Israelis, damit sind „logischerweise“ nur Juden gemeint, dafür alle weltweit, von Judenhassern generell als Nazis dargestellt werden mit der infamen Unterstellung sie würden einen Genozid begehen (in dem sie sich und ihr Land verteidigen). Chanuka sameach.
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