Schrift:
Ansicht Home:
Netzwelt

Kommentarfunktion auf Medienseiten

Huch, Agathe, die Leser schreiben!

Die Deutsche Welle schaltet die Kommentarfunktion unter ihren Beiträgen weitgehend ab. Das wirkt hilflos. Dabei können Leserkommentare wertvoller sein als Gold.

DPA

Deutsche-Welle-Logo am Gebäude in Bonn

Eine Kolumne von
Mittwoch, 15.08.2018   15:32 Uhr

Man müsste schon Donald Trump zum DFB-Präsidenten ernennen, um jemanden zu finden, der ein schlechteres Image hat als Internet-Kommentatoren. Auf diese Leute scheint im Netz wirklich jeder herabzuschauen, natürlich inklusive der Kommentatoren selbst. Denn unpassende Kommentare sondern natürlich immer nur die anderen ab (man selbst nimmt zwar emotional, aber doch angemessen an öffentlichen Debatten teil). Meine Haltung ist eine völlig andere. Ich glaube, dass Kommentare wertvoller sein können als Gold - für Medienseiten.

Die Deutsche Welle reiht sich seit ein paar Tagen ein in die Gruppe lamentierender Medien, die ihre Kommentare abschalten und höchstens im Ausnahmefall zulassen wollen. Das öffentlich-rechtliche, aus Steuermitteln bezahlte Medium steht nach eigener Aussage für "offenen, kritischen Austausch". Wie dieser ohne die Möglichkeit zum offenen, kritischen Austausch mit dem Publikum aussieht, bleibt das Geheimnis der Deutschen Welle.

Wenn eine inzwischen verstorbene Person in meiner Familie eine Situation erlebte, die einen gewissen Kontrollverlust aufblitzen ließ - eine halbvolle Tasse fiel um, ein Kind verhielt sich bockig - schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen, rief "Huch, Agathe, die Puppe kotzt!" und lief aus dem Zimmer: inszenierte Hilflosigkeit.

Sich in der eigenen Ohnmacht suhlen

Genau dieses Verhalten ist leider auch eine häufige Reaktion auf die Herausforderungen der digitalen Sphäre, die Deutsche Welle ist kein Sonderfall. Inszenierte Hilflosigkeit bedeutet, sich in der durch mangelnde Beschäftigung oder Sachkenntnis entstandenen Ohnmacht zu suhlen und - wenn man überhaupt reagiert - den Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Dieses Muster findet sich quer durch die digitale Gesellschaft wieder:

"Huch, Agathe, die bösen Digitalkonzerne sind so groß, da können wir doch eh nichts tun."

"Huch, Agathe, die Schulkinder benutzen ihre Handys dauernd beim Unterricht, wir sollten es gesetzlich verbieten."

"Huch, Agathe, die Kommentare auf unserer Seite sind so anstrengend, wir schalten sie lieber ab."

Das Smartphone-Verbot nach französischem Vorbild wurde übrigens von einer Landesmedienanstalt gefordert, zu deren Aufgaben explizit "Stärkung der Medienkompetenz" gehört. Viel hilfloser lässt sich kaum agieren - gerade weil die Gemengelage um Kinder, Bildung und Smartphones komplex ist und keine gesetzlich verordneten, simplen Generallösungen verträgt. Zum Musterbeispiel der inszenierten Hilflosigkeit aber wird die Abschaffung der Kommentare der Deutschen Welle durch die Begründung der Chefredakteurin Ines Pohl:

"Der Diskurs wurde geprägt von persönlichen Beschimpfungen, Beleidigungen und rassistischen Äußerungen, die auf unserer Seite nichts zu suchen haben. Es waren immer dieselben Nutzer, die unter dem Deckmantel eines Alias-Namens unsere Kommentarfunktion für die Absonderung von Hassbotschaften nutzten."

So hört es sich an, wenn man Kommentare letztlich als verzichtbares Beiwerk begreift. So hört es sich an, wenn man die wesentlichste soziale Neuerung des Internet, den Rückkanal, nie ernsthaft und professionell untersucht hat. So hört es sich an, wenn man vor der eigenen inszenierten Hilflosigkeit kapituliert.

Kommentarspalten sind Soziotope - die kippen können

"Die Anonymität im Netz zog auch bei der Deutschen Welle zunehmend Trolle an", sagt die Chefredakteurin der Deutschen Welle, und wiederholt damit einen digitalen Allgemeinplatz, der nicht nur von der Wissenschaft infrage gestellt wird. "Die Anonymität ist schuld!" Das ist auch die bequemste Begründung, um sich selbst von jeder Verantwortung für die Kommentarqualität freizusprechen. Um anschließend nichts zu unternehmen.

Die Wahrheit ist, dass Kommentarspalten Soziotope sind, und Soziotope können auch umkippen. Wie ein Gartenteich, in dem irgendwann nur noch stinkende, giftige Algen sind, wenn man sich nicht so richtig drum kümmert. Jeder menschenverachtende Kommentar wirkt als doppeltes Signal. Die guten Leute fühlen sich abgestoßen, die schlimmen willkommen. Gegenmaßnahmen aber erfordern die Verbindung aus Sachkenntnis, Arbeit und der richtigen Technologie.

Die Beschwerde über die schlimmen Nutzerkommentare auf deutschen Medienplattformen ist über 20 Jahre alt. Aber strukturierte Lösungsansätze für dieses Problem sind in Deutschland entweder so unbekannt oder so unvorhanden, dass sie nicht bis zur Deutschen Welle vorgedrungen sind. "Wir investieren 250.000 Euro in die Verbesserung unserer Kommentare", ist der zweitseltenste Satz deutscher Medienmacher direkt nach "Wir lieben Adblocker". Dabei gibt es Ansätze und Technologien:

Man muss das nur wollen und eben bezahlen wollen - eine Prioritätenfrage. Aber da Kommentarverachtung unter Medienpeople zum guten Ton gehört, möchte man in diese Latrine natürlich nicht auch noch Geld hineinwerfen.

Mangelnde Technik, mangelndes Know-how, mangelnder Wille

Dabei geht der Wunsch des Publikums, sich zu äußern, nicht wieder weg. Im Gegenteil. Der noch andauernde Erfolg sozialer Medien zeigt, dass der Rückkanal größer und mächtiger ist als je zuvor. Natürlich kann man Social Networks aufgrund der Struktur und Größe nicht mit klassischen Medien vergleichen - aber nirgendwo sind Kommentare so wichtig wie bei Nachrichtenmedien.

Die Social-News-Plattform Reddit.com ist die mit Abstand größte Nachrichtenseite der Welt, und sie ist es durch ihre Kommentarlandschaften geworden, die 99 Prozent des Inhalts ausmachen. Es ist übrigens wirklich nicht so, dass Reddit keine Schwierigkeiten mit Kommentaren gehabt hätte, aber dort hat man aktiv und technologieunterstützt an Lösungen gearbeitet.

Natürlich können auch mit den klügsten Strategien einzelne Kommentare ätzend, verletzend und verhetzend sein - aber jede ins Destruktive entglittene Kommentarschlacht ist ein Symptom mangelnder Technik, mangelnden Know-hows oder mangelnden Willens.

Die Deutsche Welle erhält Bundesmittel, aber für private Medien können Kommentare wertvoller sein als Gold, weil sie der Ausweis einer funktionierenden Community sind. Und eigene Communities werden der kritische Erfolgsfaktor von Medienseiten. Eigentlich sind sie es längst.

Kommentare können die eigene publizistische Perspektive enorm erweitern, sie können als Frühwarnsystem begriffen werden - vor allem aber dienen sie der Identifkation mit einer Seite, denn Kommentare sind die Community. Und genau diese Identifikation wird zum wichtigsten Gut für privat finanzierte Medien. Denn früher oder später führt kein Weg an digitalen Abonnements vorbei - und wer sollte die abschließen, wenn nicht Kommentatoren?

insgesamt 213 Beiträge
reifenexperte 15.08.2018
1. Die Kommentare
sind oft genauso interessant, wie die Artikel und runden sie oft ab. Das bringt mit Sicherheit zusätzliche Leser und sollte also ein Aktivposten sein. Die Deutsche Welle scheint als staatsfinanziertes Medium aber nicht an Lesern [...]
sind oft genauso interessant, wie die Artikel und runden sie oft ab. Das bringt mit Sicherheit zusätzliche Leser und sollte also ein Aktivposten sein. Die Deutsche Welle scheint als staatsfinanziertes Medium aber nicht an Lesern interessiert zu sein.
quentinson 15.08.2018
2. ätzend, verletzend und verhetzend oder "Trolle"
und was das ist, bestimmt heute eine linke Meinungselite die vor 50 Jahren mit dem Marsch durch die Institutionen begann. Selbst einigen Alt-68ern die damals gegen den vorherschenden mainstream angekämpft haben ist das [...]
und was das ist, bestimmt heute eine linke Meinungselite die vor 50 Jahren mit dem Marsch durch die Institutionen begann. Selbst einigen Alt-68ern die damals gegen den vorherschenden mainstream angekämpft haben ist das unheimlich. Und sieh mal an: "Ansonsten können Sie selbstverständlich ihre Meinung auf alle bei Facebook geposteten Beiträge der Deutschen Welle abgeben" - typisch, Zensur outsourcen.
Darwins Nightmare 15.08.2018
3. Seh ich genau so
Und predige das seit etwa 6 Jahren als Medienberater auch meinen Mandanten. Sie begreifen die Chancen u. Gefahren (z.T. Abwertung des eigenen Produkts durch Trolle, etc.)leider bis heute nicht. Alles was für die Redaktionen [...]
Und predige das seit etwa 6 Jahren als Medienberater auch meinen Mandanten. Sie begreifen die Chancen u. Gefahren (z.T. Abwertung des eigenen Produkts durch Trolle, etc.)leider bis heute nicht. Alles was für die Redaktionen zählt, sind die Klicks und die Verweildauer von Nutzern. Kommentare werden nicht als integraler Bestandteil des Produkts wahrgenommen. Das lässt auch Rückschlüsse auf die Seriosität in der Rolle als Vermittler von Medien zu.
samuel.cohnle 15.08.2018
4. Die Crux an der Demokratie ist,
dass die Meinungen der anderen als gleichberechtigt gelten.... :-)
dass die Meinungen der anderen als gleichberechtigt gelten.... :-)
tchantchès 15.08.2018
5. Man hätte beizeiten die Deutsche Welle abschalten sollen
Am besten noch vor dem kostspieligen Umzug in den Schürmann-Bau. Dann hätte Frau Pohl das Problem jetzt nicht. Wo und wie kann man die Deutsche Welle überhaupt noch empfangen und wer tut das überhaupt?
Am besten noch vor dem kostspieligen Umzug in den Schürmann-Bau. Dann hätte Frau Pohl das Problem jetzt nicht. Wo und wie kann man die Deutsche Welle überhaupt noch empfangen und wer tut das überhaupt?
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!
Newsletter
Kolumne - Die Mensch-Maschine

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP