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Netzwelt

Digitale Entfremdung

"Wir bräuchten dringend mehr Dates mit uns selbst"

Durch die permanente Vernetzung entfernen sich die Menschen immer mehr von sich selbst, glaubt der Psychotherapeut Georg Milzner. Das kann gefährlich sein, warnt er - und nennt mögliche Auswege.

Getty Images

Smartphone-Nutzerin (Symbolbild)

Ein Interview von
Montag, 15.01.2018   10:29 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Herr Milzner, macht uns das Smartphone krank?

Milzner: Das Gerät an sich nicht, die Art es zu nutzen mitunter schon. Zunehmend kommen Patienten mit dem Gefühl zu mir, gar nicht zu wissen, was eigentlich in ihnen geschieht. Sie haben keinerlei Selbstaufmerksamkeit mehr. Man könnte sagen, durch ihre ständig springende Aufmerksamkeit sind sie sich selber fremd geworden.

SPIEGEL ONLINE: Wie beeinflusst der Blick aufs Smartphone die Aufmerksamkeit der Menschen?

Milzner: Zunächst kommt es zu sehr engen Reiz-Reaktionstaktungen. Eingehende Signale wollen gleich beantwortet werden. Es herrscht dabei weitgehende Unabhängigkeit von Raum und Zeit, wir können einander gefühlt rund um die Uhr erreichen. Der Nutzer bekommt den Eindruck: Wow, der Raum ist voller Möglichkeiten.

SPIEGEL TV Doku: Selbstversuch - Eine Woche ohne Handy

Foto: SPIEGEL TV

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht auch psychologisch überaus positiv?

Milzner: Natürlich ist es toll, mit vielen Leuten Kontakt zu halten, zu kommunizieren. Doch Untersuchungen zeigen, dass wir nur mit einer überschaubaren Zahl an Menschen enge Beziehungen haben können. Der hohe Vernetzungsgrad lenkt daher ab von dem, was wir eigentlich sind und wollen. Das liegt aber nicht an der Digitalisierung an sich. Wenn wir mit einem Kind auf dem Tablet ein Spiel spielen, kann das wunderbar sein und uns verbinden. Was Probleme macht, sind die Vielzahl der Reize und die engen Taktungen, durch die unsere engsten Beziehungen und die zu uns selbst aus dem Blick geraten.

SPIEGEL ONLINE: Haben moderne Menschen also gewissermaßen eine Konzentrationsschwäche?

Milzner: Die engen Taktungen führen zu einer zerstreuten Aufmerksamkeit, eine Art permanenter ADHS. Eingehende Reize werden mit schnellen Reaktionen beantwortet. Auf dem Spielplatz, weil eine WhatsApp reinrauscht, gucken Eltern nach unten, während oben auf der Rutsche das Kind die Sicherheitskontrolle bräuchte. So gehen uns die primäre Selbstaufmerksamkeit und die Aufmerksamkeit für unsere engsten Bezugspersonen verloren.

SPIEGEL ONLINE: Was ist schlimm daran, sich selbst nicht ständig Aufmerksamkeit zu schenken?

Milzner: Menschen haben heute Probleme mit Selbstfindungsfragen. Die vielen fremden Bilder auf Instagram oder Facebook bringen sie weg vom inneren Kern und Gefühl. An die Stelle des Fühlens treten Bilder, noch schlimmer: von außen kommende Bilder. Das sind nicht die Bilder und Ideen, die aus meinem eigenen Seelengrund stammen, sondern solche, die von anderen implementiert sind - im digitalen Kapitalismus oft auch von Firmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt man dagegen an?

Milzner: Durch eine neue Beziehung zu uns selbst. Wofür will ich mich im Leben einsetzen? Worum geht es mir, wer und was ist mir wichtig? Es geht darum zu erkunden, wer ich bin und welche Motive ich habe.

SPIEGEL ONLINE: Welche Strategien gibt es konkret?

Milzner: Als Souverän der Aufmerksamkeit steuert man selbst und nicht das Smartphone. Ich empfehle dafür die Bildung von Hierarchien. Wer bekommt meine Aufmerksamkeit? Was sind die wichtigsten Dinge? Vielen Patienten fällt es schwer, ihr Handy für die Dauer einer Therapiestunde ganz auszustellen, obschon es da um sie selbst geht. Wir bräuchten aber dringend mehr Dates mit uns selbst. Was fehlt ist Selbstkompetenz, nicht Medienkompetenz.

SPIEGEL ONLINE: Sie fordern eine neue Innerlichkeit. Sollten wir also weniger digital unterwegs sein?

Milzner: Es geht keinesfalls um Technikverzicht. Das Digitale können wir hervorragend zur Selbstfindung nutzen. Patienten bekommen von mir beispielsweise Audiodateien mit aufgesprochenen Tranceinduktionen oder hilfreichen Suggestionen. Sie können die vertraute Stimme des Therapeuten so zeitunabhängig hören. Ich kann die Technologie auch als Erinnerung nutzen, etwa einen Wecker stellen, der mich an seelische Anliegen erinnert, oder ein Zeitfenster für eine Körperwahrnehmung öffnen, die beginnenden Verspannungen entgegenwirkt. Auch im Smartphone gespeicherte Minimeditationen helfen. Dem Reiz-Reaktionsmodus steht ein selbstbestimmter Umgang mit dem Digitalen entgegen.

SPIEGEL ONLINE: Müssen wir also achtsamer werden?

Milzner: Achtsamkeit, das reine Wahrnehmen, ist als Gegenbewegung zur digitalen Selbstentfremdung nicht ausreichend. Achtsamkeit ist zu entrückt, ihr fehlt die kraftvolle Emotion. Besser stellt man sich Fragen: Was macht mich lebendig? Möchte ich mit 80 auf mein Leben blicken und sagen, ich habe immer viele Bilder gepostet? So kann jeder für sich herauszufinden, wie man ein wildes, sinnvolles Leben im Digitalen führt. Und darum geht es.

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Georg Milzner:
Wir sind überall, nur nicht bei uns

Leben im Zeitalter des Selbstverlusts

Beltz; 256 Seiten; 19,95

insgesamt 14 Beiträge
Nonvaio01 15.01.2018
1. Omg
wieder so ein typischer bericht, die nerven einfach nur noch. Jeder kann sein Handy ausschalten, nicht jede SMS muss sofort beantwortet werden, nicht jeder anruf entgegen genommen werden.
wieder so ein typischer bericht, die nerven einfach nur noch. Jeder kann sein Handy ausschalten, nicht jede SMS muss sofort beantwortet werden, nicht jeder anruf entgegen genommen werden.
Bernd.Brincken 15.01.2018
2. Segment
Ist das denn die Masse der Menschen, die so viel Zeit als Smombie verbringt? Dürfte doch eher ein bestimmtes Segment aus Alter-Lebenslage-Interessen usw. sein. Sollte vielleicht mal soziologisch genauer untersucht werden. Es so [...]
Ist das denn die Masse der Menschen, die so viel Zeit als Smombie verbringt? Dürfte doch eher ein bestimmtes Segment aus Alter-Lebenslage-Interessen usw. sein. Sollte vielleicht mal soziologisch genauer untersucht werden. Es so darzustellen, als ob das ein Merkmal der heutigen Gesellschaft sei, wie es im Artikel anklingt, scheint mir eine gewisse Engführung zu sein.
kleineEiszeit 15.01.2018
3. Wenn es so einfach wäre
Leider ist aber komplizierter mit der Selbstkontrolle und der Selbstaufmerksamkeit, daher trifft der Artikel den richtigen Nerv. Im Grunde verhält es sich wie mit Schokolade und dem Essen: Es erscheint einfach sein Essverhalten [...]
Leider ist aber komplizierter mit der Selbstkontrolle und der Selbstaufmerksamkeit, daher trifft der Artikel den richtigen Nerv. Im Grunde verhält es sich wie mit Schokolade und dem Essen: Es erscheint einfach sein Essverhalten zu kontrollieren und einige Menschen schaffen das auch gut, viele andere aber auch weniger gut. Die modernen Smatphones sind Fluch und Segen zugleich. Ich gönnen mir mittlerweile bewusste Ruhepausen vom smartphone, weil ich merke, dass mich der ständige Umgang unkonzentriert und gereizt macht. Lege ich das Telefon für ein paar Stunde zur Seite muss ich mich anfänglich zwingen, nicht darauf zu schauen. Nach einiger Zeit vergisst man es dann. Das tut mitunter sehr gut.
abuyazid 15.01.2018
4. Ein wichtiges Thema
Der moderne Mensch ist völlig geistesgestört, gespalten und schizophren. Gib einem kranken Technik und er nutzt die Technik so wie er sein krankes Leben sowieso geführt hat nämlich mehrheitlich destruktiv. Der Artikel ist gut [...]
Der moderne Mensch ist völlig geistesgestört, gespalten und schizophren. Gib einem kranken Technik und er nutzt die Technik so wie er sein krankes Leben sowieso geführt hat nämlich mehrheitlich destruktiv. Der Artikel ist gut wie ich finde und erinnert eine an das wichtigste im Leben, sein selbst pur zu erleben ohne die verzerrte Reflektion durch das außen. Von anderen Leuten bekommt man nur ein verzerrtes Selbstbild denn niemand reflektiert einen sauber jeder mischt seinen Mist hinzu und social media ist nur eine gelegenheit eben diese dinge auch noch gut zu verbergen. Ein Plattform für Heuchler aller Art und Leute die was besonderes darstellen wollen da sie sich selbst nie unmittelbar begegnet sind und lieber selbst manipulierte Meinungen anderer Leute hören wollen um irgendwie ein falsches Selbst aufrecht zu erhalten. Traurig die moderne Welt... verzerrte Spiegel, Lügen wo man hinsieht.
Japhyryder 15.01.2018
5. Pauschalisierung
Ich halte den von ihnen so bezeichneten "mordernen Menschen" nicht für "geistesgestört". "Lügen, wohin man sieht", eine weitere Aussage, die meiner Meinung nach nicht stimmt. Ich finde den [...]
Zitat von abuyazidDer moderne Mensch ist völlig geistesgestört, gespalten und schizophren. Gib einem kranken Technik und er nutzt die Technik so wie er sein krankes Leben sowieso geführt hat nämlich mehrheitlich destruktiv. Der Artikel ist gut wie ich finde und erinnert eine an das wichtigste im Leben, sein selbst pur zu erleben ohne die verzerrte Reflektion durch das außen. Von anderen Leuten bekommt man nur ein verzerrtes Selbstbild denn niemand reflektiert einen sauber jeder mischt seinen Mist hinzu und social media ist nur eine gelegenheit eben diese dinge auch noch gut zu verbergen. Ein Plattform für Heuchler aller Art und Leute die was besonderes darstellen wollen da sie sich selbst nie unmittelbar begegnet sind und lieber selbst manipulierte Meinungen anderer Leute hören wollen um irgendwie ein falsches Selbst aufrecht zu erhalten. Traurig die moderne Welt... verzerrte Spiegel, Lügen wo man hinsieht.
Ich halte den von ihnen so bezeichneten "mordernen Menschen" nicht für "geistesgestört". "Lügen, wohin man sieht", eine weitere Aussage, die meiner Meinung nach nicht stimmt. Ich finde den Artikel ganz aufschlussreich. Allerdings habe ich kein Smartphone. Ich bin, weil ich schon etwas älter bin, mit diesen Sachen auch nicht aufgewachsen. Persönlich habe ich meine Meinung zu diesen technischen Errungenschaften. Aber ich kann diese Entwicklung nicht aufhalten. Warum auch? Ich lebe nicht rückwärtsgewandt. Und trotzdem weist das Interview auf bestimmte, ich nenne es mal Gefahren, hin. Zurecht. Von den Älteren, ich zähle sie mal dazu, erwarte ich etwas Gelassenheit und Wohlwollen mit der Generation, die mit diesen Geräten von klein auf aufgewachsen ist. .

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