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Netzwelt

Protestbewegung in Frankreich

Was man über die "Gelbwesten" wissen sollte

Was sind die "Gelbwesten" eigentlich? Links, rechts oder einfach nur wütend? Ein Blick auf andere Netzbewegungen kann erklären, warum die Haltung so diffus wirkt.

AFP

"Gelbwesten"-Proteste in Frankreich

Eine Kolumne von
Mittwoch, 12.12.2018   15:51 Uhr

Das Erste, was man zu den "Gelbwesten" wissen muss: Sie wurden über Facebook groß. Die französische Protestbewegung ist dort entstanden und hat dort Tausende regionale und lokale Gruppen gegründet. Die Demonstrationen, die man samt gewalttätiger Folgen in den Nachrichten sieht, sind technisch betrachtet Facebook-Events.

Das spielt eine unterschätzte Rolle, weil die Facebook-Algorithmen die Funktion "Events" samt persönlicher Einladungen häufiger in den Nachrichtenstrom des Publikums bringen. Reichweite und Mobilisierbarkeit sind dadurch größer als etwa bei Demonstrationsaufrufen. Das zeugt zugleich von Facebooks Macht als politische und soziale Infrastruktur.

Das Zweite, was man zu den "Gelbwesten" wissen muss: Frankreich. Das Bild einer idealisierten Französischen Revolution beeinflusst bis heute die Öffentlichkeit, und es ist kein Zufall, dass die Ideen französischer Philosophen maßgeblich Politik und Gesellschaften des 18., 20. und 21. Jahrhunderts geprägt haben. Dahinter steckt die ständige Bereitschaft zur offensiven Auseinandersetzung mit Obrigkeiten und Strukturen, eine Haltung, die man aus deutscher Perspektive ab und an herbeisehnt.

Gleichzeitig findet öffentliche Gewalt massiver statt als in Deutschland. Zu Silvester brannten in Frankreich mehr als tausend Autos. Die französische Politik hat das kaum näher interessiert, in Deutschland dürfte bei solchen Zahlen umgehend der nationale Notstand ausgerufen werden. Ebenso zentral: Der französische Elitismus ist aggressiver, arroganter und selbstverständlicher als der deutsche, entsprechend sind die Reaktionen darauf heftiger.

Das Dritte aber, was man zu den "Gelbwesten" wissen muss: Bewegungen, die in sozialen Medien entstehen und strukturiert werden, folgen oft ähnlichen Grundmustern. Daher kann man durch die Analyse anderer Gruppen auch etwas über die "Gelbwesten" sagen. Die diffuse Graswurzel-Struktur ist Stärke und Schwäche zugleich. Die Schwäche zeigt sich in der medialen Rezeption, denn sozial-mediale Bewegungen sind zu Beginn die perfekte Projektionsfläche: Weil "Gelbwesten" so divers sind, findet man für fast jede These über sie Belege, ob im Netz oder in Straßeninterviews.

Es gibt zweifellos rechtsextreme "Gelbwesten", so viele, dass etwa schwarze Studierende sagen, sie würden sich nicht auf die Demos trauen. Es gibt ebenso zweifellos sehr linke "Gelbwesten", auch deren Äußerungen sind in regionalen Facebook-Gruppen leicht auffindbar. Die Mehrheit der "Gelbwesten" aber scheint durch kaum mehr verbunden als die Wut auf Regierung und Eliten sowie "die intime Dimension der Verzweiflung in Frankreich". Es soll sogar Drohungen gegenüber "Gelbwesten" gegeben haben, die sich als Sprecher der Bewegung darzustellen versuchten. Ebenso allergisch scheinen die "Gelbwesten" - zumindest noch - gegen Vereinnahmung durch Parteien oder Gewerkschaften zu sein. Auch scheint die Skepsis gegenüber Medien groß, und das nicht grundlos.

Denn die Berichterstattung über die "Gelbwesten" kann die gesamte Bewegung verändern. Auch das ist typisch für diffuse Netzbewegungen. Vereinfacht gesagt: Wenn in klassischen Medien der Tenor ist, die Bewegung sei als rechtsextrem einzuschätzen, dann werden in sozialen Medien und auf der Straße zunehmend Rechtsextreme angelockt, während Nicht-Rechtsextreme sich eher abgeschreckt zurückziehen. Natürlich kann die Zuschreibung auch umgekehrt funktionieren, aber in jedem Fall dienen redaktionelle Medien als Wirkhebel in die Politik. Denn die noch sehr klassisch geprägte politische Öffentlichkeit ist bisher kaum im Stande, mit der Ambivalenz und Diffusität netzbasierter Bewegungen umzugehen.

Politische Ratlosigkeit wie schon bei Occupy Wall Street

Wenn Eindeutigkeit im Innern kaum vorhanden ist - wie jetzt noch bei den "Gelbwesten" - wird sie oft von außen behauptet, denn vor allem die Politik braucht Eindeutigkeit für eine sinnvolle Reaktion. Man darf das nicht als "Verschwörung" begreifen, es zeigt vielmehr das Unvermögen der Strukturen des 20. Jahrhunderts, sich mit den neuen, sozialmedialen Bewegungen des 21. Jahrhunderts sinnvoll auseinanderzusetzen. Wenn sich aus Ratlosigkeit Energie erzeugen ließe, könnte die Regierung Macron derzeit im Alleingang die Polkappen drei Winter lang eisfrei halten. Vergleichbares war schon bei Occupy Wall Street zu beobachten, der Bewegung, die strukturell den "Gelbwesten" in der westlichen Welt bisher am nächsten kam.

Die Stärke der "Gelbwesten" aber liegt ebenso in der beschriebenen, netztypischen Diffusität. Sie eignet sich nämlich auch zur Identifikation, die Teilnehmer sehen eher die Aspekte, die sie sehen wollen, Störendes wird tendenziell ausgeblendet. Das hat auch mit dem Phänomen Filterblase zu tun: Im eigenen, sozial-medialen Umfeld findet man eher Positionen, die man selbst teilt. Deshalb können unterschiedliche Grüppchen in gelben Westen auf die Straße gehen - mit sehr verschiedenen, politischen Haltungen, die sich massiv widersprechen. Dass sich Protest am Benzinpreis entzündet, ist bereits öfter geschehen und hier folgerichtig, denn diese Maßnahme kann man aus fast allen politischen Richtungen mit jeweils unterschiedlichen Begründungen empörend finden:

Wirklich neu an der ungewöhnlich mobilisierungsfähigen Netzbewegung der "Gelbwesten" ist ein digitales Instrument der Smartphone-Ära: Das Wutselfie, ein spontan ins Smartphone gesprochenes, ungefiltertes, emotionales Wutvideo. Die meistgesehenen Videos dieser Art haben Millionen Abrufe, in ihrer empfundenen Authentizität und Unplanbarkeit sind sie Ausdruck der "Gelbwesten"-Bewegung. Die Analyse dieser Selfie-Videos, meist in sehr lebensnahen Umgebungen geschossen, führt auf die Spur der Hintergründe.

Denn Basis der Empörung sind - trotz des Benzinpreis-Anlasses - die schon lange brodelnden sozialen Probleme in Frankreich. Die Integration muslimisch geprägter Menschen hat kaum funktioniert, teils aus rassistischen Gründen, teils durch die Entstehung und Forcierung paralleler Gesellschaftsstrukturen. Zusätzliche Migration wird deshalb auch von Leuten als Bedrohung empfunden, die sich ansonsten als links oder liberal einordnen. Die Bedrohung der öffentlichen Sicherheit durch islamistischen Terrorismus kommt dazu.

Zugleich hat eine soziale Verschiebung stattgefunden: Obwohl es dem Land ökonomisch vergleichsweise gut geht, profitieren nach eigener Empfindung immer weniger Leute davon. Die Eliten haben sich erkennbar entkoppelt von der Realität sozial schwächer gestellter Menschen. Ein oft geteiltes Symbol dafür war das Video einer Macron-Abgeordneten, die zwar Verständnis zeigte für Mindestlohn-Empfänger. Die aber auf Nachfrage nicht wusste, wie hoch der Mindestlohn eigentlich ist. Deshalb wurde die Anteilnahme als Heuchelei betrachtet, was zur Wahrnehmung der als abgehoben und lebensfern empfundenen Regierung passt.

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Gelbe Westen sind die neuen Guy-Fawkes-Masken. Das beweist, dass in den letzten zehn Jahren die Organisationsformen und Instrumente der Netz-Avantgarde in die Bevölkerung gesickert sind. Das gilt auch für die ungünstigen Seiten: Wenn eine gelbe Weste und die Gründung einer Facebook-Gruppe reichen, um als Teil der Bewegung wahrgenommen zu werden und klassische Medien auch aus mangelnder Sachkenntnis bereit sind, an einzelnen Gruppen die gesamte Bewegung zu messen - dann entsteht enormes Missbrauchspotenzial.

Netzbasierte Bewegungen sind ohnehin anfällig für Manipulation, denn vergleichsweise kleine, aber sehr aktive und lautstarke Gruppen können die Wahrnehmung nach innen und außen in kurzer Zeit prägen oder umprägen. Eine Reihe sehr unterschiedlicher Akteure versucht deshalb, die Wut der "Gelbwesten" zu instrumentalisieren, Parteien, Gewerkschaften, Rechtsextreme, Linksnationalisten und natürlich solche, die im Verdacht stehen, koordinierte Propaganda zu betreiben.

Es ist bisher unklar, wer hier die Oberhand gewinnen wird, aber auch hier lässt sich anhand anderer Netzbewegungen eine Prognose treffen: Über Weihnachten entscheidet sich, ob die Bewegung größer wird, groß bleibt oder vergeht. Und im neuen Jahr wird klar, welche der unterschiedlichen, politischen Strömungen der "Gelbwesten" die historisch entscheidende sein wird.

insgesamt 78 Beiträge
spon_4_me 12.12.2018
1. Manipulation
ist das eine. Das andere ist die Frage, mit wem die Regierung in Frankreich eigentlich worüber verhandeln soll und wie von wem die Ergebnisse dieser Verhandlungen ratifiziert werden. Es kann genauso gut eine Art ewigen Protest [...]
ist das eine. Das andere ist die Frage, mit wem die Regierung in Frankreich eigentlich worüber verhandeln soll und wie von wem die Ergebnisse dieser Verhandlungen ratifiziert werden. Es kann genauso gut eine Art ewigen Protest geben, Ausdruck einer dauerempörten, dauerexaltierten Netzgemeinde, die weiß, wogegen sie ist, aber keinen gemeinsamen Nenner darüber schafft, wofür sie sein will. Man könnte auch den sog. arabischen Frühling oder den Beginn des syrischen Bürgerkrieg (im Ursprung ein twitter-initiierter Schülerprotest, wenn ich es recht erinnere) in die Reihe der digital gestarteten, dann dramatisch real gescheiterten Volksbegehren stellen. Das Problem ist weniger rechts oder links oder grün oder braun, sondern die Richtungslosigkeit der Proteste, der Verlust von Führung, die Abwesenheit von minimalen Konsens und Struktur. Die verfemten Machteliten können zwischen zwei Unmöglichkeiten wählen: Mit allen reden oder mit keinem.
SabineSchröder 12.12.2018
2. Herrn Lobos Geschreibsel
So ist das nun Mal, die einen wissen hinterher immer besser was sie vorher nicht kommen sahen und können doch so viel berichten, während sie im warmen Stübchen sitzen und andre gelbgewestete Menschen für grundsätzliche Werte [...]
So ist das nun Mal, die einen wissen hinterher immer besser was sie vorher nicht kommen sahen und können doch so viel berichten, während sie im warmen Stübchen sitzen und andre gelbgewestete Menschen für grundsätzliche Werte auf die Straße gehen. Da hilft in meinen Augen auch kein fescher Rotirokese auf dem Schädel. Grandios was die Gelbwesten ermutigen. Zeit in Deutschland für Goldwesten?
sofk 12.12.2018
3. Kommentat 1. hat anscheinend keine Ahnung
Die Proteste sind eine immense Hoffnung für die Zukunft. Obwohl unterschieden sind die Gelbe Weste über viele Pünkte ziemlich einig und sind auf lokale Ebene sehr gut organisiert ...und auch ziemlich entschlossen.
Zitat von spon_4_meist das eine. Das andere ist die Frage, mit wem die Regierung in Frankreich eigentlich worüber verhandeln soll und wie von wem die Ergebnisse dieser Verhandlungen ratifiziert werden. Es kann genauso gut eine Art ewigen Protest geben, Ausdruck einer dauerempörten, dauerexaltierten Netzgemeinde, die weiß, wogegen sie ist, aber keinen gemeinsamen Nenner darüber schafft, wofür sie sein will. Man könnte auch den sog. arabischen Frühling oder den Beginn des syrischen Bürgerkrieg (im Ursprung ein twitter-initiierter Schülerprotest, wenn ich es recht erinnere) in die Reihe der digital gestarteten, dann dramatisch real gescheiterten Volksbegehren stellen. Das Problem ist weniger rechts oder links oder grün oder braun, sondern die Richtungslosigkeit der Proteste, der Verlust von Führung, die Abwesenheit von minimalen Konsens und Struktur. Die verfemten Machteliten können zwischen zwei Unmöglichkeiten wählen: Mit allen reden oder mit keinem.
Die Proteste sind eine immense Hoffnung für die Zukunft. Obwohl unterschieden sind die Gelbe Weste über viele Pünkte ziemlich einig und sind auf lokale Ebene sehr gut organisiert ...und auch ziemlich entschlossen.
m.gu 12.12.2018
4. Herr Lobo hat diesen Beitrag gut beschrieben, danke.
Die heutigen sozial ungerechten Strukturen sind nicht nur in Frankreich zu sehen, sondern auch vor allem in Deutschland. Siehe Fakt Quelle: "Die reale Armut in Deutschland 2018." Geschätzte 30 Millionen deutsche [...]
Die heutigen sozial ungerechten Strukturen sind nicht nur in Frankreich zu sehen, sondern auch vor allem in Deutschland. Siehe Fakt Quelle: "Die reale Armut in Deutschland 2018." Geschätzte 30 Millionen deutsche Mitbürger leben jetzt und heute bereits in Armut, die Schere zwischen arm und reich geht auch bei uns immer weiter auseinander. Durch Bochumer Wissenschaftler untermauert siehe Fakt Quelle: "Studie mit präziseren Kriterien: Arme Familien sind ärmer als gedacht." Die Gelbwesten, die Armen in Frankreich, zeigen mehr Courage wie die Armen in Deutschland z.B. eine Menschengruppe ca. 8,6 Millionen Rentner die viel weniger als 766 Euro im Monat für Mietzahlung und zum Leben vom Staat erhalten, siehe Quelle: "Deutsche Renten sind am niedrigsten in ganz Europa," Sowie "Länder - Vergleich: Arme deutsche Rentner." Die OECD stuft sämtliche Länder Europas mit dem durchschnittlichen Faktor 82% in der Rentenberechnung ein, nur Deutschland als Exot weit abgeschlagen mit dem Faktor 55%. Trotz Reichtum und Wirtschaftsboom kommt bei den unteren und mittleren Bevölkerungsschichten in Deutschland wenig an, ähnlich wie in Frankreich. Trotzdem dort die Renten siehe Fakt Quelle: "Rente im Durchschnitt: Frankreich 1 400 Euro: Deutschland 766 Euro." Die Franzosen kämpfen zu Recht um mehr soziale Gerechtigkeit, wobei die Mittel leider immer wieder von Vandalismus begleitet werden. Doch die Ursachen für diese soziale Ungerechtigkeiten wurden von den Regierenden in Frankreich nachweisbar gesetzt und nicht von den Gelbwesten.
vox veritas 12.12.2018
5. Sorry, ...
.. aber der Artikel ist genauso diffus, wie die Bewegung der "Gelbwesten".
.. aber der Artikel ist genauso diffus, wie die Bewegung der "Gelbwesten".
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