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Netzwelt

YouTube-Kuriosum

Gespielter Frauenarztbesuch sammelt 60 Millionen Klicks

YouTube hat seine Top-Videos des Jahres vorgestellt. Vorn liegt Netzstar Bibi, doch die Liste birgt eine Überraschung: die sensationellen Abrufzahlen einer "Klinik am Südring"-Folge von Sat.1.

YouTube/ Klinik am Suedring

Szene aus dem "Klinik am Südring"-Video

Von
Donnerstag, 06.12.2018   20:30 Uhr

Bianca "Bibi" Claßen ist Deutschlands YouTube-Königin. Dem Unternehmen zufolge sind drei der zehn in Deutschland meistgeschauten Videos 2018 auf ihrem Kanal erschienen. Und kein Video - außer Musikclips, die oft in Dauerschleifen laufen - sammelte dieses Jahr hierzulande so viele Aufrufe wie die aufwendig inszenierte Bekanntgabe von Bibis Schwangerschaft.

Laut YouTubes Klickanzeige kommt der Clip auf 6,6 Millionen Abrufe, der Großteil davon dürfte aus Deutschland kommen. Damit übertrumpft Bibi sowohl die Höhepunkte des Last-Minute-Siegs der Nationalelf gegen Schweden, als auch die Top-Ten-Clips anderer Webstars wie Julien Bam und Freshtorge.

Überraschender als die hohen Platzierungen solcher Star-YouTuber ist aber der Klickerfolg jenes Clips, der auf Platz vier der Deutschland-Charts landete. "16-Jährige schämt sich für Körper: Peinliches Problem beim Frauenarzt", heißt jenes Video, das zur Scripted-Reality-Serie "Klinik am Südring" gehört. Die läuft unter der Woche jeweils um 16 Uhr auf Sat.1 und setzt aufs Prinzip "Schauspieler sprechen mit echten Ärzten über medizinische Probleme".

YouTube/ Klinik am Suedring

Ausschnitt aus der "Klinik am Südring"-Folge

So populär wie "Heimkommen"

Das 18-minütige Frauenarzt-Video hat in nur einem halben Jahr mehr als 60 Millionen Abrufe gesammelt, also eigentlich viel mehr als die drei vorderen Plätze auf der YouTube-Liste zusammen. Aber für die Rangfolge zählen nur Klicks aus Deutschland - und das ist hier die Erklärung für den Erfolg.

Zunächst zur Größenordnung: Der Edeka-Weihnachtsclip "Heimkommen" hat fast dieselbe Klickzahl, steht aber seit 2015 online - und war seinerzeit so populär, dass nahezu jedes deutsche Medium darüber berichtete. Beim Frauenarzt-Video ist das anders.

Es scheint fast unbemerkt von der Netzöffentlichkeit zum Hit geworden zu sein, zumal auch die Abonnentenzahl des Accounts "Klinik am Südring" mit 867.000 Abonnenten groß, aber nicht sehr groß ist. Immer wieder würden einzelne Folgen der Serie online die Millionengrenze knacken, heißt es auf Nachfrage von ProSiebenSat.1, aber auch: "Der enorme Erfolg dieses speziellen Videos hat auch uns überrascht."

Gespielt in doppelter Hinsicht

Die 60 Millionen Klicks für das deutsche Doku-Soap-Video kommen vor allem aus dem Ausland. In Deutschland dürfte der Clip nicht mehr als ungefähr fünf Millionen Abrufe gesammelt haben, sonst müsste er in YouTubes Jahrescharts weiter oben stehen.

Aus dem Umfeld der Google-Tochter heißt es zudem, dass die Klicks, die größere Kanäle sammeln, oft aus vielen verschiedenen Ländern stammen - manchmal erreichen so auch Videos zwei- oder dreistellige Millionen-Klickzahlen, die eigentlich nur für einen bestimmten Sprachraum gedacht waren.

Das Frauenarzt-Video - in dem man übrigens keine nackten Geschlechtsteile oder Ähnliches sieht - dürfte von seinem Vorschaubild profitiert haben. Der Arzt greift seiner Patientin zwischen die Beine, um ihren - wie sich im Video herausstellt - in doppelter Hinsicht gespielten Schmerzen auf den Grund zu gehen.

YouTube/ Klinik am Suedring

Erfolgreichste YouTube-Videos von "Klinik am Südring"

Mehrere Zielgruppen erreicht

Das Video spricht so neben "Klinik am Südring"-Fans noch zwei weitere Zielgruppen an: Zum einen Nutzer aus aller Welt, die sich Nacktaufnahmen erhoffen, wie man sie auf YouTube normalerweise nicht findet - erst recht nicht in Videos, die wie der Sat.1-Clip keine Altersbeschränkung haben. Zum anderen macht das Vorschaubild klar, dass es um eine frauenärztliche Untersuchung geht und damit um etwas, das in einigen Ländern ein gesellschaftliches Tabuthema ist, so wie etwa auch Menstruation.

Es spricht viel dafür, dass der Clip einen beachtlichen Teil seiner Klicks in Ländern wie Indien oder Indonesien gesammelt hat - in einer Kettenreaktion aus Vorschaubild, Nutzerneugierde und YouTube-Algorithmus, die auch in Deutschland schon gut funktioniert hat, zumal noch Videostichworte wie "Erster Frauenarztbesuch" zum Einsatz kommen. Damit ein Klick auf YouTube gezählt wird, muss ein Nutzer auch nicht das komplette Video gesehen haben.

Es ist nicht das erste Mal

Den Fall, dass ein deutsches Video dank per Vorschaubild angelockter Nutzer aus dem Ausland zum Klickhit wurde, gab es schon mehrfach, auch im Fall von Medizinvideos. Ein Beispiel dafür ist dieser 22-Sekunden-Clip der Medizintechnikfirma Wevosys, der vor allem von Männern aus Indien angeklickt wurde. Die Aufnahme zeigt Stimmlippen, viele Nutzer scheinen aufgrund des Vorschaubilds des Clips aber eine Vagina erwartet zu haben - nur so lässt sich das große Interesse am Video erklären.

Zuletzt erregte der Comedy-Clip "30 Dinge, die man in einer Beziehung nicht tun sollte..." von Jonas Ems Aufsehen. Das Video wurde seit August 2017 rund 100 Millionen Mal aufgerufen - so oft, dass Ems sich Vorwürfen ausgesetzt sah, er würde Klicks kaufen.

"Dieses Video hat so viele Aufrufe, weil es international in sehr regelmäßigen Abständen in Ländern trendet, in denen es kulturell mit anstößigen Videos im Netz schwierig ist - viele Seiten sind da gesperrt", erklärte er schließlich im Oktober, ergänzend zu einem Erklärvideo.

YouTube/ uFoneTV

YouTuber Ems mit dem früheren Vorschaubild (oben links)

"ECHTE Aufrufe, ECHTE Menschen", betonte der YouTuber, der für seinen Clip ebenfalls ein sehr auffälliges Vorschaubild nutzte, "allerdings FALSCHE Vorstellungen davon, um was es in dem Video geht." Die meisten Abrufe seien etwa aus Indonesien, Brasilien und der Türkei gekommen. Vor allem Männer aus diesen Ländern hätten wohl gedacht, "dass es sich bei diesem Video um etwas sehr Anstößiges handeln könnte, was sie woanders nicht bekommen", so Ems.

Mittlerweile hat der YouTuber das Vorschaubild ausgetauscht - und sein Video gewinnt nicht mehr so rasant Abrufe.

insgesamt 6 Beiträge
rainerwäscher 06.12.2018
1.
Vor allem Männer aus diesen Ländern hätten wohl gedacht, "dass es sich bei diesem Video um etwas sehr Anstößiges handeln könnte, was sie woanders nicht bekommen" In vielen Ländern ist dieses [...]
Vor allem Männer aus diesen Ländern hätten wohl gedacht, "dass es sich bei diesem Video um etwas sehr Anstößiges handeln könnte, was sie woanders nicht bekommen" In vielen Ländern ist dieses "woanders" wohl zensiert. Denn eigentlich ist das Internet voll davon und man braucht wahrlich nicht youtube für sowas.
kepplerd 06.12.2018
2. Die deutschen Youtube Trends
sind leider zum Heulen. Generell scheint die Faustregel "je unkreativer der Kontent, desto erfolgreicher" zu gelten. Originelle Videomacher (die es tatsächlich noch gibt), muss man meist kennen, um sie zu finden. Ich [...]
sind leider zum Heulen. Generell scheint die Faustregel "je unkreativer der Kontent, desto erfolgreicher" zu gelten. Originelle Videomacher (die es tatsächlich noch gibt), muss man meist kennen, um sie zu finden. Ich schaue schon seit Jahren nicht mehr in die Trends (höchstens mal aus wissenschaftlichem Interesse) und konzentriere mich auf meine Abos und empfohlene Videos. Ich habe wirklich keine Ahnung wieso billige Musikvideos (von Leuten, die ums verrecken, nicht singen können), gefakte Pranks und Challenges von einer großen Menge so gefeiert werden.
mr.nett 07.12.2018
3. keine Überraschung
Eine 16-jährige beim Frauenarzt. Ich vermute, es wird lediglich ausgewertet, wie oft dieses Video hoffnungsvoll angeklickt wurde. Nach welcher Zeit es enttäuscht wieder weggeklickt wurde wertet niemand aus.
Eine 16-jährige beim Frauenarzt. Ich vermute, es wird lediglich ausgewertet, wie oft dieses Video hoffnungsvoll angeklickt wurde. Nach welcher Zeit es enttäuscht wieder weggeklickt wurde wertet niemand aus.
j.vantast 07.12.2018
4. Extrem sinkendes Niveau
Während viele Videos auf Youtube vor einigen Jahren noch wirklichen Inhalt boten gibt es heute überwiegend nur noch Clickbait und Videos die mit Werbung geradezu überfrachtet sind. Und gefühlt jeder zweite Kanal verkauft [...]
Während viele Videos auf Youtube vor einigen Jahren noch wirklichen Inhalt boten gibt es heute überwiegend nur noch Clickbait und Videos die mit Werbung geradezu überfrachtet sind. Und gefühlt jeder zweite Kanal verkauft Merchandise und bettelt um Spenden über Patreon. Dabei sind viele Videos mit einer simplen Videokamera gemacht, schlecht geschnitten mit miserablem Ton. Sorry, aber wenn da jemand Videos von seinem Hobby macht und kein Experte für Youtube ist ist das ja in Ordnung, aber dafür Geld zu sammeln ist schon dreist. Von den ganzen "Compilations" die nur aus zusammengeklauten Clips bestehen mal ganz abgesehen.
valensine 07.12.2018
5. So sind wir
Somit wird wieder mal entlarvt, wie wir in Deutschland wirklich ticken! Genauso wie bei den Kino-Rekorfen
Somit wird wieder mal entlarvt, wie wir in Deutschland wirklich ticken! Genauso wie bei den Kino-Rekorfen

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