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Netzwelt

LONDON

Treibgut in der Themse

Londoner Webdesign-Studios wollen mehr: Spaß am Internet für alle.

Freitag, 21.11.1997   00:00 Uhr

Bei Ebbe ist die Homepage weiß, bei Flut blaugrün. Backspace, Londons coolster Club für Internet-Kultur, ist eng mit der Themse verbunden. Im wirklichen Leben liegt der Club an ihrem kieseligen Strand, in einem ehemaligen Lagerhaus, gegenüber der Londoner City. Die rund 80 Mitglieder können in den spartanisch eingerichteten Clubräumen für einen Monatsbeitrag von 10 Pfund zeitlich unbegrenzt im Internet surfen, Tee trinken, Musik hören und Cyber-Magazine durchblättern. Viele arbeiten an eigenen Web-Projekten, die sie ohne Aufpreis auf den hauseigenen Server laden können. Diese erscheinen dann als animierte Icons, die in der virtuellen Themse treiben. Was dahinter liegt, erschließt sich dem Besucher erst per Klick. Ein Zufallsgenerator entscheidet, welche der knapp 70 Projekte auf die Homepage gespült werden, so daß die Seite immer wieder anders aussieht.

"Unsere Homepage illustriert die Idee eines nicht-hierarchischen Systems" sagt Backspace-Gründer James Stevens. "Das Icon für eine einzelne Textseite, die jemand auf den Server gelegt hat, ist genauso groß wie das für ein Web-Magazin über Underground-Videos, das viele Megabytes umfaßt."

Entstanden ist Backspace als Initiative der Webdesign-Firma Obsolete, die für Levi´s Jeans, die BBC und eine Reihe von unabhängigen Plattenfirmen gearbeitet hat. Da Obsoletes 500-Kilobit-Standleitung ins Internet problemlos noch mehr Traffic verkraften konnte, schloß man kurzerhand die anderen Firmen im Haus mit an und gab die ungenutzten Räume im Erdgeschoß für den Publikumsverkehr frei. Das verteilte die monatlichen Leitungskosten auf mehr Nutzer, ergab aber auch andere Vorteile:

"Bei Obsolete hingen immer eine Menge Leute herum, die sich nur für das Internet interessierten", erzählt James. "Wir waren ziemlich locker beim Betrieb des Studios, aber auf Dauer hat uns das doch etwas von der Arbeit abgehalten. So kamen wir auf die Idee, einen öffentlichen Raum zu schaffen, wo jeder für wenig Geld mit dem Netz experimentieren kann."

Backspace veranstaltet Kurse und Vorträge zu Themen rund um das Internet und die neuen Medien - auch und gerade für Menschen, die in der Netzgemeinde noch unterrepräsentiert sind, etwa Frauen und über 50-jährige. Backspace-Mitglieder kommen aus allen Altersgruppen und Bevölkerungsschichten. Schwarze Jugendliche aus den Sozialwohnungskomplexen in der Nachbarschaft kommen regelmäßig vorbei, um zu surfen und Videogames zu spielen. Kunststudenten nutzen die Rechner als Plattform für skurrile Net-Art-Projekte. Bei der Umsetzung helfen freiwillige Betreuer, die zum Teil über ABM-Stellen bezahlt werden, mit HTML-Tips und Computer-Fachwissen. Auch ein Festival für Low-Budget-Filme und Videos namens Volcano wird von Backspace mitveranstaltet.

"Ich bin schon immer Do-it-yourself-Enthusiast gewesen" sagt Stevens, der zuvor Innenarchitektur studiert, Bands gemanagt und ein eigenes Plattenlabel betrieben hat. "Bei uns sollen sich die Leute die Hände schmutzig machen und selbst ausprobieren, was sie mit den Medien anfangen können."

Inzwischen hat das Projekt ein so reges Eigenleben entwickelt, daß sich James Stevens hauptsächlich um sein öffentliches Medienlabor mit Flußblick kümmert. Obsolete ist dadurch obsolet geworden, einige von Stevens´ Partnern arbeiten in neuer Konstellation weiterhin an kommerziellen Web-Aufträgen.

Backspace hat sich seit seiner Gründung im März 1996 zu einem wichtigen Treffpunkt der europäischen Internet-Subkultur entwickelt. Besucher aus dem Rest des Königreichs und vom Kontinent kommen vorbei, um ihre Projekte vorzustellen. Mitte November war zum Beispiel die Berliner Netzkunstgruppe Eyeyou zu Gast, um die Londoner in die Geheimnisse des interaktiven Schaflottos und in das Sexualleben virtueller Einzeller einzuführen. Andere Netzaktivisten schauen herein, um ihre E-Mail abzurufen, ihre Homepage aufzufrischen oder ganz allgemein Erfahrungen auszutauschen. Diese europäischen Internet-Freigeister distanzieren sich laut Stevens von der rein kommerziell ausgerichteten US-Szene, die besonders von "Wired" verkörpert wird. Als die britische Ausgabe des kapitalismusfreundlichen US-Magazins pleite machte, weinten ihr die Backspacer keine Träne nach. Sie fühlen sich vom eher linksorientierten "Mute" besser vertreten - folgerichtig liegt dessen Online-Ausgabe auf dem Webserver von Backspace.

"Fast alles, was es an kulturellen Inhalten im Netz gibt, kommt aus Europa." findet Stevens. "Die Amerikaner wollen vor allem Geld machen. Wirklich spannende Sachen kommen selten dabei heraus."

Im Backspace-Umfeld gedeihen hingegen subversive Projekte, die den Konsumkult aufs Korn nehmen. Die Künstlerin TM baute Fake-Sites der Supermärkte Tesco´s und Sainsbury´s, bei denen der User aufgefordert wird, die letzten Ziffern seiner Kundenkarte einzugeben, um so angeblich "Surfpunkte" zu sammeln. Die Drohschreiben der Anwaltskanzleien gegen diese Dreistigkeit werden von TM wie Trophäen im Netz ausgestellt.

Nicht ganz so anti-kommerziell eingestellt ist Felix Velarde, der Inititator eines weiteren öffentlichen Netzprojektes in London. Auch Head-Space ist aus einer Webdesign-Firma hervorgegangen. Head New Media, gegründet von Velarde und seinem Designpartner Jason Holland, gilt mit internationalen Kunden wie Mars und Hewlett Packard und einer Reihe von Design-Auszeichnungen als eines der renommiertesten britischen Webdesign-Studios.

"Wir sind stolz darauf, kommerziell erfolgreich zu sein und bei Kampfpräsentationen gegen Agenturen aus New York zu gewinnen" sagt Velarde, der sich als 30 Jahre zu spät geborenen Hippie bezeichnet. "Aber wir sind uns auch bewußt, daß wir Teil der kapitalistischen Maschinerie sind, die sehr zerstörerisch sein kann. Deswegen wollen wir von unserem Erfolg etwas abgeben und kreative Freiräume für Leute schaffen, die sonst keine Möglichkeit dafür hätten. Head-Space ist also einerseits dazu da, unser Gewissen zu beruhigen. Vor allem geht es aber darum, Spaß zu haben und in Grenzbereiche vorzustoßen, in die man bei rein kommerziellen Projekten nie kommen würde."

Head-Space existiert im Unterschied zu Backspace nur virtuell im Internet, denn in den beiden wohnzimmergroßen Büroräumen von Head im Südlondoner Stadtteil Brixton ist kein Platz für Surfgäste. Die Head-Köpfe haben aber einen Server eingerichtet, den grundsätzlich jeder für eigene Projekte nutzen kann. Einzige Bedingung: sie müssen Felix und Jason gefallen - je durchgeknallter und psychedelischer, desto besser. Die meisten der Head-Space-Projekte kommen aus der Brixtoner Rave-Szene. Man findet hier clever programmierte, aber völlig sinnlose Shockwave-Spielereien, esoterische Kornkreis-Muster, Gedichte und Fraktalbilder, die Homepage eines Brixtoner Trance-Clubs, Ausstellungsseiten eines Art Colleges, ein Musikmagazin und vieles mehr. Einer der ersten Hits von Head-Space war das Shockwave-Game "Slap a Spice Girl", mit dem man sein Mißfallen an der bis zum Erbrechen vermarkteten Retorten-Girlgroup ausleben konnte.

"Ein Nebeneffekt von Head-Space ist, daß wir dadurch viele talentierte Leute kennenlernen, von denen einige jetzt voll für uns arbeiten," erzählt Felix. "Unsere Mitarbeiter können im Head-Space soviel herumspielen, wie sie wollen. Letztendlich kommt das auch unseren kommerziellen Projekten zugute, denn viele der Erfahrungen, die man in diesem Freiraum machen kann, fließen in die Arbeit für Kunden ein."

Der Spaß am Experimentieren und das noble Bedürfnis, andere am eigenen Überschuß teilhaben zu lassen, scheinen tief in der englischen Seele verwurzelt zu sein. James Stevens träumt von noch größeren öffentlichen Medienwerkstätten und plant, ein ausrangiertes U-Boot dafür zu mieten.

Und Felix Velarde sieht die Förderung der Kreativität als überlebensnotwendig für unsere Nachbarn auf der Insel an: "Wir haben kein Empire mehr, und das Vereinigte Königreich wird es auch nicht mehr lange geben. Die einzige Dinge, auf wir die noch stolz sein können, sind Popkultur und exzellentes Design."

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