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Netzwelt

Netzbewegung Incel

War der Amokfahrer von Toronto ein Frauenhasser?

Zehn Menschen starben bei der Todesfahrt von Toronto. Den mutmaßlichen Täter könnte der Hass auf Frauen angetrieben haben. Der 25-Jährige gehörte wohl zu einer obskuren Internet-Gruppierung: den Incel.

AFP

Tatort in Toronto

Von
Mittwoch, 25.04.2018   15:55 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Ein unbändiger Hass auf Frauen: Ersten Hinweisen der Polizei zufolge hat dieses Motiv den mutmaßlichen Attentäter von Toronto zu seiner Amokfahrt getrieben. Nun sind zehn Menschen tot, Angaben eines Polizisten zufolge sind es "überwiegend" Frauen - und ein Schlaglicht fällt auf eine zutiefst frauenfeindliche, von Gewaltfantasien beherrschte Nische des Internets, die immer schwerer zu ignorieren ist.

Genährt worden sein könnte der Frauenhass des 25-jährigen Alek M. wohl durch Misogynie - die Frauenfeindlichkeit - in einschlägigen Internetforen, beispielsweise auf Reddit. Auf der Onlineplattform tauschen sich Nutzer in vielen Unterforen, sogenannten Subreddits, über alle erdenklichen Themen in langen Kommentarspalten aus. Einige Mitglieder der Plattform kultivieren dort seit mehreren Jahren eine von Verachtung für Frauen geprägte Haltung.

Auch der Verdächtige war offenbar Teil dieses Kreises, er gehörte wohl der sogenannten Incel-Bewegung an. Das legt ein kurz vor der Tat von ihm geposteter Facebook-Beitrag nahe, von dem die Polizei in Toronto berichtet. Darin heißt es in einer für die Gruppierung typischen Wortwahl, dass die Incel-Rebellion begonnen habe.

Was ist ein Incel?

"Incel" ist die Abkürzung für den englischen Ausdruck "involuntary celibacy", auf Deutsch bedeutet das "unfreiwillige Enthaltsamkeit". Heute dient der Begriff einer Gruppe von Männern, die Frauen verachten, als Definition ihres Daseins und wird von ihnen als identitätsstiftender Kampfbegriff im Internet verwendet.

Von den vielen Frauenhassern, denen man online begegnen kann, zählen die Incels mit zu den schlimmsten. Das beschreibt auch die Autorin und Wissenschaftlerin Angela Nagle in ihrem Buch über Online-Subkulturen "Kill all Normies". Der Titel ihres Buchs ist an Incel-Sprech angelehnt, "Normies" ist eine ihrer abfälligen Bezeichnungen für andere Menschen.

"Schlampen (alle Frauen) können keine Incels sein."

Wer verstehen will, woher die Incel-Bewegung kommt, muss einige Jahre zurückgehen und tief in die Nischen des Internets blicken, etwa auf Unterforen von Reddit oder der Seite 4chan. Während das notorische Subreddit r/Incels mittlerweile von der Plattform verbannt wurde, gibt es etliche Nachahmer-Unterforen.

So wird die Amokfahrt von Toronto etwa auf /r/Braincels diskutiert, in einem Beitrag heißt es: "Schlampen (alle Frauen) können keine Incels sein."

Reddit

Gesperrtes Incel-Forum auf Reddit

Stimmen die Informationen zur Motivation des Verdächtigen von Toronto, wäre der Vorfall nur ein weiteres Beispiel dafür, wie sich die hasserfüllten Kulturkämpfe aus dem Internet mittlerweile auch offline Bahn brechen.

Gamergate-Kontroverse und "Alt Right"

So wäre auch die radikale "Alt Right"-Bewegung in den USA ohne die ideologische Vorarbeit der Online-Frauenhasser nicht denkbar. Geleistet wurde sie etwa im Reddit-Forum "The Red Pill". Der Name spielt darauf an, dass viele Menschen angeblich von einem liberalen Mainstream unterdrückt werden und dies nicht erkennen.

Auch die sogenannte Gamergate-Kontroverse spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Die Debatte wurde teils mit unglaublichem Hass auf Frauen geführt. Vorgeblich ging es dabei um Ethik und Sexismus in der Gamesbranche.

Schlecht getarnte sexuelle Frustration

Während sich Feminismus und die Gleichberechtigung der Frau im gesellschaftlichen Mainstream als wichtige Themen durchsetzen, Beispiel #MeToo, sammelte sich im Netz eine Gegenbewegung: Sogenannte Maskulisten schießen vehement gegen die wahrgenommene Unterdrückung des Mannes. Pick-up-Artists - professionelle Aufreißer - leiten Männer dazu an, Frauen als Freiwild zu betrachten.

Die Bewegung "Men going their own way" (MGTOW, auf Deutsch: "Männer gehen ihren eigenen Weg") ist ein Zusammenschluss von Männern, die sich - vorgeblich freiwillig - dazu entschieden haben, keinen Kontakt mit dem angeblich verdorbenen weiblichen Geschlecht zu haben. Viel schlechter kann man als Mann seine sexuelle Frustration als Triebfeder des Hasses wohl kaum maskieren. Bekannt gemacht hat diese Gruppe der rechte Ex-"Breitbart"-Blogger Milo Yiannopoulos.

Und dann sind da die Incels. Sie fühlen sich als Männer zweiter Klasse und bekommen deswegen nach eigener Interpretation keine Dates mit Frauen. Das führt zu jeder Menge Frust.

Angestaute Wut

Man könnte die Incel-Szene leicht als skurril abtun, doch wer die Beiträge und Kommentare liest, die Männer veröffentlichen, dem vergeht das Lachen. Frauen sind dort minderwertige Wesen, beschreibt auch Nagle in ihrem Buch. "Die Wut über ihren niedrigen Rang in der Hackordnung kann sich gelegentlich ohne jeden Zweifel in extremer Art ihren Weg bahnen."

In Toronto bei Alek M. könnte das nach allem, was bislang bekannt ist, passiert sein. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Incel-Anhänger seinen Hass auslebt: Elliot Rodger, der 2014 in Kalifornien bei einem Amoklauf sechs Menschen tötete, identifizierte sich ebenfalls als Incel. Er schrieb regelmäßig im Incel-Forum PUAhate auf Reddit.

Fantasieren vom "Krieg gegen Frauen"

In einem selbst verfassten 141-seitigen "Manifest" hatte Rodger damals von einem "Krieg gegen Frauen" fantasiert und geschrieben: "Ich werde alle Frauen dafür bestrafen, dass sie mir Sex entzogen haben ... Ich kann nicht jede einzelne Frau auf der Welt töten, aber ... ich werde eben die Mädchen angreifen, die alles vertreten, was ich am weiblichen Geschlecht hasse."

Seitdem gilt er innerhalb der Incel-Bewegung als Held und wird unter anderem als "supreme Gentleman" gefeiert, als "höchster Ehrenmann". Diese für Incels absolut typische Terminologie taucht laut Polizei nun auch in Alek M.s Facebook-Beitrag auf. M. erwähnte Rodger namentlich. Dieser sei das beste Beispiel für einen "Gentleman".

Toronto: Augenzeuge filmt Festnahme des Tatverdächtigen

Foto: WARREN TODA / EPA-EFE / REX / Shutterstock

Zusammengefasst: Die "Incel"-Bewegung im Internet besteht aus Männern, die unfreiwillig enthaltsam leben und dafür Frauen als Schuldige ausgemacht haben. Die Frauenhasser-Szene im Netz ist in den vergangenen Jahren erstarkt und lieferte zum Beispiel auch der rechten "Alt Right"-Bewegung in den USA ideologisches Futter.

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