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Netzwelt

Studie zu Twitter

So lassen sich Online-Gerüchte stoppen

Ein toter Flüchtling in Berlin, ein gekidnapptes Flugzeug: Verbreitet sich ein Gerücht online, ist es kaum wieder einzufangen. Eine Strategie aber bremst Falschmeldungen doch noch aus, sagen Forscher.

DPA

Einer gegen viele: Mann auf der Kunstmesse Art Cologne vor "Schrei" von Herlinde Koelbl

Von
Dienstag, 05.04.2016   12:36 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Durchsuchungen in einem muslimischen Wohnviertel? Ein entführtes Flugzeug? Solche Nachrichten können sich in sozialen Netzwerken wie Twitter wie ein Lauffeuer verbreiten. Schnell muss es gehen, ob die Information überhaupt stimmt, geht dabei oft unter. So kommen auch Gerüchte, Verschwörungstheorien und Falschmeldungen in Umlauf. Ist eine unwahre Tatsache erst von genügend Nutzern gestreut, verselbstständigt sich die Geschichte oft - die Unwahrheit ist nicht mehr einzufangen in den zahllosen Winkeln des Netzes.

Wissenschaftler der University of Washington in Seattle skizzieren in einem Forschungsbericht über Twitter nun aber einfache Mechanismen, wie Online-Gerüchte wieder unschädlich gemacht werden konnten. Die simple Lösung: Wenn offizielle Accounts rechtzeitig in der Online-Gerüchteküche mitmischen und eindeutige Dementis verbreiten, kann sich die Diskussion versachlichen und die wahre Information durchsetzen.

Eine einzelne Stimme kann also durchaus Gehör finden gegenüber vielen, schreiben die Autoren. "Unsere Studie zeigt, dass Nachrichten von offiziellen Kommunikatoren das Grundrauschen der Masse übertönen können. Tatsächlich machen sich viele Nutzer dann die Informationen von offizieller Seite zu eigen."

Gerüchte halten sich online hartnäckig

Die Forscher haben das anhand von zwei Twitter-Diskussionen zu den eingangs erwähnten Beispielen nachvollzogen: In einem Fall ging es um das Gerücht, ein Flugzeug der Airline WestJet sei auf dem Weg nach Mexiko gekidnappt worden. Der zweite Fall handelte von der falschen Meldung, dass die australische Polizei im Zusammenhang mit der Geiselnahme von Sydney 2014 das hauptsächlich von Muslimen bewohnte Viertel Lakemba durchsuche.

Weitere Beispiele von Online-Gerüchten über einen toten Flüchtling in Berlin, falsche Vergewaltigungsvorwürfe gegen Flüchtlinge oder andere Märchen zum emotional aufgeladenen Flüchtlingsthema ließen sich in Deutschland aktuell zuhauf finden.

Die Forscher aus den USA analysierten im Fall der vermeintlichen Flugzeugentführung und der vermeintlichen Hausdurchsuchungen die Twitter-Diskussionen, die sich unmittelbar nach den ersten Falschmeldungen zu den Fällen entsponnen hatten. Beide Fälle wurden zunächst von Twitter-Nutzern für wahr gehalten und als Tatsachen kolportiert, zeigen die Analysen der Tweets. Dementi-Tweets von einzelnen Nutzern drangen nicht durch, legen die Daten der Forscher dagegen nahe.

Lieber Informationen aus dubioser Quelle als gar keine

Die Diskussion drehte sich erst, nachdem Accounts, die mit einer offiziellen Stelle in Verbindung gebracht werden konnten, sich einschalteten. Plötzlich schoss die Zahl der Dementi-Tweets innerhalb der Diskussion derart in die Höhe, dass innerhalb von Stunden Tweets mit falschen Bestätigungen der Ereignisse ganz erstickt worden seien, beschreiben die Wissenschaftler.

Im Fall des Flugzeugs war es die Fluggesellschaft selbst, die sich eingeschaltet hatte. In Australien dementierte die Polizei und sprach von einer Falschmeldung. Irgendwann setzte sich auf Twitter hier die Vernunft durch, kann man sagen.

"Die Menschen haben oft lieber fehlerbehaftete, unvollständige Informationen statt gar keine Informationen", schreiben die Autoren der Studie als Erklärung, wie Gerüchte überhaupt entstehen könnten. Ihre Ergebnisse zeigten, wie wichtig es sei, dass sich Unternehmen und offizielle Stellen eine Social Media-Strategie zurechtlegen würden, sollten sie einmal selbst in eine Situation kommen, in der online Gerüchte über sie verbreitet würden. Statt lange auf ein offiziell abgestimmtes Statement der Chefs zu warten, sei es wichtig, sofort in die Diskussion einzusteigen und die Lage klarzustellen, so die Wissenschaftler.


Zusammengefasst: Forscher haben auf Twitter die Dynamik von Diskussionen über Falschmeldungen und Gerüchte analysiert. Ihr Ergebnis: Einzelne Stimmen können durchaus die Masse übertönen und die Diskutanten wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen. In den untersuchten Fällen waren es offizielle Accounts von Behörden oder Firmen, die sich schnell eingeschaltet hatten und ausreichend Glaubwürdigkeit besaßen, um die Situation richtigzustellen.

Aus dem Archiv

insgesamt 45 Beiträge
schwerpunkt 05.04.2016
1.
Für Hardcore-verschwörungstheoretiker dürften aber offizielle Dementis sogar wie eine Bestätigung der Verschwörung wirken: "Ha! Wenn die das dementieren, habe sie also doch was zu verbergen."
Für Hardcore-verschwörungstheoretiker dürften aber offizielle Dementis sogar wie eine Bestätigung der Verschwörung wirken: "Ha! Wenn die das dementieren, habe sie also doch was zu verbergen."
hikage 05.04.2016
2.
Mag sein. Der Anteil der Hardcoreverschwöristen ist allerdings für eine virale Verbreitung zu gering. Bei Otto Normalfacebooker scheint die Strategie aber zu funktionieren.
Zitat von schwerpunktFür Hardcore-verschwörungstheoretiker dürften aber offizielle Dementis sogar wie eine Bestätigung der Verschwörung wirken: "Ha! Wenn die das dementieren, habe sie also doch was zu verbergen."
Mag sein. Der Anteil der Hardcoreverschwöristen ist allerdings für eine virale Verbreitung zu gering. Bei Otto Normalfacebooker scheint die Strategie aber zu funktionieren.
Dio_genes 05.04.2016
3. Twitter
Das Problem scheint mir eher zu sein, dass Medien, Politiker und Verantwortliche das getwittere zu ernst nehmen. Da gibt es doch selten mal was mit Substanz. Wenn etwas wichtig ist, dann wird das schon noch an relevanter Stelle [...]
Das Problem scheint mir eher zu sein, dass Medien, Politiker und Verantwortliche das getwittere zu ernst nehmen. Da gibt es doch selten mal was mit Substanz. Wenn etwas wichtig ist, dann wird das schon noch an relevanter Stelle aufgegriffen und verbreitet. Trotz aller Skepsis gegen etablierte Medien und offizielle Stellen (auch das muss stets kritisch betrachtet werden), sind Tweets völlig überbewertet. Mag ja sein, dass es dort Millionen "Nutzer" gibt. Aber erstens sind die Nutzerzahlen nur aufgebauscht (wer will schon ständig mit Banalitäten zugeballert werden) und zweitens liegt die Bedeutung mehr in dem Folgen seiner "Stars" (z. B. ob die gerade einen Cappucchino trinken, oder auf dem Klo waren). Ich kenne niemanden, der groß bei Twitter ist, oder der dies politisch bedeutsam findet. Merkwürdigerweise sind es hauptsächlich Medienleute, die selber 2.800 Follower haben, und bei Kollegen und (unwichtigen) Politikern Follower sind, und dieses als relevant finden. Dass es keinen toten Flüchtling in Berlin gab hat jeder gemerkt, als diejenigen, die das behauptet haben, keine Beweise liefern konnten. Spätestens als sie das selber dementiert hatten. Ob das Gerücht nun zwischenzeitlich im Umlauf war, oder einige Dummbatze dies weiterhin glauben ist doch völlig egal (die glauben eh nur was sie glauben wollen). Nehmt doch Twitter nicht so wichtig. Das wird bald so relevant sein wie Second-Live oder ein Tamagotchi.
antares56 05.04.2016
4. Frage
Was sind denn für euch "offizielle Accounts" bzw. eine "offizielle Stelle"? Seiten wie SPON? Regierungsseiten? Geheimdienstseiten?
Was sind denn für euch "offizielle Accounts" bzw. eine "offizielle Stelle"? Seiten wie SPON? Regierungsseiten? Geheimdienstseiten?
leserich 05.04.2016
5.
Medien berichten am liebsten Medien und Politiker hören und lesen am liebsten sich selbst. Zudem will man ja als modern gelten. Da liegt es in der Natur der Sache, wenn Twitter von denen besonders wichtig genommen wird.
Zitat von Dio_genesDas Problem scheint mir eher zu sein, dass Medien, Politiker und Verantwortliche das getwittere zu ernst nehmen. Da gibt es doch selten mal was mit Substanz. Wenn etwas wichtig ist, dann wird das schon noch an relevanter Stelle aufgegriffen und verbreitet. Trotz aller Skepsis gegen etablierte Medien und offizielle Stellen (auch das muss stets kritisch betrachtet werden), sind Tweets völlig überbewertet. Mag ja sein, dass es dort Millionen "Nutzer" gibt. Aber erstens sind die Nutzerzahlen nur aufgebauscht (wer will schon ständig mit Banalitäten zugeballert werden) und zweitens liegt die Bedeutung mehr in dem Folgen seiner "Stars" (z. B. ob die gerade einen Cappucchino trinken, oder auf dem Klo waren). Ich kenne niemanden, der groß bei Twitter ist, oder der dies politisch bedeutsam findet. Merkwürdigerweise sind es hauptsächlich Medienleute, die selber 2.800 Follower haben, und bei Kollegen und (unwichtigen) Politikern Follower sind, und dieses als relevant finden. Dass es keinen toten Flüchtling in Berlin gab hat jeder gemerkt, als diejenigen, die das behauptet haben, keine Beweise liefern konnten. Spätestens als sie das selber dementiert hatten. Ob das Gerücht nun zwischenzeitlich im Umlauf war, oder einige Dummbatze dies weiterhin glauben ist doch völlig egal (die glauben eh nur was sie glauben wollen). Nehmt doch Twitter nicht so wichtig. Das wird bald so relevant sein wie Second-Live oder ein Tamagotchi.
Medien berichten am liebsten Medien und Politiker hören und lesen am liebsten sich selbst. Zudem will man ja als modern gelten. Da liegt es in der Natur der Sache, wenn Twitter von denen besonders wichtig genommen wird.

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