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Wikitribune

Wikipedia-Gründer sucht Unterstützer für Nachrichtenportal

Jimmy Wales ist genervt von Fake News. Auf seiner Webseite "Wikitribune" sollen Journalisten und Leser künftig gemeinsam Nachrichten erarbeiten - wenn die Finanzierung klappt.

Startseite von "Wikitribune"

Dienstag, 25.04.2017   15:43 Uhr

Journalisten und Leser arbeiten auf Augenhöhe gemeinsam an Nachrichten - das ist die Vision, mit der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales das Nachrichtenportal "Wikitribune" startet. Der US-Unternehmer sucht nun Unterstützer für sein ambitioniertes Projekt.

"Wikitribune" soll nach dem Prinzip der Online-Enzyklopädie Wikipedia funktionieren, in der Nutzer gemeinsam Texte schreiben und überarbeiten. Den Kern soll bei der neuen Nachrichtenseite jedoch eine Redaktion aus zehn festangestellten Journalisten bilden.

Deren Texte sollen die Leser, anders als üblich, nicht nur kommentieren, sondern auch korrigieren und umschreiben können. Die so eingepflegten Änderungen würden aber erst nach einer Prüfung auf der Webseite sichtbar.

Mit diesem Schaubild soll das Funktionsprinzip von "Wikitribune" erklärt werden

Der Gedanke, eine solche Nachrichtenseite einzurichten, sei ihm im Rahmen der öffentlichen Diskussion um sogenannte "Alternative Fakten" gekommen, sagt Jimmy Wales im Interview mit dem Magazin "Wired". Den Begriff hatte Donald Trumps Sprecherin Kellyanne Conway geprägt, die eine längst als falsch bewiesene Behauptung ihres Kollegen Sean Spicer in einem Interview als "Alternative Fakten" bezeichnet hatte. "Da dachte ich, verdammt, soll das ein Witz sein, da müssen wir etwas unternehmen", erklärt Wales seine Motivation.

Investigative Gemeinschaftsarbeit

"Wikitribune" soll nicht nur die aktuelle Nachrichtenlage abbilden, sondern auch eigene Recherchen stemmen. Besonders gerne würde Wales eine auf Datenjournalismus basierende Geschichte über Korruption lesen, für die Nutzer und Journalisten gemeinsam Unterlagen durchforsten.

Zu allen in den Artikeln genannten Fakten sollen auf "Wikitribune" die entsprechenden Quellen verlinkt werden - ähnlich den Fußnoten in der Wikipedia. Statt durch Werbung soll das kostenlose Angebot durch Spenden finanziert werden. Wales hat 29 Tage veranschlagt, um das nötige Geld zusammenzubekommen. Durch die Finanzierung über Spenden hätte "niemand ein begründetes Interesse daran, etwas anderes als echte Nachrichten zu verbreiten", heißt es auf der Seite des Projekts.

Theoretisch ist es natürlich dennoch möglich, dass sich Nutzer mit politischen oder wirtschaftlichen Interessen beteiligen. Das Vorbild "Wikipedia" hat regelmäßig Probleme mit manipulativen Beiträgen, die etwa von PR-Agenturen oder Bots in das System eingeschleust werden. Auch bemängelt Wikipedia einen Autorenschwund, zumindest in Deutschland.

Bauchgefühl

Das Motto von "Wikitribune" lautet "evidenzbasierter Journalismus" - also Journalismus, der auf Belegen beruht. Jimmy Wales nennt das eine "radikale Idee". Für alle, die sich etwa dem Pressekodex verpflichten, gilt das aber ohnehin als selbstverständlich.

Die Gründung von "Wikitribune" beruht übrigens weniger auf Evidenz als auf einer Ahnung. Im "Wired"-Interview erzählt Jimmy Wales, er habe nicht erst recherchiert, wie groß das Interesse des Publikums an einem Angebot wie "Wikitribune" sein könnte. Stattdessen sei er schlicht "einem Bauchgefühl" gefolgt.

mei

insgesamt 3 Beiträge
sven2016 25.04.2017
1.
Gute Idee. Hoffentlich wird das nicht auch so aggressiv-bürokratisch wie bei Wikipedia. Es kann nicht verwundern, dass sich dort Autoren nach einigen wenigen Erfahrungen mit den Wikipedia-Gurus lieber wieder zurückziehen als [...]
Gute Idee. Hoffentlich wird das nicht auch so aggressiv-bürokratisch wie bei Wikipedia. Es kann nicht verwundern, dass sich dort Autoren nach einigen wenigen Erfahrungen mit den Wikipedia-Gurus lieber wieder zurückziehen als sich permanent dissen zu lassen. Die Idee war gut, ist aber in den Ländern in die Hände der üblichen Net-Freaks gefallen, für die Teamwork ein "f-Wort" ist
Anay2 26.04.2017
2. Larry Sanger
Larry Sanger hatte den Grundstein für die Wikipedia gelegt, deren "Chef" nun Jimmy Wales ist. Vor einigen Jahren hat Sanger Infobitt ins Leben gerufen, Crowdsourcing im Bereich News, mittlerweile offline, und nun hat [...]
Larry Sanger hatte den Grundstein für die Wikipedia gelegt, deren "Chef" nun Jimmy Wales ist. Vor einigen Jahren hat Sanger Infobitt ins Leben gerufen, Crowdsourcing im Bereich News, mittlerweile offline, und nun hat Wales plötzlich ein ganz ähnliches Projekt? Weil ihm Fake-News auf den Keks geht? Oder doch weil Sanger einfach die guten Ideen hat? Ich tippe mal, dass der Aspekt Fake-News nur ein "angle" ist, um das Projekt zu bewerben.
frenchie3 27.04.2017
3. @2 Ist doch so was von Wurscht
wer die Idee hatte, oder? Das Original ist weg vom Fenster, wenn das jemand aufgrund des Auslösers "alternative Fakten" wieder aufleben läßt finde ich es Klasse. Oder soll man das jetzt lassen nur weil es nicht vom [...]
wer die Idee hatte, oder? Das Original ist weg vom Fenster, wenn das jemand aufgrund des Auslösers "alternative Fakten" wieder aufleben läßt finde ich es Klasse. Oder soll man das jetzt lassen nur weil es nicht vom Erfinder kommt ???

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